Kultivierte Latenz. Die andere Moderne in der österreichischen Literatur 1930-1960

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Sabine Müller

Projektlaufzeit: 48 Monate (1.5.2013 bis 30.4.2017)

Fördergeber: Hertha-Firnberg-Programm des FWF (T 599)

Mitantragsteller:
Univ. Prof. Dr. Roland Innerhofer (Institut für Germanistik, Universität Wien)

KooperationspartnerInnen:
Univ. Prof. Moritz Baßler (Institut für Germanistik, Universität Münster)
Univ. Prof. Lutz Ellrich (Institut für Medienkultur und Theater, Universität Köln)
Univ. Doz. Dr. Siegfried Mattl (Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft, Wien)
Univ. Doz. Dr. Heidemarie Uhl (Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, ÖAW)

Die jüngste internationale Diskussion zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne führte zu einer grundlegenden Revision binärer Argumentationsmuster. An die Stelle der Dichotomie progressive Moderne versus nationalsozialistische Antimoderne traten Konzepte, die sich den Paradoxien des Nationalsozialismus sowie den Ambivalenzen der Moderne zuwenden: „Paramoderne“, „autochthone Modernität“, „reactionary“ bzw. „fascist modernism“, „synthetische“ oder schlicht „andere Moderne“ lauten die Begriffe, die sich in diesem Zusammenhang etablierten und auf deren Grundlage die Rolle der politischen Zäsuren 1933 und 1945 ebenso diskutiert wird wie eine „spezifische Homogenität“ der Jahre zwischen 1925/30 und 1955/60. Besondere Bedeutung wird in diesem Zusammenhang dem Magischen Realismus zugewiesen, einer Strömung, die sich in Abkehr vom „kalten Blick“ der Neuen Sachlichkeit formierte und die Rehabilitierung des Geheimnisvollen zum Programm erklärte.
Das Habilitationsprojekt situiert sich in diesem Diskussionsfeld, indem es George Saikos Verständnis des Magischen Realismus, das von jenem seiner deutschen Kollegen deutlich abweicht, zum Ausgangspunkt nimmt: Saiko forderte ein „Agens der Tiefe“, das als Set latenter Kräfte die „Oberflächenrealität“ der erzählten Welt nicht nur rätselhaft kontaminiert, sondern diese semantisch in Bewegung hält. Was Saiko hiermit formulierte, war das ambitionierte Programm einer anders modernen Moderne, die zur Rettung der Moderne auf Mittel zurückgreift, die gemeinhin der Antimoderne zugerechnet werden: Das Bedürfnis nach einem „zweiten“, „tieferen“ Boden der Wirklichkeit sollte bejaht und aufgegriffen werden, um es – in Konkurrenz zu völkischen und nationalsozialistischen Techniken der Resubstanzialisierung und Reterritorialisierung latenter Kräfte (Leben, Macht, Geschichte) – progressiv zu wenden. Den exemplarischen Ausgangspunkt der Untersuchung bilden fünf Autoren, die in ihren signifikant differierenden Bemühungen um eine anders moderne Ästhetik der Tiefe in sehr unterschiedlichen Beziehungen zu Politik und Ästhetik des NS-Regimes standen: Hermann Broch (1886-1951), George Saiko (1892-1962), Heimito von Doderer (1896-1966), Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) sowie Hans Lebert (1919-1993), der die Tradition der kultivierten Latenz 1960 zu einem ebenso raffinierten wie prekären Höhe- und Schlusspunkt brachte.
Ziel des Forschungsprojekts ist es, Spektrum und Spielraum dieser anderen österreichischen Moderne literatur- und kulturhistorische Konturen zu verleihen und im Kontext der Diskussion um legitime Periodisierungskonzepte für die Jahrzehnte zwischen 1930 und 1960 zu verorten. Hierbei wird zugleich – ausgehend von diesbezüglichen Vorarbeiten – an aktuelle literatur- und kulturwissenschaftliche Diskussionen zur Figur der Latenz und zur „Latenzzeit“ „nach 1945“ angeknüpft. Der Brückenschlag zwischen technikorientierten Mikroanalysen und einer breiter angelegten Perspektive auf historisch-politische Textdimensionen erfolgt entlang der Frage, wie die von Saiko geforderten „Mächte“ der Tiefe imaginiert und narrativiert werden und welche Stellung dem Subjekt und dem Sozialen in diesem durchwirkten Kosmos zugewiesen wird. In methodischer Hinsicht stützt sich das Projekt zudem auf narratologische Konzepte der erzählten Welt und zieht zur Bestimmung stilistischer Schnittstellen Studien zum Magischen Realismus (i.e.S.), Phantastischen und Unheimlichen heran. Aus diskursanalytischer Perspektive werden die Bezugnahmen auf zeitgenössische Tiefen- und Latenzdiskurse (Psychoanalyse, Archetypenlehre, Lebens- und Existenzphilosophie) sowie ihre poetologischen Implikationen rekonstruiert.