Lehmann, Paul
Kontexte

* 1884
+ 1964

Paul Lehmann war einer der prägenden Persönlichkeiten der Münchener Schule der Paläographie.
Unterrichtet hauptsächlich von Ludwig Traube, wurde der aus eher ärmlichen Verhältnissen stammende Braunschweiger Kaufmannssohn bei Traubes Tod im Jahre 1907 als zu jung für dessen Nachfolge angesehen; er erhielt seinen Lehrstuhl erst 14 Jahre später.
Bis dahin arbeitete er - gefördert vom Kreis der übrigen Traube-Schüler und -Freunde - als Redaktor der Mittelalterlichen Bibliothekskataloge und war mit dem Sammeln alter Bücherverzeichnisse und bibliotheksgeschichtlichen Materials beschäftigt, so dass er weite Teile Süddeutschlands und der Schweiz bereiste. Das Ziel dabei war eine Verbindung der jeweiligen Bibliotheksgeschichte mit der Paläographie und der Überlieferungsgeschichte, um das gesamte Schrift- und Buchwesen der einzelnen Stätten in ihrer historischen Entwicklung nachzuzeichnen.

Lehmann vertrat stets die vierteilige Konzeption Traubes (Schrift, Sprache, Überlieferungsgeschichte, Literaturgeschichte). Aber während jener beim frühen Mittelalter stehen geblieben war, betrachtete Lehmann das ganze Mittelalter als Domäne seiner Wissenschaft und wandte sich als erster Mitteleuropäer auch Skandinavien zu: „Nach und nach erlernte ich gründlicher die hoch- und spätmittelalterliche Paläographie und wurde überhaupt mit dem Geistesleben des ganzen Mittelalters von 500 bis 1500 vertrauter; ich begann auch die literarische Überlieferungsgeschichte über das Antike und Biblisch-Patristische auf die gesamte mittellateinische und im Mittelalter den Lateingelehrten bekannte Literatur auszudehnen.“

Traube fühlte er sich zeit seines Lebens eng verbunden, wenngleich er nach eigener Aussage sonst oft unter Einsamkeitsgefühlen litt. Von den ausländischen Traube-Schülern entfremdete er sich im III. Reich durch seine Weigerung, eine Petition zugunsten eines ins Konzentrationslager deportierten Kollegen zu unterzeichen. Lehmann scheint, wie er selber nach Kriegsende erklärte, politisch desinteressiert gewesen zu sein. Er verstand es jedoch, sich unter geschickter Präsentation seiner Tätigkeit im III. Reich die Förderung zahlreicher Forschungsreisen zu sichern, auf die er angewiesen war. Ebenso gelang es ihm nach Kriegsende, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.

Der Zweite Weltkrieg hatte ihm allerdings einen Unglücksfall eingebracht, von dem er sich niemals erholen sollte: 1944 hatte er durch einen Bombenangriff sein Hab und Gut einschließlich sämtlicher Manuskripte und Notizen verloren - durch Jahrzehnte hindurch verfolgte Arbeitspläne waren damit gescheitert. 1953 schließlich emeritierte Lehmann und betreute fortan bis zu seinem Tod das Mittellateinische Wörterbuch.

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