150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Robert Jungk und Hiroshima

Erste Atomwüste der Welt

Am 6. August 1945, um 8:15 Uhr, blieben alle Uhren in Hiroshima stehen. Die erste Atombombe der Geschichte war abgeworfen worden. Drei Tage später folgte die zweite auf Nagasaki, die historisch bedeutende, wunderschöne Hafenstadt. Diese Bombe hatte eine 1,5-fach größere Zerstörungskraft als die erste. Mehr als 200.000 Menschen wurden in Hiroshima und Nagasaki auf der Stelle getötet. Zwei schöne Hafenstädte verwandelten sich in einem Augenblick in eine Atomwüste.

Hiroshima kurz nach dem Bombardement, 1945. © Bild: US-Militär, Quelle: Friedensmuseum Hiroshima.

Wie unzählige andere Schüler war mein Onkel Kagawa Yoshio, damals ein 13-jähriger Schüler, gerade im Stadtzentrum. Mein Großvater arbeitete als Ingenieur in der Mitsubishi-Werft in Kōbe und ließ seine Familie nach Hiroshima evakuieren, da man meinte, dass es dort sicherer sei. Hiroshima, obwohl eine militärisch wichtige, moderne Stadt, war bis dahin von größeren Luftangriffen verschont geblieben. Es war schon fast unheimlich. Nur wenige Tage zuvor war die Familie ohne Familienoberhaupt nach Hiroshima gezogen.

Familie Kagawa, vermutlich im Jahr 1942: hinten links Großvater Tatsuo, erste Reihe, 2. von links Großmutter Haru, in der Mitte Yoshio, direkt neben ihm Tante Naoko. © Familie Kagawa.

Meine Tante wollte an jenem Tag nicht in die Schule gehen, da der Saum ihres Rocks ausfranste. Yoshio ging von zu Hause in Hatsukaichi (ca. 16 km südwestlich vom Zentrum) alleine in die Schule und kam nie wieder zurück, während meine Tante heuer 89 Jahre alt wird. Meine Großmutter suchte sofort an den darauffolgenden Tagen nach ihrem Sohn und verlor später ihr Haar als Folge der Strahlung. Als ich klein war, erzählte sie mir fast jeden Tag, wie grauenvoll die Stadt war. Überall lagen schwarz verbrannte Leichen, sogar im Fluss. Die asphaltierten Straßen waren so heiß und weich wie dicke flaumige Teppiche. Es war die Hölle auf Erden. Mein Vater, der damals drei Jahre alt war und nicht so viel mitbekam, erzählte, dass seine Mutter für einige Monate im dunklen Zimmer bleiben musste, da sie kein Licht vertragen konnte. Die radioaktive Strahlung machte sie kurzfristig blind. Trotz eifriger Fahndung der Großmutter fanden sie von Yoshio keine Spur.

© Familie Kagawa

Kagawa Yoshio, vermutlich im Jahr 1940. © Familie Kagawa.

In der Gedenkhalle für die Atombombenopfer kann man jetzt auch ein Foto von meinem Onkel sehen. Über die Situation der Strahlenexposition steht: „Am Tag des Atombombenabwurfs war er als Studentensoldat beauftragt, die Stadt zu räumen. Er war vermutlich in Koami-chō (in unmittelbarer Nähe des Hypozentrums), als die Bombe fiel. Da keine Überreste von ihm gefunden wurden, blieb nichts anderes übrig, als anstelle seiner Gebeine die Erde von Koami-chō ins Grab zu legen.“
Jedes Mal, wenn ich diesen Text lese, verspüre ich die ziellose Wut und Trauer der Familie, die ihn nicht einmal liebevoll bestatten konnte und mir steigen Tränen in die Augen.

Hiroshima-Recherchen von Robert Jungk
Ein Jude macht die Herzwunde der Überlebenden zum Teil des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit

Mehr als zehn Jahre nach Kriegsende war für die Menschen in Japan die Kriegszeit vorbei. Die US-Besatzungszeit ging im April 1952 zu Ende. Eine Ausnahme bildete Okinawa, das bis 1972 unter amerikanischer Besatzung blieb. Die Rekonstruktion der Städte ging zügig voran, auch in Hiroshima. Doch für die Menschen, die unter den Folgen der Atombombe litten, fühlte es sich weiterhin wie im Krieg an.

Robert Jungk mit seiner Frau Ruth und seinem Sohn Peter Stephan, 1954. © Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen.

