Werner Welzig (1935-2018)

Das Institut trauert um Werner Welzig (1935–2018), der hier von 1968 bis zu seiner Emeritierung 2003 als Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte gelehrt hat. Werner Welzig, verstorben am 26. Februar 2018, war für Generationen von Studierenden ein strenger, aber inspirierender Lehrer, für seine Kollegen und Kolleginnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein Wissenschaftsorganisator von hohen Graden und ein Rhetoriker, der seinesgleichen suchte. Seine wissenschaftlichen Verdienste als Editor (von Erasmus bis Arthur Schnitzler), als Literaturhistoriker (von der Barockpredigt bis zum Roman des 20. Jahrhunderts) und als Idiomatiker und Lexikologe (Karl Kraus) haben den Grund gelegt für sehr viele Schüler und Schülerinnen, die seinen Themen in Dissertationen und Habilitationen nachgegangen sind. Ab 1983, seit er als Sekretär, und ab 1991, seit er als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften amtierte, hat er seine Arbeitskraft sowohl seinen universitären Verpflichtungen als auch seinen zukunftsweisenden Entscheidungen hinsichtlich der Neuorientierung der Akademie gewidmet. Er war eine prägende Instanz, die manchmal kontroverse, manchmal einhellig zustimmende Reaktionen auf seine Ideen und Konzepte hervorgerufen hat. Er war „old school“ in einem besonderen Sinn: Für ihn gab es eine Hierarchie von Ideen, von Tätigkeiten und Funktionen, die zu einer Steigerung wissenschaftlicher Errungenschaften beitragen sollten. Seine Leistungen für die akademische Landschaft Österreichs werden unvergessen bleiben.

Im Namen des Instituts: Konstanze Fliedl

 

Werner Welzig wuchs in Bad Aussee und Gmunden auf, wo er mit Auszeichnung maturierte. Anschließend studierte er an der Univ. Wien, mit einem zwischenzeitlichen Gastsemester in Paris, Germanistik und Geschichte. 1958 promovierte er bei Moriz Enzinger mit der Dissertation „Heine als Dichter der Sentimentalität“ und habilitierte sich nach mehreren Assistentenjahren 1963 bei Hans Rupprich mit der Arbeit „Beispielhafte Figuren. Tod, Abenteurer und Einsiedler bei Grimmelshausen“. Nach einer Gastprofessur an der University of Southern California wurde er 1968 zum Ordentlichen Professor für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Univ. Wien berufen. Nach einem Jahr als Vorstand des Germanistischen Instituts leitete er 1973/74 als Dekan die Philosophische Fakultät der Univ. Wien und wurde fast gleichzeitig 1972 zum korrespondierenden und 1973 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt, der er 1983-1991 als Generalsekretär und von 1991 – 2003 als Präsident vorstand. In diesen Jahren hat er Struktur und Funktion der Akademie entscheidend erneuert: Die Anzahl der Kommissionen wurde verringert, deren Arbeit besser koordiniert und alle Institute evaluiert, was auch zur Schließung einiger Einrichtungen führte. Dafür wurden mehrere neue naturwissenschaftliche Institute gegründet (Molekulare Medizin, Biotechnologie, Pflanzenbiologie, Quantenoptik und Quanteninformation). 1976-2003 wirkte er als Obmann der von ihm gegründeten „Kommission für literarische Gebrauchsformen“ und war seit deren Schließung im Jahr 2003 Obmann der „Kommission zur Herausgabe eines Textwörterbuches der FACKEL“, die 2012 nach seinem Wunsch als Arbeitsgruppe in das  „ICLTT – Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie“ integriert wurde. Außerdem war Welzig u.a. Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.

Werner Welzigs literarische Forschungsinteressen reichten vom 16. bis ins 20. Jahrhundert,  nach denen er auch seinen akademischen Unterricht und seine wissenschaftlichen Publikationen ausrichtete. Als „Jugendwerk“ gilt sein literarhistorischer Überblick „Der deutsche Roman des 20. Jahrhunderts“. Stuttgart: Kröner 1967, 2.erw. Aufl. 1970. Größere Unternehmungen sind ferner die Editionen „Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften“. 8 Bde. Lat. u. Dt. Darmstadt WBG 1968-1980, „Adalbert Stifter: Die kleinen Dinge schrein drein. 59 Briefe.“ Frankfurt/Main u. Leipzig: Insel Verlag 1991, „Arthur Schnitzler: Tagebuch 1879-1931“.10 Bde. mit Gesamtverzeichnis und Beiheft. Wien: Verlag ÖAW 1981-2000. Hervorzuheben sind mehrere analysierende Fachbibliographien zu einer nach Welzigs Überzeugung „zu Unrecht vergessenen Textsorte“: u.a. „Katalog gedruckter deutschsprachiger Predigtsammlungen 1557-1848“. 2 Bde. Wien: Verlag ÖAW 1984-1987 sowie „Predigten der Barockzeit: Texte und Kommentar (kath. und prot.)“ Wien: Verlag ÖAW 1995. Dazwischen entstanden literarhistorische Arbeiten zum Typus der deutschen Balladenanthologie und zu Elementen autobiographischer Erzählung bei Grillparzer und Kafka. Sein „Alterswerk“ bilden drei umfangreiche Arbeiten zu Karl Kraus: „Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel.“ Textwörterbuch mit 144 Artikeln. Wien: Verlag ÖAW 1999. Ferner „Schimpfwörterbuch zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel. Alphabetisches, Chronologisches, Explikatives“. 3 Bde. Wien: Verlag ÖAW 2008. Das dritte Projekt, eine editionsphilologische Untersuchung zur Dritten Walpurgisnacht, konnte leider nicht mehr vollendet werden.

Als bleibendes Verdienst Werner Welzigs wird die in seiner Amtszeit als Präsident durchgeführte Neuorganisation der Akademie der Wissenschaften in Erinnerung bleiben. Im Institut für Germanistik versuchte er sich als „Mann der Ordnung“ zu profilieren und dadurch die an einem Großinstitut zwangsläufig auftretenden Konflikte möglichst auszugleichen, was im Kreis seiner Kollegen und engeren Mitarbeiter vielleicht nicht immer ganz kritiklos wahrgenommen wurde. Trotzdem erwies er sich vor allem den Letzteren gegenüber als grundsätzlich verständnisvoller und in schwierigen Situationen auch als spontan hilfsbereiter Vorgesetzter. Und als solcher soll er in unserer Erinnerung weiterleben.

Robert Pichl

 

 

„… Solche Trennungen und Grenzen zu überwinden, war immer eine Leistung der Wissenschaft, der Geisteswissenschaften ebenso wie der Naturwissenschaften. Wo Wissenschaftler mit Phantasie und Einsatz an der Arbeit sind, wird sie es auch in Zukunft bleiben.“
Rede vom 13. Mai 1992 · S. 31, Zeile 284-289.

Werner Welzig Worte
28 Reden und 30 Register
Herausgegeben von Hanno Biber, Irma Boom und Evelyn Breiteneder
Academiae Corpora der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Bestand im Österreichischen Bibliotheksverbund
Bestand an der Universitätsbibliothek Wien

 

Erinnerungen und Würdigungen können an Roland Innerhofer gesendet werden.