Georg Christoph von Neitzschitz [1666]

Des weilant Hoch=Edelgebornen/ Gestrengen/ und Besten Herrn George Christoff von Neitzschitz/ uff Stoeckelberg/ Woehlitz und Zoerbitz/ Sieben=Jaehrige und gefaehrliche Welt Beschauung Durch die vornehmsten Drey Theil der Welt Europa/ Asia und Africa.
Worbey alles/ aller Orte Denckwuerdiges fleissig erforschet und aufgezeichnet worden/ dergleichen vorhin niemahls an Tag kommen. Nunmehr auf Beförderung dessen Hochansehnlichen Herrn Bruders aus der Seligen Hand=Buche in diese richtige Ordnung gebracht und denen Raritaet=Begierigen uff Begehren Einer hohen Person Durch den Druck mitgetheilet Von Mgr. Christoff Jaegern/ zu S. Afra und der Churfuerstl. S. berühmten Land=Schule in Meissen Pastore Prim. Mit Churfl. Sächs. Freyheit.
In Budißin zufinden bey Barthol. Kretschmarn Buchhaendl. Gedruckt von Christoph Baumann/ Im Jahr Christi 1666.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Georg Christoph von Neitzschitz (1666)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/quellen17/neitzschitz1666.htm

Schlagworte: Grenze; Konstantinopel; Reisebeschreibung; Weltteil; Zugehörigkeit;

Fundort: BSB / 4 It.sing. 363

A) Kurzbiographie
B) Beschreibung der Quelle
 
C) Europabegriff und -vorstellung bei Neitzschitz


A) Kurzbiographie

Georg Christoph von Neitzschitz wurde vermutlich vor 1600 in Sachsen geboren und stammt aus dem protestantischen Haus Wehlitz-Wernsdorf. Sein Werdegang lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Nach eigenen Angaben wirkte er in den Zwanziger Jahren als Probst und Hofprediger zu Glücksburg, bevor er 1630 zu ausgedehnten Reisen durch Europa, Asien und Afrika aufbrach, die insgesamt sieben Jahre dauern sollten. Das Motiv für seine plötzlich einsetzende Reisetätigkeit - mitten im Dreißigjährigen Krieg - lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen, doch kann vermutet werden, dass er unter anderem durch die Berichte des holsteinischen Reisenden Olearius dazu angeregt wurde.
Neitzschitz schloss sich in Naumburg am 27. April 1630 einem Trupp Augsburger Kaufleute an und zog über Augsburg, Innsbruck und Padua nach Venedig, von wo aus er sich nach Smyrna und Konstantinopel einschiffte. In der Hauptstadt des Osmanischen Reiches blieb er etwa ein Jahr, bevor er über den Landweg nach Wien gelangte, wo er im November 1631 eintraf. Da er in der kaiserlichen Residenzstadt häufig Schwierigkeiten bei der Ausübung seiner Religion hatte, begab er sich mehrmals nach Pressburg und verbrachte einige Monate als Gast auf Schloss Althann. Im Januar 1634 schloss er sich der kaiserlichen Gesandtschaft unter Graf Buchheim an und gelangte auf diesem Weg erneut nach Konstantinopel. Die polnisch-türkischen Auseinandersetzungen verhinderten eine Weiterfahrt nach Palästina und so kehrte er im Sommer des gleichen Jahres wieder nach Wien zurück. Im Februar 1636 trat er schließlich seine dritte Reise an, die Neitzschitz über Laibach, Triest, Venedig, Korfu, Kreta, Alexandria, Kairo und Beirut auch nach Jerusalem führte. Sein Rückweg brachte ihn über Marseille, Genua, Pisa und Rom nochmals nach Wien, bevor er sich wieder ins "werthe Meißner Land" begab und kurz nach seiner Ankunft im Jahr 1637 verstarb.
Er hinterließ seinem Bruder, dem kursächsischen Obristen Rudolph von Neitzschitz, sein in verschiedenen Sprachen geführtes Tagebuch, das die literarische Grundlage für die "Welt=Beschauung" bildete. Diese Aufzeichnungen wurden von dem Prediger Christoph Jäger geordnet, überarbeitet, sowie in Teilen erheblich ergänzt und schließlich im Jahr 1666, fast dreißig Jahre nach dem Tod des Autors, erstmals in Bautzen veröffentlicht.

