Eva Leicmanova: Abschlußbericht:

Tschechischer Widerstand und Europavorstellungen im Zweiten Weltkrieg 
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Kurzzusammenfassung:

Edvard Benes (Tschechoslowakische Exil in London)

Hauptgedanke: Rußland gehört geographisch & politisch zu Europa und muß in den Rahmen einer "Paneuropa" integriert werden.
Hauptproblem: Können die Systeme – politische Demokratie und Sowjet-Sozialismus – nebeneinander leben?

Benes: die Entwicklung in der Sowjetunion geht nach rechts, von der Diktatur zur sozialistischen Demokratie, die beiden Systeme werden zusammenarbeiten.

Entwicklung: Nach 1945 – Teil Europas unter Einfluß der Sowjetunion, Entstehung der "Ost-Block-Staaten".

Integration Rußlands in Europa
Ost-Block / "Europäische Union"
Schlußbetrachtung:  Integration Rußlands in Europa hat für 45 Jahre den europäischen Raum geteilt.


I. Einleitung – Geschichte der Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen

Das Münchner Abkommen hat die weitere selbständige demokratische Entwicklung der Tschechoslowakei beendet. Der Staat ist wirtschaftlich schwächer und gebietsmäßig kleiner geworden. Schon im Oktober 1938 hat sich Hitler über die definitive Liquidierung der Tschechoslowakei geäußert. Die tschechoslowakische Außenpolitik hatte nach dem Münchner Abkommen fast keine Hoffnung, die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei zu verteidigen.

In der Zweiten Republik (30.9.1938 – 15.3.1939) ist der demokratische Charakter des Staates untergegangen. Die rechtsorientierten Parteien haben sich durchgesetzt. Präsident Eduard Benes ist am 5.10.1938 zurückgetreten und bald aus dem Lande abgereist. Die Regierung des Generals Syrovy hat sich bemüht, die Kontakte mit Deutschland zu pflegen.

Die innenpolitischen Unruhen in der Tschechoslowakei, z. B. die separatistischen Tendenzen in der Slowakei und Karpatoukraine, haben Nazi-Deutschland den Vorwand gegeben, sich in innere Angelegenheiten einzumischen.

Am 14.3.1939 ist in Preßburg ein unabhängiger und selbständiger slowakischer Staat ausgerufen worden. Am 15.3.1939 wurden die böhmischen Länder von deutschen Truppen besetzt und einen Tag später wurde das Protektorat Böhmen und Mähren als ein Teil der Großdeutschen Reiches ausgerufen. Die tschechischen Organe und Institutionen (Polizei, Justizwesen) wurden beibehalten, die eigentliche Macht im Protektorat war in Händen von Vertretern Nazi-Deutschlands. Es sind sehr bald die Organe der deutschen Besatzungsmacht entstanden, die die Tätigkeiten von politischen Behörden, Verwaltung und Gerichten im Protektorat geleitet und kontrolliert haben. An der Spitze der Besatzungsverwaltung stand der Reichsprotektor Konstantin von Neurath.

Die tschechische Gesellschaft hat sich in drei Gruppierungen geteilt, je nach der Beziehung zur Besatzung.

Die erste Gruppierung waren Leute, die mit der deutschen Besatzung nicht einverstanden waren, aus verschiedenen Gründen sind sie aber passiv geblieben. Die zweite Gruppierung setze sich aus Leuten zusammen, die mit den Deutschen zusammengearbeitet haben. Die letzte Gruppierung bestand aus Menschen, die aktiv gegen die deutsche Besatzung gekämpft haben, d. h. die Mitglieder von Widerstandsgruppen waren. Das gemeinsame Ziel der Widerstandsgruppen war die Wiederherstellung der selbständigen Tschechoslowakischen Republik.

Schon von den ersten Tagen des Protektorates an wurde die tschechische Gesellschaft mit einer ganzen Reihe von Anordnungen und Verkündigungen unter Druck gesetzt. Alle tschechischen Organisationen wurden bis auf die wirtschaftlichen Verbände und berufsständigen Zusammenschlüsse (Narodni odborove ustredny zamestnanecke, Ustredi verejnych zamestnancu) aufgelöst und ihre Organe abgerufen. Doch je mehr solche Organisationen von deutscher Seite aufgelöst wurden, desto mehr fühlten sich Funktionäre und Mitglieder dieser Organisationen zum Widerstand gedrängt.
 

II. Tschechischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg

1. Widerstandsgruppen in der Tschechoslowakei

A. Bis November 1939

Bald nach dem deutschen Einmarsch entstanden an verschiedenen Orten kleine illegale Zirkel. Sie nahmen allmählich Kontakt zueinander auf und schlossen sich zu grösseren Organisationen zusammen. Im Laufe des Sommers 1939 schälten sich drei größere Gruppen heraus, die Politicke ustredi (Politisches Zentrum)PU, die Obrana naroda (Nationalverteidigung) – ON und Peticni vybor verni zustaneme (Petitionausschuß Wir bleiben treu) – PVVZ.

Diese nationalen Widerstandsorganisationen bildeten sich auf der Grundlage parteipolitischer Strukturen der Ersten Republik. Die Parteien und Verbände bemühten sich, auch legale Wirkungsmöglichkeiten zu erhalten. Diese Gruppen haben aber keinen ausgeprägten politischen Charakter. Die einzige politische Partei, die in der Illegalität gearbeitet hat, war die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, die schon in der Zweiten Republik in die Illegalität gedrängt worden war. Eine weitere Gruppierung, die sich nicht auf die Strukturen der Ersten Republik konzentriert hat, war Narodni hnuti pracujici mladeze.

a) Politicke ustredi

Der praktische Untergang der politischen Parteien in der zweiten Republik hat verursacht, daß der Kern des Widerstandes nicht die ehemaligen politischen Parteien waren. Die einzige Ausnahme war PU, die auch die Vertreter der ehemaligen politischen Parteien vereinigt hat.

