Pieter Valckenier [1677]

Das Verwirrte Europa.
Oder/ Politische und Historische Beschreibung/ Der in Europa, fuernehmlich in dem Vereinigten Niederlande/ und in dessen Nachbarschafft/ seither dem Jahre 1664. entstandenen/ und durch die gesuchte allgemeine Monarchie der Frantzosen/ verursachten blutigen Kriegen/ und leidigen Empoerungen/ nebenst deroselben Ursachen und Gruenden.
Fuergestelt in vier Teilen/ worin angewiesen wird: I. Das allgemeine und besondere Staats-Interesse eines jeden Potentaten und Republick in Europa. II. Der Frantzosen Anschlaege/ Staats-Regeln/ Geld-Verblendungen an allen Christlichen Hoefen/ nebenst deroselben Staat/ Reichtum/ Kriegs-Zuruestungen und feindlichen Haendeln/ wieder die Niederlaender; wie auch die Beschaffenheit/ Verbindnuesse und Kriegs-Anstalt des Vereinigten Niederlandes. III. Eine eigentliche Erzehlung aller Kriegs-Haendel/ so im Jahr 1672. in Europa sich begeben haben/ nebenst den Buergerlichen Auffruehren in den Holl= und Seeländischen Staedten zc. IV. Die Gruende und Ursachen der Friedes-Handlung zwischen dem König von Franckreich/ und seiner Churfuest. Durchl. zu Brandenburg; wie auch der Frantzosen und Englaender Listigkeiten/ in Befestigung ihres Interesse, bey allen Potentaten und Standen in Europa, nebenst dem Contrapoinct der Herzen Staten von Holland/ wieder gemeldte Practike. Nebenst den Authenticquen Copeyen der Briefe und gewissen Berichten.
Durch Hrn. Petrus Valckenier, JC. Niederlaendische Ordinaren Residenten in Franckfurt am Mayn. Geziert mit vielen kunstreichen Kupffer-Stuecken/ so woll der fuernehmsten Persohnen/ Staedte und Vestungen/ als der sonderbahren Geschichten.
In Amsterdam/ Gedruckt in Compagnie von Jacob von Meurs/ Johannes von Someren/ Hendrich und Dietrich Boom/ Buchhaendlern daselbst. Im Jahr 1677.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Pieter Valckenier (1677)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/quellen17/valckenier1677.htm

Schlagworte: Bildpropaganda; Frankreich; Freiheit; Geographie; Krieg; Religion; Staatsform; Universalmonarchie; Vereinigte Niederlande;

Fundort: BSB / 2 Eur. 93 n-1

A) Kurzbiographie
B) Beschreibung der Quelle
 
C) Europabegriff und -vorstellung bei Valckenier

 

A) Kurzbiographie

Über die Lebensdaten des niederländischen Historikers, Juristen und Politikers Pieter/Petrus Val(c)kenier herrscht in der Literatur Uneinigkeit. Er wurde wahrscheinlich 1638 (BIBNL) oder 1641 (DBA) in Emmerich (Generalstaaten) geboren, doch konnten keine Informationen zu seinem Elternhaus, seiner Kindheit, Jugend und Ausbildung recherchiert werden. Als sicher gilt lediglich, dass er vor seiner Berufung zum niederländischen Gesandten in Frankfurt am Main (1676) als Advokat in Amsterdam niedergelassen war.
In seiner Frankfurter Zeit setzte er sich stark gegen französische Einflüsse und Interessen im Reich ein und veröffentlichte schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt "Das Verwirrte Europa", das sich im Kern mit dem französisch-niederländischen Verhältnis der Jahre 1664 bis 1677 auseinandersetzt und als sein Hauptwerk gilt. Der Sekretär Andreas Müller setzte das Werk in der Folgezeit fort und gab 1680/83 zwei Foliobände heraus, was Christian Gottlieb Jöcher in seinem "Allgemeinen Gelehrten=Lexicon" von 1751 wohl zu der Vermutung veranlasste, das Pieter Valckenier bereits (um) 1680 gestorben sei.
Im Jahr 1690 wurde Valckenier Resident bei der Schweizer Eidgenossenschaft und ließ sich in Zürich nieder, wo er gegen einen Einsatz von helvetischen Truppen in französischen Kriegsdiensten kämpfte und schließlich sogar die Anwerbung von einem kleinen Kontingent (800 Mann aus dem Kanton Zürich) im Auftrag seiner Regierung erreichte. Nach und nach folgten die übrigen protestantischen Kantone diesem Beispiel, so dass 1698 bereits 9.000 Soldaten in den Niederlanden stationiert waren, obwohl sich die Eidgenossenschaft sowohl im Pfälzischen, wie auch im Spanischen Erbfolgekrieg offiziell neutral verhielt. Für Aufsehen sorgte der streitbare Gesandte mit seinen Schriften "An die 13, so wie auch zugewandte Orth der Eydgenoßschaft in Basel geführte Klage über die Französische Contraventiones des mit der Eydgnoßschaft habenden Bunds" (1691) und "Das Interesse einer gesamten löblichen Eidgenossenschaft bey jetzigen Conjunkturen", das 1697 wegen der heftigen Angriffe gegen Frankreich verboten und konfisziert wurde. Nach vierzehn Jahren berief die niederländische Regierung Pieter Valckenier als Diplomat aus der Schweiz zurück und er kehrte in seine Heimat zurück, wo er 1712 starb.

