150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Michiko Milena Flašar

Japan als literarisch-poetischer Raum

Die Schriftstellerin Milena Michiko Flašar

作家 ミレーナ=美智子・フラッシャール

»Das ist das Schöne am Lesen«, sagt Milena Michiko Flašar, »dass es nicht aufhört, dass man immer weiterliest. Man liest etwas und stößt dann meistens schon wieder auf das Nächste. Man wird durch ein Buch hingeführt zum Nächsten. Und dann ergibt sich im Nachhinein ein Muster, wie ein Teppich.« Ich bin bei Milena zuhause. An der Wand gegenüber der Wohnungseingangstür hängt ein Gemälde des Künstlers, der das Cover von Ich nannte ihn Krawatte gemalt hat. Eine Darstellung von Koi, japanischen Karpfen. Darunter, auf der blauen Kommode, steht ein Bild im Stil eines Ukiyo-e, das Milenas Tante angefertigt hat. Milena sitzt mit mir im Wohnzimmer, ein großer, heller und liebevoll dekorierter Raum. Neben der Couch stapeln sich Bücher. An der Wand steht ein großes, vollbestelltes Bücherregal.

© Simone Fuchslueger

»Wenn ich wirklich mit etwas beschäftigt bin, dann ist es wie ein Eintauchen in eine ganz eigene Welt, ein ganz eigenes System«, beschreibt Milena ihr Leseerlebnis. »Ich lese jetzt schon seit geraumer Zeit eigentlich hauptsächlich nur noch japanische Literatur, allerdings in deutscher oder englischer Übersetzung«, erzählt sie. Sehr gerne und intensiv lese sie beispielsweise Murakami Haruki und Nakamura Fuminori. In der japanischen Literatur gebe es viele Dinge, die sie wahnsinnig spannend fände und die sie bisher noch nicht entdeckt habe.

Alltag zwischen Schreiben und Familie.

Milena ist Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Sie wuchs in St. Pölten auf und lebt jetzt mit ihrer Familie in Wien. Sie ist Schriftstellerin und arbeitet fleißig. Im Februar 2018 erschien ihr Roman Herr Katō spielt Familie im Verlag Klaus Wagenbach. Für Milena ist momentan eine Zeit der Recherche, eine Zeit für ganz viel Lektüre. Sie liest fast ein Buch pro Tag und befindet sich mitten im Prozess der Themenfindung. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht schreibt, erklärt sie: »Ich bin schon in einem Schreibprojekt, aber was ich meine, ist dieser große Unterschied, wenn man dann wirklich ganz klar an einem Roman sitzt, wo man weiß: Okay, das ist es jetzt! Oder ob man eben einfach nur schreibt und Dinge ausprobiert. Also ich bin jetzt eher in diesem zweiten Bereich.«

Milena ist ihre Familie sehr wichtig. Ihr Alltag sieht aktuell so aus, dass sie morgens erstmal ihren fünfjährigen Sohn in den Kindergarten bringt. Danach geht sie Laufen, kommt nachhause und beginnt ihre Arbeit. »Das zieht sich dann über den ganzen Vormittag hin, bis er wieder vom Kindergarten zurückkommt, unser Sohn. Dann bin ich aber auch auf der ganz anderen Seite meines Lebens«, sagt Milena, »nämlich bin ich dann Mutter, bin ich Hausfrau.«

Japanisch. Eine emotionale, kindliche Sprache.

In Milenas Leben spielt die japanische Sprache eine bedeutende Rolle. Das Japanische hat in ihr mit einem emotionalen Bereich zu tun. Sie empfindet die Sprache sehr warm und lieblich klingend. »Ich finde, dass das Japanische etwas sehr angenehm – und ich meine das wirklich durchwegs positiv – etwas angenehm Kindliches hat. Vielleicht ist es auch deshalb, weil es in meiner Kindheit so präsent war, dass ich das unbedingt damit verbinde«, erzählt sie. Als Beispiele nennt sie das Lautmalerische, die ganz vielen Ausdrücke für den fallenden Regen, und die diversen Verkürzungs-, Verniedlichungs- und Verkleinerungsformen. Das eigne sich in sehr für Kinder. »Das war auch wirklich mein erster Impuls«, sagt Milena, »wir hatten uns natürlich die Frage gestellt: Okay, unser Sohn kommt jetzt auf die Welt. Wie werden wir ihn sprachlich erziehen? Machen wir es nur einsprachig, oder machen wir es doch mehrsprachig?«

