150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Japan im Weltmuseum Wien

Japan im Weltmuseum

Im Lichte der Wiener Weltausstellung 1873

Dienstag, der 29.04.1873. Beginnend mit der Überschrift „Der Orient in der Weltausstellung“ schreibt die Wiener Weltausstellungszeitung: „…noch bauen sie an den Modellen ihrer Häuser, Paläste und Tempel; aber eine Durchsicht der photographischen Abbildungen der Ausstellungs-Gegenstände, welche die Japanesen mitbrachten, läßt uns die Pracht und Schönheit, die technische und künstlerische Vollendung aller Zweige der Gewerbsthätigkeiten errathen, welche eine reiche, wie es scheint, erschöpfende Ausstellung ihrer gesammten Volkswirthschaft der Betrachtung und Erforschung bieten wird.“  

 

Die Wiener Weltausstellung 1873

1873 war ein wichtiges Jahr für die Beziehungen zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und dem Kaiserreich Japan. Es war die erste Weltausstellung, an der Japan als gesamte Nation teilnahm. Die Meiji-Restauration 1868, nur wenige Jahre zuvor, brachte Japan in eine neue Ära und das Land war im Umbruch. Deshalb war es für Japan von großer Bedeutung, sich zur Weltausstellung in Wien von seiner besten Seite zu zeigen. Es war eine Chance, sich auf der Weltbühne zu profilieren. Denn Weltausstellungen waren Großereignisse, zu welchen die Nationen miteinander in verschiedenen Kategorien, wie Kunst und Technik, wetteiferten. In den Weltausstellungen in London 1862 und Paris 1867 waren nur einzelne Regionen Japans vertreten. Deshalb unterschied sich der Auftritt Japans zur Wiener Weltausstellung stark von den vorherigen. Es wurden keine Mühen gescheut, um den japanischen Beitrag zusammenzustellen. Eine beinahe 80-köpfige Kommission brachte über 6600 Objekte nach Wien. Die Anstrengungen lohnten sich. Die japanischen Exponate fanden beim Publikum großen Anklang und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Die immense Begeisterung hatte zur Folge, dass der Japonismus nun auch in den deutschsprachigen Raum einzog. Vor allem stellte die Weltausstellung ein bedeutendes historisches Ereignis dar, das zum regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Japan und Österreich beitrug.

Miniaturlandwirtschaftsgeräte für ein Hausmodell, 1872. Ausgestellt auf der Wiener Weltausstellung 1873. © Weltmuseum Wien.

Das zentrale Objekt im Raum – das Modell einer Daimyō-Residenz

Der Japanraum im Weltmuseum trägt den Namen „1873 – Japan kommt nach Europa“. Sein Hauptaugenmerk ist das Daimyō-Residenzmodell, welches auf der Wiener Weltausstellung 1873 präsentiert wurde. Das Modell wurde von der damaligen Regierung zur Meiji-Zeit eigens für die Weltausstellung in Auftrag gegeben. Die Musashiya-Werkstätte wurde mit dieser Aufgabe vertraut. Das Objekt stellt eine Residenz dar, die Daimyōs (Feudalherrn in der Edozeit)  als Zweitwohnsitz in der Hauptstadt Edo (heute Tōkyō) diente. Kuratorin Bettina Zorn entschied sich 2012, dieses Exemplar als zentrales Objekt der Ausstellung zu nutzen. Bis hin zur tatsächlichen Umsetzung stand noch ein langer Weg bevor.

Das Objekt war nach Jahrzehnten im Depot stark verschmutzt und schwer beschädigt. Bettina Zorns Ansicht nach war es vermutlich nach 1873 nicht mehr ausgestellt worden. Vier Jahre lang musste es restauriert werden, bis seine ursprüngliche Form wiederhergestellt war. Dafür war es notwendig, 14.000 Miniaturziegel verschiedener Art nachzuformen und fehlende Bauteile zu ergänzen. Kuratorin Zorn kaufte persönlich in Japan die passenden Materialien ein. Heute kann man das Modell mit eigenen Augen, wie auch damals die Besucher der Wiener Weltausstellung, begutachten.

