Campus Medius: Medialität als Erfahrung

Neuere deutsche Literatur

Simon Ganahl

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Erwin-Schrödinger-Stipendium des Wissenschaftsfonds (FWF)
Projektnummer: J3181-G20
Projektlaufzeit: 24 Monate (01.04.2012–31.03.2014)

APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Projektnummer: APART 11810
Projektlaufzeit: aktiv seit März 2015

Was ist eine mediale Erfahrung? So lautet die konzeptuelle Frage, die Campus Medius zugrunde liegt. Das Habilitationsprojekt erforscht Medialität als ein Erfahrungsfeld ausgehend von 24 Stunden in einer Metropole. Nach Michail Bachtin lässt sich der "Tag in der Großstadt" als ein Chronotopos des modernistischen Romans beschreiben – von Andrej Belyjs Petersburg über den Ulysses von James Joyce zu Virgina Woolfs Mrs Dalloway. Unser beispielhafter Zeit-Raum am Wochenende des 13. und 14. Mai 1933 in Wien ist von sogenannten "Türkenbefreiungsfeiern" der österreichischen Nationalsozialisten und Heimwehren geprägt. Das vorgezogene Jubiläum der Befreiung Wiens von der Zweiten Türkenbelagerung im September 1683 richtete sich von Grund auf nach Prozessen der Medienkommunikation: Die Kundgebungen wurden von der Parteipresse vorbereitet, zum Teil live im Radio gesendet und in Propagandafilmen festgehalten. Um eine Gegenöffentlichkeit zu bilden, publizierten die Sozialdemokraten programmatische Leitartikel und veranstalteten "Freiheitsfeiern" in den Wiener Gemeindebauten. Während im Burgtheater das Drama Campo di Maggio aufgeführt wurde, das Benito Mussolini mitverfasst hatte, lief in mehreren Kinos Fritz Langs Spielfilm Das Testament des Dr. Mabuse, der in Deutschland verboten war. An anderen Schauplätzen waren die NS-Dokumentation Deutschland erwacht sowie Klassiker des russischen Films zu sehen, nämlich Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin und Turksib von Viktor Turin. Die Wochenendausgabe der bürgerlichen Neuen Freien Presse brachte außerdem einen Essay mit dem Titel "Humbug, Bluff und Ballyhoo", der die Public Relations von Edward Bernays beleuchtete, einem Neffen Sigmund Freuds.

Im Rahmen eines Erwin-Schrödinger-Stipendiums des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF), der ersten Projektphase von 2012 bis 2014, wurde eine Webseite entwickelt, die den historischen Chronotopos multimedial darstellt. Methodisch versucht diese interaktive Karte, die Ereignisse als Akteur-Netzwerke im Sinn von Bruno Latour zu vermitteln. Das Ziel der zweiten Projektphase, die seit 2015 mit einem APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird, ist eine Analyse der historischen Apriori dieser medialen Erfahrungen: Welche Wissensformen, Machtbeziehungen und Subjektivierungsweisen drücken sich aus in den Ereignissen des 13. und 14. Mai 1933 in Wien? Im Anschluss an Michel Foucault wird dieses Buchprojekt drei Dispositive der Mediation untersuchen. Erstens führen "souveräne Zeichen" von 1933 zu den göttlichen Befreiern von 1683 und der Repräsentation des klassischen Zeitalters zurück; zweitens fangen "prüfende Blicke" das Leben in modernen Institutionen ein, von den Gefängnissen um 1800 bis zu den Kinos der Zwischenkriegszeit; und drittens erscheinen die "gelenkten Sendungen" des 20. Jahrhunderts in Form von Zielgruppen und Public Relations.