Milena ist in Österreich mit Deutsch und Japanisch aufgewachsen. Sie hat in ihrer Kindheit viele Sommer in Japan verbracht und ist bis heute jedes Jahr für ein paar Wochen dort. Sie hat aber nie längere Zeit am Stück in Japan gelebt und kann nur Hiragana, Katakana und einfache Kanji lesen. In Wien fehlt ihr der Kontakt zu den japanischen Schriftzeichen und die Notwendigkeit zum Lernen komplexer Kanji.

Bevor ihr Sohn zur Welt kam, hatte sie Bedenken bezüglich der sprachlichen Erziehung ihres Kindes: »Trau‘ ich mir das zu? Auch, wenn mein Japanisch nicht perfekt ist, dass ich ihm Japanisch beibringe?« Dann wurde das Kind geboren und es war für sie vollkommen klar, dass sie mit ihm auf Japanisch sprechen muss. »Ganz einfach, weil das irgendwie auch mein Zugang ist zum Kind. Mir fällt es fast ein bisschen einfacher auf Japanisch als auf Deutsch«, sagt Milena. Es erscheint ihr etwas merkwürdig, denn das Deutsche habe auch sehr große Qualitäten. »Man kann Dinge auf Deutsch finde ich sehr klar und genau ausdrücken. Das ist etwas, was ich im Deutschen als Autorin natürlich sehr, sehr schätze«, erklärt sie. Das Japanische sei hingegen schwammiger, was die Sprache wiederum auch sehr sympathisch mache.

Schauplatz Japan.

Japan und Japanisch kommen in allen vier Büchern von Milena vor, in den letzten beiden Romanen – Ich nannte ihn Krawatte und Herr Katō spielt Familie – stärker als zuvor. Hier ist der Schauplatz in Japan angesiedelt. Die Figuren sind Japaner*innen und agieren als solche. Sie weisen bestimmte, auch kulturell geprägte Verhaltensweisen auf, die darauf hindeuten, dass sie sich in Japan befinden. Milena beschreibt das Japan in ihren Büchern als einen literarisch-poetischen Raum, in den sie sich mit ihren Figuren begibt, wo sie diese mit ihren ganz persönlichen japanischen Merkmalen ausstattet. Auf der anderen Seite geht es in den Romanen auch sehr stark um universelle Themen. »Es geht um ganz allgemein menschliche Themen, um existentielle Themen, um Einsamkeit, um Außenseitertum«, erklärt Milena. Folglich könnten die Geschichten auch hier spielen. »Das ist mir auch wichtig«, führt sie weiter aus, »dass der Leser es für sich hierher transportieren kann, dass er es zu sich holen kann, dass er sich dem auch nahe fühlen kann und nicht das Gefühl bekommt, er liest jetzt ein exotisches Buch über ein exotisches Land.« Milenas Werk zielt damit nicht auf eine Leseart ab, bei der die Leser*innen nur nach Japan schauen und die Probleme allein dort und nicht auch hier bei sich verorten können.

Mit Themen wie Hikikomori in Ich nannte ihn Krawatte, RHS (Retired Husband Syndrom) und der Rent a Family Industrie in Herr Katō spielt Familie greift Milena spannende und zugleich kritische Phänomene im Zusammenhang mit Japan heraus. Damit möchte sie ihrem deutschsprachigen Lesepublikum jedoch kein bestimmtes Japanbild vermitteln. Sie möchte auch nicht auf bestimmte Aspekte von Japan aufmerksam machen. Vielmehr sieht sie die Phänomene in einem globalen Zusammenhang. Für Milena deuten solche Phänomene auf eine bestimmte soziale Befindlichkeit hin: »Und zwar darauf, dass es in unserer Gesellschaft viele Lücken gibt. Dass beispielsweise im Falle des Hikikomori das Problem nicht unbedingt in ihm, sondern in der Gesellschaft zu sehen ist. Dass es für ihn in der Mitte der Gesellschaft keinen Platz gibt. Er rausgefallen ist, aber eigentlich auch ausgestoßen wurde«, sagt sie. Das spannende an Japan findet Milena dabei, wie schnell man dort bei der Hand ist mit Namen für gewisse Dinge, wofür im Deutschen noch keine Bezeichnung existiert. Sie bemerkt, dass es auch hier junge Menschen gibt, die die Schule abbrechen und sich zuhause versteckt oder eingeschlossen halten. Zwar gibt es sie in einer niedrigeren Zahl unter anderen sozialen Bedingungen, aber es handele sich keineswegs um Phänomene, die nur in Japan anzutreffen seien.