 

Literatur:

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B) Beschreibung der Quelle

Der Verfasser des Foliobandes zeichnet die politischen, militärischen und diplomatischen Geschehnisse in Europa zwischen 1664 und 1677 außergewöhnlich detailliert nach, wobei die französisch-niederländischen Beziehungen eine besondere Stellung einnehmen. Die Quelle umfasst ein gestochenes Frontispiz, ein Titelblatt, eine "Vorrede an den Leser", einen in vier thematische Sektionen gegliederten Schriftteil, sowie einen gesonderten Anhang, der neben einem alphabetisch geordneten Sachregister, einem Illustrationsverzeichnis, einer Druckankündigung der bereits geplanten Folgebände und einer Druckfehlerkorrektur auch alle "Copeyen Der Briefe/ Resolutionen, Placaten, Declarationen, Verbindnüssen zc. so im Verwirrten Europa allegiret worden" enthält. Bereits der vorangestellte Kupferstich, der eine Europadarstellung mit reichhaltigen Bezügen widerspiegelt, unterstreicht den besonderen Charakter dieses aufwendig hergestellten Druckwerkes. Er zeigt auf einer perspektivisch vorgelagerten, ersten Ebene eine verzweifelt um Hilfe bittende "Europa", die von einem mit Fackel und Gladiatorennetz bewaffneten Krieger bedroht wird, der anhand einiger Attribute (Pfauenfedernhelm, ausgedünnter und geschwungener "moustache à la mode Louis XIV.", Bourbonenlilie auf dem Brustpanzer) für den Betrachter leicht als Franzose auszumachen ist. Die Auswirkungen seines Angriffs sind bereits sichtbar, denn überall lodern Flammen empor und liegen Reste zerstörter, klassischer Bauwerke. Auch der am unteren Bildrand liegende Aesculapstab und das Füllhorn, aus dem unbeachtet Geld rinnt, weisen darauf hin, dass die permanenten Kämpfe um "Europa" schlimme Auswirkungen mit sich ziehen, die in der Verhinderung und Zerstörung der Künste, der Wissenschaften und des Handels gipfeln. Flankiert wird der französische Angreifer, der wie alle anderen Allegorien eine antikisierte Rüstung trägt, von einem mit ihm verbündeten, eventuell als Türken auszumachenden Säbelkämpfer, der seine Kampfbereitschaft aber lediglich anzudeuten scheint.
Zwei bewaffnete Männer, die auf der vorderen, linken Bildhälfte positioniert wurden und der allegorischen Europafigur zur Hilfe eilen, bilden den Gegenpol zu den Aggressoren. Ihre Helme sind zum einen durch einen Löwen und zum anderen durch einen Adler geziert, was ihre Identifizierung als Niederländer und Reichsdeutscher erleichtert. Auch zwischen diesen beiden Alliierten existiert eine hierarchische Abstufung, denn "Europa" richtet ihren Hilferuf an den an erster Stelle stehenden Kämpfer mit dem Löwenhelm, der dem französischen Opfer bereits das Netz vom Körper ziehen kann. Beide Männerpaare werden darüber hinaus durch Truppen begleitet, welche, im Hintergrund agierend, die bildplastische Bedeutung der Protagonisten unterstreichen. Schließlich weist auch das Gewand der "Europa" darauf hin, welcher Partei sie sich zugehörig fühlt. Während ihr Unterkleid lediglich einige Umrisse einer Landkarte visualisiert, zeigt ihr Brustpanzer einen Löwen mit Schwert sowie eine Krone, die von einem Doppeladler getragen wird. Diese Symbole stehen einerseits sicherlich in der Linie des tradierten Bildes der "Europa Regina", könnten zum anderen aber auch auf die Stellung des deutsch-römischen Kaisers als europäisches Oberhaupt abzielen, was dem zeitgenössischen Diskurs (siehe auch Jacob Nigrinus [1665]) durchaus entspräche und als politisch-propagandistische Botschaft - eines niederländischen Residenten im Reich - Sinn ergäbe.
