Das Neue Landhaus
Friedrich Stepanek
Attribute
Da nach dem “Anschluss” im März 1938 das alte Landhaus in der Maria-Theresien-Straße für den riesigen NS-Verwaltungsapparat zu klein wurde, bestand schon bald die Notwendigkeit eines völlig neuen, geräumigen und repräsentativen Verwaltungsgebäudes. Dieses sollte als Anbau an die Rückseite des alten Landhauses und des Taxis-Palais in der Welsergasse errichtet werden, weshalb es damals auch als “Landhauserweiterungsbau” bezeichnet wurde. Da 21 Dienststellen der Gauleitung in Privathäusern untergebracht waren, wurde schon im Sommer 1938 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den die Geschwister Walter und Ewald Guth für sich entscheiden konnten. In ihrem Konzept waren u.a. über 200 Büroräume, acht Sitzungssäle, zwei große Säle und ein Speisesaal vorgesehen.
Der übertrieben feierlich inszenierte Spatenstich fand am 10. September 1938 statt, die Firstfeier konnte bereits am 6. Mai 1939 begangen werden. Ausführendes Bauunternehmen war die Firma Gebhard Hinteregger. Die Baufläche hinter dem Taxis-Palais wurde eingeebnet und im Zuge des Baus wurde schließlich auch das alte Fuggerhaus am Boznerplatz, das zuvor auch als Handelsschule gedient hatte, abgerissen, wodurch die Linienführung der Wilhelm-Greil-Straße vom Ferdinandeum zum Stadtwerke-Hochhaus begradigt wurde. Da eine Ecke des Fuggerhauses, das während des Baus als Unterkunft für die Arbeiter benötigt wurde, in den Baugrund ragte, ließ man am Landhaus an dieser Stelle noch bis zum endgültigen Abbruch eine Lücke “ausgespart”. Außerdem musste vorübergehend die Gasleitung, die sich unter dem Baugrund befand, so umgelegt werden, dass sie durch das Erdgeschoss des Fuggerhauses verlief. Diese Vorgehensweise und die Tatsache, dass die Arbeiten über den Winter “infolge des günstigen Wetters (...) ununterbrochen fortgeführt werden” konnten, so die “Innsbrucker Nachrichten" am 28. Jänner 1939, zeugen vom hohen Zeitdruck, dem die durchschnittlich 210 Bauarbeiter ausgesetzt waren.
Die Architektur des neuen Landhauses ist stark an die Berliner Reichskanzlei angelehnt, die zur selben Zeit gebaut wurde. Der Zweckbau besticht in seiner linearen Gliederung und durch klare und schlichte Ausgewogenheit. Die 85,5 m lange Südfront des Gebäudes ist leicht nach innen geschwungen und mit dem vorstehenden, überhöhten Kubus beherrscht sie stark den vor ihr liegenden Platz. Insgesamt sind an der Gebäudesüdseite mehrere Dreigliederungen zu erkennen: Einmal die senkrechte Dreiteilung in die zwei breitgelagerten, einander gespiegelten Fassadenteile und den Kubus als Mittelachse, zum anderen die Dreiteilung im Portalaufbau selbst, erreicht durch vier neoklassizistische Säulenelemente, sowie die waagrechten Dreiteilungen, an den beiden Fassadenteilen sichtbar gemacht durch verschiedene Fensterformen und einem Sims, die das Erdgeschoss und den letzten Stock klar vom 1., 2. und 3. Stock abtrennen. Zu erwähnen ist natürlich auch die dreigeschossige Teilung des Portalaufbaus.
Die architektonische Ausgestaltung der Ostfassade ist fast identisch mit der Südfront, wobei hier die Portalgestaltung der Hofeinfahrt aber kaum hervortritt, die senkrechte Dreiteilung dafür ebenso ausgeprägt ist. Zwischen den Fenstern des 1. und 2. Stockes wurden als künstlerischer Schmuck Wappenfelder angebracht. Die heute noch erhaltenen beiden Felder zeigen links die Montforter Fahne und rechts den Tiroler Adler und waren als Symbol für den Gau Tirol-Vorarlberg zu verstehen. In dem dazwischen liegenden freien Feld war der auf einem Hakenkreuz sitzende deutsche Reichsadler angebracht, der aufgrund des Hakenkreuzes 1945 entfernt wurde.
Gerade der vorstehende, 22,5m hohe Würfel des Portalaufbaus an der Südfassade mit seinen neoklassizistischen Kolossalsäulen, dessen monumentale Wirkung verstärkt wird durch den dreiseitigen Stufenaufgang und durch die konkav geschwungene Südfassade, repräsentiert in typischer Form die starr symmetrische Herrschaftsarchitektur, die von den Nazis bei ihren Monumentalbauten verwendet wurde. Das Individuum sollte vor gigantischen Bauwerken klein erscheinen, gleichzeitig sollte das Massenerlebnis bei Großaufmärschen durch überdimensionierte Plätze zu einem Ekstaseeffekt geführt werden. Denn, so die “Innsbrucker Nachrichten” am 28. Jänner 1939: “Die Idee des Nationalsozialismus verkörpert sich ja (...) an erster Stelle in seinen Bauten.”
Kaum ein anderes Bauprojekt der NS-Zeit in Innsbruck wurde so propagandistisch ausgeschlachtet wie der “Landhauserweiterungsbau”. Das liegt wohl einerseits daran, dass das Gauhaus als der wichtigste öffentliche Bau während des Nationalsozialismus in Innsbruck gilt. Trotz andersgearteter Pläne hatte der Wohnbau im Gau Tirol-Vorarlberg schlussendlich absoluten Vorrang. Das lag vor allem an der Notwendigkeit, genügend Wohnraum für die Südtiroler UmsiedlerInnen schaffen zu müssen. Andererseits wurde gerade der Gauhausbau als “Stolz und Wahrzeichen der Gauhauptstadt” betrachtet, wie die “Innsbrucker Nachrichten” am 8. Mai 1939 festhielten. Dadurch wurden andere Projekte wie der “Neubau des Verwaltungsgebäudes der Gauhauptstadt” (Anbau an das neue Rathaus) oder die Mühlauer Innbrücke (“Kettenbrücke”) in den Hintergrund gedrängt. In der Presse wurde Berichten über den Erweiterungsbau des Landhauses, der laut "Innsbrucker Nachrichten" vom 14. Oktober 1938 der Stadtmitte ein neuzeitliches “schöneres Aussehen” verleihen würde, daher breiter Raum gewährt. Die Berichterstattung über den “größten Gauhausbau der Ostmark”, für den noch ein großer Vorplatz als Aufmarschplatz geschaffen werden sollte, wurde in erster Linie dazu genutzt, das NS-Regime im besten Lichte darzustellen und die Schaffung von Arbeitsplätzen hervorzustreichen.
Seit 1940 erarbeitete Pläne zum Bau eines Gauforums, einer Gauhalle und eines monumentalen Verwaltungsgebäudes der NSDAP im Bereich des Hofgartens wurden nicht mehr realisiert.

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