Im Mai 1957 kam Robert Jungk nur mit einer Schreibmaschine und seiner glühenden Leidenschaft als Journalist in Hiroshima an. Sein zweites Buch Heller als tausend Sonnen, in dem er vom Schicksal und dem Dilemma der amerikanischen Atomforscher berichtete, war kurz davor erschienen. Der in Berlin geborene, jüdische Journalist war bereits als Bestsellerautor berühmt. Kurz vor seiner Abreise feierte Jungk mit seiner Frau Ruth den vierten Geburtstag ihres Sohnes Peter Stephan. Obwohl er für seine Recherchen immer wieder verreiste, fiel ihm der Abschied diesmal so schwer wie nie zuvor. Rückblickend schreibt Jungk in seiner Autobiographie über seine Entscheidung, weshalb er in ein so weit entferntes Land mit dem Frachtschiff aus San Francisco anreiste, dass seine Frau Ruth nicht wollte, dass er über Pazifik flog: „Daß ich mich nach der äußerlich und vor allem innerlich anstrengenden Arbeit am Buch über die Atomforscher fast ohne Pause gleich wieder in ein neues Projekt gestürzt habe, ist nur aus der Zuspitzung der atomaren Situation zu erklären.”

Robert Jungk mit seiner Schreibmaschine aus den 1950er Jahren. © Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen.

Ogura Kaoru, ein in den USA geborener Privatgelehrter und Übersetzer, wurde beauftragt, bei Jungks Recherche zu assistieren. Anfangs fungierte er nur während der zweiten Hälfte des zweiwöchigen Aufenthalts Jungks in Hiroshima als Dolmetscher und Begleiter. Sein Englisch war viel besser als das des ersten Dolmetschers und Freundes beider, des ebenfalls in den USA geborenen Willi Togashi. Ogura bevorzugte es, mit der amerikanischen Form seines Vornamens Kaoru als „Carl“ angesprochen zu werden.

Was Jungk in Hiroshima sah, war eine zur Hälfte wiedererrichtete, chaotische Industriestadt mit ca. 400.000 Einwohnern. Das Nachtleben, das sich in bunt erleuchteten Straßen abspielte, hätte er gewiss nicht erwartet. Genauso wie in anderen Großstädten herrschten noch bittere Armut und hohe Kriminalität, und es gab überall Baracken.

Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Orten war, dass die Menschen in Hiroshima in ständiger, neurotischer Angst vor einem Ausbruch der Strahlenkrankheit lebten. In der Zeitung erschienen immer wieder steigende Opferzahlen. Nicht wenige Überlebende ertrugen diese Bedrohung nicht und nahmen sich selbst das Leben. Kleine Kinder, die an jenen Tag nicht einmal verwundet worden waren, starben an den Spätfolgen der Strahlenkrankheit. Sogar Angehörige der zweiten Generation der Hibakusha (Überlebende der Atombombe) starben oft schon als Baby, gleich nach der Geburt. Die Menschen wurden wegen sogenannter „Keloide“, wulstiger Brandmale, die immer wieder an die Oberfläche kommen und nie ganz ausheilen, diskriminiert. Frauen wurden als „unproduktiv“ beschimpft, weil man annahm, dass sie keine gesunden Kinder bekommen konnten, und weil sie wegen der Folgen der Strahlung körperlich zu schwach für Haushalt oder Arbeit waren. Es gab auch Gerüchte, dass die Strahlenkrankheit ansteckend sei. Außerdem kämpften die Menschen mit Schuldgefühlen, weil sie die Bombe überlebt hatten.