 

Literatur:

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B) Beschreibung der Quelle

Neitzschitz' "Sieben=Jaehrige und gefaehrliche Welt Beschauung" erweist sich als eine auf knapp 400 Seiten angelegte Reisebeschreibung, die auf den persönlichen Eindrücken und Erfahrungen des Autors in den Jahren 1630-1637 beruht. Sie wurde im Jahr 1666 in Bautzen zum ersten Mal aufgelegt und erschien im Laufe des 17. Jahrhunderts noch in drei weiteren Ausgaben (Bautzen 1673, Nürnberg 1674, Nürnberg 1686). Da das Werk erst im Jahr 1753 (in Magdeburg) letztmalig zur Veröffentlichung gelangte, liegt der Schluss nahe, dass es sich über Generationen anhaltender Beliebtheit erfreute. Die Originalausgabe besteht aus einem vorangestellten Kupferstich, einem Titelblatt, einer "Erklaerung des Kupffer=Titul=Blats", einer recht langatmigen "Zuschrifft" an den Bruder Rudolph von Neitzschitz, einem Vorwort samt Benutzungsinstruktionen ("Warum und wie man reisen solle.") und dem eigentlichen inhaltlichen Teil, der Welt- und Reisebeschreibung.
Der handwerklich schlicht ausgeführte Kupferstich zeigt auf zwei Ebenen das irdische und jenseitige Leben des Menschen. Die erste Ebene präsentiert stellvertretend einen Bauern bei der täglichen Feldarbeit. Seine Bemühungen, dem kargen Boden Nahrung abzugewinnen, werden durch ein im rechten Bildvordergrund stehendes Höllenwesen erschwert, das mit hämisch-spöttischem Grinsen allerlei Schädlinge und Ungeziefer über die Erde verteilt. Dieser Ausschnitt wird durch das kleine Spruchband "Von Mühe" illustriert, welches das weltliche Leben auf einen einzigen Nenner bringen soll, denn irdisches Glück ist unter diesen Umständen für die meisten Menschen ein nicht zu erreichendes Ideal. Doch diese Ebene öffnet sich nach oben und zeigt den gleichen Bauern nochmals nach seinem Tod. Dabei eröffnet sich dem Betrachter ein vollkommen anderes Bild, denn der Verstorbene wandelt, geleitet von der Hand Christi, auf einem rosenbepflanzten Weg direkt ins Himmelreich, an dessen Pforte ihn Petrus bereits erwartet. Umgeben von einer Wolkenlandschaft zeigt die zweite Ebene nun eine symmetrisch angelegte, von Engeln bewachte Himmelsfestung, in deren perspektivischer Mitte das Lamm Gottes Erlösung und ewiges Leben verspricht. Dieser erhöhte Bildausschnitt wird von dem Spruchband "Zur Ruhe" bekrönt. Ein drittes Spruchband, das etwa das untere Viertel der Graphik beansprucht, wiederholt dahingegen lediglich die bereits auf dem Titelblatt verzeichneten Druck- und Verlagsangaben.
Die eigentliche Welt- und Reisebeschreibung, in welcher der Autor als Ich-Erzähler auftritt, ist in vier unterschiedlich lange Teile mit insgesamt 16 Büchern (1/5, 2/1, 3/7, 4/3) gegliedert, die sich wiederum in zahlreiche Kapitel unterteilen. Neitzschitz (oder der spätere Bearbeiter seines Manuskripts) verarbeitete seine Reiseerfahrungen in chronologischer Reihenfolge. Detailliert, anekdotenreich und partiell in märchenhafter bis sensationslüsterner Manier geschildert, erfährt der Leser von den politischen, geographischen, klimatischen, religiösen und kulturell-sozialen Begebenheiten, die der Autor während der siebenjährigen Erkundung an vielerlei Orten angetroffen hat, wobei persönliche Urteile ("Und wiewohl ich gerne der Stadt Venedig allhier etwas gedencken wollte/ so ist doch des Dings so viel/ daß ichs fast nicht wagen darf. Kurz aber zusagen/ so halte ich nicht/ daß eine Stadt in gantz Europa der Stadt Venedig an Herrlichkeit/ Pracht und Macht vorgehet.") vorherrschend sind. Von einiger Bedeutung sind zweifellos Neitzschitz' Äußerungen zu den heiligen Stätten der Christenheit auf den drei bereisten Weltteilen Asien, Afrika und Europa, seine Schilderungen zu antiken Bauwerken sowie insbesondere seine Gedanken über Konstantinopel, das er wiederholt besucht und über längere Zeiträume kennen gelernt hat. Im Ganzen betrachtet sind die Reisebeschreibungen, die er dem "Christlichen Leser zum Nutzen" empfiehlt, jedoch weniger empirisch-geographisch, als kulturhistorisch interessant.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Neitzschitz