»Ich glaube, Japan ist einfach auch eine ganz interessante Folie. Das ist ja irgendwie auch ein Land, das auch für mich immer irgendwo geheimnisvoll ist oder undurchdringbar erscheint«, meint Milena, »wo es Dinge gibt, über die man sich wundern muss, über die man staunt, die man so als Europäer nicht zu kennen meint, obwohl man sie doch irgendwie kennt.« Sie beschreibt Japan als einerseits fremd, andererseits aber auch als extrem vertraut und nahe. Bei Japan sei eine andere Nähe da als beispielsweise zu Indien. »Viellicht ist es das«, sagt Milena, »was es zu einem interessanten literarischen Ort macht. Ich blicke zwar aus der Ferne auf Japan, gleichzeitig kommt mir vor, ich sehe manche Dinge ganz einfach schärfer.«

Übersetzung und Reise.

Milenas deutschsprachiger Roman Ich nannte ihn Krawatte wurde auch ins Japanische übersetzt und ist 2018 als Boku to Nekutai-san ぼくとネクタイさんim Verlag Ikubundo in Japan erschienen. Für Milena war es eine große Freude und seit langer Zeit auch ein großer Wunsch, dass das Buch ins Japanische übertragen wird. Sie hat Freunde und Familie in Japan, für die es schön ist, wenn sie endlich etwas von ihr auf Japanisch lesen können. »Es ist für mich eine schöne Art der Kommunikation mit ihnen«, sagt Milena.

Wenn Milena in Japan ist, ist es für sie ein privater Urlaub, der manchmal auch mit Arbeit verknüpft ist. Bei ihrem letzten Besuch in Japan konnte sie beispielsweise die japanische Übersetzung präsentieren. Sie las an der Österreichischen Botschaft und auch an verschiedenen Universitäten. Ihre Zeit in Japan ist meistens sehr begrenzt, meist nur zwei bis drei Wochen. In dieser kurzen Zeit genießt sie das Land, das gute Essen und die japanische Gastfreundlichkeit. Recherche für ihre Bücher betreibt sie in Japan auf eine ganz natürliche Art und Weise. Sie nimmt das Atmosphärische in sich auf und saugt die Stimmung in sich ein, so wie sie es auch hier tut.

»Es ist ja doch auch so ein gewisses Wagnis«, bemerkt Milena, »ich schreibe da als österreichische, deutschsprachige Autorin über ein japanisches Thema, ohne aber eigentlich jemals in Japan gelebt zu haben. Ohne also wirklich die japanische Gesellschaft in aller ihrer Tiefe zu kennen.« Sie habe sich gewisse Motive auch geborgt und ins Literarische verarbeitet. Dann stellte sich ihr die Frage: »Wie kommt das dann aber genau in Japan an? Wird das vielleicht nicht gelesen als irgendwie vollkommen schräges Buch, das aus einer fremden Perspektive heraus das Eigene beleuchtet und dadurch aber befremdlich ist?« Sie selbst würde eine solche Schreibweise als Leserin zwar sehr schätzen und spannend finden, aber dennoch hatte sie Bedenken, wie das Buch wohl in Japan ankommen wird.

Letztlich waren ihre Sorgen aber unbegründet. Sie habe bisher nur positive Stimmen aus Japan über ihren Roman gehört. Es gibt auch Besprechungen in japanischen Literaturzeitschriften, kürzlich beispielsweise inすばるSubaru. »Es wurde eigentlich auch mit großem Lob bedacht«, verrät Milena, »was mich dann auch erleichtert hat und bekräftigt hat indem, dass es möglich ist, so etwas zu machen.« Es bleibt gespannt zu erwarten, mit welchen literarischen Werken Milena uns künftig überraschen wird. »Ich warte auf das neue Jahr, dann werde ich wieder durchstarten. Ich hab‘ auch schon eine Idee, wie das zu machen sein wird«, kündigte sie Dezember 2018 an.

