Michael Praun [1660]

Relation von den Liebesneigungen Der Allerschönsten Princessin Europa. So dann von den wunderbahren Begegnüsse Ihrer mit weyland Käiser Carl dem Grossen erzeigten Fürstl. Jungen Herrn; und wie dieselbige nunmehr die beste Gelegenheit den Türcken zu bestreiten hätten. Abgelegt In den Parnaso vom Mercurio Platonissante.
[s. l. et t.]

Zitierweise: Alexander Wilckens: Quellenautopsie "Michael Praun (1660)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.). http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/quellen17/praun1660.htm

Schlagworte: Figur; Mythos; Personifikation; Utopie; Weltherrschaft;

Fundort: ÖNB / 40.Mm.72

A) Kurzbiographie
B) Beschreibung der Quelle
 
C) Europabegriff und -vorstellung bei Praun

 

A) Kurzbiographie

Michael Praun der Jüngere, ein bislang wenig beachteter rechtshistorischer Schriftsteller mit großen literarischen Interessen, wurde 1632 in Nürnberg geboren. Er entstammte einer alten Nürnberger Familie und war Sohn jenes Michael Praun, der 1623 zu Basel Doktor beider Rechte wurde und 1667 zu Nürnberg starb. Michael der Jüngere, den Jöcher irrigerweise einen Patricius aus Ulm nennt, studierte Jura in Helmstedt und Altdorf, wo er am 6. November 1655 die Doktorwürde in den Rechten erhielt, nachdem er zuvor seine Arbeit Juris Romani vera et non simulata philosophia et ars verteidigte. Er war damals auch bereits als ordentlicher Advokat in Nürnberg angenommen worden und als solcher tätig. 1658 zog er nach Lindau, wo er Stadtsyndikus und Konsulent wurde. Dort heiratete er am 25. Oktober 1658 Sabina Heider, Tochter eines bekannten Lindauer Stadtrats und -syndikus. Nach seinen eigenen Aussagen in der Vorrede seines 1667 erschienen Werkes, Ausführliche Beschreibung Der Herrlichkeit... der Adelichen und Erbaren Geschlechtern in den Vornehmsten Freyen Reichs Städten, hatte Praun in Lindau verdrießliche Amtsgeschäfte, mit ein Grund für seinen Umzug 1667 nach Kempten, wo er auch als Stadtsyndikus tätig war. 1663 wurde er kaiserlicher Pfalzgraf und 1685 markgräflicher baden-durlachischer Hofrat. Im Jahre 1674 wurde er in der Fruchtbringenden Gesellschaft aufgenommen, wo er als "der Vorstellende" bekannt war. Er starb vermutlich 1695, der Sterbeort ist unbekannt. Praun veröffentlichte einige seiner zahlreichen Schriften unter dem Pseudonym Mercurius Platonissans: z. B. das Werk Cometae malus genius aus dem Jahr 1662, welches er dann 1682 unter seinem wahren Namen vermehrt auflegen ließ.

 

Literatur:

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B) Beschreibung der Quelle

Das im Bereich der profanen moralisch-didaktischen Barockliteratur angesiedelte Werk im 12° Format umfasst 93 Seiten. Druckort und Erscheinungsjahr werden nicht genannt, doch letzteres ist dem Text zu entnehmen. 1660 verfasst, ist das Werk wahrscheinlich dem jungen Kaiser Leopold I. ("Großmächtigter Fürst Hocherleuchtigster Apollo") gewidmet. Nach dem schlichten Titelblatt folgt auf Seite 2 der Psalm XLVI ("Kommt her/ und schauet die Werck deß Herrn/ der auf Erden solche Zerstörung anrichtet. Der den Kriegen steuret in aller Welt/ der Bogen zerbricht/ Spiesse zerschläget/ Wägen mit Feuer verbrennet. Seyd still und erkennet/ daß ich GOtt bin"), der auf die Lehren der nachfolgenden Schrift vorbereitet. Nach einer kurzen Einleitung kommt der Haupttext, der ohne jede Unterteilung gehalten ist. Am Ende findet sich noch eine "Schluß=Rede".
In der Einführung auf Seite 3 gibt der Verfasser das Motiv der Darstellung bekannt, nämlich "den Zustand der Allervortrefflichsten Fürstl. Fräul. Fr. Europa, und ihrer Hochfürstl. Jungen Herrn/ wie derselbige sich gegenwärtiger Zeit befindet/ und was ich zu derselben Wolstand für nützlich erachten würde/ zubeschreiben".
Zuerst wird Europa als Frauengestalt, als repräsentative Figur für den Kontinent vorgestellt, um dann von den Liebesgeschichten dieser wunderschönen Prinzessin weiter zu erzählen. Glück und Unglück in der Geschichte des Kontinents werden metaphorisch als Liebesglück und -kummer der edlen Prinzessin in raschen Pinselstrichen gezeichnet. Von Jupiter geliebt und zur großmächtigsten Heldin der Welt gemacht, verliebten sich später die Griechen in sie. Der große Alexander ging ihr so lang und viel nach, bis sie die Früchte der Liebe "ihme völlig zugeniessen vergönnet hat". Nach dem frühen Tod des Griechen wandte Europa den Blick auf die Römer. Diese waren so bezaubert und gingen ihr so lange nach, bis sie von Julius Caesar gewalttätig geschändet wurde. Erst durch die Höflichkeit und schmeichelnde Gewalt von Octavianus Augustus hat sie sich überwinden lassen. Doch die Römer und ihre Tugend starben auch frühzeitig ab, und Europa musste warten, bis sich endlich die Deutschen durch Heldentaten hervorgetan haben. Da sie sich immer nur den allermächtigsten und tapfersten Helden und Rittern ergeben wollte, "Solcher Gestalt ist Sie endlich dem vortrefflichen Teutschen Helden Carolo dem Grossen zu theil worden". Bei ihm hatte sie so viel Vergnügen, dass sie mit ihm "etliche junge Herrn (mit welchen Sie hernach alle Länder/ etlich wenig unglückselige außgenommen/ welche andern geblieben/ besetzet) erzeugt; sondern auch hierauf beschlossen/ mit niemand anders mehr einige Ehliche Verbündniß einzugehen/ und alle ihre Herrschaft/ länder/ und Gewalt keinen andern Eheherrn mehr zu vertrauen/ sondern dieselbige ihren Fürstl. Kindern und Encklen zu überlassen/ und also damit die schöne Propheceyung deß drossen Gottes Freundes deß heiligen Davids zu erfüllen/ welche also lautet: An statt deiner Vätter wirst du Kinder kriegen/ die wirst Du zu Fürsten setzen in allen Landen".
Von hier an, was den größten Teil des Büchleins ausmacht, erzählt und philosophiert der Verfasser über den politischen Zustand des gegenwärtigen Europas. Er bedient sich weiterhin der Personifikation als Darstellungsmittel. So erzählt der Verfasser wie die jungen Prinzen - darunter der "aller Edelste Adler Printz", der "Iberische Potentat", der "Lilien Fürst", der "Nordenheld" und andere weniger wichtige wie der "Ambidexter", der "Subalpinus", der "Munatanus", die "Hydrocharontes" oder die "Heutelici" - sich die Herrschaft über die Länder Europas verteilten, so dass jeder eine Regierung führen konnte. Aber bald einem, bald dem anderen hat "das Geblüt gewallet/ seinen Scepter auch über die andere zuerstrecken und dieselbige zu beherrschen". Es bedurfte vieler Kriege ("adeliche Ritterspiele") und sogar der Glaubensspaltung, bis die Prinzen den Gedanken einer allgemeinen Herrschaft fallen lassen konnten. Hier knüpft der Autor an den Westfälischen Frieden an, der nicht nur das ursprünglich selbständige Leben der Söhne Europas untereinander wiederhergestellt, sondern darüber hinaus die Mittel zur Friedenswahrung gezeigt habe. Bündnisse, Vermittlungen und Schiedsrichter als Mittel zur Konfliktbeilegung eröffnen nun die Möglichkeit, die schon angefangene Bildung eines friedlichen Gemeinwesens auf ganz Europa zu übertragen und so eine "allgemeine confoederatam Gentium Remp." einzurichten. Wie dieses Gemeinwesen idealerweise aussehen könnte, versucht der Autor auf der Basis der schon vorhandenen völkerrechtlichen Mittel zu skizzieren.
An die Hoffnung der Schaffung eines konföderierten christlichen Gemeinwesens knüpft sich noch die andere, "auch unter Grossen und Kleinen nunmehr das gemeine Geschrey/ und einhelliges Verlangen der Christen insgesambt/ daß man den Hauptfeind der Christen/ den Türcken jetzund angreiffen/ und das gelobte Land wieder unter der Christen Bottmässigkeit zu setzen trachten möchte". Praun analysiert dann nicht nur die besten Wege und Möglichkeiten, die Türken zu bekämpfen und zu besiegen, sondern auch die Ursachen, welche die Expansion der Türken überhaupt ermöglichte. Diese seien in der Uneinigkeit der christlichen Fürsten zu suchen, und so gibt der Verfasser zahlreiche Ratschläge, wie man vernünftig innerhalb Europas vorgehen müsse, um das richtige Regiment im Kontinent aufzubauen, um auf der Basis der Einigkeit die Türken zu besiegen. Die Bibel wird in dieser Hinsicht zur Quelle der vernünftigsten Ratschläge. Die Fürsten müssten nur die Gebote der Heiligen Schrift näher befolgen.
Ganz im Sinne der literarischen Utopien der Zeit will der Verfasser seine Schrift ausdrücklich in platonischer Weise verstanden wissen, "als wie man etwan die Ideam deß Platonischen Statwesens/ oder deß Thomae Mori Utopiam zu lesen pfleget". In diesem Sinn ist auch das Pseudonym des Verfassers (Mercurius Platonissans) gewählt worden, der sich selbst als Bote der platonischen Ideen versteht.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Praun