Kurz vor seiner Abreise ins Ausland am 20.10.1938 beauftragte Benes einige seiner engsten Freunde und Mitarbeiter, mit ihm in Verbindung zu bleiben und ihn über die Entwicklung im Lande zu informieren. Dabei diente ihm die Verbindung zwischen Exil und innerem Widerstand während des Ersten Krieges als Vorbild („Mafia"). Benes beauftragte einen seiner engsten Mitarbeiter, Prokop Drtina, eine Reihe von politischen Freunden aufzusuchen. Die Gruppe um Drtina, die sich aus ehemaligen führenden Beamten, Politikern, Journalisten und Intellektuellen rekrutierte, traf sich bis März 1939 zweimal. Nach dem deutschen Einmarsch bildete sich aus der Drtina Gruppe und vielen anderen Gruppen ein großer Kreis von Leuten, die entschlossen war, gegen Nazi-Deutschland aktiv zu werden.

Im Juli 1939 kam es schließlich nach vielen Vorbereitungsbesprechungen zu einer Sitzung, die wohl den letzen Anstoß zur Gründung einer repräsentativen Widerstandsorganisation gab.

Die PU hatte auch Kontakt zu der Protektoratsregierung. In der PU waren meistens Parteipolitiker, Universitätsprofessoren und – assistenten, Diplomaten, Richter und Journalisten tätig. Die PU als gesamtnationale Widerstandsorganisation war noch völlig im Bann der Vorkriegspolitik und –politiker. Auch die Vorstellungen über die Tschechoslowakei nach dem Krieg haben sich nicht all zu sehr von den Konzeptionen der Ersten Republik unterschieden.

b) Obrana naroda

Eine weitere, mit der Republik eng verbundene und durch ihre Zerschlagung schwer betroffene Gruppe, war das tschechoslowakische Offizierkorps. Die Offiziere beteiligten sich in größere Zahl als andere Berufsgruppen an der nationalen Widerstandsbewegung.

Die Anfänge der Organisation sind noch nicht ganz klar. Es sind verschiedene kleinere Gruppen entstanden, die sich einer Zentrale untergeordnet haben. Den Größten Anteil am Aufbau der ON hatte die Liguidationsgruppe des ehemaligen tschechoslowakischen Verteidigungsministeriums, deren Aufgabe die Überführung der Militärpersonen in zivile Dienste war und die diese Überführung nach den Bedürfnissen der ON durchführte. So entstand eine Geheimarmee, an deren Spitze ein Generalstab stand, dem drei Landesleitungen (Böhmen, Mähren, Prag) und verschiedene Fachabteilungen (für Sabotage, Spionage, Funk- und Kurierverbindung) unterstellt waren, während der Landesleitungen die Kreise (Divisionen), die Bezirke (Regimenter), Gebietsabschnitte (Batallione), Kompanien und Züge unterstanden. Es wurde im allgemeinen im Rahmen für diese militärischen Einheiten aufgestellt, der erst im Falle eines allgemeinen Aufstandes schnell aufgefüllt werden sollte.

Dieser relativ umfangreiche Ausbau ist damit zu erklären, daß die ON–Führung an eine deutsche Niederlage noch im Winter 1939/40 glaubte.

Im Laufe der Monate kam die ON in organisatorische Verbindung mit verschiedenen anderen Gruppen und nahm allmählich eine Schlüsselstellung in der Widerstandsbewegung ein.

c) Peticni vybor Verni zustaneme

Die dritte große Organisation bestand in der Hauptsache aus Sozialdemokraten, die in der Ersten Republik in Opposition zu der Mehrheit der sozialdemokratischen Partei gestanden hatten. Im Mai 1938 beteiligten sich diese linken Sozialdemokraten an einem Ausschuß, der Unterschriften „zum Schutze der Republik gegen Hitler" sammelte. Den engeren Ausschuß bildeten die linken Sozialdemokraten, dieser hieß „Peticni vybor verni zustaneme" (PVVZ) und gab der späteren Widerstandsorganisation ihren Namen.

Es existierten enge Kontakte zwischen ON und PVVZ. Es bedeutet jedoch nicht, daß es nicht politische Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Organisationen gegeben hätte.

Die PVVZ lehnte die alten politischen Parteien am schärfsten ab. Jede Wiederherstellung der alten Koalitionsparteien hätte nach Meinung des PVVZ zu einem zweiten Revolution nach der Befreiung geführt.

d) Narodni hnuti pracujici mladeze

Die NHPM wurde am 13.11.1938 gegründet und stand unter der Leitung eines zehnköpfigen Zentralkommites, dem 4 Sozialdemokraten, 4 Volkssozialisten und 2 Kommunisten angehörten.

Das Programm der NHPM erhielt die Forderung nach einer Erneuerung der Republik und dem Aufruf zum Kampf gegen Faschismus nur in dem allgemein formulierten Programmpunkt eines „Kampfes gegen die Verelendung der Arbeiterklasse" und trat für die Verbesserung ihren sozialen Situation ein.

Die NHPM hat eine eigene Zeitschrift Informacni sluzba narodniho osvobozeni (Informationsdienst der nationalen Befreiung) herausgegeben. Die Zeitschrift ruft das tschechische Volk zu Sabotageakten auf. Die tschechischen Arbeiter sollten ihr Arbeitstempo verringern, Schienen und Frachtstücke beschädigen, die tschechischen Bauern ihre Ablieferungspflichten nicht erfüllen.

Im Februar rächte sich der halblegale Aufbau der NHPM. Es wurden mehrere Funktionäre des NHPM ausgehoben, im Mai der der Gestapo bekannte Rest der Organisation. Damit war die Organisation aktionsunfähig geworden.

e) Komunisticka strana Ceskoslovenska

Diese Partei war schon in der Nachmünchner Republik verfolgt worden. Am 27.12.1938 wurde sie aufgelöst. Während ihre am meisten exponierte Funktionäre emigrierten baute die zweite Garnitur der KPC eine neue illegale Partei im Lande auf. Der Aufbau hat länger gedauert, deshalb trat die illegale KPC von März bis Juli 1939 kaum in Erscheinung.

Die kommunistischen Flugschriften unterscheiden sich grundsätzlich von den illegalen Schriften anderer Gruppen. Sie verzichten nämlich weitgehend darauf, die tschechische Bevölkerung mit zusätzlichen Informationen zu versorgen, sondern bestehen vor allem aus ideologische bestimmten Kommentaren, dürften also nur geringen Einfluß auf nichtkommunistische Bevölkerungskreise gehabt haben.

