Verhinderte Scheinehen ins Exil

Mehr Frauen als vermutet konnten sich durch eine Scheinehe mit einem Ausländer ins Exil retten. 13 Wienerinnen werden in einer aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Wien portraitiert. Doch manchmal wurde nur geplant, aber nie geheiratet. Ein Beitrag über Hindernisse.

Für die Flucht aus dem „Dritten Reich“ gingen Verfolgte oft mehreren Emigrationsoptionen gleichzeitig nach. In ihren späteren Erzählungen findet sich jedoch meist nur der erfolgreiche Pfad ins Exil und nur selten die nicht erfolgreichen Versuche des Entkommens. Gerade die heimliche Einreisen durch bezahlte Fluchthilfe, mit gefälschten oder gekauften Dokumenten oder Visa wurden lieber verschwiegen. Ähnlich verhält es sich auch mit (geplanten) Scheinehen. Frauen konnten eine Scheinehe mit einem Ausländer eingehen, erhielten durch die Ehe seine ausländische Staatsbürgerschaft und konnten so aus dem Deutschen Reich fliehen. Doch auch im Exilland war ihr Leben oft nicht sicher: Verfolgte Frauen heirateten aus Angst vor der Abschiebung ins Deutsche Reich, um ihren prekären Aufenthalt abzusichern und um legal arbeiten zu können. Die Ehemänner handelten aus Solidarität, Mitleid, familiärer Verbundenheit oder heirateten wegen der Bezahlung.

Zwischen Dankbarkeit und Denunziation

In meinem Forschungsprojekt zu Scheinehen in der NS-Zeit konnte ich die Lebensgeschichten von über 100 Frauen ausfindig machen, die sich so zu retten versuchten – zumeist erfolgreich.[1] Es könnte nun aus den zahlreichen autobiographischen Hinterlassenschaften von Frauen berichtet werden, die eine Scheinehe mit einem politischen Genossen, einem homosexuellen Freund oder einem Cousin arrangierten und die positiv und mit Dankbarkeit von diesem politischen Akt erzählen. Oder auch von jenen, welche in bewegenden Worten von den negativen Aspekten berichten: Angst vor Denunziation, erzwungenes Zusammenleben, sexuelle Gewalt, polizeiliche Kontrollen, und nicht allen Frauen sicherte ihre Scheinehe das Leben.

Wenn Scheinehe keine Option war

Der Katalog und Kurztext zur Ausstellung „Verfolgt. Verlobt. Verheiratet. Scheinehen im Exil“ schließt mit der Aussage, dass es neben strategisch geeigneten Männern auch „mutige und willensstarke Frauen mit internationalen Netzwerken“ brauchte. Doch war es im Umkehrschluss der fehlende Mut oder Wille der eine Scheinehe verhinderte? Was ist mit jenen Frauen, die zwar über diese Option Bescheid wussten, aber zu sehr in tradierten Rollen gefangen waren, um sich für eine Scheinehe zu entscheiden? Oder jenen, die sich zwar dafür entschieden hätten, aber von der Familie oder den Behörden an der Durchführung ihres Plans gehindert wurden? Genau solche Fälle sollen im Folgenden exemplarisch vorgestellt werden. Denn auch die nicht umgesetzten, die verhinderten oder erfolglosen Fluchtpläne fordern ihre Aufmerksamkeit, um das Phänomen in all seinen Aspekten darstellen zu können. Anhand von Ausschnitten aus vier Autobiographien werden die beschnittenen Handlungsmöglichkeiten der Frauen aus ihrer Perspektive beschrieben.

Entscheidung des Familienoberhaupts

Die Herkunftsfamilie hatte über junge Frauen in den 1930er Jahren oftmals große Entscheidungsmacht, es war schwierig, sich dagegen aufzulehnen. Viele wurden von familiärer Seite aus in ihrem Entschluss zur Flucht „eher gebremst als ermuntert“[2] bzw. zur Verantwortung gegenüber der Familie gemahnt.

