Atlas der Wiener Avantgarden AVA

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Roland Innerhofer

Projektteam: Johannes Feichtinger Sabine Müller Elisabeth Grossegger

Kooperationsprojekt des Instituts für Germanistik der Universität Wien mit dem Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie mit dem Verein ViennAvant

Website an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Der Wiener-Avantgarden-Atlas versteht sich als innovatives digitales Produkt, das eine gravierende Forschungslücke schließt und Gedächtnisspuren in einen interaktiven Erfahrungsraum übersetzt. Zwar geben zahlreiche Studien über die Akteure und Schauplätze der verschiedenen Wiener Avantgarden seit 1945 Aufschluss, doch ist bislang die Aufarbeitung der transdisziplinären und transmedialen Beziehungen zwischen den einzelnen Bewegungen und ihren lokalen, historisch hochspezifischen Umständen weitgehend ausständig.

Eine projektadäquate Software soll es ermöglichen, das Netzwerk avantgardistischer Positionen und Aktivitäten in seiner Dynamik und multimedial (mittels Texte, Bilder, Filme, Tondokumente u.a.) darzustellen. Im Sinne einer kulturellen Geographie, die ihr Augenmerk auf Transformationen und Kräfteverhältnisse legt, soll eine Topologie der Wiener Avantgarden ihren Fokus nicht auf separate Sparten und Räume, sondern auf das Dazwischen und die relationale Kategorie der Schwelle richten.

Topologische Strukturen bezeichnen Lagebeziehungen, kulturelle und mediale Raumverhältnisse, in diesem Falle: transversale Verbindungen zwischen den Stätten avantgardistischer Auftritte wie zu anderen signifikanten (Wiener) Orten, Nicht-Orten und Räumen.

Statt auf Musealisierung oder Personenkult beruht eine Theorie der Relationen auf der Analyse von Operatoren, Vektoren und Attraktoren, deren simultane und diachrone Lokalisierung im Stadtplan durch den Benutzer als Spurenleser dynamisiert wird. Prozesse der Emergenz und Desintegration, des Enthüllens und Verbergens, der Verschiebung und Verwerfung, des Abbrechens und Neubeginns werden dabei ebenso sinnlich erfahrbar wie die Kontingenz vergangener, erinnerter und als möglich geltender (materieller, sozialer oder ideeller) Assoziationen, die permanent zwischen Außen und Innen, Offenheit und Geschlossenheit, Teleologie und Entropie oszillieren.

Anstatt also die Avantgarden in die Archive des beredten Schweigens einzuordnen, verortet der Wiener-Avantgarden-Atlas ihr latentes Wissen in einem vierdimensionalen Labyrinth; seine digitale Architektur eröffnet einen Möglichkeitsraum, der den Atlas als solchen – in seiner transhumanen, interaktiven Akteur-Netzwerk-Dimension – erst entstehen lässt.

Abdrücke interpretierend, bewegen sich die wandernden, eilenden oder flanierenden Leser im Geflecht raumzeitlicher Relationen visueller und akustischer Dokumente und Kommentare. Als Kundschaftern im Dazwischen steht es ihnen frei, tradierten Routen zu folgen oder im Irrgarten potenzieller Assoziationen, Passagen und Traversen alternativen Geschichten nachzuspüren – Grenzen zu verschieben, Markierungen zu entwenden oder Schranken zu überwinden und neue Bedeutungs- und Handlungsspielräume zu erproben.