 

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Milena liest aus Ich nannte ihn Krawatte. Ihre literarische Darstellung und Charakterisierung der Figur des Hikikomori hier zum Anhören:

 

Ich bin kein typischer Hikikomori […]. Keiner, von dem in den Büchern und Zeitungsartikeln, die man mir dann und wann zur Lektüre auf die Schwelle legt, die Rede ist. Ich lese keine Mangas, ich verbringe den Tag nicht vor dem Fernseher und die Nacht nicht vor dem Computer. Ich baue keine Modellflugzeuge. Von Videospielen wird mir schlecht. Nichts soll mich ablenken von dem Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren. Vor meinem Namen etwa, vor meinem Erbe. Ich bin der einzige Sohn. Vor meinem Körper, dessen Bedürfnisse nicht aufgehört haben, mich zu erhalten. Vor meinem Hunger, vor meinem Durst. In den zwei Jahren, die ich abgesessen habe, überkam mich mein Körper drei Mal am Tag. Ich schlich dann zur Tür, öffnete sie einen Spalt weit, nahm das Tablett hoch, das Mutter mir hingestellt hatte. Wenn niemand zu Hause war, schlüpfte ich hinaus ins Badezimmer. Ich wusch mich. Seltsam, dieses Bedürfnis, mich zu waschen. Ich putzte mir die Zähne und kämmte mir die Haare. Sie waren lang geworden. Ein Blick in den Spiegel: Es gibt mich noch. Ich unterdrückte den Schrei, der in meiner Kehle saß. Auch vor ihm wollte ich mich bewahren. Vor meiner Stimme, vor meiner Sprache. Der Sprache, in der ich nun festhalte, dass ich nicht weiß, ob es den typischen Hikikomori überhaupt gibt. So wie es die unterschiedlichsten Zimmer gibt, gibt es die unterschiedlichsten Hikikomoris, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen und auf die unterschiedlichste Art und Weise in sich verkrochen haben. Während der eine, ich habe von ihm gelesen, seine dahinschwindende Jugend damit verbringt, die immer gleiche Melodie auf einer nur dreisaitigen Gitarre einzuüben, hat der andere, auch von ihm habe ich gelesen, eine Sammlung von Muscheln angelegt. Nachts, wenn es dunkel ist, läuft er, die Kapuze überm Kopf, ans Meer und kehrt erst dann wieder heim, wenn der Morgen graut. (Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte, 9. Auflage 2014, Seite 42–43)

 

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Welche Assoziationen Milena zur 150-jährigen diplomatischen Beziehung zwischen Japan und Österreich hat, erzählt sie hier:

 

Milena erinnert sich nostalgisch an ihre Kindheit in St. Pölten zurück und an die bestehende Städtepartnerschaft zwischen der niederösterreichischen Landeshauptstadt und Kurashiki. Ihre Mutter war damals aktiv mit dieser Partnerschaft beschäftigt und half beim Übersetzen, wenn eine japanische Delegation nach St. Pölten reiste. Es ist schön, dass es der Zufall so gewollt hat, dass die junge Milena in einer österreichischen Stadt geboren wird und aufgewachsen ist, die mit Japan verbunden ist.

 

Milena, denkst du, dass du mit deinen deutschsprachigen Büchern, die einen Bezug zu Japan haben, auch einen Beitrag zur freundschaftlichen Beziehung zwischen Österreich und Japan leistest?