Die illegale KSC unterhielt auch eine Funkverbindung mit der Komintern. Der Inhalt der Depeschen betraf im allgemeinen nur die Parteiorganisation und die Beurteilung der allgemeinen politischen Lage, diente jedoch nicht dem konkreten Nachrichtendienst der Sowjetunion.
Kontakte zwischen den nationalen Gruppen und der KSC waren sehr gering.

e) Tätigkeit

Die Tätigkeit der Widerstandsgruppen hat sich auf die einfachsten Dinge konzentriert. Verbreitung der illegalen Zeitschriften, Nachrichtendienst, Sabotage und Propaganda, Hilfe für die verfolgten Familien, Grenzübertritte.

B. November 1939

Am 28.10.1939 kam es zum Zusammenstoß zwischen der Besatzungsmacht und dem Widerstand. Bis jetzt hatte die tschechische Bevölkerung fest jede Gelegenheit ze Demonstrationen genutzt. Es war also zu erwarten, daß sie auch am tschechoslowakischen Unabhängigheitstag demonstrieren würde. Doch die Kundgebung an 28.10. sollte eine größere Bedeutung gewinnen als die früheren. An der Vorbereitung der Kundgebung beteiligten sich sowohl die nationalen Widerstandsgruppen als auch die KSC. Den illegalen Organisationen ging es in erster Linie darum, den Widerstandsgeist der tschechischen Bevölkerung nach der überraschend schneller polnischer Niederlage wieder aufzurichten. Über die Zweckmäßigkeit von Demonstrationen am 28. 10. gab es zwischen den verschiedenen Widerstandsgruppen keine grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten. Die Flugblätter forderten die Bevölkerung auf, am 28.10. Feiertagskleidung zu tragen, nicht einkaufen zu gehen, nicht mit der Straßenbahn zu fahren, keine Zeitung zu kaufen usw. Die Kommunisten forderten zum „Generalstreik" auf.

Von verschiedenen Ereignissen am 28.10. sind die Prager Zusammenstöße zwischen Tschechen und Deutschen die wichtigsten. Während der Demonstrationen wurden ein Mann getötet, ein Student, Jan Opletal, tödlich verletzt. Sein Begräbnis gab Einlaß zu neuen Demonstrationen, wo hauptsächlich die Studenten beteiligt waren. Deshalb haben sich die Nazis auf Studenten konzentriert. Am 17. November wurden 9 angebliche Urheber der Demonstration erschossen, die tschechischen Hochschulen wurden geschlossen und 1200 Studenten in KZs gebracht.

Die deutschen Repressalien vom November 1939 bilden einen tiefen Einschnitt für die Politik der nationalen Widerstandsbewegung.

BEMERKUNG:

In der tschechischen historischen Zeitschrift „Dejiny a soucasnost" (Geschichte und Gegenwart), Jahrgang 21, Nummer 6/99, ist auf der S. 11-15 ein Artikel erschienen, das mit dem Thema des Projekts eng zusammengehört und von größerer Bedeutung ist.
Sein Autor ist Prof. Dr. Detlef Brandes (geb. 1941), der das grundlegende Buch über Tschechen unter deutschem Protektorat (Die Tschechen unter deutschem Protektorat, I.-II., München-Wien 1969-75) geschrieben hat. Es geht da um bis jetzt unbekannte Dokumente zu der deutschen Reaktion auf tschechische Unruhen im Herbst 1939. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Maßnahmen gegen Tschechen im Protektorat stark abhängig davon waren, welche Person beauftragt wurde, diese Maßnahmen durchzuführen.
 

C. Ab November 1939

Die schärfsten deutschen Eingriffe haben verursacht, daß die nationalen Gruppen die Widerstandsaktionen eingeschränkt haben. Offene Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Besatzungsmacht waren nicht mehr möglich. Widerstandsorganisationen paßten ihre Organisation den veränderten Umständen an und haben sich auf die Bildung der neuen illegalen Organisation und deren Zusammenarbeit konzentriert.

PU
Nach dem November 1939 kam es zu eine große Flucht- und Verhaftungswelle. PU wurde dadurch sehr geschwächt. Sie wurde der schwächste Teil von allen drei (ON, PVVZ), durch ihren Einfluß auf die Funkverbindung mit dem Exil behielt PU jedoch einen großen politischen Einfluß.

ON
Auch der ON kam die Gestapo auf die Spur. In zwei Verhaftungswellen von Ende 1939 und Februar 1940 fiel der Gestapo fast die gesamte Führung der ON zum Opfer. Mit Hilfe der PVVZ kam es zu einer Reorganisation im Aufbau der Geheimarmee. Dabei verließ man nun die schematische militärische Gliederung und ersetzte Wohn- durch Betriebszellen. Das Schwergewicht der illegalen Arbeit verlagerte sich auf relativ selbständige Sonderabteilungen, wie zum B. auf das Trio Balaban–Masin–Moravek, einen militärischen Nachrichtendienst, der nach London die Nachrichten aus dem Protektorat und aus Deutschland übergeben hat. Doch durch die Verhaftungen 1939/40 hatte die Gestapo genügend Überblick über den Personenkreis gewonnen, auf den sich die Geheimarmee stützte, um ihr auf den Fersen zu bleiben. Seit Juli 1940 gelang es ihr immer wieder, in gerade neu aufgebaute Landes-, Kreis- und Bezirksleitungen eindringen. Bis zur Machtübernahme Heidrychs im Protektorat, wurden 5000 ON – Mitglieder verhaftet.

PVVZ
Die Schwächung von PU und ON durch die Maßnahmen der Gestapo fällt mit einem Aufschwung der PVVZ zusammen. In der Zeit bis zum Sommer 1941 blieb die PVVZ zu einem gewissen Grade von Verhaftungen verschont, um den Verdacht entstehen zu lassen, die Gestapo habe mit Absicht gewartet, bis sie die Organisation so gut kannte, um sie mit einem Schlag vernichten zu können.

