Vorlesungsverzeichnis

NdL: Der Essay von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart

100140 SE-B 2019S

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Vortragende:

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Der Essay ist eine literarische Gattung, die sich am Rande der „eigentlichen“ Literatur bewegt und der daher der „Makel des Sekundären“ (F. Schuh) anhaftet. Zugleich wird der Essay dem vorgeblich weder wissenschaftlich stichhaltigen noch ästhetisch durchgestalteten Feuilleton übergeordnet. Im Zwischenraum solcher Differenzen ließe sich aber gerade ein emphatischer Begriff des Essays fundieren: als Verbindung von argumentativer Stringenz mit einer ästhetischen Anschaulichkeit und bildhaften Unbegrifflichkeit. Eben diesem äußerst labilen Gleichgewicht von diskursiver und ästhetischer, analytischer und suggestiver Darstellung entspricht das Oszillieren zwischen „ratioidem“ und „nicht-ratiodem“ (R. Musil) Gebiet, das den Umgang des Essays mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und politischen Traumata des 20. Jahrhunderts kennzeichnet.
Anhand ausgewählter Texte von Rosa Mayreder, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Robert Musil, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Hans Magnus Enzensberger, Franz Schuh, Wilhelm Genazino, Elfriede Jelinek u.a. soll die Vielfalt essayistischer Schreibweisen und ihr Verhältnis zu verwandten Formen wie der Rede, dem Feuilleton, dem Aphorismus, der Abhandlung, der Satire und der Polemik erkundet werden. Das Seminar versteht sich als Versuch, durch die essayistische Fokussierung beziehungsreicher Einzelheiten Momente der Mentalitäts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erhellen.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

- Abhaltung eines Impulsreferats, das mit den Mitgliedern einer ExpertInnengruppe abgestimmt ist; im Anschluss Diskussionsleitung
- Erstellung eines Handouts und von 4 Leitfragen für die Diskussion (in Abstimmung mit der ExpertInnengruppe)
- Teilnahme an den Diskussionen in allen Einheiten
- Bachelorarbeit im Umfang von mindestens 30 Seiten Haupttext, Abgabe bis spätesten 15. 9. 2019 in gedruckter und elektronischer Form.

 

Literatur

Primärliteratur

• Benjamin, Walter: Kleine Geschichte der Photographie. In: ders: Medienästhetische Schriften. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, S. 300-324.
• Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: ders.: Palaver. Politische Überlegungen (1967-1973). Frankfurt/M.: Suhrkamp 1974, S. 91-129.
• Enzensberger, Hans Magnus: Das digitale Evangelium. In: ders.: Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, S. 75-97.
• Genazino, Wilhelm : Der gedehnte Blick. In: ders.: Der gedehnte Blick. München, Wien: Hanser 2004, S. 39-61.
• Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief. In: ders.: Der Brief des Lord Chandos. Schriften zur Literatur, Kunst und Geschichte. Hg. von Mathias Mayer. Stuttgart: Reclam 2000, S. 46-59.
• Jelinek, Elfriede: Das Schöpfergeschöpf. http://www.elfriedejelinek.com/ (Januar 2011).
• Jelinek, Elfriede: Peter Paul Rubens "Das kleine Jüngste Gericht". http://www.elfriedejelinek.com/ (Januar 2011).
• Jelinek, Elfriede: Die äußerste Möglichkeit. http://www.elfriedejelinek.com/ (Januar 2011).
• Kracauer, Siegfried: Die Photographie. In: ders.: Das Ornament der Masse. Essays. Mit e. Nachw. von Karsten Witte. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977, S. 21-39.
• Kraus, Karl: Apokalypse. In: Die Fackel, 13. 10. 1908, 261/262, S. 1-14. Online: http://corpus1.aac.ac.at/fackel/
• Kraus, Karl: Der Löwenkopf oder die Gefahren der Technik. In: Die Fackel, 13. 10. 1913, 384/385, S. 1-7. Online: http://corpus1.aac.ac.at/fackel/
• Mayreder, Rosa: Grundzüge. In: dies.: Zur Kritik der Weiblichkeit: Essays. Mit einem Nachw. von Eva Geber. Wien: Mandelbaum 1998, S. 12-47.
• Musil, Robert: Ansätze zu neuer Ästhetik. Bemerkungen über eine Dramaturgie des Films. In: ders.: Gesammelte Werke in neun Bänden. Hg. von Adolf Frisé. Bd. 8: Essays und Reden. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, S. 1137-1154.

