Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Zwischen Verstand und Gefühl

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Gemälde „Clarissa“ von Francis Hayman aus dem Jahr 1753. Wikipedia, „Robert Lovelace Preparing to Abduct Clarissa Harlowe“, Shakko

Welche Entwürfe von Weiblichkeit liefern fiktionale und nichtfiktionale Texte im 18. und 19. Jahrhundert? Ist der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl ein weibliches Dilemma? Um dieser Frage nachzugehen, lohnt sich ein Blick auf den Begriff des Geschlechtscharakters über das 18. Jahrhundert hinaus.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Frage, inwiefern der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl ein zentrales Thema des ‚gynozentrischen‘ Romans im 18. und 19. Jahrhundert darstellt. Aufschluss darüber soll eine Betrachtung der Geschlechterbilder in verschiedenen Medien geben. Als gynozentrisch sind solche Texte zu kennzeichnen, die eine weibliche Hauptfigur fokussieren und oftmals eine Geschichte der Prüfung und Bewährung erzählen. Mithilfe dieses Begriffs erfolgt zugleich eine Differenzierung hinsichtlich weiblichen Schreibens zwischen Inhaltsebene und Autor/-innenschaft.[1] Im Zuge der Untersuchung werden prominente Texte der deutschen, englischen und französischen Literatur herangezogen. Zudem werden im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Vergleichs die normativen Setzungen von Weiblichkeit in Erziehungsratgebern und -handbüchern betrachtet. Meine These ist es, dass die Kollision von Verstand und Gefühl insofern ein spezifisch weibliches Dilemma darstellt, als das Konzept des weiblichen Geschlechtscharakters (Karin Hausen) Frauen einerseits außerordentliche emotionale Kapazitäten zuschreibt, jedoch andererseits das Ausagieren dieser Emotionalität sanktioniert.

Normative Konzepte von Weiblichkeit in erzieherischen Texten

Verschiedene Schriften des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts zur Mädchenpädagogik entwerfen folgendes Rollenmodell: Idealtypische Weiblichkeit siedelt sich grundsätzlich zwischen den Extremen Verstand und Gefühl an. Beides lässt sich nur in gemäßigter Form in den Kanon idealtypischen weiblichen Verhaltens integrieren. Weiblichkeit wird lediglich dann mit Emotionalität assoziiert, wenn sich diese in Abgrenzung zu einer abzulehnenden Passion als sittliches Empfinden und mitfühlende Kompetenz kennzeichnen lässt. Mit dem Gegenpol verhält es sich ebenso: So lange vom Verstand als einer zweckmäßigen Besonnenheit die Rede ist, nicht aber von wissenschaftlicher „Gelehrsamkeit“[2], gilt diese Disposition als lobenswert. Moderation, die bedingungslose Anerkennung eines ‚rechten Maßes‘, ist die grundsätzliche Maxime mädchenpädagogischer Ratgeber und Handbücher. Mittels einer Rhetorik des ‚Liebesdienstes‘[3] werden ausschließlich solche Charaktereigenschaften propagiert, die wesentlich zur Aufrechterhaltung der tradierten Geschlechterordnung beitragen. Weder Verstand noch Gefühl stellen – zumindest in radikaler Ausprägung – vertretbare Konzepte bereit, nach denen eine dem Idealbild entsprechende Frau handeln könnte.

Verstand und Gefühl in Romantexten des 18. Jahrhunderts

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Titelblatt der Erstausgabe des ersten Teils von Sophie von La Roches „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771). Wikipedia, Weidmanns Erben und Reich – Projekt Gutenberg, modifiziert durch Cirdan

Die Lektüre von Samuel Richardsons Clarissa, or the History of a Young Lady (1747/48), Jean-Jacques Rousseaus Julie ou La Nouvelle Héloïse (1761) und Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) zeigt, dass die Abweichung weiblichen Verhaltens vom ‚rechten Maß‘ im gynozentrischen Roman leicht in einen Konflikt zwischen Verstand und Gefühl mündet. Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass diese Briefromane der Empfindsamkeit die Opposition von Verstand und Gefühl zwar durchaus thematisieren, ihre Heldinnen diesen Widerspruch aber nicht zur Gänze ausagieren lassen. Für Clarissa und das Fräulein von Sternheim stellt sich gar nicht erst eine Konfliktsituation. Beide Protagonistinnen setzen in ihrem Verhaltensideal die Vereinigung von Verstand und Gefühl um, wobei Clarissa am Widerstand ihrer einseitig vernunftbetonten Umwelt scheitert. Einzig Rousseau unternimmt den Versuch, die konfligierenden Handlungsimpulse der beiden Prinzipien anhand einer einzelnen Heldin darzustellen. Allerdings muss Julie für den Versuch einer Integration der Pole mit dem Tod bezahlen. Schlussendlich bewerten alle drei Heldinnen normative Setzungen von Weiblichkeit als maßgeblich für ihr Handeln, wohingegen individuell-affektive Bedürfnisse in den Hintergrund treten. Sie streben somit eine Ganzheitlichkeit an, die durchaus mit dem von erzieherischen Schriften propagierten Ideal übereinstimmt.