UVOD
Schon seit Sommer 1939 hatte es zwischen den großen Widerstandsgruppen Kontakte gegeben. Pläne zu eine organisatorischen Vereinigung scheinen dagegen erst im Dezember 1939 aufgetaucht zu sein. Damals verhandelten nämlich die PU und PVVZ über einen Zusammenschluß. Die Vorbereitungen zu einem gemeinsamen Ausschuß wurden aber durch die Verhaftungs- und Fluchtwelle im Februar 1940 abgerissen. Erst im März und April 1940 ist es zum Kontakt zwischen den großen zivilen Gruppen PVVZ und den Resten der PU gekommen. Die ON hat dann eine gemeinsame Sitzung vorgeschlagen. Ende April, Anfang Mai wurde ein Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit bei den Vorbereitungen der Befreiungsaktionen und den laufenden nachrichtendienstlichen- und Sabotagetätigkeiten abgeschlossen. Man hat diesen Ausschuß mit dem Begriff „Plenum", bzw. UVOD – Ustredni vybor odboje domaciho (Koordinationsausschuß des Heimatswiderstandes) bezeichnet.
Die UVOD war also keine neue Organisation, sondern ein Koordinationsausschuß, in den die drei Gruppen die Vertreter entsandten. Sie sollte über politische Fragen entscheiden, ihr Programm hatte eine sozialistische und eine demokratische Komponente. Im Programm kommen Begriffe wie Recht auf Arbeit, Verstaatlichung der Grundstoff-Industrie und der Monopolbetriebe, Demokratisierung des wirtschaftlichen Lebens, innerbetriebliche Mitbestimmung, zweite Bodenreform u. a. häufig vor. Das Programm befand sich im Einklang mit dem Vordringen sozialistischer Gedanken in breite Schichten des tschechischen Volkes. Der soziale Radikalismus hängt mit der Verschärfung der Lebensmittelknappheit im Winter 1940/41 zusammen. Auch das Bewußtsein, daß nach dem Fall Frankreichs die Hegemonie im Nachkriegseuropa der UdSSR zufallen werde, war wichtig. Mann wollte sich vorbereiten und versuchen, das tschechische Volk auf einer Grundlage eines sozialistischen Programms zu einigen, um es gegen eine kommunistische Revolution, die man für Deutschland als sicher voraussetzte, immun zu machen. In dieser Hinsicht gab es eine Einigung mit der Exilregierung, dennoch dürften bei diesem Thema Unterschiede zwischen den Auffassungen Benes und der UVOD bestanden haben. Zwar erwartete auch Benes für die Nachkriegszeit eine „sozial sehr radikalisierte Republik, politisch tiefgreifend verändert, aber doch nur als logische und bewußte Fortsetzung der Ersten Republik". Dagegen lehnt das Programm der UVOD die alten Parteien und Parteipolitiker besonders auffällig ab.

Tätigkeit der UVOD: Für das Exil blieb die wichtigste Widerstandsform der nationalen Gruppen der Nachrichtendienst. Die Nachrichtenverbindung wurde über Kuriere und über Funk aufrechterhalten. Die Kurierverbindung zwischen dem Protektorat und London lief über die Slowakei nach Ungarn und Jugoslawien, aber auch über die Schweiz und Schweden. Anfang 1941 wurde die Preßburger Anlaufstelle von der slowakischen Polizei ausgehoben und nach dem Südost-Feldzug kam der Weg über den Balkan für Kuriere nicht mehr in Frage. Die Wege über Schweiz und Schweden haben diese Verbindungen nicht völlig ersetzen können. Die militärische Nachrichten über deutsche Kriegspläne und Verteilung der deutschen Truppen im Protektorat, über Rüstungsproduktion und Truppentransporte durch das Protektorat waren sehr genau. Der Nachrichtendienst war für das tschechoslowakische Exil und die Alliierten die erfolgreichste und wichtigste Widerstandsform der nationalen Organisationen.

Die Organisation der Kommunistischen Partei stand außerhalb der UVOD.

