Frauensolidarität in der Tiefgarage

Frauensolidarität in der Tiefgarage
Ein Forschungsprojekt zu „Angsträumen“ und kollektiven
antisexistischen Handlungsmöglichkeiten
 
Forschungsteam-tg

Das Forscherinnenteam:
Kate Liezl Ang, Sandhya Moolya,
Alexandra Reiter, Sabrina Wallner und Elisabeth Wächter

Die Tiefgarage gehört zu den mit Angst besetzten Räumen in der Rennbahnwegsiedlung – vor allem für Mädchen und Frauen. Unsicherheitsgefühle entstehen durch sexuelle Belästigungen von Frauen im öffentlichen Raum, aber vielmehr noch durch Gerüchte über sexistische Übergriffe in der Siedlung und durch den gesamtgesellschaftlichen Angstraum-Diskurs. Die Forscherinnen wollten sich dadurch aber nicht länger in ihrer Mobilität einschränken lassen und beschlossen, ihr Projekt auf die Beschäftigung mit kollektiven antisexistischen Strategien zu fokussieren. Die Gerüchte, die über die Tiefgarage verbreitet werden, kannten sie alle: Sie handeln von Schlägereien, Belästigungen und Vergewaltigungen von Frauen, Aufenthalt von Alkohol- und Drogensüchtigen oder Drogenhandel. Aber auch andere Gerüchte definierten die Forscherinnen als belastend und einschränkend: Sobald ein Mädchen oder eine Frau schwanger wird, zieht sich die Nachricht durch sämtliche Nachbarschaftsgespräche. Die Gerüchte sind daher auch mit sozialer Kontrolle verbunden, wenn zum Beispiel das Verhalten von Mädchen in den Höfen von den Fenstern der Wohnanlage aus beobachtet und bewertet wird. Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen „Angsträumen“ und sozialer Kontrolle? Und was könnte diese Frage für Raumaneignungsstrategien von Frauen bzw. Mädchen und die Transformation von Angsträumen bedeuten?

Von Gewalträumen zu Angsträumen

„Angstraum“ war in den Kämpfen feministischer Aktivistinnen in den 1970er Jahren noch kein zentraler Begriff. Im Mittelpunkt standen vielmehr „Gewalträume“, in denen Frauen alltägliche „Anmache“, Einschüchterung, sexistische verbale und körperliche Übergriffe erfahren. Ihre Forderungen nach Maßnahmen, Frauen vor sexueller Gewalt zu schützen und ihr Recht auf die freie Nutzung des öffentlichen Raums zu gewährleisten, führten dazu, dass „Gewalt gegen Frauen“ ihren Platz auf der politischen Agenda fand. Ab den 1980er Jahren wurden die Forderungen der Aktivistinnen in institutionalisierter Politik und Stadtplanung jedoch mit einigen Einschränkungen und vor allem einer zentralen Perspektivenverschiebung umgesetzt: Statt auf die Bekämpfung der sexistischen Tat und der Täter wurde auf die Angst und die Opfer fokussiert. So sollte das Sicherheitsgefühl von Frauen zum Beispiel dadurch erhöht werden, dass dunkle Ecken im öffentlichen Raum ausgeleuchtet, Hecken und Büsche gestutzt, Überwachungskameras installiert und unangenehme Orte umgestaltet wurden. Zusätzlich wurden einsame Straßen – etwa durch die Ansiedelung von Geschäften und Büros in reinen Wohngebieten – belebt. Dahinter stand die Strategie, beim Schutz vor Gewalt auf soziale Kontrolle zu setzen.
Mittlerweile werden diese Lösungsansätze aber auch aus den eigenen Reihen der feministischen Planerinnen immer mehr infrage gestellt. Denn können städtebauliche Veränderungen Gewalt gegen Frauen tatsächlich beseitigen? Werden Einschüchterungen, sexistische „Anmache“ und sexualisierte Gewalt innerhalb der Gesellschaft so stark abgelehnt und sanktioniert, dass soziale Kontrolle Frauen jederzeit schützen könnte? Und wie viele Menschen greifen ein, wenn es im öffentlichen Raum zu Übergriffen auf Frauen kommt? Die Ambivalenz der sozialen Kontrolle zeigt sich aber auch daran, dass sie selbst einschränkend auf die freie Nutzung des öffentlichen Raums wirkt: So ziehen sich die Forscherinnen genauso wie andere Mädchen manchmal gerne an wenig einsehbare Orte in den Höfen zurück, wo sie ungestört miteinander reden können. Und manche Aktivitäten sollen eben nicht aus den Fenstern der Wohnanlage beobachtbar sein und damit zum Gerede der BewohnerInnen werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Angstraum-Debatten Stereotype von „schwachen“, „abhängigen“ und „wehrlosen“ Frauen reproduzieren, die Opferpositionen von Frauen verstärken und dadurch ihre Handlungsfähigkeit schwächen. Verbunden mit der realitätsstiftenden Kraft des Angstraum-Diskurses wird dadurch eher Angst vergrößert als das Sicherheitsgefühl erhöht.

