Thomas Stanley Esquire [1649]

Evropa. Cvpid Crucified. Venvs Vigils.
With Annotations, By Tho. Stanley Esq.
London, Printed by W. W. for Humphrey Moseley, and are to be sold at his shop at the signe of the Princes Armes in St. Pauls-Church-yard, 1649.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Thomas Stanley Esquire (1649)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/quellen17/stanley1649.htm

Schlagworte: Bukolische Idylle; Mythos; Schäferdichtung; Übersetzung;

Fundort: BSB / Film R 361-1786

A) Kurzbiographie
B) Beschreibung der Quelle
 
C) Europabegriff und -vorstellung bei Stanley

 

A) Kurzbiographie

Thomas Stanley kam 1625 als einziger Sohn von Sir Thomas Stanley, der einer illegitimen Linie des Grafengeschlechts von Derby abstammte, und dessen zweiter Ehefrau Mary Hammond Stanley in Cumberlow in der Grafschaft Hertfordshire zur Welt. Dem Hauslehrer William Fairfax, dem Sohn des Tasso-Übersetzers Edward Fairfax, oblag seine frühe Ausbildung, die in erster Linie den klassischen und zeitgenössischen literarischen Kanon umfasste und den Grundstein für seine Liebe zur französischen, italienischen und spanischen Poesie legte. Zwischen 1639 und 1641 studierte er an der Pembroke Hall (Cambridge) Literatur und verließ die Universität nach Erlangung des Magistergrades. Danach begab er sich auf eine mehrjährige "Grand Tour" durch Europa, verbrachte einen ausgedehnten Aufenthalt in Frankreich und kehrte erst gegen Ende des Bürgerkrieges wieder nach England zurück.
Die frühe, lukrative Heirat mit der aus Northamptonshire stammenden Dorothy Enyon of Flower erlaubte es Stanley, sich vollkommen seinen schriftstellerischen Interessen zu verschreiben, literarische Gesellschaften zu organisieren und sogar einige seiner Kollegen zu unterstützen. Im Jahr 1647 wurde sein erster Band "Poems" veröffentlicht, der allgemein der Liebe gewidmet ist, imaginäre Geliebte wie Chariessa, Celia und Doris verherrlicht und Übersetzungen von Lope de Vega, Petrarca und Tasso enthält. In den frühen Fünfziger Jahren wandte sich der Dichter zunehmend der griechischen Philosophie zu und publizierte zwischen 1655 und 1662 das vierbändige "History of Philosophy", das einerseits aus einer langen biographischen Reihe antiker Philosophen besteht und sich andererseits inhaltlich vor allem mit den Stoikern, Platon und Aristoteles auseinandersetzt. Das Werk, das eher historisch-narrativ als philosophiekritisch zu deuten ist, bildete an englischen Universitäten lange Zeit ein Standardwerk in Bezug auf die griechische Philosophiegeschichte und wurde allein im 17. Jahrhundert dreimal (jeweils in einer Gesamtausgabe 1687, 1700) aufgelegt. Außerdem erschien zeitgleich mit dem dritten Band der Originalausgabe eine französische (Paris 1660), sowie zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine lateinische Übersetzung (Leipzig 1711). Schon 1656 erlaubte er darüber hinaus dem englischen Musiker John Gamble einige seiner Gedichte zu vertonen und veröffentlichte schließlich 1663 erfolgreich eine Folioedition der Werke des griechischen Dichters Aischylos, die Stanley Sir Henry Newton widmete.
Thomas Stanley Esquire starb am 12. April 1678 in seiner Unterkunft am Londoner "Strand" und wurde in der Kirche "St. Martin-in-the-Fields" begraben.

 

Literatur:

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B) Beschreibung der Quelle

Thomas Stanleys "Europa" erweist sich als die erstmalig in die englische Sprache übersetzte Bearbeitung der gleichnamigen Idylle des hellenistischen Dichters Theokrit (ca. 310-250 v. Chr.), der als Begründer der antiken Schäferdichtung (Bukolik) gilt. Seine Werke orientierte Theokrit an traditionellen Hirtenliedern, die in seiner sizilianischen Heimat anlässlich von regelmäßig stattfindenden Dichterwettbewerben vorgetragen wurden.
Stanleys Bearbeitung des altgriechischen Textes wird ergänzt durch zwei Übersetzungen lateinischer Dichtungen, wobei die nächstfolgende ("Cupido Cruci affixus" bzw. "Cupid Crucified") von Ausonius stammt und der Verfasser der letzten ("Pervigilium Veneris" bzw. "Venus Vigils") unbekannt ist. Alle drei Teile des Buches sind nach dem gleichen Schema bearbeitet und aufgebaut. Nach dem Titelblatt, auf dem der erste Beitrag "EVROPA." optisch hervorgehoben wird, folgt jeweils ein Vorsatz- und (zweites) Titelblatt, der doppelseitig gedruckte Text (links in überlieferter und rechts in englischer Fassung) sowie ein Anhang, in dem der neuzeitliche Übersetzer Anmerkungen und Erläuterungen in lateinischer Sprache gibt. Die Quelle wurde aufgrund ihrer relativen Seltenheit 1983 von einer amerikanischen Reproduktionsfirma (UMI, Ann Arbor, Michigan) auf Mikrofilm kopiert, wobei die Lesequalität teilweise als mangelhaft bezeichnet werden muss.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Stanley