Der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges bewirkte eine ausgesprochene „Freudenstimmung" der tschechischen Bevölkerung. Im Juni, August und September beteiligten sich immer weitere Kreise der Bevölkerung des Protektorats an Widerstandshandlungen. Es kam zu einem großen Aufschwung der Widerstandsbewegung. Diesmal waren es weniger Demonstrationen, wie im Herbst 1939, sondern Streiks und Sabotageakte. Auch wenn es in den meisten Betrieben nicht zu Streiks kam, drückte sich der verstärkte Widerstandswille doch in einem allgemeinem Leistungsrückgang und zahlreichen Krankenmeldungen u. a. aus. Die Sabotegeakte haben Chaos in die Kriegsproduktion gebracht, die Telefon- und Fernsprechleitungen wurden durchgeschnitten, genauso wie die Kriegstechnik und Eisenbahnwagons in Brand gesteckt. In einigen Fällen haben die Widerstandsorganisationen wertvolle deutsche Maschinen in Rüstungsbetrieben zerstört.
Anlaß zu den Streiks boten in jedem Fall die Verschlechterung der Lebensmittelversorgung und die starken Preissteigerungen. Allein in der Zeit vom 10. August bis 10. September 1941 kam es zu zehn größeren Streiks und zwölf Fällen von vorübergehenden Arbeitsniederlegungen. Der Reichsprotektor kam in seinem Bericht an Hitler vom 10. September 1941 zu dem Schluß, daß „die Gefahr weiterer Streiks bei der außerordentlich wirksamen Flüsterpropaganda und bei Andauern der schlechteren Versorgungslage trotz des jeweiligen staatspolizeilichen Vorgehens gegen die Führer gegeben" sei. Auch die Rüstungsinspektion Prags machte alarmierende Feststellungen.
In der zweiten Septemberhälfte verschärfte sich der Widerstand. Innerhalb von drei Tagen kam es zu drei Brandstiftungen. Den Höhepunkt all dieser Aktionen bildete der Boykott der Protektorats-Zeitungen und -Zeitschriften in der Zeit von 14. bis zum 21. September. Hiermit hatte der tschechische Widerstand einen Punkt erreicht, der die Besatzungsmacht an die Ereignisse im Herbst 1939 erinnern mußte. Wollten die deutschen Behörden eine weitere Steigerung des Widerstandes vermeiden, so mußte sie ihre Politik verändern.
Deswegen wurde am Ende September 1941 als vertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich ins Protektorat geschickt. Er hatte die Aufgabe gehabt, die dortige Situation zu beruhigen. Er hat das Standrecht ausgerufen und durch die Verbesserung der Sozial- und Arbeitsbedingungen die Arbeiterklasse zu gewinnen versucht. Heydrichs Maßnahmen und eine Verhaftungswelle beschäftigten die Widerstandsnetze stark. Die UVOD wurde fast vernichtet. Die Bildung einer einheitlichen und mächtigen Organisation (UVOD) und die Einigung aller Gruppen auf ein gemeinsames Programm, wurde mit der Zerschlagung aller beteiligten Gruppen bezahlt. Die Radioverbindung mit der Exilregierung wurde unterbrochen. Auch deswegen, mit dem Ziel diese Verbindung wieder aufzubauen, bekamen die Reste der UVOD eine Unterstützung durch Fallschirmagenten, die von britischen Flugzeugen abgesetzt wurden. Die Fallschirmagenten bekamen verschiedene Aufgaben. Mit einer der wichtigsten Aufgaben wurde die Gruppe „Antropoid" beauftragt. Der Tscheche Jan Kubis und der Slowake Jozef Gabcik sollte Heydrich töten. Dieser Beschluß wurde wahrscheinlich schon Anfang Oktober in London gefaßt. Nach längeren Vorbereitungen fand am 27. Mai das Attentat statt. Dieser Tat hat zwar die Prestige der Tschechoslowakei in der Welt verstärkt, gab aber gleichzeitig einen Einlaß zu den deutschen Repressalien. Es wurde wieder das Standrecht ausgerufen, die Ortschaften Lidice und Lezaky wurden niedergebrannt und dem Boden gleich gemacht, alle dort wohnende Männer erschossen und Frauen und Kinder in KZ gebracht. Auch die Fallschirmagenten wurden erwischt.
Große Repressalien haben eine Atmosphäre der Angst in die Bevölkerung gebracht. Es ist nicht mehr gelungen eine Widerstandsbewegung aufzubauen. Die Widerstandsgruppen haben es nun schwergehabt, die Tätigkeit wiederaufgenommen, die Verbindungen konnte man nicht mehr schließen. Die zentralen Widerstandsorgane waren nicht mehr tätig. Die Gestapo ist in die Gruppen eingedrungen und hat dann eigene Konfidenten eingesetzt. Die Deutschen haben erfahrene Personal gehabt, mit modernsten technischen Mitteln. Die Rundfunkverbindung mit dem Exil war unregelmäßig, für einige Zeit unterbrochen. Die Gestapo hat Radiosender gesucht und oft hat die Gefundenen benutzt, um Informationen aus London zu bekommen.
Der tschechische Widerstand hat einen hohen Preis für das Attentat an Heydrich bezahlt. Es ist nicht mehr gelungen ein Zentralorgan aufzubauen. Es gab kleine Widerstandsgruppen, die Haltbarkeit der Widerstandsgruppen ist aber gesunken und ihre aktive Arbeit betrug nicht länger als ein Jahr. Eine von diesen Gruppen war z. B. PNRV – Pripravny narodni revolucni vybor. Die Tätigkeit der Organisation beschränkte sich auf die Lösung von Problemen der Tschechoslowakei nach dem Krieg. Durch Verrat wurde auch die PNRV im Sommer 1944 zerschlagen.

