Theodor Herzl : "Der Judenstaat"

von Florian A. Schreiber


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Inhaltsverzeichnis

Der Weg zum "Judenstaat" | Der Zionismus | Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage | Bibliographie

 

1. Der Weg zum „Judenstaat"

Theodor Herzl - Benjamin Seew Ben Jaakob Herzl - wurde am 2. Mai 1860 als Kind jüdischer Eltern in Pest, einem Teil des späteren Budapest, geboren.

Er entstammt einer Familie von Bankiers und Geschäftsleuten, die geprägt worden war durch die Ideen der jüdischen Aufklärung und des modernen Liberalismus.

Besonders wichtig für das spätere Wirken Herzls ist also der Umstand, daß er im Umfeld des modernen, assimilatorischen jüdischen Bürgertums aufwuchs, und nicht - wie wir heute sagen würden - der jüdischen Orthodoxie zugehörte.

Die großdeutsch-nationalistische Haltung seiner Jugendjahre dürfte Herzl wohl teilweise von seiner Mutter sowie seiner studentischen Umgebung übernommen haben. Er gehörte von 1881 bis 1883 der Burschenschaft Albia an, aus welcher er jedoch nach einem Vorfall im Umfeld der Gedenkfeiern für Richard Wagner (!) austrat. In diesem Zusammenhang sprach Herzl erstmals davon, daß er die Last des Semitismus trage, und somit ohnehin niemals der Verbindung hätte beitreten sollen. An diesem Punkt in Herzls Leben lassen sich wohl erste Erkenntnisprozesse festmachen, welche in Herzl zu der beginnenden Überzeugung führten, daß die totale Assimilation der Juden von der Mehrheit des Volkes nicht gewünscht wurde. (Abgesehen davon, daß auch ein nicht unbeträchtlicher Teil des Judentums diesen Weg mitnichten beschreiten wollte).

Die Familie war 1878 von Budapest nach Wien gezogen, wo sich Herzl im September dieses Jahres an der juridischen Fakultät der Universität einschrieb. Während seiner Zeit an der Universität - und in der Albia - machte Herzl auch die unangenehme Bekanntschaft mit dem Buch Die Judenfrage von Eugen Dühring. In diesem Werk werden die Juden als eindeutig rassisch unterlegen bezeichnet, was dazu führen würde, daß sie die deutsche Kultur pervertierten. Dühring spricht davon, daß die Juden aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden müßten und daß eine Integration (also die Assimilation) keinesfalls akzeptabel wäre.

Es ist klar zu erkennen, daß sich die traditionelle, die religiöse Form des Antisemitismus, wie sie in Europa seit Jahrhunderten herrschte, nun im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einen Rassischen Antisemitismus verwandelt hatte, der Anfangs von den Juden nicht als bedrohlicher wahrgenommen wurde, schließlich aber in der Katastrophe der Shoa seinen barbarischen Höhepunkt finden sollte. Herzl spricht in seinem Judenstaat noch davon, daß die Judenfrage ein verschlepptes Stück Mittelalter sei, er bemerkt also offenbar nicht die Brisanz, die Sprengkraft dieser neuen Form des Rassischen Antisemitismus. Natürlich waren ihm die Auswüchse der althergebrachten Judenfeindschaft bekannt, doch sah er (und mit ihm die meisten Anderen) nicht die neue Dimension des Antisemitismus. Hier definierten sich Rassen dadurch, daß sie sich einer anderen, minderwertigen Rasse praktisch feindlich gegenüberstellten. Der Gedanke also, daß die Juden nicht aufgrund irgendeines Verbrechens, welches sie begingen oder begangen hatten, sondern aufgrund der Tatsache, daß es sich um Juden, also eine minderwertige Rasse handelte, quasi aussätzig waren - dieser Gedanke war neu.

