Diskursverhandlungen in Literatur und Hermaphroditismus

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Susanne Hochreiter

Projektteam: Angelika Baier

Projektlaufzeit: 53 Monate (17.1. 2011-14.6.2015)

Fördergeber: FWF Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 22877)

Seit Ende des 20. Jahrhunderts ist sowohl im deutschsprachigen Raum als auch auf internationalem Boden ein Anstieg an Publikationen literarischer Werke zu vermerken, in welchen das Motiv des Hermaphroditismus einen zentralen Stellenwert einnimmt. Die neu publizierten Werke (Publikationsrahmen: 1990-2010) entfernen sich von antiken Traditionen des Motivs, indem sie Hermaphroditismus weniger als Sinnbild von Harmonie und Vollkommenheit thematisieren, denn als Krankheit nach medizinischen Kriterien. Es ist Ziel des Projektes, 10-15 deutschsprachige literarische Werke sowie für den deutschsprachigen Raum relevante Publikationen aus anderen Ländern bezüglich ihrer Verarbeitung des Motivs zu untersuchen. Die Texte sind dabei unterschiedlichen literarischen Genres zuzuordnen. Den meisten der ins Auge gefassten Werke wurde bislang keine literaturwissenschaftliche Aufmerksamkeit gezollt. Auch eine umfassende Zusammenschau und vergleichende Analyse stellen ein Forschungsdesideratum dar. Auf diese Weise kann mittels der zu erwartenden Ergebnisse des Projekts ein bedeutender Beitrag zum Verständnis zeitgenössischer Literatur geleistet werden.

Basierend auf ersten Recherchen liegt dem Projekt die Annahme zugrunde, dass das Interesse am Motiv mit der Tatsache in Verbindung steht, dass seit den 1990er Jahren in der westlichen Welt eine Diskursmultiplikation auf dem Gebiet zu beobachten ist. Hermaphroditismus avanciert zu einem Streitgegenstand der Naturwissenschaften/Medizin sowie der poststrukturalistisch orientierten Gender Studies: Während insbesondere die Medizin seit Jahrhunderten Hermaphroditismus als eine Devianzerscheinung einer als normal erachteten weiblichen/männlichen Geschlechtsentwicklung fasst, wird innerhalb der Gender Studies auf die historische Kontingenz des von der Medizin aufrechterhaltenen Systems des Genderdimorphismus hingewiesen. Im Zuge dessen wird die Gültigkeit binärer Normensysteme (krank/gesund, deviant/normal, männlich/weiblich) in Frage gestellt. Hinsichtlich dieser Debatten erweist sich Hermaphroditismus als travelling concept  (BAL), das im Zuge seiner akademischen ‚Reisen‘ wiederum verstärkt in die Literatur Eingang findet. Innerhalb des Projektes gilt es dabei, die diskursiven Intersektionen von medizinischem Wissen, Gender-Fragen und Narration in den Fokus zu stellen. Dergestalt soll in einem ersten Lektüreschritt unter Bezugnahme auf die Theorien narrativer Identität sowie auf das Werkzeug der Narratologie der narrativen Konstitution von (Geschlechts )Identität sowie den narrativen Materialisationen des ‚devianten‘ hermaphroditischen Körper innerhalb der Werke nachgegangen werden. Desweiteren soll die Funktion der hermaphroditischen Figuren für die narrative Struktur der Werke analysiert werden. In diesem Zusammenhang sind Plot-Analysen geplant, welche Aufschluss über die hermaphroditischen Figuren als Handelnde geben sollen. Die einzelnen Plot-Analysen fungieren schließlich als Basis für vergleichende Analysen der Plotstruktur der Werke. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob sich narrative Muster finden lassen.

Indem innerhalb dieser Lektüren mögliche (literarische) Konzeptionen von Körpern und Geschlechtsidentität abseits des Systems des Genderdimorphismus fokussiert werden, gilt es auch, ‚realen‘ hermaphroditischen Personen und ihren Problemen gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.