Die Mehrsprachigkeit der Wiener Avantgarden. Ein Lehrstück transnationaler Kulturforschung

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Sabine Müller

Projektlaufzeit: 1. 3. 2019 – 28. 2. 2020

Fördergeber:
Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7)

In der internationalen Avantgardeforschung finden Verflechtungen zwischen Medien und Kunstgattungen sowie transnationale Transfer- und Netzwerkprozesse zunehmend Berücksichtigung. Dennoch ist ein Großteil der Forschung aufgrund der Komplexität der untersuchten ästhetischen Praktiken stark formorientiert und – insbesondere beim Blick auf die (Neo-)Avantgarden nach 1945 – werkimmanent ausgerichtet. Dies erhöht das Risiko der impliziten Affirmation nationalphilologischer Prämissen und erschwert Brückenschläge zu kultur-, sozial- und stadtgeschichtlichen Ansätzen. An ebendiesem Punkt setzt das vorliegende Projekt an. Sein zentrales Anliegen ist es, die Wiener Avantgarden in die Tradition interdisziplinärer, kulturwissenschaftlicher Moderneforschung einzurücken und als Modellfall postnationaler Avantgardeforschung zu nutzen.

Das Projekt schließt hierfür an jene einschlägigen kulturwissenschaftlichen Studien an, die in den letzten Jahren den Blick auf die Wiener Moderne um 1900 – die Vorgeschichte der sich nach 1945 formierenden (ersten) Wiener Avantgarden – maßgeblich erweiterten. Die unter den Stichworten „Das andere Wien um 1900“ und „Habsburg, postkolonial“ international bekannten Forschungsansätze erinnern Wien als Schauplatz eines besonderen kulturellen Erbes. Sie wiesen nach, dass es der mehrsprachige, multiethnische und plurikulturelle Hintergrund der „Habsburg Central European Experience“ war, der die kulturellen Innovationen des Wiener Fin de Siècle ermöglichte. Und sie zeigten auf, dass die aus dem politischen System der habsburgischen Vielvölkernation und seiner Binnenmigration resultierende, spezifisch polyphone Popularkultur für diese Entwicklung von zentraler Relevanz war. Vor diesem Hintergrund rekonstruierten die angesprochenen Forschungen Wien als Labor einer alternativen Geschichte der Modernisierung und Nationalisierung, die – im europäischen Vergleich – besondere Chancen, aber auch besondere Gefahren mit sich brachte und noch bringt.

An diesen Befund einer zweifachen, multilingualen und popularkulturellen Besonderheit der Kulturgeschichte Wiens schließt das Projekt an. Es plädiert dafür, abstrakte Begriffe von Sprache und Zeichen zugunsten eines Zugangs zu erweitern, der nicht am Ideal einsprachig geprägter Nationalkulturen, sondern an der Realität mehrsprachiger Lebenswelten Maß nimmt. Dies verlangt, das mit den multilingualen Bedingungen verwobene Spannungsfeld von Sprachenkampf und Nationalismus einerseits, Sprachenvielfalt und Sprach(en)reflexion andererseits, mit zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund soll mit exemplarischem Fokus auf die ästhetischen Strategien der Wiener Gruppe (Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener) die zentrale Funktion mehrsprachiger und popularkultureller Traditionen und Kontexte für die Produktion avantgardistischer Literatur aufgezeigt werden.

Dieser Zugang ist in eine transnational vergleichende Perspektive eingebettet. Sie wird dadurch unterstützt, dass das Projekt in Verbindung mit dem europäischen Forschungsnetzwerk ENAG European Neo-Avant-Gardes durchgeführt wird. So stellen etwa die Wiener, die flämischen und die Pariser Avantgarden im Spannungsfeld von Nationalismus, Sprachenkampf und Mehrsprachigkeit lehrreiche, sich signifikant unterscheidende, komparatistisch wertvolle Modellfälle dar. Um diese Zusammenhänge (auch mit Blick auf zukünftige, internationale Forschungskooperationen) exemplarisch zu untersuchen, werden Methoden der Cultural und der Postcolonial Studies sowie der Narratologie eingesetzt. Sie ermöglichen die Analyse komplexer literarischer Formen unter Miteinbeziehung kulturwissenschaftlich relevanter, historischer Kontexte und eröffnen damit neue Perspektiven auf die Geschichte der internationalen Avantgarden.