Studentisches Beispiel für Rezension
Ein Student hat im ersten Semester des Geschichtestudiums entlang dieser Leitfragen folgende Rezension zum Artikel Karazman-Morawetz, Arbeit, Konsum und Freizeit verfasst:

Karazman-Morawetz, Arbeit, Konsum und Freizeit im Verhältnis von Arbeit und Reproduktion, in: Reinhard Sieder, Heinz Steinert u. Emmerich Tálos, Hg., Österreich 1945-1995. Gesellschaft, Politik, Kultur, Wien 1995, 409-425.

Karazman-Morawetz offenbart sich in ihrer ausführlichen Darstellung der Veränderungen in Arbeit und Reproduktion als explizite Anhängerin der Theorie des Fordismus. Sie präsentiert ihn mit seinen Vor- und Ausläufern seit 1945 und spricht ihm eine immanente Verbindung zum „impliziten Arbeitsvertrag“ und der Arbeitsmoral zu. Dieses Modell wendet sie sodann auf die Gesellschaftsentwicklung der Nachkriegszeit ganz allgemein an.

Die Autorin schreibt dieser Verbindung den steigenden Wohlstand und die bis dahin ungekannte soziale Sicherheit der Nachkriegsgesellschaft, sowie eine gewisse Nivellierung der sozial-historischen Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten, beziehungsweise zwischen Selbst- und Unselbstständigen ebenso zu, wie er ihr auch als Erklärungsmodell für heutige negative ökonomische und ökologische Trends dient, wie steigender Konkurrenzdruck am Arbeitsmarkt, das Gefühl der Überforderung, an dem der moderne Mensch leidet, die sich auflösende soziale Sicherheit, die zunehmende Umweltverschmutzung. Auch heutige soziale Bewegungen, wie vermehrte Ausländerfeindlichkeit des noch die Vorteile des fordistischen Modelles genießenden Teiles der Bevölkerung, der sich in seinen Forderungen bedroht fühlt, Sockel- und Langzeitarbeitslosigkeit, den allgemeinen Typus des Wohlstandsverlierers sieht Karazman-Morawetz im herrschenden Produktionsmodell, beziehungsweise im Übergang vom einen zum anderen begründet. Als historische Beispiele dazu führt sie die Anfeindungen an, denen die „Jungen Wilden“, die Vorreiter der fordistischen Phase, in den frühen 50er Jahren ausgesetzt waren, ebenso wie die Proteste der 68er-Generation gegen Ende des Fordismus.

Aber es seien auch manche Dinge über die wechselnden Phasen der Produktions- und Produktivitätssteigerung hinweg gleichgeblieben: So führt die Autorin Statistiken an, die den Gemeinplatz vom „Trend zur Freizeitgesellschaft“ (Karazman-Morawetz S. 416) widersprechen und belegen, dass es etwa seit 1975 zu keiner realen Arbeitszeitverkürzung mehr gekommen ist. Auch die tatsächliche erwerbsarbeitsfreie Zeit ist ihrer Argumentation zufolge keineswegs „Mußezeit“ (ebda S. 416), sondern geht gemäß des Fordismus, der vermehrte Leistungsbereitschaft mit vermehrten Konsummöglichkeiten belohnt, in Verpflichtungen, wie außerhalb der bezahlten Realarbeitszeit absolvierte Fortbildung, die erneut der Produktivität des Arbeitenden zugute kommt auf. Allerdings gesteht sie auch dem privaten Leben steigende Bedeutung zu, ebenso wie dem Wunsch der Arbeitenden nach Verwirklichung ihrer Selbst im Beruf.

Karazman-Morawetz schreibt die Veränderungen, die sie in ihrem Text behandelt also den Übergängen zwischen den einzelnen Produktionsphasen zu, wobei sie meiner Ansicht nach dazu tendiert, die Initiative für alle diese bedeutenden Umwälzungen zu sehr der Unternehmerseite zuzuschreiben, die die Arbeiter einfach besser entlohnt hätte, um einen neuen attraktiven Markt zu erhalten und stellt die Arbeitenden als mehr oder weniger willige Objekte dieses Modells dar.

Ihren Thesen dient ausführlichstes Datenmaterial des ÖSTAT zur Bestätigung, das jedoch im ersten Teil des Aufsatzes sehr gehäuft und ohne fassbare Erklärungen für das Auftreten der daraus abgeleiteten und beschriebenen Tendenzen des Einkommens- und Produktionswachstums auf den Leser einstürzt. Vielfach werden Zahlen einfach Zahlen gegenüber gestellt und praktisch im luftleeren Raum hängen gelassen. So gibt Karazman-Morawetz beispielsweise auf den Seiten 413/14 statistisches Belegmaterial zum Siegeszug des Fernsehens an, das, wie beiläufig erwähnt wird, anders als Geschirrspülmaschinen oder Stereoanlagen sich schichtübergreifend in den österreichischen Haushalten ausbreitete, aber zu meinem Bedauern wird dieses durchaus interessante Detail keiner Interpretation gewürdigt. Dem Tourismus widerfährt auf Seite 414 das gleiche Schicksal, was in der Schwerpunktsetzung des Aufsatzes begründet sein dürfte, aber dennoch ein Gefühl des nicht gestillten Appetits zurücklässt.

Die aufgeführten Statistiken stammen aus verlässlicher Quelle (ÖSTAT) und sind, wo sie interpretiert werden, absolut nachvollziehbar, was für die gegen Ende des Textes eingebrachten, etwas unmotiviert wirkenden Fotos weniger gilt. Diese sind Fremdkörper, die weder irgendetwas gut illustrieren, noch im Text selbst irgendeine Interpretation finden.

Die Argumentation ist logisch durchdacht und strukturiert, da immer wieder die Grundthesen der Verbindung von Arbeitsmoral, Produktionsweise und Gesellschaftsstruktur aufgegriffen wird. Dennoch mangelt es der Arbeit meiner Meinung nach an Originalität, da sie abgesehen von einer Unzahl im Einzelnen sicherlich mühsam zu beschaffender Zahlen kaum etwas aufgreift und weiter ausführt, das nicht Allgemeingut wäre, von dem ich also nicht überzeugt zu werden brauche.

Insgesamt erhebt Krazman-Morawetz‘ Aufsatz keinen Anspruch auf breite Öffentlichkeit. Dementsprechend wenig literarisch fallen auch der Aufbau und die Formulierung aus, was den Leser zu genauerer Auseinandersetzung mit dem Text herausfordert. Er lässt sich als kompakte Ansammlung von Zahlenmaterial verwenden, weshalb ich ihn StudienanfängerInnen als Nachschlagequelle zum Thema Konsumgeschichte empfehlen würde, auf der aufbauend aber noch weitere Erklärungs- und Interpretationsarbeit geleistet werden muss.

Gregor Haberl

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