Die Gefahr wurde von Herzl nicht explizit erkannt, für ihn ist der Antisemitismus in größten Zügen eine Reaktion auf die Emanzipation der Juden und auf die Tatsache daß schon im Mittelalter die Assimilierbarkeit verlorengegangen wäre (hier steht Herzl zumindest dem theoretischen Modell der Assimilation immer noch positiv gegenüber, diese Ansicht revidiert er später deutlich - „Wir sind ein Volk, ein Volk!").

Und doch fällt die Entstehung des Zionismus in eben jene Zeit der Entstehung des rassischen Antisemitismus. Es liegt somit der Gedanke nahe, daß der Zionismus womöglich nicht eine klare Konsequenz dieses neuen Antisemitismus ist, daß aber die führenden Männer, erst des Gedankens, dann der Bewegung, nicht nur eine Lösung der - insbesondere in Osteuropa - traditionell bedrohlichen Lage der Juden suchten, sondern vielleicht auch intuitiv bemerkten, daß die Bedrohung eine neue Größenordnung angenommen hatte.

Nach Beendigung seines Studiums praktizierte Herzl einige Zeit als Anwalt, hatte aber seinen schon seit Kindheit bestehenden Traum als Schriftsteller zu reüssieren (und zwar als deutscher Schriftsteller) keinesfalls vergessen. 1885 endet seine kurze Laufbahn als Anwalt und er startet einen „zweiten Berufsweg" als Autor.

Eben die Tatsache, daß es sich bei Herzl um einen Autor handelt, der bis zum Judenstaat schon einige Dramen und zahlreiche Feuilletons veröffentlicht hatte, schlug sich auch bei der Konzeption dieses Versuchs einer modernen Lösung der Judenfrage nieder. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine mehr oder weniger trockene Utopie (und genau darauf legt Herzl schließlich auch besonderen Wert), sondern um einen Entwurf, welcher manchmal selbst vor beißendem Humor nicht zurückschreckt um eine möglichst klare, ansehnliche Darstellung der Situation zu erhalten, etwa bei einer Jagdbeschreibung, wo Herzl sarkastisch von der Verwendung einer Melinitbombe spricht.

Herzl wird im Oktober 1891 zum Korrespondenten der Neuen Freien Presse in Paris ernannt, wo er die Affäre um Alfred Dreyfus (1894, 95) miterlebt. 1895 trifft er mit Baron Maurice De Hirsch zusammen, der in Argentinien landwirtschaftliche Siedlungen für jüdische Emigranten betreibt. Diese Begegnung dürfte für Herzl mit den Ausschlag gegeben haben, sich im Rahmen einer nonfiktionalen Schrift explizit mit dem Thema der Lösung der Judenfrage zu befassen.

Eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts, eines der wichtigsten Bücher der jüdischen Geschichte - der Judenstaat, erscheint am 2. Februar 1896 (nach anderen Quellen am 14. Februar 1896) in einer lächerlich kleinen Auflage von nur 3000 (dreitausend!!) Exemplaren in Wien.

Mit dem Erscheinen des Judenstaates gelangte ein Stein - wohl mehr ein Fels - ins Rollen, der schließlich am 14. Mai 1948 zur Gründung des Staates Israel führen sollte. Andere hatten diesen Fels vor Herzl bewegt, Andere bewegten ihn nach seinem Tod weiter, doch es bleibt ewig das Verdienst von Theodor Herzl, mit dem Judenstaat und noch viel mehr mit seinem Engagement in der zionistischen Organisation, einer Bewegung nicht nur endgültig Leben eingehaucht zu haben, sondern ihr auch von den kleinen Anfängen an die Richtung gewiesen zu haben, die an ein Ziel führen sollte, dessen Erreichen schließlich David Ben Gurion 44 Jahre nach Herzls Tod verkünden konnte.

