Ass.-Prof. Mag. Dr. Karin Lichtblau

Ältere deutsche Sprache und Literatur



1954-2016

Forschungsschwerpunkte

  • Deutsche Literatur des Mittelalters unter kulturhistorischen und komparatistischen Aspekten (Schwerpunkt Romania); Mitarbeit am Forschungsprojekt „Motiv-Index der deutschsprachigen weltlichen Erzählliteratur bis 1400“;
  • Minnedidaktik: Habilitationsthema: „Minnelehre und Minnekasuistik: Geschlechterrollen und ihre Vermittlung in Epik und Didaktik“;
  • Erzählforschung (v.a. vergleichende Motivforschung zur mittelalterlichen Literatur unter Einbeziehung von Nachbardisziplinen wie Geschichte, Ethnologie etc.; Sagen- und Märchenforschung);
  • Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen.

Nachrufe auf Ass.Prof. Dr. Karin Lichtblau

In Erinnerung an meine Kollegin und liebe Freundin Karin Lichtblau 

dô si der Tôt heim nam in sîn gezimmer (Lohengrin 143)

Der Tod als eines der großen Themen des Mittelalters ist uns Mediävisten nicht fremd. Der heuer erschienene Jenseitsband, in dem meine liebe Kollegin und Freundin Karin Lichtblau zum Totenfährmann einen ihrer präzisen und fundierten Aufsätze verfasste, hat sie wohl jetzt mitgenommen.

Karin Lichtblaus Forschung und Lehre war der Matière de Bretagne gewidmet, sicherlich aber nicht nur, weil sie selbst als begeisterte Romanistin auch die französischen Quellen studierte, sondern auch weil es ihr die Romania insgesamt angetan hatte. Sie sprach nicht nur brillantes Französisch, sondern auch portugiesisch, italienisch und provenzalisch. Die Liebe zu den Gestalten der Artussage hat sie bereits in ihrer Kindheit gezeigt, während beispielsweise ich eher der germanischen und antiken Sagenwelt zugetan war. Beide Sagenwelten haben uns dann seit 1981 in unserem über Jahrzehnte währenden Forschungsprojekt, dem Motiv-Index, beschäftigt. Dabei entwickelte sich nicht nur eine gute Kollegenschaft, sondern auch eine der seltenen Freundschaften, die ich bis jetzt genießen durfte.  Auch unser beiderseitiges Interesse für Erzählforschung, Märchen und Sagen und auch die Musikbegeisterung hat den regen Austausch noch verstärkt. Karin begann auch Oboe zu spielen, während ich mich schon vorher dem Saxofon verschrieben hatte.

Auch als Karin ihre Assistentenstelle bei Helmut Birkhan, unserem Projektleiter des Motiv-Index und unser beider Doktorvater, antrat, änderte sich wenig an den zahlreichen Zusammenkünften, gemeinsamen Kongressen und kulturellen Aktivitäten. Bei den zahlreichen von mir initiierten Sammelbänden zum Thema Wiedergänger, Verwandlung und Okkultismus trug sie stets mit einem originellen Aufsatz bei.

Beim letzten gemeinsamen Kongress über Gespenster hat sie über Heinrich von dem Türlins „Schlüssel“-Roman „Diu Crône“ gearbeitet.  Den Kongressbericht in Form eines Sammelbandes werde ich ihrem Andenken zueignen.

Der Tod, der große roubaere, hat nicht nur mich, sondern all die anderen Kollegen und guten Freunde Karins eines Menschen beraubt, der lebensvoll, klug und liebevoll mit Menschen und auch Tieren umgegangen ist.  Sie hinterlässt eine große Lücke, ich werde sie sehr vermissen.

Dr. Christa Tuczay

 