»Ohne, dass es jetzt unbedingt meine Motivation ist, dass ich eben dazu etwas beitrage: Wenn es auf ganz natürliche Art und Weise mit entsteht, dass dem so ist, dann würde ich mich natürlich sehr freuen. Also wenn es Leser und Leserinnen dazu einlädt, sich generell mit Japan beispielsweise zu beschäftigen, ihr Interesse erweckt, dann wäre das etwas Großartiges. Dann würde ich mich sehr freuen.«

 

Text: Simone Fuchslueger

 

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Es folgt: Pressetext, verfasst Herbst 2018:

 Milena Michiko Flašar

Eine österreichisch-japanische Schriftstellerin

Im Park war er der einzige Salaryman. Im Park war ich der einzige Hikikomori. Etwas stimmte nicht mit uns. Er sollte eigentlich in seinem Büro, in einem der Hochhäuser, ich sollte eigentlich in meinem Zimmer, zwischen vier Wänden hocken. Wir sollten nicht hier sein oder wenigstens nicht so tun, als ob wir hierher gehörten. (Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte, 2012, S. 18)

Eine interessante Persönlichkeit aus Österreich, die in ihren literarischen Werken vielfältige Bezüge zu Japan aufweist, ist die 1980 in St. Pölten geborene Schriftstellerin Milena Michiko Flašar, deren Mutter aus Japan und deren Vater aus Österreich stammen. Flašar studierte Germanistik und Romanistik in Wien und Berlin und lebt derzeit mit ihrer Familie in Wien. Bis zum aktuellen Zeitpunkt veröffentlichte sie vier Bücher, darunter auch der zitierte Roman Ich nannte ihn Krawatte, der im Jänner 2012 im Wagenbach Verlag erschien. Der Roman handelt von der Begegnung im Park zwischen einem Salaryman, einem japanischen Firmenangestellten mittleren Alters, namens Ōhara Tetsu, der erst kürzlich von seiner Firma entlassen wurde, und dem deutlich jüngeren Taguchi Hiro, der sich den Leser*innen als Hikikomori zu erkennen gibt. Als Hikikomori werden in Japan jene Personen bezeichnet, die bei ihren Eltern zuhause leben, sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren und dabei den Kontakt zur Familie und nach Außen auf ein äußerstes Minimum reduzieren. Der Roman zeichnet damit ein spannendes Bild von Japan und der japanischen Gesellschaft. Er wurde nicht nur mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, sondern auch als Bühnen- und Tanztheater bearbeitet, als Hörspiel umgesetzt und in verschiedene Sprachen übersetzt. Dieses Jahr im Februar erschien Flašars neuestes Werk Herr Katō spielt Familie im Wagenbach Verlag, woraus die Autorin bereits Lesungen hielt. Ihre ersten beiden Bücher publizierte sie im Residenz Verlag, [Ich bin] im Jahr 2008 und Okaasan: Meine unbekannte Mutter im Jahr 2010. Simone Fuchslueger zeichnet in ihrem Beitrag ein Porträt dieser spannenden Schriftstellerin. Das Japan, das Milena Michiko Flašar in ihren Büchern präsentiert, spielt darin eine wesentliche Rolle.

 

Text: Simone Fuchslueger

 

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Milena Michiko Flašar & Teresa Indjein

Lesung und Gespräch auf der BUCH WIEN 18

© Simone Fuchslueger

Die BUCH WIEN, das diesjährig größte Fest für Bücher in Österreich, fand vom 7. bis 11. November 2018 statt und führte zahlreiche Buchinteressierte zur MESSE Halle D im zweiten Wiener Bezirk in der Nähe der U2 Station Krieau. Am Freitag, den 8. November 2018, besuchte Simone Fuchslueger BUCH WIEN, um Eindrücke von Milena Michiko Flašars Lesung mit Gespräch auf der ORF-Bühne zu sammeln.

ORF-Bühne, BUCH WIEN 18

© Simone Fuchslueger

Um auf der BUCH WIEN 2018 dem Publikum einen Eindruck der Stimmung des Romans Herr Katō spielt Familie zu geben, las Flašar mit unglaublicher Bühnenpräsenz den Romanbeginn und nahm mit ihrer Stimme die Zuhörer*innen ein. Das Buch handelt von einem Mann, der sich im Ruhestand plötzlich mit einem Mehr an Zeit konfrontiert sieht, sich gewissermaßen neu definieren muss und einen neuen Platz innerhalb seiner Familie sucht. Auf die Frage der Moderatorin, wie Flašar als junge Schriftstellerin zu einem solchem Thema komme, antwortete sie, dass sie bei ihrer Zeitungsartikelrecherche für ein neues Buch auf das sogenannte Retired Husband Syndrom, kurz RHS, gestoßen sei, welches sie besonders faszinierte. Bei RHS, wie es die Autorin auch hinten in den Anmerkungen zu ihrem Roman erklärt, handelt es sich um eine psychosomatische Erkrankung der Frau, die eintritt, sobald der Ehemann in Rente gegangen ist. Die Beschwerden, die die Betroffenen entwickeln, und die ein in den Augen von Flašar interessantes Krankheitsbild hervorrufen, sind vielfältig, wie sich im Buch an unterschiedlichen Stellen, wie der folgenden, zeigt:

