Literarische Botanik: Pflanzen als Wissensfiguren 1700-2000

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Isabel Kranz

Projektlaufzeit: September 2016 - August 2019

Fördergeber:
Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung

Die Verbindung der Pflanzen mit der Sprache zeigt sich in der metaphorischen Verwendung sowie in Begriffen und Redewendungen, z. B. »etwas durch die Blume sagen«, »blumige Rede«, »Blütensammlungen« (Übersetzung von »Florilegien«).

Betrachtet man den deutschsprachigen Buchmarkt der letzten Jahre, so lässt sich eine verstärkte Präsenz von Pflanzenthemen feststellen. So werden populäre Darstellungen neuerer biologischer Forschung ebenso breit rezipiert wie etwa Erfahrungsberichte von Gartenpraktikern. Dr. Kranz sieht in dieser aktuellen Begeisterung für alles Botanische das Interesse, angesichts einer zunehmend als medialisiert empfundenen Welt das Verhältnis von Natur und Kultur zu überdenken.

Mit dem Projekt beabsichtigt Dr. Kranz die Begründung einer literarischen Botanik, die entlang von vier Zeitschnitten den Status von Pflanzen für die produktive Verbindung von Rhetorik und Wissensgeschichte ergründet. Ihren historischen und systematischen Ausgangspunkt nimmt die Untersuchung bei der im 18. Jahrhundert aufkommenden Idee einer »Blumensprache« – einem Geheimcode, der vermeintlich stummen Objekten die Fähigkeit zuspricht, Aussagen zu übermitteln – einerseits und der Verwissenschaftlichung der Pflanzenbenennung durch Carl von Linné auf der anderen Seite. Durch die Systematisierung der Pflanzen anhand ihrer Sexualorgane trat damit auch eine Geschlechtlichkeit beim vormals als asexuell gedachten Reich der Flora ein. Infolgedessen ließen sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Blumen- und Pflanzenmetaphern nicht mehr abgelöst von ihren geschlechtlichen Konnotationen verstehen. Während für die erste Phase der literarischen Botanik (1770–1820) Fragen nach der Zeichenhaftigkeit von Pflanzen und deren sprachlicher Ordnung im Fokus stehen, in der zweiten Phase (1820–1860) die Thematik der Beseelung und in der dritten die Sexualität (1890-1930), so zeichnet sich die vierte, bis in die Gegenwart reichende Phase durch die Betonung des Raumes aus, genauer gesagt durch eine enge Verbindung zwischen Pflanzen und Territorien.

Anhand einer unterschiedlichen Bereichen entstammenden Textauswahl – vielfach kleine Formate bzw. hybride Textgattungen, autobiographische Gartenbücher, Almanache, Kalender, populäre Zeitschriften des 19. Jahrhunderts, botanische Handreichungen, Erzählungen und Essays –, die den Zeitraum von 1700 bis zur Gegenwart abstecken, werden Pflanzen als komplexe Wissensfiguren untersucht, die in historisch variierender Gewichtung Vorstellungen von Sprache, Ordnung und Geschlecht verhandeln und ausstellen. Die Verbindung der Pflanzen mit der Sprache zeigt sich dabei in der Häufigkeit ihrer metaphorischen Verwendung sowie in Begriffen und Redewendungen, z. B. »Floskeln« (von »flosculum«), »etwas durch die Blume sagen«, »blumige Rede«, »Blütensammlungen« (Übersetzung von »Florilegien«).

Dr. Kranz untersucht also die Herausbildung eines Pflanzen-Wissens in dichterischen Verfahren, die nicht auf disziplinäre Kontexte beschränkt sind, sondern sich vielmehr im ständigen Austausch zwischen Literatur und Naturwissenschaft beobachten lassen. Die leitende These postuliert, dass die beiden skizzierten Wissenssysteme der Botanik und der Literatur verschränkt sind.