Auf einer zweiten Ebene erkennt der Betrachter eine Art Himmelstempel, auf dessen Dach die Weltenherrscherin, angetan mit Krone, Szepter und Schild (oder Globus), unter einem Baldachin thront. Der Tempelfries trägt die Inschrift "Status" und die Säulen werden jeweils durch ein Emblem und einen Schriftzug den Bereichen "Militia", "Justitia", "Politia" und "Religio" zugeordnet, welche die thematischen Schwerpunkte des Berichts widerspiegeln sollen. Zur rechten Seite wird die Herrscherin von Kriegsgott Mars und zur linken Seite von Siegesgöttin Victoria flankiert, die, beide auf einer Wolke sitzend, das irdische Geschehen betrachten. Mars ist dabei sinnigerweise auf der gleichen Seite wie die französisch-türkischen Angreifer angeordnet, während Victoria die Seite der niederländisch-deutschen Verteidiger vertritt, so dass sich bereits erkennen lässt, wer den (gerechten) Sieg schließlich davontragen wird. Kleine, symbolträchtige Details wie der zu den Füßen der Herrscherin wachende Hund (als Allegorie der Treue) und die zwei sich aufbäumenden Schlangen (als Allegorien der Hinterlist und des Verrats) runden die nuancenreiche Komposition letztlich ab.
Bevor der eigentliche inhaltliche Teil von etwa 550 Seiten beginnt, bekommt der Leser noch ein in Kupfer gestochenes Portrait Pieter Valckeniers in zeitgenössischer Aufmachung zu sehen. Es bildet den Auftakt zu einer Abfolge von zum Teil aufwendig gestalteten Portraits und Ereignisillustrationen, von denen eine achtteilige Reihe, welche die Kriegsgräuel der Franzosen verdeutlicht, besonders plastisch ins Auge fällt. Zusammen mit einer Passage aus Valckeniers Vorrede erklären die durchaus als propagandistisch zu verstehenden Bilder den Grund, warum sich der niederländische Diplomat zur Niederschrift der Ereignisse entschlossen hat: "Die Verwunderns-wuerdige Geschichte scheinen die groesten Fabeln/ sofern sie nicht mit ihren wahrhafftigen Gruenden und Ursachen befestiget/ und behauptet werden. Die unerhoerte Verenderungen in Europa, und die seltzame Empoerungen und Trubeln in dem Vereinigten Niederlande/ welche sich zu unsern Zeiten zugetragen/ und Wir bereits erlebt haben/ auch noch erleben/ und Gott weiß/ wie lange Wir dieselben erleben sollen/ wuerden bey unseren Nachkommen auff solche Weise keinen groessern Glauben finden/ als die ertichtete Maehrlein der alten Poëten, und die heutige Fabelmaeßigen Liebs-Beschreibungen. Wer sollte glauben können/ daß mehrenteils alle Europæische Potentaten/ in ihrer eussersten Gefahr/ durch die Mord-Trommelen/ aus ihrer Schlaff-Sucht und Sorglosheit/ worin sie gleichsahm verstrickt lagen/ kaum haben koennen auffgewecket werden? Ja/ daß Etliche ihr eigen Verderben haetten selbst sollen beschleunigen; dass ein eintziger Koenig von Franckreich/ gantz Europa haette verwirren/ und durch sein Geld/ Listigkeit und Gewalt/ alle Auffrichtigkeit und Treue beynahe aus allen Hoefen verbannen sollen".
Die inhaltlichen Sektionen der Beschreibung, die alle homogen (zwei Spalten pro Seite, durchgängige Stichwortleiste) aufgebaut sind, beschäftigen sich im ersten Abschnitt unter anderem mit den Weltreligionen, den allgemeinen Staatsregeln und Regierungsformen oder der staatlichen Entwicklung "Europas" seit der Antike, wobei die Entwicklung Frankreichs und der Niederlande naturgemäß im Vordergrund steht. Der zweite Teil intensiviert den Blick auf beide Länder, erweitert ihn um England, das im Verhältnis der Rivalen eine besondere Position einnimmt und beurteilt das entstandene Beziehungsgeflecht in Zusammenhang mit den Ereignissen bis zum Ausbruch des "Holländischen Krieges" (1672-1678). Der quantitativ umfangreiche dritte Abschnitt, der mehr als die Hälfte der Schilderung ausmacht, beschreibt danach detailliert den Ausbruch und den Verlauf der Kriegshandlungen, setzt sich mit den inneren Problemen der Generalstaaten auseinander, nennt Beweggründe und Interessen der Akteure und erkennt in der Machtgier des französischen Königs ("allein-Herschafft ueber Europa") den eigentlich kriegsauslösenden Faktor. Schließlich setzt sich der Verfasser mit den durch den Krieg initiierten Veränderungen in den Niederlanden und in Frankreich auseinander und fragt sich, wie die einzelnen Länder Europas zu dem Konflikt stehen und wie diese Länder zu charakterisieren ("Pohlen, das Europæische Egypten und Brothauß" usw.) seien. Valckenier verzichtet am Ende seiner Ausführungen auf einen demonstrativen Schlussgedanken, was aber nicht verwundert, da der Krieg zum Zeitpunkt der Drucklegung noch andauerte.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Valckenier