Das Modell einer Daimyō-Residenz. © Weltmuseum Wien.

Das Modell stellt keine komplette Daimyō-Residenz dar, sondern nur zentrale Architekturteile. Da Teile des Modells offen sind, kann der Besucher auch einen Blick in das Innere des Modells werfen. Im Kinobereich des Raums erzählt Mamba Masayuki, Nachfahre der Musashiya-Werkstätte, in einem Film Genaueres über das Modell. Er betont, dass es sich im Inneren wie im Äußeren durch seine Detailgetreuheit auszeichne.

Toilettenkästchen mit Spiegelständer und Zubehör, mittlere Edo-Periode. © Weltmuseum Wien.

Der Großteil der Japansammlung wurde im 19. Jahrhundert zusammengetragen. Deshalb repräsentiert diese vor allem die Edo-Zeit und auch einen Abschnitt der Meiji-Zeit. Aus diesem Grund ist eine Raumhälfte der Edo-Zeit und die andere der Meiji-Zeit gewidmet. Das verbindende Element stellt das Residenzmodell dar. Kuratorin Zorn begründet das damit, dass dieses Modell zwar zu Beginn der Meiji-Zeit in Auftrag gegeben wurde, aber das Lebensgefühl  einer edozeitlichen Residenz verkörpere. In der der Edo-Zeit verschriebenen Hälfte des Raums wird anhand der Objekte zur Schau gestellt, wie sich das Leben in so einer Residenz abgespielt haben könnte. Für das öffentliche Leben stehen unter anderem die Samurai-Rüstungen und Schwerter, aber auch die Nō-Theaterrequisiten. Für das private Leben stehen diverse Schminkutensilien und Vergnügungsspiele. Diese Spiele fungierten als Gedächtnisspiele und können als eine Art Memory verstanden werden.

Riechspielsets – Die Kunst des Duftes

Ein Beispiel der Gedächtnisspiele stellt das Riechspiel dar. In dieser Form der Unterhaltung geht es um darum, bei einer Räucherung verschiedener Hölzer diese am Geruch zu erraten. Man nennt es auch kōdō, die Kunst des Duftes. Wenn man sich einer besonderen Herausforderung stellen wollte, wurden sogar Hölzer gemischt. Außerdem wurden auch Hölzer aus Süd- und Südostasien verwendet. Man spielte in zwei Parteien gegeneinander und dabei wurde mit Figuren gezogen. Diese Spielrunden konnten sogar ein paar Stunden dauern. Im Weltmuseum befinden sich insgesamt vier dieser Sets. Die Bogenschießfiguren sind dem japanischen Bogenschießen, kyūdō, und die Pferdefiguren dem Pferderennen nachempfunden.

Riechspielsets, späte Edo-Periode. © Weltmuseum Wien.

Zwei große Sammler – Heinrich von Siebold und Erzherzog Franz Ferdinand

Das Weltmuseum ist stolzer Besitzer einer Ostasiensammlung im Ausmaß von ungefähr 28.500 Objekten. Davon sind allein ca. 15.000 japanischer Herkunft. Zwei Stützpfeiler der japanischen Sammlung sind die Schenkungen von Erzherzog Franz Ferdinand und Heinrich von Siebold. Deren Beiträge gingen Ende des 19. Jahrhunderts an die ethnografisch-anthropologische Abteilung des k.u.k. Naturhistorischen Museums und machen den Großteil der heutigen Japansammlung im Weltmuseum aus.

Ainu-Schmuckscheibe, späte Edo-Periode. Sammlung Heinrich von Siebold. © Weltmuseum Wien.

