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Sybille Krämer, Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität.

Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008. ISBN 978-3-518-58492-7. 379 Seiten. Preis: € 28,-.

Rezensiert von: Florian Sprenger

Die Frage nach dem Gefüge von Bedingungen, aus denen Medien entstehen und die sie selbst wiederum bilden, zwischen denen sie operieren, Handlungsmacht bereitstellen oder Wahrnehmbares produzieren, steht als zentrales Massiv vor jeder Medientheorie. In ihrem neuen Buch Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität widmet sich Sybille Krämer, Professorin für Philosophie an der FU Berlin, implizit immer wieder dieser Diskussion um Medienautonomie versus Medienheteronomie: Stellen Medien das, was sie übertragen unter ihre eigenen Bedingungen und präformieren alle Inhalte im Sinne eines Aprioris, oder sind sie – gleich einem Container – von einem Außen bestimmt, dass ihnen auferlegt, was sie transportieren und wie sie es ankommen lassen?

 

Ein Apriori setzt, so Krämer, Medien als Bedingung der Möglichkeit von Kultur, lässt die Medien selbst aber unbedingt. Die Containerhypothese ist hingegen offensichtlich unzureichend. Ihr Ausweg aus diesem (oft genug beschriebenen) Patt ist die Figur des Boten als Überträger, der als zentrales Element einer hintergehbaren Medienkausalität zur "Reformulierung traditioneller philosophischer Fragen" (S. 9) herangezogen wird. Der Bote (bzw. die Botenhaftigkeit von – manchen? – Medien) bringt eine Nachricht von einem entfernten Ort, die er, möglichst ohne Verzerrungen und störungsfrei, mitteilt. Er soll sich dabei selbst zurücknehmen, gleichsam die eigene Stimme bei der Weitergabe der Botschaft vergessen machen. Er darf nicht über die Übertragung hinaus denken und muss seine Autonomie unterordnen. Den Boten in immer neuen Facetten und Bezügen als Modell für Medien zu denken, bedeutet für Krämer somit, dass die Übertragung ins Zentrum rückt (ohne dass diese in der Trias Übertragen – Speichern – Verarbeiten beschrieben wird). Übertragung setzt voraus, dass es mindestens zwei Elemente gibt, die voneinander getrennt sein müssen, damit etwas übertragen werden kann. Durch die Überwindung dieser konstitutiven Trennung wird ein kulturstiftendes Potential freigesetzt, indem etwa der Diplomat zwischen verfeindeten Ländern vermittelt oder das Radio eine Gemeinschaft (mit-)konstituiert. Der Bote überwindet also eine Differenz oder Distanz, die jeder Medialität zugrunde liegt, ohne diese zu tilgen.

 

Was sich zunächst wie eine Abstraktion liest, entpuppt sich als exakte Konstellierung des Feldes der Medientheorie (wobei die Innovation des Ansatzes noch zu diskutieren sein wird): Wenn Medien als Boten fremdbestimmt sind, verlieren sie ihre Autonomie und damit die Souveränität ihrer Agency, ihrer Handelsmacht. Die Eigenmacht des Boten muss aber dennoch beachtet werden, denn dass Medien ihre Inhalte beeinflussen, ist kaum zu übersehen, und auch der Bote spricht mit eigener Stimme. Er lässt sich jedoch nicht mehr im Sinne eines Apriori bestimmen. In dieser zweiteiligen Bewegung – weg von der Eigenmacht hin zur Eigenmacht – liegt die Spannung des Buches, die auch auf anderen Ebenen wichtig wird. Denn Medien haben die Eigenschaft, sich in der Prozessualität ihres Vollzugs selbst unsichtbar zu machen. Der Film soll nicht als Filmstreifen und die Farbe im Gemälde nicht als Fläche, sondern nur als dargestellter Gegenstand erkennbar sein. Zwar soll der Bote transparent werden gegenüber dem, was er überträgt. Was aber dennoch bleibt, ist eine Spur, die er hinterlässt und die etwas Entzogenes wahrnehmbar macht. Diese Opazität stellt Krämer der Transparenz des Boten an die Seite.