Jungk dokumentiert in seinem Buch Strahlen aus der Asche die unverfälschten Stimmen der Überlebenden. Es war eine der ersten Reportagen, die nicht gesichtslose Zahlen und Statistiken wiedergab, sondern Jungk wollte die Wunden der Überlebenden, ihre „Keloide des Herzens“ der Welt mitteilen. Im letzten Kapitel geht es in einer kurzen Episode um Sasaki Sadako, ein heiteres sportliches Mädchen. Sie war an jenem Tag zwei Jahre alt und hielt sich zu Hause auf, vom Hypozentrum ca. 1,6 km entfernt. Sadako wurde von der Explosion weggeblasen, blieb jedoch wie durch ein Wunder unverletzt. Bis sie 12 Jahre alt wurde, war sie eine ausgezeichnete Kurzstreckenläuferin. Zu jener Zeit standen die Menschen gerade wegen der Wasserstoffbombenversuche am Bikini-Atoll unter Schock und waren sich erneut der großen Gefahren von Nuklearwaffen bewusst. Sadako bekam plötzlich Leukämie, trotzdem gab sie ihre Hoffnung nicht auf. Bis zum letzten Moment ihres Lebens faltete sie Papierkraniche, auf dass ihr Wunsch zu überleben, wie es in einer japanischen Legende heißt, verwirklicht würde. Ihr Wunsch wurde jedoch nicht erfüllt und sie verstarb acht Monate nach dem Ausbruch der Krankheit.
Der österreichische Jugendbuchautor Karl Bruckner las diese Episode bei Jungk und verfasste 1961 einen Roman mit dem Titel Sadako will leben. Das Buch wurde bis heute in mehr als 20 Sprachen übersetzt und über zwei Millionen Mal verkauft. Es wurde auch in Schulen zahlreicher Länder zur Friedenserziehung eingesetzt. Während des Kalten Krieges, als man sich vor einer Eskalation der Spannungen und einem Atomkrieg fürchtete, muss diese Geschichte enorme Bedeutung hinterlassen haben.

Was all diese tragischen Erfahrungen uns vermitteln, beschreibt Jungk als Merkmale der Atomwaffen in seinem Epilog: „Nicht die monumentalen Repräsentationsbauten sind Hiroshimas Mahnmale, sondern die Überlebenden, in deren Haut, Blut und Keimzellen die Erinnerung an ‚jenen Tag’ eingebrannt ist. Sie sind die ersten Opfer einer ganz neuen Art von Krieg, der niemals durch Waffenstillstands- oder Friedensverträge abgeschlossen werden kann, des ‚Krieges ohne Ende’, der über seine Gegenwart hinausgreifend auch die Zukunft in den Kreis der Zerstörung hineinzieht.”

Freundschaft zwischen Japan und Österreich
— gegenseitige Inspiration

Jungks Auftrag an Ogura entwickelte sich schließlich zu einer vertraglichen Zusammenarbeit in Form eines Briefwechsels für insgesamt zweieinhalb Jahre. Jungk preist in Dank des Verfassers die präzise, sorgfältige Arbeit Oguras: „In dieser Zeit hat mir Ogura auf meine Fragen in 213 säuberlich nummerierten Briefen geantwortet und Dutzende Bewohner Hiroshimas interviewt. Es ist ihm gelungen, die durch persönlichen Kontakt angebahnte Beziehung zwischen dem Autor und den Befragten so sehr zu vertiefen, dass aus diesen Interviews häufig Bekenntnisse wurden. Ich habe leider nur einen Bruchteil dieser schriftlichen Mitteilungen, die inzwischen den Umfang von acht normalen Büchern erreicht haben, verwenden können. Hoffentlich wird sich später einmal ein Forschungsinstitut dieses Materials annehmen.“

Robert Jungk und Ogura Kaoru, 1960. © Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen.

Ogura beschreibt in seinem Essay ヒロシマに、なぜ (Nach Hiroshima, warum?), seine Bemühungen um das Senden der Briefe. Die verschiedenen japanischen Briefmarken, die er jedes Mal auf dem Kuvert angebracht hatte, machten den Briefträger in Wien, der regelmäßig zweimal wöchentlich die Post austrug, neugierig und brachten ihm Freude. Wenn es regnete, musste Ogura die dünnen Briefpapiere extra kleiner schneiden, damit sie, wenn sie nass wurden, nicht die Gewichtsgrenze überstiegen. Carl schrieb in jedem Brief eine Art „Vorwort“ in dem er Jungk seiner Hochachtung und Freundschaft versicherte und ihm seine Meinung über die aktuelle Lage in der Stadt darlegte. Ogura machte zum ersten Mal Recherchearbeiten, und er beschreibt, dass es so spannend und aufregend für ihn war, dass ihm das Herz im Leibe klopfte. Einmal, als er in der nationalen Verwaltungsstelle für Archivgut und Unterlagen in USA die alten Dokumente, die gleich nach dem Atombombenabwurf verfasst worden waren, in die Hände nahm, sei ihm erst eisige Kälte am Rücken aufgestiegen, und danach sei ihm warm geworden, erinnert er sich in seinem Buch.
Er schreibt auch, dass Jungk ein durchaus menschlicher „Mensch“ gewesen sei: Enthusiastisch bei allem, was er getan habe, er habe „dynamisch“ gegessen, und mit unglaublicher Ausdauer doppelt so viel gearbeitet, wie andere. Jungk lebte jeden Tag mit voller Vitalität, während Carl, der lange Zeit kränklich war, bis dahin schonend gelebt hatte. Für Jungk war es nicht so wichtig, wie er aussah und er kleidete sich wie „Kommissar Columbo“. So dynamisch er war, hatte er auch eine empfindliche Seite, nämlich dass er nachts im beleuchteten Zimmer mit schwarzer Augenbinde schlafen musste. Als Jude in Deutschland und auf der Flucht in verschiedenen Ländern, hatte er sich oft verstecken müssen, weswegen er Angst vor der Dunkelheit hatte. Sein Anspruch, unbedingt die Stimmen der Überlebenden stellvertretend zum Teil des kollektiven Gedächtnisses machen zu wollen, beeindruckte Carl immer wieder.