 

2. Der Zionismus

Eine der Hauptursachen für die Entstehung des Zionismus dürfte wohl der staatliche Antisemitismus in Rußland nach 1881 gewesen sein. Dazu kam noch die bereits genannte Verschärfung in West und Mitteleuropa durch ein Scheitern der Assimilationsbewegung und die Entstehung des Rassischen Antisemitismus. Der Zionismus erlebte verschiedene Färbungen und Ausprägungen - deren wichtigste der "politische Zionismus", der "Kultur Zionismus" sowie der "praktische Zionismus" waren. Ersterer erstrebte einen jüdischen Nationalstaat in Palästina, während Zweitgenannter auf eine Staatsgründung verzichtete, und nur auf jüdisches Siedlungswesen baute. Beiden war jedoch die Blickrichtung Palästina - Israel gemeinsam, was sie vom "praktischen Zionismus" unterschied, welcher als Auswanderungsziel sowohl Palästina, als auch Amerika, vorschlug. Später kam noch der "militante Zionismus" dazu (man könnte diesen als Vorläufer der heutigen Siedlerbewegung betrachten), erlangte jedoch innerhalb der Bewegung nie überragende Bedeutung. Chaim Weizmann, später erster Präsident des Staates Israel und lange Zeit Vorsitzender und Leitfigur der Zionistischen Bewegung, prägte um 1911 den "synthetischen Zionismus", eine Vereinigung von Kultur, - und praktischem Zionismus.

Während seiner Anfänge war der Zionismus auf charismatische Persönlichkeiten angewiesen - die berühmteste, und für die Bewegung bedeutendste war Theodor Herzl. Natürlich verloren die Personen an der Spitze der Bewegung nie völlig an Bedeutung, doch nach Chaim Weizmann erlangte das Wort der regionalen Zionistenführer, vor allem in Palästina, immer größeres Gewicht. Die Männer an der Spitze der Bewegung wurden nie von allen kritikfrei akzeptiert, zwischen manchen bestand sogar offene Feindschaft.

Bereits vor Herzl gab es Bestrebungen, die mißliche Lage, in welcher sich vor allem die Juden Osteuropas und im speziellen die Juden unter zaristischer Herrschaft befanden, zu mildern. Den bedeutendsten dieser Versuche stellt Leon Pinskers (1843 - 1913) Broschüre "Autoemanzipation" (1882) dar. Pinsker, ein zu seiner Zeit sehr bekannter jüdischer Arzt, spielte mit dem Gedanken an jüdische Siedlungen in Amerika oder Palästina, wobei hier die Analogie zu Herzl besonders bemerkenswert ist, da dieser in seinem "Judenstaat" als mögliches jüdisches Kernland sowohl Argentinien als auch, und natürlich an erster Stelle gereiht, Palästina ins Auge gefaßt hatte. Sowohl "Judenstaat" als auch "Autoemanzipation" sind somit dem "praktischen Zionismus" zuzuordnen.

Die Blickrichtung Argentinien kam nicht von ungefähr. Bereits 1853 garantierte die Argentinische Verfassung die Freiheit der Religion und Immigration. Das mußte natürlich gerade auf die in Europa - mit einigen Ausnahmen - unterdrückten und verfolgten Juden, besonders anziehend wirken. Und die Antwort ließ nicht allzu lange auf sich warten. 1868 wurde die "Congregacion Israelita de la Republica Argentina" gegründet. 1881 gab es bereits einen Beauftragten der Argentinischen Regierung für Einwanderung russischer Juden. Das machte natürlich sowohl auf Pinsker als auch später auf Herzl gehörig Eindruck.

Sechs Jahre vor Erscheinen des "Judenstaates" gründete Baron Maurice de Hirsch in Argentinien die "Association für jüdische Kolonialisierung" (IAC) (1891). Damit wurde Amerika, und im speziellen die USA und Argentinien, endgültig zum Ziel jüdischer Einwanderer, welche in Rußland immer schlimmer werdenden Verfolgungen ausgesetzt waren. In den USA gab es zwar weder Pogrome noch Ghettos, doch auch keine Organisation, welche sich der Einwanderer annahm. In Südamerika hingegen konnten die Ankommenden zum Teil umgehend in ein System integriert werden.

