ANTIKE- Weltbilder im antiken Griechenland
Eva Demelmair
Attribute

Im antiken Griechenland befassten sich vorwiegend Philosophen und Gelehrte mit der Kartographie, wobei heute nur noch die Texte erhalten sind, die die Geographie beschreiben, nicht aber die Karten selbst. Der geometrisch-kartographische Blick auf die ganze Welt war noch sehr schematisch. Der erste Entwurf einer Weltkarte wird Anaximander von Milet zugesprochen, der in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. lebte. Sein Schüler Hekataios mit den ungefähren Lebensdaten 560 bis 480 v. Chr. soll diese Karte präzisiert und mit empirisch ermittelten Namen und Daten, sowie mit Kommentaren ausgefüllt haben (Gehrke 2009, 25). Beide Karten sind jedoch nicht mehr erhalten und nur aus schriftlichen Berichten bekannt. Kennzeichnend für die Weltanschauungen des Anaximander und Hekataios sind die kreisrunde Scheibengestalt der Erde und die Zweiteilung der Erde in Europa und Asien. Der folgende Link zeigt eine Rekonstruktion der Weltkarte des Hekataios:

Weltbild des Hekataios von Milet

Wie aus dieser Rekonstruktion deutlich hervorgeht, gab es nach der Vorstellung des Hekataios lediglich zwei Kontinente, wobei er Afrika (Libyen) als Teil von Asien betrachtete. Darüberhinaus ging er davon aus, dass sich in der kreisrunden Erdscheibe ein "inneres Meer", das Mittelmeer, befindet und dass ein „äußeres Meer", der Okeanos, die bewohnte Welt (oikumene) umgibt . Den Nil stellte sich Hekataios als eine Verbindung zwischen Okeanos und Mittelmeer vor. Er teilt Asien ähnlich wie der Istros (die Donau) Europa in zwei Hälften (Wittke 2007, 4). Die Heimatstadt des Hekataios, Milet, liegt im Mittelpunkt dieses Weltbildes.

 

Auf die Weltkarte des Hekataios stützte sich u.a. Herodot in seiner Weltbeschreibung. Seine Historien, in welchen er die Kriege der Griechen und Perser zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Form einer Universalgeschichte schildert, bringen die Vorstellungen, die er sich von der Welt gemacht hat, zum Ausdruck. Unter anderem unternahm Herodot auch den Versuch einer geographischen Bestimmung Europas, wobei ihm der Westen und Norden dieses Kontinents noch kaum bekannt waren. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Herodot, bzw. die Bewohner des antiken Griechenlands im Allgemeinen, noch keine Beziehung zu Europa hatten, d.h. dem Europabegriff im Sinne eines Topos kam in der Antike noch keine Bedeutung zu.

Weltbild des Herodot (ca. 485- 424 v. Chr.)

Herodots Weltbild unterscheidet sich wesentlich von dem des Hekataios, da er dem Kontinent Europa eine überragende Größe zuschreibt, sodass dieser Asien und Libyen an Landmasse übertrifft. Dies ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass er die Grenze zwischen Europa und Asien von Westen nach Osten zieht, wodurch die Ausdehnung Europas beträchtlich zunimmt. Die Grenze verläuft hier durch das "hellenische Meer" über Propontis (das heutige Marmarameer) weiter über den Bosporus ins Schwarze Meer bis ins Kaspische Meer. Dies zeigt deutlich, dass politische und ideologische Erwägungen Einfluss auf die geographische Darstellung der Welt nehmen können. Denn zusätzlich zur geographischen Abgrenzung Europas kommt in Herodots Historien auch ein kultureller Gegensatz zwischen Europa und den Barbaren des Ostens zutage.

 

Die von Hekataios vertretenen Annahmen über die kreisrunde Gestalt der Welt und deren Insularität wurden von Herodot aufgegeben. Sein Weltbild ist nicht mehr kreisförmig und der Okeanos umschließt lediglich Asien und Libyen im Süden. Ob Europa im Norden von einem Meer umschlossen ist, kann Herodot nicht klar beantworten und auch über die Gestalt des kalten Nordens kann er aufgrund dessen Unzugänglichkeit wenig sagen. (Bichler, 2000, 19f.)



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