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Französische Revolution und Religion

Von der Verfolgung zur Entchristianisierung

Impressum

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Überblick

Religiöse Situation vor 1789

Problem der Finanzen

Einschränkungen/Verfolgung:

Entchristianisierung:

Die Entwicklung bis 1801

Die Kirche des 19. Jh.

Literaturverzeichnis

 

Der Beginn der Entchristianisierung

Bevor noch die eigentliche Entchristianisierung im Herbst 1793 einsetzte, kam es bereits im Sommer 1793 vor allem in Paris zum Aufflammen antiklerikaler Protestaktionen, so wurden zum Beispiel  für die Waffenindustrie benötigte Glocken eingezogen, aus deren Bronze man Kanonen gießen konnte und es begann eine Suchaktion nach Edelmetallen. Die Entchristianisierung bekam dadurch auch einen wirtschaftlichen Aspekt. (Soboul, 311)

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Katholische Gottesdienst vom Gesetz her unangetastet geblieben. Dies änderte sich jedoch mit dem Beginn der eigentlichen Entchristianisierung, deren Motoren die Konventskommissare in den Provinzen waren. Es handelte sich dabei also um eine von den Provinzen ausgehende, mitunter spontane Bewegung.

Am 21. September 1793 weihte der Konventskommisar Fouché in der Kathedrale von Nevers eine Büste des Brutus ein und verkündete am 26. von der Kanzel, dass er die Gottesdienste durch Feste der Republik und der natürlichen Moral ersetzen wollte und verbot schließlich am 10. Oktober jedes religiöse Zeremoniell außerhalb der Kirchen. In diesem Zusammenhang verweltlichte er auch die Beerdigungen und die Friedhöfe, über deren Toren er die Inschrift anbringen ließ: "Der Tod ist ein ewiger Schlaf." (Soboul, 312) Nun waren alle Priester, nicht nur jene, die den Eid verweigerten, von den Verfolgungen betroffen. Fouché predigte gegen das Zölibat; er forderte die Priester auf zu heiraten, Kinder zu adoptieren oder sich um alte Menschen zu kümmern. Außerdem verbot er das Tragen von priesterlicher Kleidung außerhalb der Kirchen. Auch christliche Namen der Kinder wurden durch römische Namen ersetzt. (Kennedy, 338-339)
Die Erinnerungen an die Verfolgungen, deren sich die römisch-katholische Kirche schuldig gemacht hatte, bildete einen Ansporn für den Kampf gegen das Christentum. Fouché fand unter den anderen Konventsmännern zahlreiche Nachahmer. Im Departement Cher hob Laplanche die Pfarrsprengel auf, plünderte die Kirchen und predigte offen gegen den Katholizismus. André Dumont ersetzte im Departement Somme den Gottesdienst durch staatsbürgerliche Tänze und Feiern und verlegte diese auf den "décadi". In Rochefort verwandelte Lequinio die Kirchen in Tempel der Wahrheit und in Maubeuge ließ Drouet die wertvollen Gottesdienstgegenstände beschlagnahmen. (Aubry, 103-104)

Chaumette hatte im September an dem Fest von Fouché beigewohnt und empfahl nun der Kommune von Paris ähnliche Eingriffe. Gemeinsam mit seinen Freunden predigte er den unbedingten Atheismus; es sollte keine Zeremonien, keinen Kult und keine Priester mehr geben. Im Oktober verbot auch die Pariser Kommune schließlich alle religiösen Zeremonien außerhalb der Kirche. (Soboul, 312) Weiters wurden alle Prozessionen und Wallfahrten untersagt, sowie alle Straßenschilder, die das Wort "heilig" enthielten, entfernt. Der Nationalkonvent betrachtete es als Notwendigkeit, religiöse aber auch aristokratische Ortsnamen durch neue zu ersetzen. Nach seiner Auffassung erinnerten viel zu viele Ortsnamen an Heilige. Pont-Saint-Vincent wurde daher zum Beispiel in Pont-la-Montagne umbenannt und das Städtchen Dielouard erhielt seinen früheren Namen Scarpone zurück. (Bertaud, 78) In der Pariser Kirche von Notre-Dame ließ Hébert die Heiligen und Könige aus den Nischen entfernen und die Altäre umstürzen. Fanatische Patrioten ließen sich aus den Messgewändern Kniehosen und aus den Alben der Diakone und der Chorknaben Hemden machen. (Aubry, 104)
Es entwickelte sich ein blinder Hass gegen alle Priester. Am 6. November forderten die Jakobiner die Abschaffung der Besoldung der Priester. Noch am selben Abend begab sich eine Delegation zum Bischof von Paris, Gobel, und überzeugte ihn, seine Kirchenfunktionen aufzugeben. Am nächsten Tag, dem 7. November 1793, erschien er mit seinen Vikaren vor den Schranken des Konvents und legte feierlich sein Amt nieder, indem er auf den Tisch des Hauses sein Kreuz und seinen Ring legte und unter großem Beifall die rote Freiheitsmütze aufsetzte. Der Vorsitzende umarmte daraufhin Gobel und erklärte, dass dieser ein "vernunftbegabtes Wesen" geworden sei. (Guérin, 130) Viele Priester und auch andere Bischöfe folgten seinem Beispiel. Einzig der Bischof von Blois, Grégoire, trotzte den Hébertisten, indem er sich auf die Glaubensfreiheit berief. (Aubry, 105)
Durch die Zeitung Héberts konnte das Denken der Pariser Entchristianisierer bis in die entfernteste Provinz weiter getragen werden.