Baron de Hirschs landwirtschaftliche Siedlungen in Argentinien boten denen, die in ihrer Heimat ihrer Würde und ihres Besitzes (soferne man ihnen überhaupt welchen zugestand) beraubt worden waren, die Möglichkeit auf Arbeit und ein friedliches Leben. Doch eine Einwanderung, deren Zahl sich auch nur im Entferntesten mit der in die USA hätte messen können, konnte eine Organisation damals noch nicht bezahlen. Somit blieb die organisierte Einwanderung der Mehrheit verschlossen.

Im Jahre 1896 schrieb Theodor Herzl, auch unter dem Eindruck der Dreyfuß-Affäre stehend, sein Essay "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage". Bereits kurz nach Erscheinen wurde das Werk als Utopie eines gewöhnlichen Journalisten abgetan. Sowohl die jüdische Hochfinanz, welche Herzl in seinem Manifest schließlich als Wegbereiter des neuen Staates vorgesehen hatte, als auch große Teile des assimilierten jüdischen Bürgertums verhielten sich verständnislos bis ablehnend. Herzl jedoch verstand das Werk in keiner Weise als Utopie, sondern als Grundentwurf, welcher so schnell wie möglich realisiert werden mußte. Ganz nach seinem Denken gerichtet war auch sein Handeln. Anfragen um Unterstützung bei der Familie Rothschild blieben vorerst ohne Antwort, und auch Kaiser Wilhelm II. von Deutschland interessierte sich nicht für das Projekt des Theodor Herzl. Doch dieser war durch kurzfristige Mißerfolge in seiner Überzeugung nicht zu erschüttern.

1897 wurde auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel (Baseler Programm) die Zionistische Organisation gegründet. Sie war von Anfang an als überparteiliche, übernationale Institution gedacht, deren Aufgabe es war, die nationalen Ziele des Judentums auf politischem und diplomatischem Wege zu erreichen. Sofort bildeten sich innerhalb der Zionistischen Bewegung verschiedene Strömungen, deren wichtigste im ersten Kapitel bereits behandelt wurden. Als erster Vorsitzender der Zionistischen Bewegung setzte Herzl weiterhin seine ganze Kraft daran, sein Ziel auf schnellstem Wege zu realisieren. Mit wachsender Besorgnis verfolgte er das Geschehen in Osteuropa, die grausamen Ausschreitungen, denen die russischen Juden unter einem durch und durch antisemitischen Zaren im Jahre 1903 ausgesetzt waren. Herzl war mittlerweile auch angesichts der steigenden Not des osteuropäischen Judentums überzeugt, daß die Lösung nicht durch Assimilation erreicht werden konnte, sondern ausschließlich durch die Schaffung eines jüdischen Staates.

Auf vier Zionistenkongressen zwischen 1897 und 1903 mußten sich Herzl und seine Mitstreiter immer wieder eingestehen, auf der Stelle zu treten. Lediglich die Gründung der "Jüdischen Colonialbank" (1899) zur Finanzierung der Siedlungspolitik in Palästina, und die Errichtung des "Jüdischen Nationalfonds" im Jahre 1901 (Ankauf von Siedlungsgebiet in Palästina) konnten als Erfolg verbucht werden. Großartige Erfolge, in der Art wie sie Herzl gewünscht hatte, blieben aber aus.

Die Zionistische Bewegung hatte mit vielerlei Problemen zu kämpfen. Nie bildeten die Zionisten innerhalb des Judentums die Mehrheit, und von der breiten Basis der Juden fehlte ihnen Unterstützung und Motivation. Weiters stellte sich den Zionisten das Problem der Anerkennung durch jene Staaten, die eine relevante Instanz in der Frage eines Judenstaates in Palästina darstellten. Eine, wenn auch nicht lange währende, praktische Anerkennung der zionistischen Ziele durch Großbritannien erfolgte schließlich erst 1917 mit der Balfour Erklärung.