Der Begriff "Europa" findet sich bei Valckenier in vielfacher Hinsicht und in verschiedenen Kontexten wieder, von denen einige (Geographie, Religion, Staatsform) näher beleuchtet werden sollen. So thematisiert er im allgemein gehaltenen ersten Abschnitt das Verhältnis Europas zu den Religionen und schreibt: "Die Indianer haben ihre Religion, in ein Buch/ genant Vedam, welches bey ihnen in eben so hohen Wehrt ist/ als bey den Christen die H[eilige]. Bibel; die Tuercken aber/ in ihren Alcoran, eingeschrieben. Die Religion der Jueden/ ist mit ihnen durch die gantze Welt zerstreuet/ und koennen nach dem gerechten Urteil Gottes/ den Scepter von Juda/ nirgend wieder auffrichten; sondern werden an allen Orten von Heyden/ Christen und Tuercken/ unterdruecket; ... Die Christliche Religion ist fuernehmlich in Europa ueblich/ und wird gelehret aus dem alten und neuen Testament. Die Türckische Religion wird/ teils in Asia, Europa und Africa, gehandhabet/ und ist in einem Buch/... gegründet." In der Folge schildert er den Stand der aufgezählten Religionen in allen europäischen Ländern, wobei er eine erstaunlich kritische Einstellung zeigt: "Was hat dem unvergleichlichen Tuerckischen Reich/ bey der gantzen Christenheit ein so grosses und erschreckliches Ansehen/ gemachet als die vergoennete freye Ubung allerley Religionen/ wodurch sie alle diejenige herbey gelocket/ welche von den Christen verfolget wurden." Die Türkei bzw. das Osmanische Reich ist aber für ihn nicht nur aus religiöser Sicht interessant, denn auch die geographische und staatsrechtliche Lage des Reiches führt er mehrmals an: "Der Türckische Sultan regiret frey und ungebunden ueber seine Untertahnen/ ... Gleich wie sein Reich/ (welches ungefehr um das jahr 1300. von Ottoman, oder Osman, eines Mauren Sohn/ der aber ein tapffer Soldat war/ seinen Anfang genommen hat) seither dermassen ist vergroessert/ daß es Europa, Asia und Africa an einander bindet/ und sich von dem Donau-Strohm/ biß an den Fluß Tigris; von Libya, biß an Russland/ erstrecket".
Es steht für Valckenier außer Frage, dass zumindest ein Teil des Osmanischen Reiches eine Komponente Europas darstellt und nennt es in einer Reihe mit allen anderen europäischen Mächten (Portugal, Spanien, Frankreich, England einschließlich Irlands und Schottlands, die Spanischen und Vereinigten Niederlande, Deutsch-Römisches Reich, Dänemark, Schweden, Polen, Russland/"Muscovien", Ungarn, Schweiz, die Italienischen Fürstentümer, die Republik Venedig und Malta), welche in seinem Buch angesichts verschiedener Aspekte erwähnt und abgehandelt werden. Einer dieser Aspekte streift das Problem der Staatsformen in Europa, Asien und Afrika, das sich für den Diplomaten folgendermaßen verhält: "Die gewöhnliche Regierungs Form ist vierfach: Monarchia, Aristocratia, Democratia und Mixta ... Die von Natur Schlaven sind/ werden am fueglichsten durch ein Haupt regiret/ gleichwie da sind die