Tangl, Michael
Kontexte

Michael Tangl

* 26. Mai 1861 Klagenfurt
† 7. September 1921

Auf Wunsch seiner Eltern begann Tangl ein Jurastudium in Wien. Er erkannte sein historisches Interesse und studierte seit dem Wintersemester 1882/83 ausschließlich Geschichte. Von 1885-87 absolvierte er den Institutskurs.

1888 brach er nach Rom an das Instituto Austriaco di studi storici auf. Dort untersuchte er unter Ottenthals Anleitung den vatikanischen Archivbestand und stieß auf das Thema der Papstgeschichte und insbesondere auf die Geschichte der päpstlichen Kanzlei. Nach Ottenthal bekam Tangl im März 1888 dessen Aufgabe der stellvertretenden Leitung.

1889 war er mit Sickel in weiteren römischen Archiven unterwegs. Tangl sammelte Material über das Taxwesen der Päpste, das sein Promotionsthema werden sollte (Promotion 23.12. 1889). Er bereiste die verschiedensten italienischen Archive in Siena, Florenz, Bologna und Venedig, und erkannte die Notwendigkeit einer Neubearbeitung des 'Liber Cancellariae'. Dieser Aufgabe widmete er sich, bis 1894 die Abhandlung über 'Die päpstlichen Kanzleiordnungen von 1200 bis 1500' herausgegeben wurde.

Noch 1889 wurde er als Verwaltungsarchivar im österreichischen Innenministerium tätig. Sein Arbeitsfeld drehte sich um Polizeiakten, zudem nahm er eine Neuordnung des Archivbestandes vor. 1892 wurde er zum Kanzlisten befördert. Bald danach wurde er Konzipist im k.u.k.-Finanzministerium. Diese Posten konnten ihn nicht befriedigen.

1891 war er zur Vorbereitung seiner Habilitation (1892) erneut in Rom. Parallel dazu beteiligte er sich als Mitarbeiter der MGH an Mühlbachers Ausgabe der Karolingerurkunden. Tangl sollte nach Mühlbachers Tod 1903 letzte Hand an die Edition legen und sie zum Druck führen (1906). Seit seiner Beteiligung an diesem MGH-Auftrag verlagerte sich Tangls Forschungsschwerpunkt auf die Epoche der Karolinger.

1895 erhielt er eine außerordentliche Professur in Marburg und wurde Direktor des hilfswissenschaftlichen Seminars. Tangl wollte, wie Kehr, in Deutschland eine dem Wiener Institut ähnliche Schule gründen. Der Grundstein war mit der 'Archivschule' gelegt, doch die Verbindung von Universität und Archivarsausbildung trennte sich wieder.

Im Jahr 1897 übernahm Tangl einen Lehrstuhl in Berlin. Hier fand er die Verbindung zu preußischen Archiven und zur MGH. Auch ihm mißlang der Versuch der Gründung eines zu Wien vergleichbaren Historischen Instituts. Dennoch nutzte er die ihm gebotenen Bedingungen, um Forschung und Lehre zu vereinen.

1902 wurde Tangl Mitglied der MGH-Zentraldirektion. Er leitete die Abteilung Epistolae und zwei Jahre später die der Abteilung Diplomata I.

1908 war er Gründungsmitglied der Zeitschrift 'Archiv für Urkundenforschung', die als Bekenntnis zu einer über rein formale Diplomatik hinausgehenden Urkundenforschung betrachtet werden kann.

In der Lehre bezog Tangl stets den allgemeinen historischen Rahmen in die diplomatischen Betrachtungen mit ein und versuchte die Verbindung von formalen Kriterien und sachlicher Verwertung des Rechtsinhalts. Er versuchte seinen Schülern trotz prinzipieller Konzentration auf die Diplomatik eine grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen Disziplinen zu vermitteln. Auf diese Weise konnte Tangl die erlernte diplomatische Methode, die vorher in Deutschland keine Basis hatte, in Berlin etablieren und es entwickelte sich eine sog. 'Tangl-Schule'. Mittelpunkt dieser 'Tangl-Schule' stellte das Hilfswissenschaftliche Seminar dar, das durch Einbeziehung der Archivarausbildung und der Verbindung zu den MGH vervollständigt wurde. Tangl galt als wahrer Kenner der tironischen Noten, einer altrömischen Kurzschrift. Hierin übertraf er sogar Theodor Sickel. Er widmete sich der Itinerarforschung und untersuchte Urkunden nach Empfängergruppen. Ab etwa 1910 forschte er vorrangig auf dem Gebiet der Briefe.

Michael Tangl vereinigte die beiden parallel, nicht in Konkurrenz zueinander existierenden Schulen der österreichischen Hilfswissenschaften, einmal die formale Schule Theodor Sickels, seinem wichtigsten Lehrer und dann die rechtshistorische Schule Julius Fickers, die er über Mühlbacher vermittelt bekam.


<<Stengel, Edmund E.  ||  Traube, Ludwig>>