Zentren / Peripherien

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Wolfgang Müller-Funk

Projektlaufzeit: 36 Monate ( 01.01.2004-31.12.2006)

Fördergeber: FWF Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 16511)

Ziel des Forschungsprojekts war die Erforschung der diversen „Räume“ der Habsburger Monarchie zwischen 1867 und 1918, wobei im Anschluss an den „spatial turn“ von einer Überlagerung verschiedener räumlicher Aspekte – territorialer und symbolischer Räume – ausgegangen wurde. Auch wurden jene Konzepte und Strategien der räumlichen Organisation und Konstruktion berücksichtigt, die für die Themen Reisen, Migration und Geschlechterkonstruktionen sowohl in Zentren wie in Peripherien relevant sind.

Die transdisziplinären und spezifisch kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu Fremd- und Selbstbild, Erinnerung und Geschlecht, wie sie im Vorgängerprojekt (Herrschaft, ethnische Differenzierung und Literarizität. Fremd- und Selbstbilder in der Kultur Österreich-Ungarns 1867-1918) analysiert wurden, konnten nun verfeinert und konkretisiert werden. In Methodenworkshops zu den Themen Migration, Gender Studies sowie Raum und Ort wurde in intensiver Zusammenarbeit im Team die Forschungsarbeit vertieft und transdisziplinär ausgeweitet, wodurch sich sehr konkrete Themenvorgaben für die einzelnen ForscherInnen ergaben: die Migrationsbewegung nach Wien aus dem südslawischen Raum, Genderkonstruktionen von Binnenmigrantinnen, Donaudiskurse, Montenegro-Bilder in deutsch-österreichischen literarischen Texten bzw. Österreich-Bilder in Bonsien-Herzegowina sowie die Ethnographie der Bukowina. Durch die stärkere Berücksichtigung von Geschichtswissenschaft und Europäische Ethnologie sowie eine gezielte Einladungspolitik für die Abschlusskonferenz konnte das transdisziplinäre Profil des Projekts gestärkt werden.

Die Ergebnisse unterscheiden sich sowohl von rein literaturwissenschaftlichen Untersuchungen durch ihre stärkere Einbeziehung des zeitgeschichtlichen Kontextes als auch von gängigen ideen- und ereignisgeschichtlich orientierten Untersuchungen zum Themenbereich. Während des Forschungsprojekts wurden bislang zwei Bände publiziert, die sich zum einen mit den Frauenbewegungen in der Habsburger Monarchie sowie mit der Spannungslage von Zentren und Peripherien beschäftigen.
Die zahlreichen Einladungen zu internationalen Konferenzen sowie die Resonanz auf die Forschungsbände (der Band über Zentren/Peripherien erscheint demnächst in einer Zweitauflage) zeugen von der Relevanz der im Projekt bearbeiteten Fragestellungen. Das Forschungsprojekt hat dabei unter Beweis gestellt, dass im Hinblick auf das vorgegebene Forschungsthema eine fächerübergeifende, kulturwissenschaftlich orientierte Herangehensweise imstande ist, einen relevanten Beitrag zu einem neuen und differenzierten Bild zu leisten.

Das Forschungsthema ist, wie auch die zahlreichen Kontakte mit ausländischen Einrichtungen und KollegInnen zeigen, heute eines der relevanten Forschungsthemen mit speziellem Österreich-Bezug in diesem transdisziplinären Bereich. Dabei sind sowohl die Eröffnung neuer Zugänge als auch neue Forschungsergebnisse – etwa im Bereich der Geschlechter- und Migrationsforschung, aber auch im Hinblick auf die Analyse peripherer Räume (Bukowina, südosteuropäischer Raum) – von Belang.
Es liegen sechs monographische Arbeiten zu Detailgebieten vor, in denen das Material entsprechend dem heutigem Stand in den Kulturwissenschaften sondiert und formatiert ist. Erwähnt seien hier noch einmal Begriffe wie Raum, Grenze, Identitätskonstruktion, Zentrum und Peripherie. Von all diesen Einzelbeiträgen lässt sich sagen, dass sie Neuland betreten und einen gewichtigen Beitrag zu einer spezifisch österreichischen Kulturwissenschaft leisten. Was in den Forschungsbänden zum Ausdruck kommt, ist, dass die Gruppe imstande ist, ihre methodischen Vorgaben -das Beispiel postcolonial theory sei hier erwähnt – zu modifizieren und zu differenzieren.

Die politische Bedeutung des Forschungsthemas besteht vor allem in:

  • wissenschaftspolitisch in der verstärkten Kooperation mit ausländischen Universitäten in West- , vor allem aber auch in Zentraleuropa.
  • im Hinblick auf die europäische Integration in der gleichberechtigten Einbeziehung der neuen Demokratien Zentraleuropas in diesen Prozess.
  • in der Überwindung traditioneller nationalistischer Diskurse, wie sie noch heute im medialen Bereich anzutreffen sind.