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Was ist eine soziale Revolution ?

Die Französische Revolution als soziale Revolution


Nach dem allgemeinen Wortverständnis ist sozial etwas, das mit der Gesellschaft zusammenhängt. Der Brockhaus nennt dazu aber verschiedene Wortbedeutungen: sozial bedeutet

(1) das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend; auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend; dazu gehören unter anderem soziale Verhältnisse der Bevölkerung, die soziale Freiheit;

(2) die Gesellschaft und besonders ihre politische und ökonomische Struktur betreffend; dazu zählen die soziale Ordnung, Politik, Bewegung; aber auch soziale Gerechtigkeit oder die soziale Frage (hier wird ausdrücklich auf die sozialpolitischen Probleme im Zusammenhang mit der industriellen Revolution verwiesen) und die soziale (d.i. speziell auf die 'Arbeiterfrage' zielende) Revolution;

(3) die Zugehörigkeit des Menschen zu einer der verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft betreffend; dies betrifft soziale Unterschiede, soziale Konflikte;

(4) dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den (wirtschaftlich) Schwächeren schützend; in diesem Sinne werden soziale Leistungen und Einrichtungen verstanden.

In diesem Zusammenhang wird als
sozialrevolutionär das Streben nach einer sozialen Umwälzung verstanden. ROUSSEAU geht mit der Bezeichnung contrat social für sein Werk von einer Wortbedeutung im Sinne der politischen Struktur der Gesellschaft, jedoch ohne revolutionäre Entwicklungen, aus.

Der Begriff der
Revolution wurde von KOSELLECK hinsichtlich seiner Bildung und seiner Bedeutungen analysiert. Zur Revolution zählt in der Regel die gewaltsame Entwicklung, während die Reform einer Revolution vorbeugen soll. Generell wird die Revolution von der Reform (oder der Evolution) abgegrenzt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der Begriff Revolution in unserer heutigen Bedeutung erst seit der Französischen Revolution üblich geworden ist. Er drückte den Wandel in eine bessere Zukunft aus, er war Legitimationsgrund für entsprechende Veränderungen. In diesem Sinne war er positiv besetzt. KOSELLECK hat der Französischen Revolution einen eigenen Abschnitt gewidmet (S 749ff), den Begriff der sozialen Revolution findet man dort aber nicht. Allerdings wird der Zusammenhang von
Revolution und sozial allgemein mit dem Zitat von CONDORCET hergestellt, der bemerkt: En France, par la raison contraire, la révolution devait embrasser l'économie tout entière de la société, changes toutes les relations sociales.

Der Begriff
soziale Revolution taucht erstmals 1794 auf einem Titel einer Veröffentlichung auf (Antoine François Claude FERRAND, Considérations sur la révolution sociale, London 1794) und wird im 19. Jahrhundert gebraucht, als sich der Begriff Revolution auszudifferenzieren begann (vgl. dazu KOSELLECK 738 bzw.766). Er wird schließlich von Lorenz von STEIN verwendet. Sein dreibändiges Werk wurde im Jahr 1849 vorgelegt. Die Aussagen sind natürlich stark durch die Revolution von 1848 geprägt und beziehen sich u.a. auf das Verhältnis der Staatsgewalt und der arbeitenden Klasse. Lorenz von STEIN (129) sieht die arbeitende Klasse als zu schwach, um selbst bei Vorliegen der demokratischen Voraussetzungen (allgemeines Stimmrecht) eine soziale Herrschaft zu erringen und zu erhalten. Es verbliebe daher nur die Gewalt. Eine soziale Revolution könnte aber durch eine Verbindung von politischer und sozialer Demokratie vermieden und eine soziale Reform eingeleitet werden (Lorenz von STEIN zitiert bei CONZE, 207).

Wie wir sehen, ist der Begriff einer sozialen Revolution sehr schillernd und — wenn wir an Lorenz von Stein denken — durch die Zeit geprägt. Pragmatisch wird in diesem Aufsatz versucht, die Französische Revolution nach Ereignissen durchzusehen, die eine gesellschaftliche bzw. soziale Komponente hatten und damit auf die Gesellschaftsstruktur oder das soziale Leben Frankreichs einwirkten.

Dazu zählen natürlich auch Fragen der (politischen und persönlichen) Freiheit und der (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Gleichheit. Es wird damit notwendig werden, die politischen und rechtlichen Veränderungen anzusprechen, die den Rahmen für die sozialen Entwicklungen darstellen. Fragen der politischen Mitwirkungsrechte und des Eigentums zählen ebenso dazu, wie die Frage der Bildung.

Von dem bekannten revolutionären Wahlspruch fehlt bisher die Brüderlichkeit. Im revolutionären Frankreich gab es Brüderlichkeit entweder unter den deklarierten Patrioten oder jenen, die sich als solche ausgaben. Keineswegs kann die Brüderlichkeit unter allen Bevölkerungskreisen angenommen werden. Auch die Brüderlichkeit werden wir im Laufe der Darstellung als gesellschaftliche Solidarität finden.

Hans Koerbl, Die Französische Revolution als soziale Revolution. In: Die Französische Revolution (dir. Wolfgang Schmale), http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europa/FR/Koerbl/T_0_Home.htm
- zuletzt bearbeitet 1. Feber 2002 -