Die Frau […] habe nämlich einen Mann, der sie regelrecht zutexten würde, weshalb sie selbst kaum zu Wort komme und schon allerlei offensichtlich psychosomatische Beschwerden entwickelt habe: einen Kloß im Hals, den sie nicht mehr losbekommt, dazu einen Ausschlag rund um den Mund, der juckt, ein leichtes Stottern, in das sie immer verfällt, wenn sie jemand bei ihrem Familiennamen ruft, nicht aber bei ihrem Vornamen. (Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie, Verlag Klaus Wagenbach, 2018, S. 89)

Eigentlich wollte Flašar, wie sie auf der BUCH WIEN sagte, den Roman zuerst aus der Sicht der Ehefrau schreiben, kam damit jedoch nicht weiter, da es ihr zu jämmerlich erschien, und entschied sich dann, es stattdessen aus der Sicht eines Mannes zu versuchen. Dadurch konnte sie als Autorin ein Mitgefühl für ihn entwickeln, den Mann, der sein Leben lang für die Familie gearbeitet hat, jedoch keine tiefergehende Verbindung zu den Familienmitgliedern aufbauen konnte und sich nun in der Rente irgendwie fehl am Platz fühlt.

Eine zweite Idee für ein Buch, die im Zuge der Recherche entstand, war die Rent a Family-Industrie in Japan. Dabei handelt es sich um spezielle Agenturen in Japan, die – wie Milena Michiko Flašar sagte – bestimmte „Lücken“ füllen. Die Agenturen hätten etwas Laienhaftes, was das Ganze noch echter mache, und würden zwei Zwecke erfüllen: Entweder sie verschleiern etwas und zeigen so eine andere Wirklichkeit, oder sie entstehen aus einer bestimmten inneren Not heraus, um sich unerfüllter Wünsche anzunehmen. Eine Aufgabe des Protagonisten im Roman besteht beispielsweise darin, den Vater einer Frau namens Rumi und den Großvater für ihren Sohn Jordan zu spielen, denn der echte Großvater macht seinen Enkel Jordan für den Tod seiner Frau verantwortlich:

Zu Ihrer Aufgabe, Herr Katō. Wie gesagt, handelt es sich um nichts Schwieriges. Sie sollen für drei, vier Stunden, je nachdem wie sich Jordan zu Ihnen stellt, zum Tee vorbeikommen, sich ein bisschen mit ihm unterhalten, fragen wie es ihm geht, ob er gut in der Schule ist, kurz: ihm das Gefühl geben, dass er außer seiner Mutter noch jemanden hat, dem er am Herzen liegt. (Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie, Verlag Klaus Wagenbach, 2018, S. 74)

Wie Flašar auf der Bühne betont, sieht man in ihrem Roman, dass Rent a Family funktionieren kann, und innerhalb der kurzen Zeit eine Erfüllung stattfinden kann. Im Buch laufen zwei Schienen parallel: die echte Schiene, das wirkliche Leben des Protagonisten als pensionierter Ehemann, Vater und ehemaliger Arbeitskollege, und die unechte Schiene, das Schauspiel, die Rollen die er übernimmt, in denen er jene Emotionen ausleben kann, die er im echten Leben nicht zulassen darf. Anfangs waren es zwei getrennte Ideen – RHS und Rent a Family – die dann im Schreibprozess aber immer mehr miteinander verbunden wurden und sich schließlich zu einer Idee im Roman fügten.