2. Exil

Schon am 5.10.1938 hat Präsident Edvard Benes seine Demission angekündigt und kurz danach ist er nach London geflogen. Er hat mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gerechnet und hat angefangen eine Widerstandsbewegung zu organisieren. „Wir müssen eine Widerstandorganisation zu Hause [in der Tschechoslowakei] vorbereiten, auf der Seite Europas, die in den Krieg, auch trotz dem Münchner Abkommen, gehen muß. Es wird eine politische Emigration nötig sein, die rechtzeitig das Land verläßt." Benes war überzeugt, daß nur der Krieg einen Weg für die Tschechoslowakei öffnet, er war der einzige Ausgangspunkt seines Glaubens an eine Erneuerung der Tschechoslowakei.
 Am 15.3.1939 hat Benes Protesttelegramme an Roosevelt, Daladier und Chamberlain geschickt, wo er gegen die Besatzung des Böhmens und Mährens protestierte. Daladier, wahrscheinlich wegen dem Münchner Abkommen, hat nicht geantwortet, Roosevelt und Chamberlain haben die Okkupation des Böhmens und Mährens verurteilt und die Errichtung des Protektorates, genauso wie des Slowakischen Staates, nicht anerkannt.
Durch die Ereignisse im März 1939 ist es zu dem getrennten Leben der Tschechen und der Slowaken gekommen, der Auslandswiderstand ist aber einig geblieben.
Der wichtigste Widerspruch zwischen dem tschechoslowakischen Widerstand und den Westmächten war, das er mit einem Krieg gerechnet hat und das Münchner Abkommen als annulliert gesehen hat. Die britische und französische Regierung hat versucht einen Weg zu finden, den Krieg abzuwenden.
Gleich nach dem Ausbruch des Krieges hat Benes schon am 3.9.1939 die Telegramme an die britische , französische und polnische Regierung geschickt, daß die Tschechoslowakei den Kampf gegen Deutschland unterstützt. Benes hat den Krieg eigentlich begrüßt, in der Hoffnung, daß nach dem baldigen Sieg der Westmächte die Wiederherstellung der Tschechoslowakei ermöglicht wird. Die Lage der tschechoslowakischen Widerstandes, der zuerst übersehen wurde, hat sich verbessert. Anfang November wurde ein Tschechoslowakischer Nationalausschluß gebildet, der am 17.10.1939 als Vertreter des tschechoslowakischen Volkes anerkannt wurde. Er war allerdings nicht als provisorische Regierung angesehen, wie sich die Vertreter wünschten. Das hat die mißtrauische Stellung zum Westen noch verschärft.
Das Formieren der tschechoslowakischen Einheiten im Ausland hat begonnen. Benes forderte die Heimatswiderstandsgruppen auf, möglichst viele Offiziere und Soldaten ins Ausland zu schicken, um die tschechoslowakischen Legionen zu verstärken. Die Mehrheit der tschechoslowakischen Soldaten und anderen Patrioten ist zuerst nach Frankreich gegangen. Es wurde auch eine Legion in Polen errichtet. Die Legion mußte aber aus dem von der Roten Armee besetzten Gebiet zurücktreten. Diese Soldaten, zusammen mit etwa 10000 tschechischen Bürger, die am Anfang des Krieges nach UdSSR, in der Hoffnung gegen dem Nazi-Deutschland zu kämpfen, gegangen sind, endeten in den russischen GULAGs Lagern.  UdSSR hat , als Deutschlands Verbündeter, natürlich die tschechoslowakische Exil-Aktion nicht unterstützt. Die Beziehung zu der UdSSR war aber trotzdem gut, weil der Personenkreis um Benes geglaubt hat, daß der Sowjetisch-deutsche Nichtangriftpakt nur vorläufig ist, und hat auf den gemeinsamen Kampf (mit UdSSR) gegen Deutschland geglaubt.
Die Konzeption des Exils hat sich nach der Kapitulation Frankreichs auf zwei Dinge konzentriert – den Aufbau der tschechoslowakischen Armee und die Anerkennung der tschechoslowakischen Regierung. Der Schwerpunkt der Auslandsaktion wurde nach London transferiert.
Durch die Zusammenarbeit mit der britischen Regierung ist es gelungen, tschechoslowakische Soldaten und Flieger nach England zu schaffen. Die Soldaten, besonders die Flieger haben sich am Kampf um England beteiligt und sie haben eine Anerkennung gewonnen. Das hat natürlich den Bemühungen Benes geholfen.
Im Juli 1940 wurde die provisorische tschechische Regierung von der britischen anerkannt. Benes wurde als Präsident anerkannt und er hat den Staatsrat anstelle des Parlaments gegründet. Die Stellung des Exils blieb aber trotzdem kompliziert. Es ist nicht gelungen, so einen Status zu bekommen, den die Regierungen Polens, Belgiens, Hollands und Norwegens gewonnen hatten. Das Münchner Abkommen war noch nicht als Fehler angesehen, auch die Frage der tschechoslowakischen Grenzen war nicht klar. Damit hängen die Nachkriegsvorstellungen der Neuordnung Europas zusammen. (siehe weiter)
Erst im April 1941 hat Benes ein Memorandum der britischen Regierung vorgelegt, wo er die Ungültigkeit Münchens und die juristische Anerkennung Kontinuität beanspruchte. Erst nach dem, zwischen dem Exil und UdSSR unterschriebenen Pakt, der das Exil völlig anerkannt hat, wurde die Stellung der Tschechoslowaken in der Antinazi-Koalition anerkannt. Es war ein großer diplomatischer Erfolg Benes, zu dem die eindeutige Haltung der UdSSR beigetragen hatte. Die Regierung der UdSSR war also als erste einverstanden, die Tschechoslowakei in ihren 1919/20 festgelegten Grenzen zu respektieren, erst dann die britische und bis Herbst 1942 das „Frei Frankreich" des Generals de Gaulle.
Als Anfang 1943 an der Ostfront die große militärische Wende eintrat und die Wahrscheinlichkeit wuchs, daß die Tschechoslowakei eher vom Osten als von Westen befreit werden würde, näherte sich Benes der UdSSR noch weiter an. In dem bei einem Besuch unterzeichneten Vertrag über Freundschaft, gegenseitige Unterstützung und die Zusammenarbeit nach dem Kriege sicherte Stalin der Tschechoslowakei die Beachtung der Unabhängigkeit, die Souveränität und die Nichteinmischung in die Innenpolitik ausdrücklich zu. Stalin hatte auch der von Benes vorgeschlagenen vollständigen, entschädigungslosen Vertreibung der Sudetendeutschen zugestimmt.
Benes hatte mit dem von K. Gottwald geleitenden kommunistischen Exil die Ausbootung des „Vorkriegs-Rechtsblocks" und die Bildung einer nationalen Front aller „demokratischen" politischen Kräfte vereinbart, die ohne parlamentarische Opposition tief in die Volks- und Staatsstruktur eingreifen konnten. Die von den Westalliierten im Frühjahr 1944 gebilligte Entscheidung, die Tschechoslowakei durch die Rote Armee besetzen zu lassen, und die weitgehenden Zugeständnisse, die Benes bei einem Moskau-Aufenhalt im März 1945 den Kommunisten und Linkssozialisten für einen Regierungsbeitritt machte, beinhalteten eine Weichenstellung, deren Bedeutung für die Zukunft der Tschechoslowakei weder als Triumphator in die Heimat zurückkehrende und erneut zum Präsidenten der Republik erhobene Benes noch die Vertreter der demokratischen Parteien in der Regierung abzusehen vermochten.
 

III. Edvard Benes und seine Europakonzeptionen

1) Benes, Edvard: Demokracie dnes a zitra. Praha 1946.
2) Benes, Edvard: Demokratie heute und morgen. Zürich/New York 1944.

Als Edvard Benes im Herbst 1938 die Tschechoslowakei verlassen hatte, blieb er einige Zeit vom März bis Mai 1939 an amerikanischen Universitäten um Vorträge zu gehalten. Material, das er für diese Vorträge vorbereitet hatte, wurde im Jahre 1940 auf Englisch herausgegeben. Im Jahre 1942 wurden diese Vorträge ins Tschechische übersetzt, einige Stellen hat Benes erweitert und andere mit Rücksicht auf Kriegsverhältnisse gekürzt. Nachdem dieses Buch unter dem Namen „Demokratie heute und morgen“ auf Französisch, Italienisch, Deutsch, Schwedisch, Portugiesisch, Chinesisch und Spanisch herausgegeben wurde, hat Benes im Vorwort der dritten tschechischen Ausgabe geschrieben:
„Demokratie heute und morgen ist ein Beleg dafür, wie wir im Exil über Weltprobleme nachgedacht haben. Hoffentlich können diese Ansichten auch für Probleme von der heutigen Zeit nützlich sein. Es gibt gewisse menschlichen Wahrheiten, die sich nicht einmal in den größten Revolutionen ändern.“ (1) s. 8)
Durch die Entscheidung das Buch wieder herauszugeben, können wir annehmen, daß diese Texte für Benes sehr wichtig waren, gerade in der Zeit, wo sich die tschechoslowakische Gesellschaft entscheiden sollte, in welche Richtung sie nach der Befreiung von Nazismus gehen werde.