Einführend wird Europa als die weiblich stilisierte Europakarte beschrieben, so wie sie seit dem 16. Jahrhundert im Anschluss an Sebastian Münsters Kosmographie weit verbreitet war: "In der Zierde deß Königreichs Spanien [...] bestehet das schöne Haupt dieser Princessin; Der Schneweisse Hals vergleichet sich mit den vortrefflichsten weissen Lilien der Cron Franckreich; Das prächtige Halßgehäng seyn die grosse hohe Pireneische Gebürge; Die Niederlanden und Schweitz liegen an beyden Seiten Franckreich/ gleich als wie die zwey weisse Brüste nicht weit von dem Halse aufzusteigen pflegen. Ihre beede ausgebreitete Arm erstrecken sich durch Welschland und Engeland; Das edle Teutschland bildet an den geraden Leib sambt der Schoß dieser holdseligsten Europae; Polen/ Moscau/ und ein Teil der Nordischen Königreiche seyn gleichsam der Jungfräuliche Rock und die darunter hervorspielende artige unmüssige Füsse." Ausgehend von dieser Beschreibung des "überaus ansehnliche[n]/ preißwürdige[n] Fräulein[s]" bleibt der Autor bei der Verwendung der weiblichen Gestalt der Europa nach dem altgriechischen Mythos. Die erotischen Anspielungen, die im Mythos der Europa steckten, sind hier in den Liebesneigungen der Prinzessin erkennbar. Ihre Schönheit und Tugenden, die sie zur "Allervortrefflichsten" machen, werden allegorisch auf den ganzen Kontinent übertragen.
Die weitere Verwendung der Personifikation in Gestalt der Kinder der Prinzessin Europa (der Adlerprinz, der Lilienfürst usw.) dient zur Darstellung Europas als Gemeinschaft der christlichen Fürsten. Die seien ursprünglich einander gleichgestellt gewesen, aber ihre Hochmütigkeit und ihr junges Alter hat sie erst nach langen Kriegen (wobei besonders der Dreißigjährige Krieg gemeint ist) den Gedanken von einer allgemeinen Herrschaft fallen lassen. Diese Gleichstellung der europäischen Mächte, die auf die "realpolitische" Ebene übertragen wird, führt den Autor zur Formulierung seiner "Utopie" eines konföderierten christlichen Gemeinwesens in Europa. Dieses dürfe nicht als "Monarchia" begriffen werden, denn "uns die Natur selbst gezeiget/ daß unter Brüdern keine andere Regierungsart könne füglicher statt finden/ als welche von den Gelahrten Aristocratia genennet wird. Unter welchen zwar dem Erstgeborenen [d. i. dem Adlerprinz] gegen dem andern etwas mehrers und gleichsam das Directorium zu führen eingeraumet/ jedoch keine pura absoluta Monarchia gestattet werden sol".
Unter den Brüdern ist trotzdem eine Hierarchie zu erkennen. Ein gewisser Vorzug gebühre dem Adlerprinzen nicht nur weil er der ältere sei. Auch geographisch sei dies gerechtfertigt, weil "Romanien" halb so groß wie "Galliciam" sei, drei "Gallicien" aber erst eine "Merganiam" (Deutschland) machen. "Gallicia" sei allein der "Iberischen Macht" zu vergleichen. Weil Merganien beide Gallicien und Iberien an Macht übertreffe, "und das also der Adler-Printz/ welcher Merganiam beherrschet/ wann Er mit seinen Edlen einig/ mehr als die Potentaten in Gallicien und Iberien in Betrachtung zu ziehen sey. Ja mehr/ denn alle andere hohe Christliche Häubter. Und daher ist es auch kommen/ daß der hochbesagte Adler noch biß auf den heutigen Tag unter allen seinen Herrn Gebrüdern sonst in allen andern Sachen den Vorzug hat; wie Ihne dann vor den ersten und vornehmsten unter allen auch so gar die Außländische/ und die nicht zu diesem Reich gehörig seyn/ davor erkennen/ ehren/ und halten".
Europa wird auch in Gegenüberstellung zum christlichen Erbfeind und dem Rest der Welt definiert. Gegen den Türken, der einen Großteil der Welt beherrscht, müssten sich alle christlichen Potentaten einigen und ihn mittels einer gemeinsamen Strategie unterwerfen. Den Europäern gehöre von Natur und Rechtswegen die Herrschaft über die ganze Welt. Bei ihnen sei "alle Zierd/ Klugheit/ Kunst/ Tugend/ und Geschicklichkeit zu finden/ und das mit der Christlichen und allein seligmachenden Religion bey denselben auch alle Länder in den höchsten Flor/ und wie ein Garten Gottes/ und das rechte gelobte Land/ das mit Milch und Honig fleusset anzuschauen seyn". Im Rest der Welt hingegen finde man "lauter Barbarey/ Unwissenheit und eine dicke finstere Heydnische Sclaverey". Um der Welt Licht, Wohlstand und Freiheit zu geben, müssen die Türken besiegt werden. Doch dazu müssen die Christen zuerst aufwachen, sich ermuntern und ein starkes Vertrauen in Gott fassen. Währenddessen, und um das zu erreichen, "müssen die Christlichen Potentaten ihre angefangene Christliche Gentium Remp. zu noch mehrer Vollkommenheit bringen".

(aw)

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