Der Verfasser beschäftigt sich an mehreren Stellen der Schrift ausführlich mit dem Problem der Grenzziehung zwischen den drei bereisten Weltteilen und der Frage nach kontinentalen Zugehörigkeiten. In diesem Zusammenhang beschäftigt ihn beispielsweise das Problem, ob Ägypten zu Asien oder Afrika zu rechnen sei, ebenso wie der asiatische oder europäische (Misch-)Status von Konstantinopel, das in seinen Beschreibungen ("Ungefaehr eine Stunde hiervon [Troja; Anm. d. Verf.] soll auch der Pallast des Koenigs Priami gestanden haben in lauter schoenen Wiesen an einem Lorber=Baumwalde ist aber nichts mehr davon zu sehen als ein Haufen zerbrochener schwarzer Marmel/ aufs fleissigste poliret und sonst viel zerbrochene Seulen un[d] Bildwerck von Marmel/ sind also zwischen Asia und Europa, den beiden Theilen der Welt/ deren das erste zur lincken/ das andere zur rechten Hand blieben/ gar nahe durchhin gesegelt.") außerordentlich viel Platz einnimmt. Seine Darlegungen zur asiatisch-europäischen Grenzstadt können dabei auf folgende Passagen reduziert werden: "Das meinige [Quartier; Anm. d. Verf.] hatte drey Kammern/ drey Camin und zwey Vorhaeuser/ darneben aber auch einen ueberauß schoenen Prospect und Außsicht in der Höhe aufs schwartze Meer zwischen Europa und Asia und weisete an deß Tuerckischen Keysers Pallast hinaus/ wie auch ein groß Theil der Stadt Constantinopel und das Asiatische Gebürge/ an welchem unten am Meer viel schoene Gaerten zu sehen sind. [...] Es ist diese Stadt Constantinopel vor Zeiten Bysanz genenet worden/ von ihrem ersten Grundleger Byzas genannt/ Kayser Constantinus aber hat sie hernach zu seiner Zeit erhoben und fast gantz neu erbauet/ dahero er auch aldahin seine Hofhaltung gelegt und sie nach seinem Namen Constantinopel genennet. Die Tuercken nennen sie heute zu Tage Stampo Ida. Das Land daherum ist vordessen Thracia genennet worden/ ietzt aber heißts die Romaney. Es ist aber diß Constantinopel ueberauß groß und wie man gewiß dafuer haelt/ hat sie in ihrem Umschweiff ueber 15. Italienische Meilen/ welches ich nicht widerrede/ sintemahl ich die gantze Stadt/ so zu Lande/ als auff dem Meer umreiset/ an Menschen schaetzt man sie in die acht mahl hundert tausend starck. Sie liegt in der Gestalt einer Triangul in drey Spitzen/ oder Winckel eingetheilet/ der eine bey deß Tuerckischen Keysers Pallast/ da gleich gegen ueber Pontus Euxinus, oder das schwarze Meer faellet; der ander bey den sieben Thuermen/ welches ein uhraltes Gebaeu/ weitlaeuffig und die Thuerme mit Bley gedeckt/ auch sehr luftig gelegen ist; das dritte aber bey dem alten Pallast des Kaysers Constantini, welcher gar verwuestet/ sonst aber ein alt Gebaeu voller Winckel ist an der Stadt=Mauer angelegen. Diese Seite aber von den Thuermen biß ans alte Gebaeu Constantini und zwar noch etwas wenigers abwarts zum Wasser/ ist groesser/ als der andern zweyen eines/ so am Meere liegen und den Triangul schluessen. [...] Das Meer ober= und unterhalb Constantinopel ist gar ungleich breit und groß und hat deme nach auch unterschiedene Namen. Oberhalb Constantinopel gegen Mitternacht heißt es Pontus Euxinus und ist maechtig weit/ aber eben bey Constantinopel zeucht sichs in eine Enge/ daß es auß Europa in Asiam ueber die Enge nicht mehr als 4. stadia sind/ oder eine halbe welsche Meile/ [...] das ist ein Vierthel von einer Teutschen Meile. Diese Enge aber heißt Bosphorus Thracius und ist 120. stadia lang und heißt am selben Orth Propontis. Darnach thut sichs wieder zusammen und wird gantz enge/ also/ daß von Europa in Asiam hinueber nicht mehr sind/ denn sieben stadia und heißt am selben Orthe Euripus, oder Hellespontus und darnach geußt sichs ins Egeische Meer."
Interessant ist Neitzschitz' durchaus nicht negative Schilderung der türkischen Alltags- und Lebenswelt, auch wenn an einigen Stellen eine Art christliches Sendungsbewusstsein bzw. christliche Vorurteile ("Barbarische Tuercken") zum Tragen kommen. Die zeitgenössisch recht typische Gleichsetzung "Europas" mit dem Begriff "Christenheit" bei gleichzeitiger "europäischer" Ausgrenzung alles "Nicht-Christlichen" findet bei Neitzschitz offensichtlich jedoch nicht statt.

(rf)

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