Das Buch gliedert sich in 8 Kapitel:
1) Europas geistige und politische Entwicklung und die moderne Demokratie
2) Der Weltkrieg 1914-1918 und sein Einfluß auf die Demokratisierung Europas
3) Der Sturz der Demokratie in Europa und seine Ursachen
4) Der Völkerbund als Ausdruck der Demokratisierung Europas und der Welt
5) Die moderne antidemokratische Ideologie und die europäische Demokratie
6) Das Nahen des neuen Weltkrieges – sein demokratischer Sinn und sein Ziel
7) Die demokratische Reorganisierung des Nachkriegseuropa und der Welt
8) Die Zukunft der Demokratie

Für unser Thema sind in den Kapitel 7 und 8 zusammengefaßte Ansichten am wichtigsten.

„[...] Aus der europäischen Nachkriegsorganisation muß vor allem ein dauerndes allgemeines europäisches Gleichgewicht hervorgehen. Dieses Gleichgewicht des künftigen Europa sollte politisch und wirtschaftlich aus dem Ausgleich der Kräfte einiger größerer politischer Einheiten beruhen. Der aus der früheren politischen Geschichte bekannte Begriff des Gleichgewichts bedeutet allerdings in dem von mir gewählten Begriff nicht Gleichgewicht der materiellen Kräfte, also der Armeen, sondern die vernünftige Aufteilung Europas in einzelne größere ausgeglichene, territorial, politisch und wirtschaftlich ausreichend starke politische Organisationen. [...]“ (2) s. 240)
„[...] Ich stelle mir die Durchführung der Ideen einer neuen Organisation Europas als Verwirklichung der von Roosevelt und Churchill am 14. September 1941 unterschriebenen und am 1. Jannuar 1942 in Washington von 26 gegen die Achse kämpfenden Nationen neuerlich angenommen sogenannten Atlantik-Charta. [...]“ (2) s. 240)

Über Sowjetrußland in Europa hat Benes überlegt:
„[...] Sowjetrußland, zum Unterschied von abweichenden Plänen (z. B. des sogenannten Paneuropa) muß ein Bestandteil dieser europischen Organisation und des Zusammenspiels der neuen europäischen Blöcke sein. Der große Fehler des politischen Statuts Europas nach dem letzen Weltkriege war gerade das, daß Sowjetrußland zu seiner Errichtung und Führung nicht und zu seiner gemeinsamen Verteidigung erst ziemlich spät (1934) zugezogen wurde. Dadurch hat sich Sowjetrußland, mit Recht oder Unrecht, ständig isoliert und bedroht gefühlt. Wenn Sowjetrußland neuerdings aus dem organisierten Europa ausgeschaltet würde, so verlöre dieses Zusammenspiel der neuen, organisierten politischen Einheit in Europa sein Gleichgewicht, da der deutsche Einfluß in der Richtung nach Osten wieder sehr verstärkt würde. Außerdem würde es wieder unausweichlich zu Bestrebungen führen, Rußlands Einfluß auf Europas zu verhindern und es zu isolieren. Diese Politik brachte in den letzten zwanzig Jahren nicht nur Nachteile für Sowjetrußland, dessen innere Konsolidierung und wirtschaftliche Entwicklung sich schneller und leichter mit Hilfe der übrigen Europa hätte vollziehen können, sondern noch größere Nachteile für Europa. Das europäische Rußland gehört geographisch und politisch ebenso zu Europa wie das britische Inselreich. Das ist eine logische und politische Tatsache. Diese ständige Gleichgewichtsverschiebung und das Entblößen des Osten zu Gunsten Deutschlands war einer der Gründe des zweiten Weltkrieges; sollte sich dieser Fehler wiederholen, so würde er wahrscheinlich zu einem dritten Kriege führen. [...]“ (2) s. 242)

 Ein sehr kompliziertes Problem war die Neuordnung Mitteleuropas.
„[...] Die Situation wird am schwierigsten in Mitteleuropa sein, wo das Statut vom Jahre 1919 in den letzten zwanzig Jahren noch keinen definitiven Charakter annehmen konnte, wo es viele ungelöste politische, soziale und andere Probleme, wie die Sprachenfrage, gibt und wo der gegenwärtige Krieg und die Besetzung dieser Länder durch die Deutschen noch viele Probleme hervorrief. Deshalb kann man heute noch nicht gesagt werden, ob und in welcher Form sich mitteleuropäische Föderationen verwirklichen lassen werden.
Wer allerdings sieht nicht, daß auch dieser Krieg mit revolutionären Erschütterungen enden wird, die, besonders in Mitteleuropa, noch mächtiger und tiefgreifender als die des vorigen Krieges sein werden? Und wer merkt nicht, daß nach diesem Krieg in noch höherem Maße als nach dem letzten Krieg die durch Hunger, Leiden und unsagbare Qualen verfolgten breiten Massen entscheiden werden? Und daß diese Volksmassen schon heute bestimmte Vorstellungen von der zukünftigen, jedenfalls sehr radikalen europäischen Demokratie haben? [...]“ (2) s. 244)