So auch die Erfahrung von Selma Kahane, die 1916 in die orthodoxe Familie Oppenheim in Wien geboren wurde. Sie hoffte in ihrer zionistischen Jugendgruppe auf baldige Auswanderung nach Palästina. Die britische Mandatsmacht vergab die raren Visa nach bestimmten Kriterien, manche Visa galten zusätzlich auch für allfällige EhepartnerInnen. In Kahanes Memoiren sind Scheinehen als häufige Strategie beschrieben, damit ein solches Visum für zwei Personen genutzt werden konnte.[3]

Porträtfoto von Selma Kahane, untertitelt mit "Smiling Photograph of Myself"

Stella Kahane, “Smiling Photograph of Myself”, o.A. Quelle: Kahane, Selma’s saga, S. 87.

Ihr damaliger Freund habe einen sicheren Platz gehabt und sie wollten daher formal heiraten, um gemeinsam nach Palästina ausreisen zu können. Ihren Memoiren zufolge wurde diese Entscheidung von ihrem Vater unterbunden mit dem Argument, dass die heilige Institution der Ehe nicht missbraucht werden dürfe. Sie habe vorgebracht, dass die Beziehung auch gut gehen könne und vorrangig zu bedenken sei, dass der Antisemitismus und Hitlers Popularität auch in Österreich zunehmen und sie daher dringend ausreisen wolle, doch ihre Gegenargumente seien ignoriert worden. In ihrer Wahrnehmung stellte es sich so dar: „There was nothing I could do“.[4]

Sie wollte mit 19 Jahren nicht mit ihrer Familie brechen, sodass sie sich widerstrebend den Vorgaben ihrer Familie beugte, die festlegten, dass sie bis zur Volljährigkeit mit 21 Jahren zuhause zu leben habe. Im Jahr darauf konnte sie im November 1938 mit einem Dienstmädchenvisum nach England ausreisen und gelangte 1940 ins Exil nach Australien. Sie fand also letztlich eine andere Ausreisemöglichkeit.

Anbahnungsversuche und Auswege

Ein weiteres Beispiel für eine familiäre Intervention wurde mir in einem Gespräch im Maimonides Zentrum, dem Wiener jüdischen Altersheim, zugetragen. Eine Bewohnerin, die anonym bleiben möchte, konnte nach Shanghai fliehen und hat von dem dortigen Exil in einem Interview als Zeitzeugin erzählt. Sie fand es jedoch nicht erwähnenswert, auch von dem vorangegangenen Versuch der Anbahnung einer Scheinehe zu erzählen. In einem Gespräch mit mir berichtete sie jedoch über das Procedere des Kennenlernens und die möglichen bzw. bekannten Risiken:

Also dass ich einen Mann nur so heirate, um aus Österreich raus zu kommen. Ich war ja erst 17 und meine Mutter hat zweimal so Kandidaten zu uns nachhause eingeladen. Einer war mir recht sympathisch, der aus Bulgarien, und er hat auch versprochen, dass er mich nicht anrühren würde, weil das war sonst eigentlich üblich, bei so jungen Mädchen. Also ich hätt ihn schon geheiratet und er war auch der billigere (lacht).[5]

Ganz explizit spricht die Interviewte das Risiko bzw. die Normalität des Ausnutzens einer Zwangssituation an, in die sich junge Frauen begaben, wenn sie eine Scheinehe mit einem Ausländer eingingen.

Doch die Entscheidung über die Scheinehe traf jemand anders: „Meine Mutter, sie war ja allein, hat nicht gewusst, wie sie entscheiden soll und hat dann bei älteren Verwandten und meinen Onkel um Rat gefragt und die haben gesagt: Nein, besser soll ich es anders versuchen. […] Ich denk manchmal: Wie wäre mein Leben anders, wenn ich damals doch geheiratet hätte?“[6] Es ist nicht abzuschätzen, wie sich ihr weiteres Leben mit dieser Scheinehe entwickelt hätte, doch Bulgarien wäre kein günstiges Exilland gewesen, denn ab 1941 begann gesetzlich die antijüdische Hetze auch dort und ab 1943 wurden vor allem nicht-bulgarische Jüdinnen und Juden zur Deportation ausgeliefert.