1903 kam es zu einer Krise, welche fast zur Spaltung der zionistischen Bewegung geführt hätte. Die britische Regierung war mit dem Vorschlag an die Zionisten herangetreten, in Uganda eine autonome jüdische Kolonie zu gründen. Angesichts der Gewaltwelle in Rußland, gedachte Theodor Herzl den ursprünglichen Kurs zu verlassen, und auf das Angebot der Briten einzugehen. Diese Absicht führte beim 6. Zionistenkongreß 1903 zu starken Unstimmigkeiten zwischen den Befürwortern des Uganda-Planes, im speziellen den politischen Zionisten, deren Orientierung zwar eigentlich Palästina war, die aber die Notwendigkeit einer schnellstmöglichen Staatsgründung sahen, und der von Ussischkin, einem der bedeutendsten russischen Zionisten, und Haam geführten Opposition.

Diese warf Herzl Verrat am jüdischen Volk und am "Lande der Väter" vor und drohte mit Spaltung der Bewegung. Dem wollte Herzl unbedingt vorbeugen, und stellte sich der Abstimmung. In dieser ging es um die Entsendung einer jüdischen Expertenkommission nach Ostafrika, zwecks Begutachtung der Siedlungsmöglichkeiten. Mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,5 Prozent wurde der Antrag angenommen. Haam und Ussischkin waren empört und verließen den Kongreß. Die russischen Zionisten sandten hierauf ein Ultimatum an Herzl. Entweder er lasse das Uganda Projekt fallen, oder man werde eine zweite, unabhängige zionistische Organisation, ohne Herzl und "seine Verräter", gründen. Im April 1904 mußte Herzl im Zuge eines Treffens in Wien endgültig von Uganda Abstand nehmen. Ussischkin hatte erreicht, was er wollte und den endgültigen Kurs des Zionismus, an welchem nie wieder gerüttelt werden sollte, festgelegt - Palästina.

Herzl starb, infolge eines langanhaltenden Lungenleidens, am 3. Juli 1904 in Edlach. Anläßlich seines Begräbnisses reisten tausende Juden aus aller Welt an, um dem „Bannerträger des jüdischen Volkes" die letzte Ehre zu erweisen.

Dieser sein letzter Weg sollte jedoch erst im August 1949 enden, als seine Gebeine nach Israel überführt wurden. Benjamin Seew Ben Jaakob Herzl - Theodor Herzl fand seine letzte Ruhestätte auf dem Herzl Berg in Jerusalem, auf dem Boden des Staates Israel.

 

3. Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage

Einen Großteil seines Werkes über befaßt sich Herzl mit den Technischen Lösungsvorschlägen, den sozialpolitischen Einrichtungen, welche zu einer jüdischen Staatsgründung führen sollen. Diese Feinheiten sind zwar „rein technisch" sehr interessant - und es spiegelt sich darin der Bewunderung Herzls für die Technik wieder - doch sie sind wenig aufschlußreich, wenn es darum geht, die Position des Judenstaats, seine Mission zu beleuchten.

Schon auf der Titelseite wird man mit dem Taktiker Herzl konfrontiert. Die Bemerkung „Doctor der Rechte" steht nicht etwa zufällig dort, vielmehr soll sie jedweden Versuchen, den Text als Ausgeburt eines Verrückten - und genau die Gefahr bestand ja - zu diskreditieren, gleich von Beginn an den Wind aus den Segeln nehmen. Hier hat sich ein Akademiker, ein gebildeter Mensch, und nicht etwa ein besessener Visionär, mit einem Problem beschäftigt und legt seine Lösungsvorschläge vor. Dementsprechend klar und logisch ist auch der Aufbau des Textes. Einleitung, Vorstellung des Themas, Geschichtlicher Hintergrund, Lösungsweg und Mittel diesen Lösungsweg auch erfolgreich zu beschreiten.

