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Französische Revolution und Religion

Von der Verfolgung zur Entchristianisierung

Impressum

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Überblick

Religiöse Situation vor 1789

Problem der Finanzen

Einschränkungen/Verfolgung:

Entchristianisierung:

Die Entwicklung bis 1801

Die Kirche des 19. Jh.

Literaturverzeichnis

 

Der Kult der Vernunft

Nach dem Verbot der christlichen Religion glaubte man, einen Ersatzkult schaffen zu müssen. Dies sollte durch den Kult der Vernunft erreicht werden, der an jedem "décadi" stattfinden sollte. Auf Anregung Chaumettes beschloss die Kommune, in der ehemaligen erzbischöflichen Kirche von Notre-Dame ein Fest zu Ehren der Vernunft zu begehen.

Am 20. Brumaire (10. November 1793) fand das erste "Fest der Vernunft" statt. Innerhalb von zwei Tagen war im Chor der Kathedrale eine Art "Berg" aufgeschüttet worden, der einen der Philosophie geweihten und mit Büsten der Weisen versehenen griechischen Tempel darstellen sollte. Auf ihm stand eine die Freiheit symbolisierende Schauspielerin. Das Fest war wie ein Theaterspiel aufgebaut. Vor der Flamme der Vernunft, die am griechischen Altar brannte, bildeten weiß gekleidete Mädchen mit Guirlanden aus Eichenlaub eine Prozession. Während der Zeremonie wurde eine Hymne, L´hymne à la liberté, angestimmt, die Gossec zu dem Text von Marie-Joseph Chénier komponiert hatte. (Ozouf, 97-98)
Im Zuge dieser Festlichkeit, an der auch die Konventsmitglieder teilnahmen, wurde verordnet, Notre-Dame der Vernunft zu weihen. (Soboul, 313)

Auch in anderen Städten wurden Feste der Vernunft abgehalten, wobei meist eine weibliche Figur im Mittelpunkt der Feierlichkeit stand, die wie in Paris die Freiheit darstellte, manchmal aber auch die Vernunft, wie in Besançon. Sie führte die Prozession zur Kathedrale von der "Vernunft" an. (Ozouf, 98)

Im Gegensatz zu den bisherigen Revolutionsfesten wurden die Feste der Vernunft nicht im Freien abgehalten. Allerdings wurden innerhalb der "Tempel" Hügel mit Wasserfällen errichtet, wo Mütter sich im Moos niederlassen konnten und ihre Kinder stillen konnten. Die Bürger konnten hier gemeinsam Essen und Tanzen, ohne dabei ein Unrecht zu begehen. (Ozouf, 102)

Die Entchristianisierungswelle hatte innerhalb weniger Tage alle Pariser Sektionen erfasst, bereits am 5. Frimaire (25. November 1793) waren alle Kirchen der Hauptstadt der Vernunft geweiht und dies setzte sich auch in den Provinzen fort.
Der aus der tiefen Verehrung des Volkes für Marat entstandene Kult der Märtyrer vermischte sich immer mehr mit dem Kult der Vernunft, der für das Volk eine zu abstrakte Gottheit verehrte. Die Bildnisse der Märtyrer wurden in den Tempeln der Vernunft anstelle der Heiligenbilder aufgehängt. (Soboul, 314)