Konjunktion und Disjunktion aus typologischer Perspektive

Sprachwissenschaft

Projektleitung: Viola Schmitt

Projektteam: Enrico Flor Nina Haslinger Eva Rosina Magdalena Roszkowski Valerie Wurm

Projektlaufzeit: 01.10.2016-30.09.2019

Fördergeber:
FWF Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 29240)

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Unser Projekt beschäftigt sich mit der Semantik von undoder und den entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen. Diese beiden Klassen von Koordinatoren, die wir hier als und und oder bezeichnen, scheinen in den Grammatiken natürlicher Sprachen eine zentrale Rolle einzunehmen.

Einer der traditionellen Zugänge zur Semantik von und und oder weist diesen Ausdrücken eine sogenannte Boolesche Bedeutung zu, die eine Verallgemeinerung der Konjunktions- und Disjunktionsoperatoren der klassischen Aussagenlogik ist. Die Boolesche Bedeutung hat den Effekt, dass Prädikate, deren Argument eine Koordinationsstruktur ist, immer distributiv auf die einzelnen Konjunkte angewendet werden. So kann beispielsweise die Lesart (1-a) des Satzes in (1) abgeleitet werden. Es ist allerdings seit langem bekannt, dass und-Koordination auch mit nicht-distributiven Prädikaten kompatibel ist (vgl. (1-b) und (2)), was darauf hinweist, dass und auch eine schwächere, nicht-Boolesche Bedeutung haben kann.

(1) Susi und Maria haben 100 Euro gewonnen.

  1. Susi hat 100 Euro gewonnen und Maria hat 100 Euro gewonnen.
  2. Susi und Maria haben zusammen/insgesamt 100 Euro gewonnen.

(2) Susi und Maria haben sich getroffen.

Ziel unseres Projekts ist, die Hypothese zu untersuchen, dass die nicht-Boolesche Bedeutung sprachübergreifend die zugrundeliegende lexikalische Bedeutung von und ist. Wenn das stimmt, gibt es keine systematische lexikalische Ambiguität zwischen einem Booleschen und einem nicht-Booleschen und. Vielmehr entstehen die Booleschen Lesarten aus der Interaktion zwischen einer nicht-Booleschen Bedeutung für und und zusätzlichen semantischen Operationen, die für die Distributivität sorgen.

Neben der theoretischen Frage, wie die nicht-Boolesche Bedeutung formalisiert werden sollte, wirft diese Hypothese interessante typologische Fragen auf. Beispielsweise sagt sie voraus, dass eine kategorienübergreifende nicht-Boolesche Konjunktionsoperation in zahlreichen Sprachen und Sprachfamilien zu finden ist. Weiters wäre nicht zu erwarten, dass Boolesche und nicht-Boolesche Konjunktion in einer Sprache systematisch durch unterschiedliche und nicht verwandte lexikalische Ausdrücke realisiert werden. Diese Vorhersagen sind bisher noch nicht systematisch getestet worden. Ausführliche semantische Untersuchungen zur nicht-Booleschen Konjunktion gibt es nur für eine kleine Zahl überwiegend indogermanischer Sprachen.

Das Projekt soll dazu beitragen, die bestehenden semantischen Analysen der nicht-Booleschen Konjunktion zu verbessern. Es eröffnet aber auch zwei neue Forschungsfelder. Erstens wollen wir typologische Daten sammeln, die es ermöglichen, die typologischen Vorhersagen unserer semantischen Hypothesen zu testen. Die Daten werden über die SSWL-Datenbank erhoben. Dabei handelt es sich um eine frei zugängliche, durchsuchbare Online-Plattform, die LinguistInnen die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen, die dann von InformantInnen für eine Vielzahl von Sprachen beantwortet werden.

Das zweite neue Forschungsfeld ist eher theoretischer Natur: Es gibt eine umfangreiche Literatur über die angereicherte Bedeutung von Sätzen mit Koordinationsstrukturen, die von der Annahme ausgeht, dass die skalaren Implikaturen dieser Sätze unter anderem auf einen Kontrast zwischen Booleschem und und Booleschem oder zurückzuführen sind. Unser Ziel ist, die Konsequenzen einer nicht-Booleschen Analyse von und für den Kontrast zwischen und und oder auszuarbeiten und damit zwei entgegengesetzte Forschungstraditionen in der Semantik zusammenzubringen.