So unterschiedlich die Beispiele auch sind, zeigen sie beide die große Rolle eines männlichen Familienoberhaupts, das Entscheidungen für die Frauen trifft, gegen ihren Willen. Doch beide nehmen diese Entscheidung nach kurzem Aufbegehren zur Kenntnis.

Interessanterweise fragten sich beide Frauen fast im gleichen Wortlaut, wie ihr Leben weitergegangen wäre, hätten sie ihre Pläne durchsetzen können. Selma Kahane schrieb: „I was prevented from going in the direction I wished to take. I can´t help wondering sometimes how different everything would have turned out, had I been allowed to have my way“.[7] Es handelt sich um jene Lebensentscheidungen, die von der Familie für die Frauen – über ihren Kopf hinweg – getroffen wurden.

Staatliche Verhinderung

Nicht nur die Familie, auch staatliche Behörden konnten der Scheinehe im Weg stehen. Standesämter und Fremdenbehörden hatten rechtlich den Auftrag, solche Ehen zu melden bzw. zu kontrollieren und letztlich zu verhindern. Dies war im Deutschen Reich und in den Exilländern ähnlich.

Porträt von Marie Jalowicz

Marie Jalowicz um 1944. Quelle: © Hermann Simon.

Im Fall von Marie Jalowicz scheiterte die Eheschließung an der Verzögerungstaktik des Standesamts. Sie war mit verschiedenen Identitäten in Berlin aufhältig und plante, sich durch eine Scheinehe zu legalisieren und auszuwandern. Sie wandte sich an einen Chinesen in der Nachbarschaft, Schu Ka Ling, der zustimmte, sie auch ohne Bezahlung zu heiraten. Um die Formalitäten am Standesamt zu beschleunigen, legte sie sogar eine gefälschte Bestätigung einer Schwangerschaft vor. „Es nützte aber alles nichts. Ich bekam die Heiratsgenehmigung der Behörde trotzdem nicht.“[8] Über diesen Versuch, eine Scheinehe einzugehen, erzählte sie in einem der Interviews, die sie ihrem Sohn gegeben hatte und auf denen das Buch „Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945“ basiert.

„Frl. Dr. med., deutsche Jüdin, wollte einen 16 Jahre jüngeren Maurer heiraten“

Das letzte Fallbeispiel steht stellvertretend für jene, bei denen die Fremdenpolizei die Scheinehe verhinderte. Zusätzlich wurden die Scheinehe dieser Protagonistin und weitere geplante Ehen medial zur Hetze gegen deutsche Jüdinnen eingesetzt, hier noch verstärkt dadurch, dass es sich um Akademikerinnen handelte, die einen jüngeren Arbeiter ehelichen wollten.

Die 1889 in Kiel geborene Käte Frankenthal promovierte 1914 als eine der ersten Frauen in Medizin, als Ärztin wurde sie in der sozialistischen Kommunalpolitik aktiv. 1933 wurde sie als „nichtarisch“ entlassen. Sie floh nach Prag und später in die Schweiz. In Zürich plante sie, damals 46 Jahren alt, eine Scheinehe.

In den Akten der Schweizer Fremdenbehörden findet sich ihr Name in einer exemplarischen Liste jener Fälle, in denen die Fremdenpolizei eine Scheinehe mittels Wegweisung verhinderte. Darin werden die geschlechtsspezifischen Alters- und Klassenunterschiede hervorgehoben – als Beweis für eine geplante Scheinehe. In Käte Frankenthals Autobiographie findet sich nichts über diesen Versuch, Schweizerin zu werden.[9] Ihre nächste Station war Paris, von wo aus sie 1936 nach New York City fliehen konnte.

Ausschnitt aus einer Liste verdächtiger „Fälle“, Schreiben der Eidgenössischen Fremdenpolizei Bern an das Eidgenössische Politische Departement, Abteilung für Auswertiges, 16.02.1935

Ausschnitt aus einer Liste verdächtiger „Fälle“, Schreiben der Eidgenössischen Fremdenpolizei Bern an das Eidgenössische Politische Departement, Abteilung für Auswertiges, 16.02.1935
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E4300B#1000/846#328* Scheinehen, 1933-1952.