In Bezug auf Japan sagt Flašar, dass sie das Land nicht getrennt von ihrer Mutter betrachten könne. Sie habe als Kind und Jugendliche viele Sommer dort verbracht und ist auch jetzt noch jährlich dort. Japan ist eine, wie sie sagte, tolle Kulisse für sie zum Schreiben als Autorin, weil es ihr gleichzeitig fremd und vertraut sei. Japan helfe ihr eine gewisse Distanz einzunehmen. Schreiben sei ein kreativer Prozess für Flašar, in dem zwar Wissen benötigt wird, in dem das Wissen aber auch nicht Überhand nehmen dürfe, um die Kreativität nicht zu hemmen. Schreiben sei ein Kreieren von Bildern. Die Leser*innen schreiben den Roman mit und zeichnen die Bilder in ihren Köpfen. Als Schriftstellerin überlege sie daher immer: Was soll ich schreiben? Was kann ich auslassen? Wie viel Schlichtheit ist passend?

Laut Flašar ist es nicht die Aufgabe der Literatur etwas zu erklären, sondern vielmehr etwas zu offenbaren. Literarische Texte würden Geheimnisse offenbaren, weshalb die Familie in der Literatur ein perfekter Schauplatz sei. Literatur sei ein Ort der Möglichkeiten, der Utopie. Oftmals habe man nach dem Lesen schließlich auch mehr Fragen als Antworten.

Messestand Verlag Klaus Wagenbach, BUCH WIEN 18

© Simone Fuchslueger

Das Schlusswort des Gesprächs mit Lesung leitete Teresa Indjein, Sektionsleiterin für kulturelle Auslandsbeziehungen des Außenministeriums und Konzeptionistin des Projekts schreibART AUSTRIA, mit den Worten „Die Dinge leben von der Mühe, die man sich macht“ ein. Ziel von schreibART AUSTIRA sei es, Österreich als Land neuer Literatur vorzustellen. Dazu komme alle drei bis vier Jahre ein Buch heraus, in dem (junge) Stimmen aus Österreich publiziert werden. Das Projekt ermögliche es österreichischen Autor*innen, sich in verschiedenen Ländern zu präsentieren. Flašar erzählte, dass sie durch schreibART AUSTRIA für Buchpräsentationen beispielsweise nach Moldawien und Ägypten kam. Durch ihren Besuch in Ägypten kam auch die Übersetzung von Ich nannte ihn Krawatte ins Arabische zustande. schreibART AUSTRIA diene folglich als Plattform, um österreichische Literatur einem interessierten Publikum im Ausland präsentieren zu können. Jährlich fänden rund 600 literarische Veranstaltungen im Ausland statt, wovon ungefähr 100 über das Projekt schreibART AUSTRIA laufen. Es handle sich um ein riesiges Netzwerk, dem die Botschaften, Kulturforen, die Österreich Institute und Österreich Bibliotheken angehören. Zum Netzwerk zählen auch zahlreiche Germanist*innen aus Österreich, die im Ausland leben und arbeiten.

Indjein berichtete abschließend von ihrer ersten Begegnung mit Milena Michiko Flašar in einem kleinen literarischen Szeneort in Berlin. Sie hörte Milena vorlesen, war begeistert von ihrer Stimme, den Texten und war sich sicher, dass sie bestimmt einmal eine tolle Autorin werden würde. In Hinblick auf Japan verwies Indjein abschließend kurz auf den österreichisch-japanischen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrags von 1869, dessen Unterzeichnung sich 2019 zum 150. Mal jährt. Das 150-jährige Länderabkommen zwischen Japan und Österreich könne als Anlass und Plattform dienen, die Literatur von Flašar zu präsentieren.

Nach der Lesung und dem Gespräch signierte Milena Michiko Flašar noch eifrig Bücher, die auch im direkten Anschluss an ihren Bühnenauftritt gekauft werden konnten. Die Begeisterten waren hauptsächlich Frauen, sowohl jüngere als auch ältere. Einige „Fans“ knipsten sogar noch ein Erinnerungsfoto zusammen mit der Autorin.

Milena Michiko Flašar beim Signieren, BUCH WIEN 18

© Simone Fuchslueger

Auch ich konnte mein Buch signieren lassen:

Signatur von Milena Michiko Flašar, BUCH WIEN 18

© Simone Fuchslueger

 

Text: Simone Fuchslueger

Simone Fuchslueger

Simone Fuchslueger studierte Deutsche Philologie und DaF/DaZ an der Universität Wien. Derzeit studiert sie Japanologie im Master.

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© 2019 150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

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