Nachruf des Instituts für Germanistik
auf Ass.-Prof. Mag. Dr. Karin Lichtblau

Das Institut für Germanistik der Universität Wien trauert um Ass.-Prof. Mag. Dr. Karin Lichtblau, die am 11. Dezember 2016 nach langer schwerer Krankheit verstorben ist.
Karin Lichtblau wurde 1954 in Wien geboren. Sie absolvierte ihr Studium der Germanistik und Romanistik (Französisch) an der Universität Wien, das sie 1989 mit der Dissertation „Motiv-Index der mittelhochdeutschen Artusromane bis 1240“ abgeschlossen hat. Ihre wissenschaftliche Laufbahn begann früh: Bereits 1981 wurde sie Mitarbeiterin des von Helmut Birkhan geleiteten Forschungsprojekts „Motiv-Index der deutschsprachigen westlichen Erzählliteratur bis 1400“ im Rahmen der Kommission für Altgermanistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Studienjahr 1992/93 war sie Vertretungsassistentin am Institut für Germanistik im Fachbereich Ältere deutsche Sprache und Literatur, seit 1994 arbeitete sie ebendort als Universitätsassistentin und schließlich seit 2001 als Assistenzprofessorin. Von 2010 bis 2012 übernahm sie die Funktion als Stellvertreterin des Studienprogrammleiters Deutsche Philologie, insbesondere für den Bereich Lehramt. Zudem war sie für viele Jahre im Vorstand des „Arbeitskreis für Altgermanistik“ aktiv.
Ihre Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der deutschen Literatur des Mittelalters unter kulturhistorischen und komparatistischen Aspekten mit Fokus auf die Romania. Ein zentrales Forschungsgebiet bildeten die Minnelehre und Minnekasuistik. Des Weiteren beschäftigte sie sich mit Erzählforschung in vielen Aspekten sowie mit dem Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen. Zahlreiche Vorträge und Publikationen dokumentieren ihre vielfältige Forschungsleistung.
In der wissenschaftlichen Lehre deckte sie ein breites Themenspektrum ab: von mittelhochdeutschen Minnenovellen über Teufelserzählungen des Mittelalters bis hin zu Sagen und Legenden in der Kaiserchronik. Neben einführenden Übungen zum Mittelhochdeutschen hat sie auch Überblicksvorlesungen zur mittelalterlichen Literatur angeboten.
Eine wissenschaftliche Karriere zu skizzieren, Forschungsschwerpunkte und Publikationen zu nennen, das sagt noch nicht viel über die Wissenschaftlerin, die Hochschullehrerin, die Kollegin, die Freundin Karin Lichtblau, deren viel zu frühes Ableben zu betrauern ist.
Karin Lichtblau war vielfach geschätzt: als Wissenschaftlerin wegen ihrer profunden Kenntnisse, die ihr erlaubt haben, Altgermanistik und Altromanistik im Sinne einer Mediävistik produktiv und innovativ zu verbinden, sowie als versierte Kennerin mittelalterlicher Stoffe und Motive. Studierende haben sie als Lehrende sehr geschätzt: wegen ihrer fachlichen Kompetenz, wegen ihrer Vermittlungsfähigkeit, wegen ihres wertschätzenden, verständnisvollen und sorgfältigen Umgangs mit Menschen. Als Kollegin zeichnete sie sich durch ihre herzliche und wertschätzende Art aus. Sie war eine gute und diskrete Zuhörerin, aber auch eine mutige und engagierte Person, die klare Entscheidungen treffen konnte.
Karin Lichtblau werden wir wegen all dieser besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften schmerzlich vermissen. Mehr noch war und ist sie vielen von uns ein Vorbild – nicht nur in ihrer klugen und präzisen Art zu forschen und zu unterrichten, sondern als Mensch: Sie hatte eine Bescheidenheit im mittelhochdeutschen Sinn des Wortes, das Verstand, Einsicht, Urteilsvermögen bedeutet sowie Besonnenheit, Mäßigkeit und Anstand.

Curriculum vitae

  • geb. 1954 in Wien; Studium der Germanistik und Romanistik (Französisch) in Wien, Promotion 1990.
  • Seit 1981 Mitarbeit am Forschungsprojekt „Motiv-Index der deutschsprachigen weltlichen Erzählliteratur bis 1400“ im Rahmen der Kommission für Altgermanistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,
  • 1992/93 Vertr. Ass.
  • seit 1994 Univ. Ass. am Institut für Germanistik

Publikationsverzeichnis

Artikel (Auswahl):

  • „Aspekte der Rezeption des Artusstoffes in der modernen französischen Literatur: Artus, Merlin und die Suche nach dem Gral“, Vortrag Mittelalterrezeptionstagung 1986 Salzburg. In: Mittelalter-Rezeption III. Gesammelte Vorträge des 3. Salzburger Symposions: „Mittelalter, Massenmedien, Neue Mythen“, hg. v. J. Kühnel, H.-D. Mück, U. Müller, Ulr. Müller, Göppingen 1988 (= GAG 479), 647-662.
  • „Images et visions fantastiques: à propos de la „Crône“ de Heinrich von dem Türlîn“, Vortrag Amiens 1986, Tagung „L’Image au Moyen Age“. In: WODAN. Recherches en littérature médiévale, éd. par D. Buschinger et W. Spiewok, Vol.15, Serie 3: Tagungsbände und Sammelschriften, Bd 5: L’Image au Moyen Age. Actes du Colloque Amiens 19-23 mars 1986, erschienen 1992, 171-179.
  • „Tierherren im mittelhochdeutschen Artusroman“, in: Festschrift Anthonius H. Touber, Interdisziplinäre Beziehungen in der mittelalterlichen Literatur, Amsterdam 1995 (Sonderheft der Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, Bd 43-44), S. 323-348.
  • „Das Minnegericht in Fluratrône: die domestizierte Fee“, in: „Ir sult sprechen willekomen“. Grenzenlose Mediävistik. Festschrift f. H. Birkhan zum 60. Geburtstag, hg. v. Ulrike Hirhager, Karin Lichtblau, Christa Tuczay, Bern 1998. S. 263-83.
  • Beiträge „Kobold“, „Klabautermann“ in: Mittelalter-Mythen II: Dämonen, Monster, Fabelwesen. Hrsg. von Ulrich Müller und Werner Wunderlich, St. Gallen 1999, S. 343-352 und S. 353-371.

Selbständige Veröffentlichungen:

  • Dissertation: „Motiv-Index der mittelhochdeutschen Artusromane bis 1240“, phil. Diss. Wien 1989 (masch., 1223 S.)
  • „Vater Ötzi und das Krokodil im Donaukanal. Moderne Sagen aus Österreich.“ Wien 1996 (gemeinsam mit Christa Habiger-Tuczay und Ulrike Hirhager).

Herausgebertätigkeit:

  • „Ir sult sprechen willekomen“. Grenzenlose Mediävistik. Festschrift f. H. Birkhan zum 60. Geburtstag, hg. v. Ulrike Hirhager, Karin Lichtblau, Christa Tuczay, Bern 1998 (863 S.)

Aktivitäten

Lehre 2016S

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