Am wichtigsten für eine Bewertung des Judenstaates sind die Einleitung und der Allgemeine T(h)eil. Auf diesen Seiten begegnet man nicht nur Herzls Argumentationskunst, mit welcher er sich bisweilen auf recht dünnes Eis begibt. „Die Judenhetzen haben immer nur unsere Schwächlinge zum Abfall bewogen". Von heute aus betrachtet ist diese Aussage natürlich ungeheuerlich.

Man begegnet auch dem kunstvollen Feuilletonisten Herzl, der mit einer ungemein bildhaften Metaphorik („Ganze Äste des Judentums können absterben, abfallen; der Baum lebt" oder „Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen...") seine Gedanken buchstäblich aufzeichnet.

Eine der wohl wichtigsten Feststellungen dieses Teils, womöglich die wichtigste Feststellung des gesamten Werkes ist geradezu eine Kampfansage an die Assimilationsbewegung. „Wir sind ein Volk, ein Volk." Das ist auch einer der Kernsätze, der deutlich macht, daß der Judenstaat eine in gewisser Hinsicht fast nationalistische Schrift ist. Freilich nicht in dem Sinne nationalistisch, der zu dieser Zeit in Europa herrscht, aber doch lassen sich gewisse Bestandteile der nationalen Bestrebungen klar erkennen. Herzl gründet sich nicht etwa auf die religiöse Tradition Israel, für ihn ist Israel - also Palästina - anfangs nur eine Möglichkeit unter einigen, wenn auch logischerweise die begehrteste. Aber wenn nicht Palästina, dann eben anderswo.

Herzl macht auch klar, daß eine Lösung des Problems unbedingt notwendig ist, denn „...man wird uns nicht in Ruhe lassen." Und für Herzl dient die Lösung auch beiden Seiten, den Völkern Europas (und der ganzen Welt - „die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben."), die quasi von der Last befreit würden, antisemitisch sein zu müssen und freilich den Juden.

In einem unbedeutend erscheinenden Nebensatz macht Herzl klar, daß er sich wohl dessen bewußt ist, nicht überall auf Freu(n)de zu stoßen. „Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen." Er weiß genau, daß wichtige Teile des führenden jüdischen Bürgertums erst gewonnen werden müssen, ja daß für sie natürlich eine Bejahung seines Planes, seines Entwurfes eine veritable Gefährdung ihrer Position darstellt!

Was die praktische Umsetzung, vor allem aber die notwendige Motivation für seinen Plan angeht, denkt Herzl in erster Linie an die Jugend. Ihr obliegt es, die Schritte hinaus zu tun und die Übrigen mitzureißen. „Alte Gefangene sehen nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen, nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreißt, auf starken Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung."

Tatsächlich spielten schließlich die Jugendbewegungen, allen voran der Hashomer Hazair, eine enorm bedeutende Rolle für die Zionistische Bewegung und den Aufbau des Staates Israel.

Herzl sah sein Werk als Entwurf an, als Entwurf der umgesetzt werden mußte, weil die Zeit dafür reif war und die Not der Juden in weiten Teilen der Welt danach verlangte. Natürlich ist der Judenstaat nicht eins zu eins als Programm der Zionistischen Bewegung zu sehen, doch flossen viele seiner Gedanken in die Taten der Organisation ein.

 

Das vor allem anderen Bedeutende des Judenstaates ist die Tatsache, daß hierin zum ersten Mal in dieser Ausführlichkeit, in dieser Deutlichkeit und Eindringlichkeit, die Probleme dargelegt und eine Lösung vorgestellt wurde. Und diese Lösung wurde nicht verhalten und leise sondern selbstbewußt und bestimmt dargelegt. Auf etwas mehr als 80 Seiten fand ein Gedanke Worte, die schließlich zu Taten werden sollten.

 

Bibliographie

(Abbildungen wurden den mit * gekennzeichneten Werken entnommen)

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