Inwohner in Asia, und die Mohren in Africa, welche bey Ermangelung der Tapfferkeit/ und weil sie gantz weibisch und weich sind/ durch der Sonnen Strahlen gleichsahm wegschmeltzen. Weil aber die Europaeer ihre Freiheit alzu woll kennen und lieben/ und dahero desto ehrsuechtiger und edelmuethiger sind/ daß sie ihre Schultern einem allein unterwerfen sollten/ der alles nach seiner Lust und Einbildung regiret; darumb hat bey Ihnen/ (ausgenommen in Franckreich ...) die freye allein-Herschafft keine Stat." Diese Besonderheit erfordere aber, dass das Interesse aller Potentaten stets in Betracht gezogen werden müsse, um die "Politische Wag-Schale von Europa" im Gleichgewicht zu halten. Ludwig XIV. trachte dennoch, nach der Erlangung seiner absoluten Stellung innerhalb Frankreichs, die per definitionem nicht "europäisch" ist, nach einer universalen Machtstellung in ganz Europa, was aber von keinem freiheitsliebenden Europäer hingenommen werden könne.
Der französische König sei also ein ganz wesentlicher, wenn auch nicht der einzige Grund, warum es in Europa immer wieder zu Kriegen komme, die kaum mehr lokal einzugrenzen seien. Die aktuelle Kriegssituation verdeutlicht dies für den Autor ohne Zweifel: "Europa, der kleinste/ doch edelste und fruchtbarste Teil der Welt/ erhielt im Jahr 1670. durch den auffgerichteten Friedes-Bund/ zwischen den Tuercken und Venetianern/ und zwischen den Muscovitern und Krimmischen Tartarn/ welche damahls noch allein in den Waffen waren/ und Europa noch an einigen Orten verwirrten/ das Glück eines allgemeinen Frides/ und allgemeinen Armistitii, womit es niemahls beseliget worden/ so lange Menschen darin gewohnet haben/ ... Dieser letzte allgemeine Friede/ hatte kaum seine angenehme und suesse Fruechte dem Europa schmecken lassen/ da wurd dasselbe auffs neue/ durch die grosse Kriegs-Zuruestungen/ wodurch es nicht allein an allen Orten angefochten/ sondern auch in eine allgemeine Kriegs-Glut gesetzet wurd/ daß kaum ein Land oder Stadt frey blieb/ in Lärm gebracht. Alle drey Europæische Keysere (!)/ nemlich der Christliche/ der Tuerckische/ und der Muscovitische/ ergriffen das Schwert/ wieder ihre Feinde; Sechs von den sieben Europæischen Koenigen/ nemlich/ Spanien/ Franckreich/ England/ Polen/ Schweden und Daennemarck/ wurden durch die Gewalt des Krieges/ welche den siebenden/ nemlich den Koenig von Portugal auch ruettelten/ und des gemeinen Ungluecks teilhafftig machten/ dessen sich auch keine Teutsche/ oder angrenzenden Fuersten enteussern konnten; ja, die Schweitz und gantz Italien/ mussten zugleich zittern und beben." Das Ausmaß des gegenwärtigen Krieges erfordert für Pieter Valckenier daher einen allgemeinen Friedensschluss, der, um eine wirkliche Chance auf permanente Einhaltung zu besitzen, die Interessen aller Mächte Europas berücksichtigt und kein Ungleichgewicht zulassen darf.

(rf)

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