Ça ira, die Reaktion und die Entwicklung der revolutionären Liedkultur

Ça ira setzte sich schnell als Hymne der Revolution durch. Die durch das Land ziehenden Töne des Ça ira forderten die Revolutionsgegner heraus, sodaß diese ebenfalls ein Lied adaptierten, durch das sie sich mit den Revolutionären messen konnten. "Oh Richard mon roi", das aus der Grétry-Oper Richard Löwenherz kommt, wurde vom Flandrischen Regiment im Oktober 1789 intonisiert. Dieser Abend führte, wie bereits beschrieben, indirekt zum Marsch der Frauen auf Versailles und hatte durch die kontrarevolutionäre Allusion, die es durch diesen Abend bekommen hatte, einen erhöhten Provokationswert gegenüber den Revolutionären. Oh Richard ist eine langsame Arie mit folgendem Text:

Ô Richard, ô mon Roi,
l'univers t'abandonne

Sur la terre il n'est donc que moi,

qui s'interesse à ta personne.
Moi seul dans l'univers,
voudrais briser tes fers,
et tout le reste t'abandonne.

Oh Richard, oh mein König,
das Universum hat dich verlassen

Auf Erden bin ich der einzige

der sich für dich interessiert

Ich allein im Universum

würde dich von den Fesseln befreien

und der Rest verläßt dich
.

 

 

Oh Richard wurde zur royalistischen Hymne der Revolution. Wesentlich trug dazu bei, daß gerade im Sommer 1790, als Ça ira auftauchte, einige Zeitungen den Vorfall des Diners im Oktober 1789 wieder aufrollten. Darauf beschloß die Comédie Italienne Richard Löwenherz wieder aufzuführen. Bei der Premiere erntete die Arie "Oh Richard" großen Applaus, wovon am nächsten Tag freudig in den royalistischen Zeitungen berichtet wurde. Die republikanischen Zeitungen forderten die Darsteller auf, die Oper aus dem Programm zu nehmen, da sie schmerzhafte Erinnerungen aufwärmte und den Revolutionsgegner in die Hände spielte.

Im Laufe der nächsten Monate wurde die Auseinandersetzung auf Lied- und Presseebene vor allem dadurch geführt, daß beide Lager versuchten, das gegnerische Lied ins Lächerliche zu ziehen. Satirischen Versionen des Ça ira folgten satirische Versionen des Oh Richard. Im Jahr darauf, kurz nach der Flucht des Königs, gab die Comédie Italienne eine erneute Vorstellung des Richard Löwenherz und provozierte diesmal noch stärker dadurch, daß sie, angelehnt an viele den Revolutionären nahestehende Theater, eine Gratisvorführung gaben. Die Ankündigungen in den Zeitungen hatten ihre Wirkungen getätigt und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Revolutionären und Reaktionären, sodaß die Polizei einschreiten mußte. Dies war die letzte öffentliche Aufführung der Oper.

Ça ira zog mit der Entwicklung der politischen Verhältnisse immer weitere Kreise. Nach der Inkraftsetzung der zivilen Konstitution für den Klerus Ende 1790 begannen Revolutionäre Ça ira in Kirchen mißliebiger Kleriker zu singen. Die anfänglichen optimistischen Versionen des Ça ira wichen solchen, die explizit die Feinde der Revolution angriffen. Die Rolle von Ça ira änderte sich so auch für die Royalisten. Ça Ira, ein Lied, das anfangs für sie als Symbol der Schwächen der Revolutionäre, über das man sich lustig macht, gegolten hatte, wurde nun zu einer Bedrohung. Der Ça ira singende Mob wurde ab Herbst 1791 immer gewalttätiger und die Angriffe auf Royalisten häuften sich. Mißliebige Szenen in Theatern wurden durch lautes Singen des Ça ira übertönt, Schauspieler bedroht, Musiker mußten die Partituren des Oh Richard vor dem Publikum verbrennen und Ça ira singen. Im Laufe des Jahres 1991 wurden beide Lieder emblematische Symbole der politischen Kultur und zeigten klar, auf wessen Seite man stand.

Mit dem Fortgang der Revolution kam Ça ira aber in Schwierigkeiten. Vor allem die dutzenden bis hunderten Textversionen deckten viele verschiedene Vorstellungen der revolutionären Gesellschaft ab und führten so zur Bildung von vielen Ça iras. Als sich die Fronten zwischen den Revolutionären verhärteten, verlor Ça ira eben durch diese Beliebigkeit an Popularität. Vor allem das Aufkommen der Marseillaise und ihre Einbettung in republikanische Deutungsmuster ließ die Marseillaise bleibender werden.