Fotostory „Überfall in der Tiefgarage“

Zuerst beschlossen die Forscherinnen, sich den angstbesetzten Raum Tiefgarage mit der Produktion einer Fotostory wieder anzueignen und in einen Raum zu transformieren, in dem sich Mädchen zur Wehr setzen. Sie schrieben ein Skript, fotografierten mit Unterstützung einer Fotografin die Szenen und gestalteten mehrsprachige Sprechblasen, in denen die Geschichte einmal anders erzählt wird:
Stereotypen Bildern, die Frauen aus einer Opferperspektive darstellen, setzen die Forscherinnen ihre Protagonistinnen entgegen, die sich mit Mut Raum nehmen, keineswegs hilflos und leise bleiben und ihre Stärke durch Selbstverteidigung zeigen. Solidarität unter Frauen und das Eingreifen in sexistischen Übergriffs-Situationen sind die zentralen Momente, die die Opferperspektive überwinden und zu gemeinsamen Handlungsstrategien führen: Am Ende schlagen die Frauen daher auch die übergriffigen Männer in die Flucht.

 

comic01Katy ging von ihren Freundinnen nach Hause und dachte an den schönen Tag.

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Katy hatte keine Ahnung, was hinter der nächsten Ecke auf sie lauert.

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Zwei perverse Männer warteten
schon auf sie.

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Die Männer zogen Katy zu sich.

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Katy sagte den Männern, dass sie sie in Ruhe lassen sollen, aber ohne Erfolg.

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Er versuchte sie irgendwie anzufassen.

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Katy war verzweifelt
und fing an zu schimpfen.

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Die beiden Männer wurden aufdringlicher.

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Katy versuchte wegzurennen,
aber ohne Erfolg.

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Eine der Frauen versuchte
die Männer einzuschüchtern.

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Die Männer verspotteten die Frauen,
aber die Frauen zeigten ihre Stärke.

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Die eine Frau schlug ihn so zusammen,
dass er auf den Boden fiel.

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Die Frauen schlugen die Männer in die Flucht.

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Wen do

In einem Wen Do-Workshop mit zwei Aktivistinnen des FrauenLesbenMädchen-Zentrums im Wiener WUK vertieften die Forscherinnen ihre Auseinandersetzung mit Möglichkeiten der Selbstverteidigung. Wen Do bedeutet „Weg der Frauen“ und ist eine feministische Selbstverteidigungstechnik, die in den 1970er Jahren innerhalb der autonomen Frauenbewegung entwickelt wurde und nur an Frauen weitergegeben wird. Der Workshop fand dabei zum Großteil in der Tiefgarage statt, denn Ziel des Wen Do-Ansatzes ist es, nicht nur Selbstverteidigungstechniken zu übern, sondern Angsträume durch deren Wieder-Aneignung zu transformieren.

wendo

Frauen wehrt euch!

Zum Abschluss setzten die Forscherinnen im Rahmen eines Graffiti-Workshops ihren Aufruf für Frauensolidarität und für Eingreifen in sexistischen Übergriffs-Situationen künstlerisch um. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen…

Graffiti-Frauen-wehrt-euch

 

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