Wenn Medien also die Funktion haben können, Abwesendes als Anwesendes erscheinen zu lassen, dann unterliegt diese Bewegung einerseits medienhistorisch zu beschreibenden Wandlungen, andererseits bedarf sie systematischer Untersuchungen. Krämers Modell soll der philosophischen Bedeutung der abwesenden Anwesenheit gerecht werden, die Medien präsentieren, indem sie sich, wie es Krämer nennt, aisthetisch selbst neutralisieren (vgl. S. 28). Sie machen etwas erscheinen, das als Erschienenes den Charakter der Unmittelbarkeit habe, aber dennoch vermittelt sei. Ihre Idee: "[…]das 'Verschwinden des Mediums hinter seinem Gehalt' zu rekonstruieren und zugleich die Nichtsouveränität, die konstitutive Außenbedingtheit des Mediums zutage treten zu lassen." (S. 38)

 

In der Medientheorie lassen sich traditionell zwei konträre Ausrichtungen ausmachen: Für technikorientierte Medientheorien sind Medien das Dazwischen, das über die (räumliche, zeitliche, soziale, technische usw.) Ferne Verbindung schafft, aber nicht vernichtet. Sie sind die Bedingung dafür, dass überhaupt übertragen werden kann. Für ein an personaler Kommunikation orientiertes Modell hingegen sind Medien ein Hindernis, allenfalls ein Container für die ausgetauschten Bedeutungen.

 

Um diese Positionen aufzulockern, führt Krämer im ersten von zwei Beispielteilen des Buches – ohne ihre eigene Autonomie zu verlieren, also gerade nicht als Botin – fünf Zeugen an, die sich mit ähnlichen Problemen beschäftigt haben: Walter Benjamin, für den in seiner frühen Sprachphilosophie die Mit-teil-barkeit und Übersetzbarkeit von Sprache deren Unmittelbarkeit ohne jede Instrumentalität gewährleistet; Jean Luc Nancy, für den Gemeinschaftlichkeit auf einer grundlegenden Spaltung aufbaut, also immer schon von Vermittlung ohne Mittler durchzogen sein muss; Michel Serres, der den Parasiten und die Störung als konstitutives Moment jeder Kommunikation heraushebt; Régis Debray, dessen Mediologie Kultur von ihren Übertragungswegen her beschreibt; und John Durham Peters, für den Kommunikation die Überwindung einer vorgängigen Trennung bedeutet. Diese Zeugen stehen für einen Bezug auf ein Sender-Empfänger-Modell, der nicht zu einem Verlust von Komplexität führt. Allesamt machen sie deutlich, dass Kommunikation auf einer grundlegenden Gebrochenheit, auf einer Differenz aufbaut. Diese Differenz zu denken hieße aber auch, und hierin müsste man über Krämers Arbeit hinausgehen, Verfahren und Praktiken (historisch) zu beschreiben, mit denen sie getilgt wird, denn das Ziel von Kommunikation bleibt (schon etymologisch) Einheit, auch wenn sie die Vielheit in ihrer Gebrochenheit verstärkt.

 

Krämer unterscheidet methodisch zwischen Zeichen und Medium, um zwischen den Ebenen der sichtbaren Botschaft und des unsichtbaren Mediums wechseln zu können: "Die Verfahrenslogik des Zeichens erfüllt die metaphysische Erwartung, über das Sinnliche hinaus und jenseits von ihm den Sinn aufzusuchen. Doch die Gebrauchslogik von Medien kehrt diese metaphysische Erwartung um: Denn jetzt gilt es, über den Sinn hinauszugelangen und jenseits seiner auf die verborgene Sinnlichkeit, Materialität und Körperlichkeit der Medien zu stoßen." (S. 35) Problematisch daran ist, dass diese Trennung zu verhindern scheint, das Fälschungspotential des Boten theoretisch einzuholen: Kein Bote, ob Mensch oder Maschine, kann garantieren, dass er nur Bote ist und nicht selbst spricht. Die Trennung der Übertragung vom Zeichen mag theoriepolitisch noch so naheliegend sein, praktisch erscheint sie kaum umsetzbar und nimmt all das, was in den letzten Jahrzehnten unter Schlagworten wie Materialität der Kommunikation oder Experimentalsystemen erarbeitet und zur Überwindung einseitiger Ansätze fruchtbar gemacht wurde, nur unscharf zur Kenntnis. Selbst Krämers eigene Arbeiten zur Kulturtechnik finden hier kaum den Platz, den sie verdienen. Nicht zuletzt bleibt zu konstatieren, dass es vor jeder Botschaft eine Vereinbarung über das geben muss, was gesendet oder empfangen werden kann, über den Code, denn sonst kann kein Abgrund je überwunden werden, keine Kontingenz bearbeitet und keine Kommunikation stattfinden.