Heinrich von Siebold war Sohn des deutschen Arztes Phillip Franz von Siebold. Er und sein Bruder Alexander von Siebold lebten und arbeiteten viele Jahre in Japan. Sie beide waren 1873 als Dolmetscher zur Wiener Weltausstellung für die japanische Delegation tätig. Heinrich von Siebold fungierte in Japan als Dolmetscher für die österreichisch-ungarische Gesandtschaft in Tōkyō und diente unter anderem auch als Berater für Erzherzog Franz Ferdinand hinsichtlich japanischer Sammlerobjekte. Des Weiteren beriet er österreichisch-ungarische und deutsche Museen in diesem Bereich. Seine Japansammlung hat er ungefähr zwischen 1873 und 1896 zusammengetragen. 1896 verließ er Japan und kehrte mit ihr zurück nach Europa. Eigentlich wollte er seine Sammlung an das k.u.k Naturhistorische Museum verkaufen. Der damalige Kustos, Franz Heger, versuchte sie für die ethnografisch-anthropologische Abteilung des Museums zu erwerben, aber die Geldmittel waren dafür nicht vorhanden. So fand ein Tausch statt. Siebold wurde vom Kaiser der Freiherrentitel als Gegenleistung für die Schenkung an das Museum verliehen. Viele der heute ausgestellten Japanobjekte stammen aus seiner Sammlung. Darunter seine Studien und Sammlerobjekte zu den Ainu, den im Norden lebenden Ureinwohnern Japans.

Einen weiteren wichtigen Beitrag für die Japansammlung leistete Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este. Seine Sammlung japanischer Objekte umfasst über 2100 Exponate. Er begab sich von 1892 bis 1893 auf eine Weltreise, und besuchte unter anderem auch Japan. Aus Japan brachte er nicht nur eine große Sammlung mit, sondern auch ein weiteres Mitbringsel, nämlich eine Drachentätowierung. In seinem Reisetagebuch schrieb er allerdings, dass er den auf seinem linken Arm tätowierten Drachen noch bereuen würde, da dieses Souvenir eines von bleibender Natur sei.

Repetiergewehr, 1889. Geschenk an Erzherzog Franz Ferdinand. © Weltmuseum Wien.

Seine Passion für das Jagen und seine Begeisterung für Waffen war dem japanischen Kaiser bekannt. Diese Interessen schlugen sich auch in Franz Ferdinands Sammlerleidenschaft nieder. Deshalb übergab ihm der japanische Kaiser am 19.08.1893 ein Gewehr als Abschiedsgeschenk.

 

 

Der Anime-Film Miss Hokusai – Tradition neu interpretiert

Nachdem Rundgang im Japansaal des Weltmuseums, kann man es sich im Kinobereich gemütlich machen und einen Einblick die Welt des Anime bekommen . Dort werden Filmausschnitte von „Miss Hokusai“ (2015) gezeigt. Er erzählt die Geschichte von O-Ei, der Tochter von Hokusai Katsushika. Viele wissen nicht, dass sie ihrem Vater oft bei seinem künstlerischen Schaffen geholfen hat.

Die Absicht von Kuratorin Zorn war es, einen Bezug der Sammlung in das 21. Jahrhundert zu finden und zu zeigen, wie sich Tradition weiterentwickelt. Anschaulich wird dies anhand der „Bildrolle 100 Geister“, auf der Geister-, Dämonen- und Monstergestalten der japanischen Mythologie dargestellt sind. Darin befindet sich eine Geistergestalt namens nokebuki, welche auch in dem Film Miss Hokusai vorkommt. Da Hokusai auch bekannt für seine Mangas war, steht er mit der langen Tradition der Manga und der daraus entwickelten Anime-Filme in Verbindung. Dies ist ein weiterer Bezugspunkt von Miss Hokusai zum Japanraum.