Sekundärliteratur

Zum Essay:

• Theodor W. Adorno: Der Essay als Form. In: ders.: Noten zur Literatur. Frankfurt/M. 1981, S. 9-33.
• Bachmann, Dieter: Essay und Essayismus. Stuttgart [u.a.] 1969.
• Baumgart, Reinhard: Die Jünger des Interessanten. In: Merkur 11/1957, S. 599-604.
• Bense, Max: Über den Essay und seine Prosa [1952]. In: Ludwig Rohner (Hg.): Deutsche Essays. Prosa aus zwei Jahrhunderten. Bd. 1. Neuwied, Berlin 1968, S. 54-68.
• Bolz, Norbert: Essay. In: Literatur-Lexikon. Hg. v. Walther Killy. Bd. 13: Begriffe, Realien, Methoden. Hg. v. Volker Meid. München 1992, S. 269-272.
• Butrym, Alexander J.: Essays on the Essay. Redefining the Genre. Athen, London 1989.
• de Obaldia, Claire: The Essayistik Spirit. Literature, Modern Criticism, and the Essay. Oxford 1995.
• Haas, Gerhard: Essay. Stuttgart 1969.
• Kähler, Hermann: Von Hofmannsthal bis Benjamin. Ein Streifzug durch die Essayistik der zwanziger Jahre. Berlin, Weimar 1982.
• Martini, Fritz: Essay. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Begr. v. Paul Merker und Wolfgang Stammler. 2. Aufl., Bd. 1: A-K. Hg. v. Werner Kohlschmidt. Unveränd. Neuausg. Berlin u.a. 2001, S. 408-410.
• Müller-Funk, Wolfgang: Erfahrung und Experiment. Studien zu Theorie und Geschichte des Essayismus. Berlin 1995.
• Pfammatter, René: Essay - Anspruch und Möglichkeit. Plädoyer für die Erkenntniskraft einer unwissenschaftlichen Darstellungsform. Hamburg 2002.
• Rohner, Ludwig: Der deutsche Essay. Materialien zur Geschichte und Ästhetik einer literarischen Gattung. Neuwied 1966.
• Schärf, Christian: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno. Göttingen 1999.
• Schlaffer, Hannelore: Der kulturkonservative Essay im 20. Jahrhundet. In: dies., Heinz Schlaffer (Hg.): Studien zum ästhetischen Historismus. Frankfurt/M. 1975, S. 140-173.
• Schlaffer, Heinz: Essay. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. von Klaus Weimar. Bd 1: A-G. Berlin, New York 1997, S. 522-525.
• Wahl, Verena: Lüge - Essay – Persuasion. Deutschsprachige Gegenwartsessayistik seit 2001. Wien (Diss.) 2007.

 

Prüfungsstoff

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

- Aktive Teilnahme an sämtlichen Sitzungen durch Fragen und Diskussionsbeiträge

- Handout: effizient und konzise aufbereitete Informationen, klare Struktur, Auswahl markanter, aussagekräftiger Zitate

- Leitfragen: Relevante, offene Fragen, Bevorzugung kontroverser Fragestellungen

- Umsichtige Diskussionsleitung, die Impulse setzt, ohne die Diskussion rigide zu steuern.

Beurteilungskriterien für die Bachelorarbeiten:

Forschungsstand
- Reflektierte Kenntnis des Forschungsstands
- Angemessenheit der Auswahl der zitierten Literatur
- Wissenschaftlichkeit der Quellen (Lexika, Monographien, Aufsätze etc.)
- Konsistente Einbettung in den aktuellen Forschungsstand

Theorie und Methode
- Präzisierung von Fragestellung(en), Ziel(en) und/oder Hypothese(n)
- Klarheit und Nachvollziehbarkeit der Formulierung und Begriffsverwendung
- Erklärung und Begründung des methodischen Vorgehens
- Gegenstandsangemessenheit des methodischen oder theoretischen Paradigmas
- Methodische und theoretische Problembewusstheit

Struktur und Aufbau
- Plausibilität der Gesamtstruktur der Arbeit
- Stimmigkeit der jeweiligen Abschnitte in sich
- Logische Abstimmung und Balance der Abschnitte untereinander (Textkohärenz und -kohäsion)
- Plausible Rahmung durch Einleitung und Schluss