Artikel mit dem Titel „Einbürgerungs-Mißbräuche“, Zürcher Volkszeitung, 16.11.1934

Artikel mit dem Titel „Einbürgerungs-Mißbräuche“, Zürcher Volkszeitung, 16.11.1934
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E4300B#1000/846#328*, Scheinehen, 1933-1952.

Conclusio

Oft war die Scheinehe nur eine von mehreren Fluchtmöglichkeiten, abhängig von der sozialen Stellung und Netzwerken. Die Frauen suchten unter Zeitdruck die für sie beste Möglichkeit, vor dem Hintergrund limitierter Handlungsmöglichkeiten. Da die Zukunft nicht absehbar war, konnte immer nur für den Moment entschieden werden, und Chancen konnten verworfen oder ergriffen werden, die nicht wiederkommen würden. Ein Leben im Konjunktiv: Was wäre, wenn diese Entscheidung anders getroffen worden wäre?

Einige anvisierte Scheinehen konnten nicht stattfinden, doch sind solche Entwicklungen nicht als individuelles Versagen zu interpretieren, sondern als strukturelle Verhinderung, sei es familiär oder institutionell. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl missglückter Versuche weit höher ist.

Irene Messinger

Am 19. Juni gibt es eine fernetzt-Ausstellungsführung mit Irene Messinger. © wulz.cc

Es sind jedoch auch viele derartiger Ehen geglückt: In der Ausstellung „Verfolgt. Verlobt. Verheiratet. Scheinehen ins Exil“ wird das Phänomen anhand von 13 Biographien verfolgter Wienerinnen vorgestellt, zu sehen ab 16. Mai bis 7. Oktober 2018, Museum am Judenplatz.


Für alle fernetzten gibt es eine Führung durch die Ausstellung am Dienstag, 19. Juni 2018, Treffpunkt um 16:15 Uhr. Wer mitkommen möchte, meldet sich bitte bis 10. Juni 2018 unter info.fernetzt@univie.ac.at.

 

 

 

Anmerkungen:

[1] Messinger, Irene (2017): 100 Scheinehen ins Exil. Ein kollektivbiographischer Beitrag zur Agency verfolgter Frauen in der NS-Zeit. In: Zeitgeschichte 2/2017, 44. Jg., S.98-113.

[2] Häntzschel, Hiltrud: Geschlechtsspezifische Aspekte. In: Handbuch der deutschsprachigen Emigration. Hrsg. von Claus-Dieter Krohn / Patrik von zur Mühlen / Gerhard Paul / Lutz Winkler, Darmstadt 1998, Sp. 101-117, hier S. 103.

[3] Kahane, Selma (1982): Selma’s saga, Leo Baeck Institut ME 1313, Record number: 1081800, S. 54.

[4] Ebd, S. 58.

[5] Interview Irene Messinger mit anonym, Café des Maimonides Zentrum in Wien, 27.04.2015.

[6] Ebd.

[7] Kahane, Selma’s saga, S. 58.

[8] Jalowicz-Simon, Marie (2014): Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 103.

[9] Frankenthal, Käte (1981): Der dreifache Fluch, Jüdin, Intellektuelle, Sozialistin. Lebenserinnerungen einer Ärztin in Deutschland und im Exil. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Link zu den Bildquellen aus dem Schweizerischen Bundesarchiv: E4300B#1000/846#328*, Scheinehen, 1933-1952.

Von |2018-10-04T07:07:40+00:0015. Mai 2018|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Irene Messinger, diplomierte Sozialarbeiterin, Bildungs- und Politikwissenschaftlerin. Mehrfach ausgezeichnete Dissertation, die 2012 unter dem Titel „Schein oder Nicht Schein. Konstruktion und Kriminalisierung von ‚Scheinehen‘ in Geschichte und Gegenwart“ erschien. Aktuell: Forschungsprojekt „Scheinehen in der NS-Zeit“ (Edith-Saurer Preis) und 2018 Ausstellung im Jüdischen Museum. Vorträge und Lehrveranstaltungen zu Asyl- und Migrationspolitik sowie -forschung, Forschung und Lehre an der FH Campus Wien (Soziale Arbeit) und an der Universität Wien.