Theokrits Idylle bzw. Stanleys Bearbeitung beginnt mit einer Traumsequenz ("Sweet dreame Venus once EUROPA lent"), die offen lässt, ob es sich beim weiteren Verlauf der Geschichte um "reale" oder lediglich geträumte Begebenheiten ("That time which doth all truer dreams beget", "the dream to life's so neare") handelt und somit dem antiken Europamythos einen passenden Rahmen verleiht. In diesem Dämmerzustand nimmt das Mädchen Europa, die als "a Phænix child" und immer wieder als "a Virgin yet" bezeichnet wird, den Wettstreit zweier Länder ("The Asian and her opposite") um sie wahr. Diese erscheinen wie zwei kämpfende Frauen ("both seemd Like Women"), wobei die eine einer Mutter ("that she of her was borne, by her was bred") gleicht und die andere, die parallel zu dem namentlich nicht definierten Land ohne Bezeichnung bleibt, Europa als Preis für Gottvater Jupiter ("Urging she was as prize to Jove designd") auserkoren hat. Beunruhigt fragt sich Europa, was dieser Traum zu bedeuten hat, doch scheint er ihr schließlich eher positiv auszulegen ("The Gods vouchsafe this dreame a good event") zu sein.
Anschließend schickt sie nach ihren Spielgefährtinnen, die sie zu einer Blumenwiese nahe des Meeres bringen, wo sie schon oft ihre Zeit gemeinsam verbracht haben. Europa führt einen goldenen Korb mit sich, dessen eigene Geschichte thematisiert wird und andeutet, dass seiner Trägerin ein besonderes Schicksal bevorsteht. Jupiter erblickt das jungfräuliche Mädchen ("Nor long preserve unstaind her Virgin zone, For Jove upon the medow looking downe"), verliebt sich sofort in sie ("By Venus subtle darts was struck in love, Venus hath power to captivate great Jove") und verwandelt sich aus Furcht vor seiner eifersüchtigen Ehefrau ("Who of frow'rd Junos jealousy afraid") in einen Stier ("In a Bulls shape his deity doth vaile"), bevor er auf die Wiese eilt. Seine Ankunft löst bei den Spielgefährtinnen keinerlei Ängste aus, sondern sie fühlen sich vielmehr von seinem herrlichen Aussehen und göttlichen Geruch ("the lovely Bull, whose Divine smell Doth far the meads perfumed breath excell") angezogen. Zwischen dem Gott in Stiergestalt und Europa kommt es zu einem gegenseitigen Austausch von Zärtlichkeiten ("Licking her neck, and the maid kindly woo'd; Shee stroakd and kist him; and the foame that lay Upon his lip' wip'd with her hand away"), bis sie sich, angespornt von ihren Freundinnen, entschließt, seinen Rücken zu besteigen.
Mit diesem Akt beginnt die Entführung der Europa, die sie nach einer langen Reise über das Meer an eine fremde Küste ("Now borne away far from her native coast") bringt. Nach Ihrer Ankunft verlangt das Mädchen zu wissen, wer der Stier in Wirklichkeit sei ("Oh whither sacred Bull? Who art thou, say!") und warum sie ihrer Heimat ("Me most unhappy, who have left my home, A Bull to follow, voyage unknown") entrissen wurde. Jupiter klärt daraufhin seine Identität, spricht Europa Mut zu ("Maid be bold, nor of the swelling waves afraid, For I am Jove who now a Bull appeare") und nimmt seine ursprüngliche Gestalt ("Jove his own form doth take") wieder an.
In der Beschreibung des Gottes greift Theokrit bzw. Stanley - parallel zu der stets betonten Jungfräulichkeit Europas - auf eine ausgeprägte Männlichkeits- und Fruchtbarkeitssymbolik ("his broad back displaid", "the largely-horned Bull") zurück, die für die finale Vereinigung ("the Howers their bed did make, She late a Virgin, spouse to Jove became, Brought him forth sons, and gaind a mothers name") von Bedeutung ist. Die Entführung wird nämlich durch ihr explizit fruchtbares Ende gerechtfertigt ("event made good") und schlägt außerdem einen sprachlich nachvollziehbaren Bogen zu der einführenden Traumsequenz, die ja noch immer andauern könnte. Das weitere Schicksal Europas bleibt ansonsten - in zweifacher Hinsicht - im Dunklen.

(rf)

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