Gatterer, Johann Christoph
Kontexte

* 1727, Lichtenau bei Nürnberg
+ 1799, Göttingen

Johann Christoph Gatterer ist schon als Kind von allen Arten historischer Forschungen fasziniert. Aus eher einfachen Verhältnissen stammend, muss er sich höhere Schulbildung und Studium in Nürnberg und Altdorf mit eigener Arbeit und gegen den Widerstand seines Vaters, eines Soldaten, erkämpfen.

1752 habilitiert er sich in Altdorf mit einer Vorstudie zu einer umfassenden "Germania Sacra", einer Geschichte der deutschen Reichskirche, es folgen Anstellungen als Gymnasiallehrer und ein Lehrauftrag am Auditorium Aegidianum in Nürnberg.

Seine in dieser Phase entstandene Geschichte des Nürnberger Patriziergeschlechts Holzschuher, eigentlich eine Auftragsarbeit, verschafft ihm ihn weit über Nürnberg hinaus ein Renommee als exzellenter Genealoge und Urkundenkenner. Dieses Prestige, und sein Ruf als äußerst engagierter und mitreißender Lehrer, verschaffen ihm 1759 einen Ruf als ordentlicher Professor für Geschichte und Philosophie an die Universität Göttingen, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehat.

Inner-universitäre Kompetenzstreitigkeiten halten ihn davon ab, die von ihm angestrebte Gesamtgeschichte - seit Entstehung der Welt - zu lehren. Er zieht sich auf einen Fächerkanon zurück, den er - als erster - die "Historischen Hilfswissenschaften" nennt: Diplomatik, Heraldik, Chronologie, Numismatik und Genealogie, aber auch Geographie, sowie "allgemeine Völker- und Menschengeschichte". Mit einer Reihe von kompendien-artigen Lehrbüchern gibt er den Einzeldisziplinen und dem Gesamtensemble die Gestalt, die sie bis zum Aufstieg der "neuen", historistischen Geschichtswissenschaft behalten.

In seinen hilfswissenschaftlichen Werken weigert sich Gatterer beharrlich, seinen Gegenstand thematisch oder zeitlich einzugrenzen, stets will er umfassende, universale und systematische Darstellungen ganzer Disziplinen schaffen. Noch ganz dem aufklärerischen Wissenschafts- und Geschichtsbild verhaftet, sieht er in der Geschichte wie in ihren materiellen Überresten weniger Entwicklungslinien und Eigenheiten, sondern ein geordnetes System, dessen Regeln und Erscheinungen man durch möglichst genaues Einteilen erschöpfend darlegen kann.

Dabei ist Gatterer als Hochschullehrer ein begnadeter und hochgeachteter Didaktiker, der es versteht, seine eigenen ausufernden Systeme in seinen Vorlesungen plausibel und nachvollziehbar zu machen. Seine Lese- und Analyseübungen, die er anhand seiner privaten Sammlung von Urkunden, Siegeln und anderem Beispielmaterial abhält, sind bei Studenten überaus beliebt und sichern ihm schon zu Lebzeiten bleibende Bekanntheit.


<<Cencetti, Giorgio  ||  Kehr, Paul Fridolin>> 
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