Die alte und neue Synagoge in Innsbruck
Barbara Schett
Attribute
Die seit Ende des 19. Jhdt. aufstrebende jüdische Gemeinde in Innsbruck besaß keine Synagoge im eigentlichen Sinn. Generelles Fehlen einer Infrastruktur ermöglichte erst 1910 die Anmietung einiger Räume in der Sillgasse 15. Diese Räume waren aber zu diesem Zeitpunkt für die gesamte israelitische Gemeinde sehr knapp bemessen. Deshalb wurde für hohe Feiertage der Musikvereinssaal angemietet.
1912 kaufte die Kultusgemeinde einen Baugrund in der Gutenbergstraße in Saggen für den Bau einer Synagoge. Allerdings wurde das ersparte Geld mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus patriotischer Gesinnung heraus in eine Kriegsanleihe investiert und war am Ende des Krieges verloren. Erst 1930 konnte einem Bauvorhaben positiv entgegengeblickt werden. Der Architekt Franz Baumann plante ein umfassendes und gut nutzbares Gebäude. Es wurde aber nie in die Realität umgesetzt und der Grund wurde 1936 wieder verkauft.
Der Anschluss an Hitlerdeutschland im März 1938 bringt einen tiefen Einschnitt in das Leben und Wachstum der jüdischen Gemeinde. Zu Beginn wurden die Riten noch in den 1910 angemieteten Räumen in der Sillgasse 15, die bereits 1933 in Straße der Sudetendeutschen umbenannt wurde, abgehalten. Doch wurde die Synagoge in der Progromnacht („Reichskristallnacht“) vom 9. auf 10. November 1938 zerstört und das Inventar zum Teil nach Wien verschleppt. Einige wertvolle Gegenstände wie die Thorarollen konnten gerettet und nach Haifa, Israel, gebracht werden.
Dasselbe Haus, in dem sich die Gebetsräume befanden, wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört und 1965 endgültig abgerissen und seither als Parkplatz genützt. Der Standort der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg war vergessen, bis der israelische Botschaft 1981 auf diesen Umstand aufmerksam machte. Daraufhin wurde ein Gedenkstein mit einer Tafel errichtet, auf der zu lesen stand:
„An dieser Stelle befand sich die Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Diese wurde am 10. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.“
Der Gedenkstein, vor dem sich ein Parkplatz befand, wurde so angebracht, dass er in der Öffentlichkeit kaum auffiel und daher auch wenig bemerkt werden konnte.
Nach dem Krieg kehrten nur ca. 41 Personen jüdischen Glaubens nach Innsbruck zurück. Aus Mangel an einer Synagoge wurden für religiöse Zwecke private Räumlichkeiten, so etwa eine kleine Wohnung in der Zollerstraße angemietet.
Auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge wollte die Stadt Innsbruck 1988 ein Wohnhaus von den Architekten Michael und Hubert Prachensky errichten lassen. In Gesprächen mit der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol, Bischof Stecher und der Kultusgemeinde wurde die Idee für den Bau einer neuen Synagoge geboren. 1991 erfolgte die Grundsteinlegung und 1993, nach dreijähriger Bauzeit, konnte die Eröffnung und Einweihung der neuen Synagoge mit einem großen Fest kundgetan werden. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Religion waren geladen. Bischof Stecher übergab einen Chanukkaleuchter als Geschenk.
Bereits der Eingangsbereich mit der hebräischen Inschrift „Baut mir dieses Haus und ich werde darin wohnen“ sowie der Mesusa, einre am Türpfosten angebrachten Kapsel, die ein mit einem Bibeltext versehenes Pergament enthält, verweist auf das neue Selbstbewusstsein der Kultusgemeinde. Der Gebetsraum ist mit naturbelassenem Marmor verkleidet und von einem erhöhten Pult (Almemor) dominiert. Das Deckengewölbe zeigt den Sternenhimmel am Tag der Einweihung (21. März 1993) in Richtung Jerusalem. An der Ostwand befindet sich der Toraschrein. Die Torarollen wurden von Prag nach Innsbruck geholt, ebenso wie die Bekleidung (Toramantel, Krone, Schild) und rituell wichtige Gegenstände (Zeigestab und Aufsätze). Diese Utensilien stammen aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Der Toravorhang stammt noch aus der alten Synagoge und war 1899 Innsbrucker Frauen gestiftet worden.
Seit der Einweihung erstrahlt die jüdische Gemeinde in einem neuen Licht in der Öffentlichkeit und ist zu einem festen Bestandteil des kulturellen und religiösen Lebens in Innsbruck geworden.

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