Verstand und Gefühl in Romantexten des 19. Jahrhunderts

Mit Jane Austens Sense and Sensibility (1811), Emily Brontës Wuthering Heights (1847), George Sands Indiana (1832) und Theodor Fontanes Effi Briest (1894/95) wandelt sich das (Rollen-)Verhalten weiblicher Protagonistinnen. Nach 1800 erproben zunehmend perfektible Romanheldinnen verstärkt die Kehrseiten des Geschlechtscharakterdiktats. Auch zeigen Nebenfiguren als Reflexionsdoubles der Heldinnen negative Handlungshypothesen zur weiblichen Normbiografie auf. Gleichwohl lässt sich auch im Hinblick auf den gynozentrischen Roman des 19. Jahrhunderts festhalten, dass für Frauen emotionale Ganzheitlichkeit im Rahmen einer Debatte um verbindliche Geschlechtscharaktere ausgeschlossen ist. Im 19. Jahrhundert wird zwar zunehmend die Widersprüchlichkeit idealtypischer Weiblichkeit thematisiert, es fehlen jedoch Lösungen. Zumindest innerhalb gesellschaftlicher Strukturen kann das weibliche Dilemma eines Konflikts zwischen Verstand und Gefühl nicht aufgehoben werden. Die Unlösbarkeit des Dilemmas muss letztlich als Kritik der Autor/-innen an den diskursiv erzeugten Normen verstanden werden: Werte, die Frauen kategorisch in unausweichliche Zwangslagen versetzen, bedürfen der Restrukturierung und Neuformulierung.

Der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl – ein weibliches Dilemma

Tatsächlich lässt sich der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl im gynozentrischen Roman des 18. und 19. Jahrhunderts als weibliches Dilemma bezeichnen. Die Unausweichlichkeit dieses Konflikts lässt sich anhand der unterschiedlichen strukturellen Bedingungen und Absichten der betrachteten Medien erklären: Während die Ratgeberliteratur das Idealbild einer Frau entwirft, ist es das Ziel der schönen Literatur, lebensechte, psychologisch glaubwürdige Frauenfiguren zu schaffen. Man könnte auch sagen, die lebensnahe Ausdrucksform bezweckt mit der Forderung nach Perfektion etwas, das nur Fiktion sein kann, wohingegen die Fiktion das Leben imitiert. Dabei führen sowohl nichtfiktionale als auch fiktionale Texte Frauen in eine Sackgasse der Verhaltensnormen.

Die Frage nach dem Begriff des Geschlechtscharakters im 19. Jahrhundert hat sich durchaus als fruchtbar erwiesen: Das Konzept des Geschlechtscharakters wird auch noch im 19. Jahrhundert diskutiert. Aber während normativen Setzungen von Weiblichkeit im 18. Jahrhundert noch uneingeschränkte Gültigkeit zukommt – darin stimmen nichtfiktionale und fiktionale Quellen überein – lösen sich fiktionale Entwürfe von Weiblichkeit nach 1800 von den bisher wirksamen Idealen, wohingegen die Ratgeberliteratur insbesondere mittels der Rhetorik des Liebesdienstes noch immer auf den alten Postulaten beharrt. Dieses Auseinanderdriften der Textformen im 19. Jahrhundert destabilisiert den Diskurs und deutet seinen Zerfall an.

Dana Kestner

Literaturtipp: Dana Kestner, Zwischen Verstand und Gefühl. Romanheldinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, Berlin u. a., De Gruyter, 2013.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Silvia Mergenthal, Erziehung zur Tugend. Frauenrolle und der englische Roman um 1800, Tübingen, Niemeyer 1977.

[2] Diese Form einer als unweiblich geltenden Gelehrsamkeit findet z. B. Kritik bei Campe, der behauptet, „daß weibliche Gelehrsamkeit und Kränklichkeit in der Regel wenigstens unzertrennliche Gefährten sind.“ Joachim Heinrich Campe, Väterlicher Rath für meine Tochter. Ein Gegenstück zum Theophron, hrsg. von Ruth Bleckwenn, Paderborn, Hüttemann 1988 (= Quellen und Schriften zur Geschichte der Frauenbildung, Bd. 3; Nachdruck der Ausg. Braunschweig 1796), S. 54f. Auch Jakob Glatz spricht sich später gegen jene „übergelehrten Weiber, die die Grenze der Weiblichkeit überschreiten“ aus. Vgl. Jakob Glatz, Rosaliens Vermächtniß an ihre Tochter Amanda, oder Worte einer guten Mutter an den Geist und das Herz ihrer Tochter, in: Ders.: Rosalie. Ein Bildungsbuch für Deutschlands Töchter, Bd. 1, 6. verb. Aufl, Leipzig, Frizsche 1852, S. 72.

[3] Wie Barbara Duden dargelegt hat, wurden haushälterische Tätigkeiten in ‚Liebesdienste‘ um- bzw. aufgewertet und die Arbeit der Frau somit idyllisch verklärt. Vgl. Barbara Duden, „Das schöne Eigentum. Zur Herausbildung des bürgerlichen Frauenbildes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert“, in: Kursbuch 47 (März 1977), S. 125–142.

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