Benes hat die Möglichkeit der tschechoslowakisch-polnischen Konföderation überlegt:
„[...] Die Reorganisation Mitteleuropas, deren Kern eine tschechoslowakisch-polnische Allianz oder Konföderation, gestützt auf eine tschechoslowakisch-polnisch-sowjetrußische Zusammenarbeit oder Allianz sein könnte (namentlich zum Zwecke einer definitiven Unterbringen des „Drangs nach Osten“. [...]“ (2) s. 241)
„[...] Sie [die Konföderation] würde in sich einen genügend starken politischen, territorialen und wirtschaftlichen Block bedeuten. Dieser Block müßte die dauernde Freundschaft und volle Zusammenarbeit mit Sowjetrußland erreichen. [...] Das wäre der gangbarste Weg zur Sicherung Mitteleuropas vor einer neuen Invasion. [...]“ (2) s. 246)
Auf der anderen Seite war für den Benes eine Selbstverständlichkeit, daß „das schließliche Ziel irgendeine paneuropäische Vereinigung, als Bestandteil einer größeren internationalen Weltvereinigung sein muß, ohne die sich eine künftige Weltfriedensorganisation gar nicht vorstellen läßt. Ich sage sogar, daß ohne diesen europäischen Rahmen eine regionale Konföderation nicht vorstellbar ist und daß weder Großbritannien noch Sowjetrußland nach den Erfahrungen der letzten Jahre zulassen werden, in Mitteleuropa ohne Einfluß zu bleiben. [...] Der britisch-russische Vertrag vom 26. Mai 1942 über die Allianz beider Staaten und ihre Zusammenarbeit am Wiederaufbau Europas [...] kann die Grundlage für die künftige Reorganisation Europas werden. [...] Zuerst müssen die Länder, die am ehesten zueinander gehören, zu festen Blöcke zasammenwachsen. Ein organisches Wachsen aus Kleinem zu Großem, wenn nötig ganz langsam, habe ich lieber als eine große Einheit, in der sich Mittglieder zusammentun, bevor sie Gelegenheit hatten, sich kennen zu lernen und aneinander zu gewöhnen. Eine wesentliche Bedingung hierfür ist, daß alle diesen Völkern eine lange Periode des Friedens geschenkt werde.[....]“ (2) s. 246-247)

Nicht uninteressant ist auch die Überlegung der international Sicherheitsorganisation. Große Aufmerksamkeit hat Benes auch den Menschenrechten gewidmet.
 „[...] Es wird notwendig sein, die Rechte des demokratischen Menschen und Bürgers im künftigen Frieden mit Hilfe einer Weltcharta der Menschenrechte zu garantieren.[...]“ (2)s. 249)
(Das hat der Benes nicht mehr erlebt. Nur einige Monate nach seinem Tot wurde in Rahmen der UNO eine allgemeine Deklaration der Menschenrechte 10.12.1948, im Jahre 1950 dann die Europäische Konvention über Menschenrechte und das Internationale Abkommen über bürgerlichen und politischen Rechten aus dem Jahre 1966 genehmigt.)

Es war ziemlich mutig im Jahre 1942 die Prognosen über Nachkriegsordnung zu überlegen. Es war schon sicher, daß die Antihitler-Koalition siegt, die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen in einzelnen europäischen Staaten waren über völlig unklar. Benes hat Großbritannien immer als die erstrangige Großmacht gesehen, er konnte sich nicht ihren Verfall mach dem Zweiten Weltkrieg vorstellen. Genauso hat er nicht an die Teilung der Welt zwischen den Vereinigten Staaten und UdSSR gedacht. Er hat aber über die Verbindung zwischen Demokratie und Kommunismus nachgedacht. Er stellt die Frage:
 „[...] So werden nach diesem Kriege – zuerst als Verbündete, später vielleicht als Rivalen – die Systeme der politischen Demokratie und des Sowjet-Sozialismus übrig bleiben. Können und werden sie mit- und nebeneinander leben können? Werden sie zusammen arbeiten oder wenigstens einander tolerieren? Oder wird auch zwischen ihnen Kampf bis zum Fall des einen oder anderen weiter gehen [...]?“ (2) s. 254)
 Benes beantwortet diese Frage:
„[...] Es ist möglich und es ist notwendig, daß diese beide Systeme [...] auch nach dem Krieg zusammenarbeiten und einander loyal tolerieren.[...]“ (2) s. 255) „[...] Zwischen diesen beiden politisch-sozialen Systemen ist eine Zusammenarbeit möglich und erreichbar. Auf dem Gebiet der reinen Theorie und ihrer philisophisch-soziologischen Grundlage ist gegenseitige Toleranz notwendig. In der sozialen und wirtschaftlichen Praxis des künftigen Aufbaus der sozialer werdenden demokratischen Gesellschaft muß die Demokratie dem sowjetischen System wesentliche Konzessionen machen; auf dem Gebiete des politischen Regimes der demokratischen Freiheit und im Abbau der temporären proletarischen Diktatur muß das sowjetsozialistische System dem System der umgestaltenen Nachkriegs-Demokratie einige durchaus wesentliche und schnelle Konzessionen machen. [...]“ (2 s. 263)
Benes hat geglaubt, daß die Entwicklung in der Sowjetunion „nach rechts“ geht, von der Diktatur zur sozialistischer Demokratie. Er hat die Situation optimistischer geschätzt, als sie in der Wirklichkeit war, wie allerdings auch andere Demokraten zu dieser Zeit.
 

IV. Weitere Vorstellungen eines „neuen“ Europa

(Die mit dem tschechoslowakischen Exil zusammengehören)

Polnisch-tschechoslowakische Föderation

Im Herbst 1940 hat man angefangen über polnisch-tschechoslowakischen Föderation zu reden. Die Verhandlungen wurden wahrscheinlich von der Seite der Großbritannien initiiert. Winston Churchill hat sich gerne mit ähnlichen Plänen auf mitteleuropäsche Konföderation beschäftigt, wo die Großbritannien einen großen Einfluß hätte.
11. November 1940 in London – polnisch-tschechoslowakische Erklärung, beide (Exil-) Regierungen sind entschieden nach dem Krieg eine engere politische und wirtschaftliche Vereinigung zu bilden, die eine Grundlage für ein neues stabiles Europa sein sollte. Im Frühling 1941 wurden weitere Verhandlungen geführt, es gab aber große Widersprüche (polnisch-tschechoslowakische Grenzen wurden nach dem München Abkommen verändert, Benes konnte von der polnischen Seite keine Unterstützung im Kampf um „Aberkennung Münchens“ erwarten.
Diese Vorstellung durchzusetzen war nicht möglich.
 

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