Clermont-Tonnerre: Rede (1789)
Rede vor der Nationalversammlung vom 23. Dezember

"Indem ihr in der Deklaration der Menschenrechte erklärt habt, daß niemandem, selbst seiner religiösen Überzeugung wegen, Beschränkungen auferlegt werden dürfen, habt ihr euch bereits festgelegt. Denn hieße es nicht die Bürger erheblich einschränken, wenn man sie allein um ihrer Überzeugung willen ihres wertvollsten Rechtes [des Wahlrechts] berauben wollte? Das Gesetz darf das Glaubensbekenntnis des Menschen nicht antasten, es hat keine Macht über seine Seele. Die Macht des Gesetzes erstreckt sich lediglich auf die Handlungen des Menschen, die es, soweit sie der Gesellschaft nicht abträglich sind, auch in den Schutz nehmen muß [...]. So lasset denn dem Gewissen seine Freiheit [...]. Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen aber ist alles zu gewähren. Sie sollen Bürger werden. Nun behauptet man, sie selbst wollten keine Bürger sein. Mögen sie es nur ausdrücklich erklären, dann sollen sie des Landes erwiesen werden, denn es darf keine Nation in der Nation geben."

Quelle: Friedrich BATTENBERG, Das europäische Zeitalter der Juden. Zur Entwicklung einer Minderheit in einer nichtjüdischen Umwelt Europas, Bd. 2: Von 1650 bis 1945 (2. erw. Aufl. Darmstadt 2000) 99

Clermont-Tonnerre, Comte de
Stanislas Marie Adélaide, Comte de Clermont-Tonnerre (1747-1792)
Attribute
Geboren 1747 in Pont-à-Mousson in der Provinz Lothringen als Nachkomme einer alten Adelsfamilie aus der französischen Region Dauphiné wurde er als Deputierter des Adels von Paris für die Generalstände von 1789 gewählt. Gemeinsam mit wenigen anderen liberalen Vertretern seines Standes schloß sich Clermont-Tonnerre jedoch am 25. Juni 1789 ebenso wie die Mehrheit des Klerus einen Tag zuvor dem Dritten Stand an und wurde wenig später zum Präsident der neu konstituierten Nationalversammlung gewählt. In den Debatten der Versammlung ergriff er das Wort für eine bürgerliche Gleichstellung von Protestanten und Juden. In seiner leidenschaftlichen Rede vom 23. Dezember 1789 fiel der später viel zitierte Satz: "Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen aber ist alles zu gewähren."
Als Anhänger der moderaten Royalisten und Mitbegründer der Société des Amis de la Constitution Monarchique trat Comte de Clermont-Tonnerre für die Beibehaltung eines absoluten Vetos der Krone in der neuen Verfassung ein und wurde später in den Wirren des Umsturzes von König Louis XVI. (1754-1793) im August 1792 ermordet.





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