 

Die Struktur von paralleler Überwindung und Aufrechterhaltung des Abstands wird anhand von sechs einzeln kommentierten Beispielen im umfangreichsten Teil des Buches ausgelotet. Zwar merkt man dabei manchmal das Bemühen, Redundanzen zu vermeiden; die Diskussion von Engeln, Viren, Geld, Übersetzungen, Übertragungen in der Psychoanalyse, Zeugenschaft sowie der Kartographie (also vornehmlich nicht-technischen Phänomenen) überzeugt aber durch viele weitreichende Einzelbefunde. Nach der Lektüre der Beispiele stellt sich jedoch unvermeidlich die Frage, ob sich aus dem Botenmodell eine Medienphilosophie machen ließe (die ja soziale Aspekte nicht zwingend berücksichtigen muss), deren Produktivität auch für andere als die genannten Beispiele gewährleistet wäre. Sicherlich ist es sinnvoll – wie Krämers Bezüge zeigen – Übertragungsvorgänge neu in den Fokus zu rücken. Ob sich damit aber auch Phänomene wie das Internet oder Verteilungsformen beschreiben lassen, die nicht mehr unidirektional verlaufen, ist fraglich – und damit auch, was es für Medien sind, die Krämer thematisiert.

 

Nun müssen Philosophen keine Historiker sein. Für eine Medientheorie, wie sie Krämer vorschwebt, erscheint eine historische Ebene jedoch unumgänglich, denn Medien sind Dinge, die eine Geschichte haben und deren Gewordensein ihre Gegenwart bestimmt – und damit all das, was sie ermöglichen. Eine Medientheorie, die das Werden ihres Gegenstandes in den Blick bekommen will, sollte auf eine historische Perspektive nicht verzichten. Das Sender-Empfänger-Modell beispielsweise ist als informationstheoretisches eng verschränkt mit der Entwicklung von Medien, was aber in einer systematischen Perspektive gar nicht deutlich wird.

 

Problematisch ist weiterhin, dass Krämer die zahlreichen Übertragungstheorien (etwa Bernhard Siegerts Studie zur Post oder Rafael Capurros Angeletik) fast ausschließlich in die Fußnoten verbannt und damit zu Ergänzungen ihrer eigenen Theorie macht. Zu oft sind Übertragungs- und Botenmodelle in der bestehenden Literatur thematisiert worden, als dass Krämer Neuland betreten würde, und Nancy, Serres und Peters sind keine Entdeckungen, sondern anerkannte Diskurspartner.

 

Worin liegt also, so ist abschließend zu fragen, der Gewinn eines Buches, dessen Publikum leider recht diffus bleibt? Für die Medienwissenschaft fehlt die historische Perspektive und viele Erkenntnisse sind bereits etabliert; ob Philosophen ihre Medienphobie überwinden, kann immer noch nicht als gesichert gelten; und für eine Einführung in die Medientheorie setzt Krämer zu viele Kenntnisse voraus. Zumal der Leser mit rhetorischen Fragen manchmal etwas zu sehr an die Leine genommen wird. Ihr Buch stockt da, wo sie sich an etwas abarbeitet, das – aus medienwissenschaftlicher Perspektive – diese Arbeit gar nicht mehr nötig hätte.

 

Aber auch wenn man von der Neuheit und Radikalität der Fragen am Ende des Buches nicht überzeugt sein mag, liefert Krämer, beharrlich fragend, einen Ausblick auf eine Medientheorie der Mitte zwischen differenzierten, distanzierten Elementen, deren Verschiedenheit aufrechterhalten wird und nicht dem Phantasma einer Einswerdung unterliegt. Medien werden zur Bedingung des Umgangs mit Ungleichheit. Sie sind eine Fähigkeit zur Distanz, und ihr Weltverhältnis der Mittelbarkeit macht sie zu Umgangsweisen mit Differenz. Damit ist die Medientheorie zugleich als metaphysisches, also das Verborgene hinter den Erscheinungen untersuchendes Unternehmen gekennzeichnet, welches die Differenz zu denken versucht, aber nicht mehr aufzuheben trachtet. Eine neue Problemstellung ist das jedoch nicht, wie zahlreiche andere Arbeiten zeigen: Von dieser Metaphysik der Medien ist eine (historische) Physik der Medien schon in Angriff genommen.

 

Veröffentlicht am 15.09.2008 (Ausgabe 2008/2)

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