Kuratorin Bettina Zorn erzählt:

 

Durch die Vielfalt der Objekte und den Kinobereich begibt man sich auf eine Reise von der Edo-Zeit bis in die Gegenwart. Die Ausstellung ermöglicht durch die Kombination aus Exponaten, Ausstellungstexten, digitalen Displays mit vertiefenden Informationen und Bildmaterial, und dem Kinobereich, einen vielschichtigen Zugang zur japanischen Kultur und Geschichte. Darüber hinaus ist es auch ein Stück der eigenen Geschichte. Man kann Ausstellungsstücke sehen, die Teil eines internationalen Großereignisses in Wien waren und diese selbst betrachten. Es ist ein Blick in die gemeinsame Vergangenheit und eine Exploration auf vielen Ebenen.

Kuratorin Bettina Zorn

Dr. Bettina Zorn studierte Archäologie, Sinologie, Ethnologie, Biologie und Japanisch. Sie nahm an mehreren Ausgrabungen in China teil. Außerdem ist sie ausgebildete Bildhauerin.

Von 1994 bis 2004 war sie bereits Kuratorin der Ostasiensammlung. Zwischenzeitlich leitete sie ein archäologisches Projekt des deutschen Ministeriums  für Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China. Seit 2009 ist Dr. Zorn wieder zurück in Wien und als Kuratorin des Ostasienbereichs tätig.

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Es folgt: Pressetext (Verfasst November 2018)

Japan im Weltmuseum

Im Lichte der Wiener Weltausstellung 1873

Das Weltmuseum ist stolzer Besitzer einer Ostasiensammlung im Ausmaß von ungefähr 28.500 Objekten. Davon sind alleine ca. 15.000 japanischer Herkunft. Zwei Stützpfeiler der japanischen Sammlung sind die Schenkungen von Erzherzog Franz Ferdinand und Heinrich von Siebold, der als Diplomat und Übersetzer an der österreich-ungarischen Botschaft in Tōkyō tätig war. Deren Beiträge gingen Ende des 19.Jahrhunderts an den Vorgänger des Weltmuseums und machen den Großteil der heutigen Sammlung aus. Die Ausstellung bietet eine große Diversität unterschiedlicher Artefakte, von Samurairüstungen und Schwertern bis hin zu edlen Teeschalen und Schminkutensilien. Das Hauptaugenmerk des Japanbereichs bildet das beeindruckende Modell einer Daimyō-Residenz, welches sogar in der Weltausstellung 1873 in Wien zu sehen war.

Dass bereits in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts solch eine beachtliche Menge an japanischen Objekten zusammengetragen wurde, kann als Ergebnis des damaligen Japan-Booms verstanden werden.

Dieser begann mit der Weltausstellung 1873 in Wien. Nach einer fast 250 Jahre langen Isolation, welche mit der Meiji Restauration 1868 endete, sah Japan in der Wiener Weltausstellung eine Chance sich auf der Weltbühne zu profilieren. Mit erheblicher Planung und großen Mühen bereitete man sich vor, und mit viel Erfolg. Die japanischen Exponate fanden großen Anklang. Zahlreiche Stücke wurden verkauft und Japan wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Die immense Begeisterung der Wiener Kritiker und des Publikums hatte unter anderem zur Folge, dass der Japonismus nun auch in den deutschsprachigen Raum einzog. Vor allem stellt die Weltausstellung einen wichtigen Faktor dar, der zum regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Japan und Österreich beitrug.

Mit Unterstützung von Dr. Bettina Zorn, Kuratorin des Ostasienbereichs im Weltmuseum, tauchen wir in die Geschichte dieser wundervollen Sammlung ein.

Text: Claudia Stoica

 

 

Claudia Stoica

Abgeschlossenes Bachelorstudium der Japanologie an der Universität Wien, mit einjährigem Studium an der Kyōto Universität im Zuge eines Austauschjahrs 2015/16, seit 2017 Masterstudentin der Japanologie.

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