Friedensdenkmal der Kinder. © Kagawa Yoshie

Drei Hauptfiguren aus Strahlen aus der Asche sind M.Kazuo, Kawamoto Ichirō und seine Gefährtin Kawamoto Tokie. M.Kazuo war ein künstlerisch begabter, sensibler Junge, der nach der Atomkatastrophe so weit seelisch verstört war, dass er zu einem gnadenlosen Raubmörder wurde. Über Kawamoto Ichirō schreibt Jungk in seiner Autobiographie: „Er hatte, überwältigt von dem Elend, das er stündlich um sich sah, seine Ingenieurslaufbahn aufgegeben, um sich ganz den Hilflosen, vor allem den vielen strahlenkranken Kindern und Waisen, widmen zu können. Ich habe die besondere Qualität dieses bescheidenen, opferbereiten, ganz außergewöhnlichen Menschen von der ersten Minute unserer Begegnung an gespürt und ihn zusammen mit Carl so oft wie möglich auf seinen Besuchen begleitet.
Es war das erste und, wie ich heute weiß, auch einzige Mal, daß ich einem lebenden Heiligen begegnet bin.“

Robert Jungk und Kawamoto Ichirō mit Sadakos Bild. © Bild aus den gesammelten Materialien über Kawamoto Ichirō, Quelle: Friedensmuseum Hiroshima.

Es war Kawamoto Ichirō, der Jungk Sadakos Geschichte vorstellte und die Kampagne für die Errichtung des Friedensdenkmals der Kinder leitete. Als Kawamoto Jungk Sadakos Bild zeigte, fragte Jungk, ob er ihr Bild umarmen dürfe. Kawamoto und Jungk schossen zusammen ein Foto mit dem Bild von Sadako. Anschließend umarmte Jungk ihr Bild ganz fest für eine Weile.

Alle, die Jungk in Hiroshima kennenlernten, verehrten ihn sehr, und sahen eine große Zukunft und Hoffnung in ihm. Die Existenz eines Weltbürgers, der den Schmerz der Überlebenden teilte, gab ihrem Leben wieder Sinn.

Ogura, der den Reiz der Recherchearbeit entdeckt hatte und die Wichtigkeit spürte, die Persönlichkeiten, die nach Hiroshima kamen, zu begleiten, arbeitete tatkräftig als erster Vermittler und Dolmetscher Hiroshimas und leitete später das Friedensmuseum.

Jungk schreibt: „Als ich nach Hiroshima reiste, kam ich als Reporter, der die interessante Geschichte einer fremden Stadt aufschreiben wollte. Aber je länger ich mich mit dieser Story beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass ich nicht außerhalb und über ihr stand, sondern ein Teil von ihr war.“

Familie Jungk und Familie Ogura im Jahr 1970. © Ogura Keiko

Er besuchte Hiroshima danach noch vier Male. Über den ersten Besuch schreibt er später in seiner Autobiographie: „Als ich Hiroshima verließ, war ich ein anderer geworden. Ich wollte über Geschehenes nicht mehr nur berichten, weil es interessant, sondern weil es lebenswichtig war und daraus vielleicht Lehren für künftiges Verhalten erwachsen konnten. Rechtzeitig vor kommendem Unheil zu warnen, erschien mir in dieser historischen Situation vordringlicher als Ruhm und Karriere.“

Interview: Dialog mit Jungk-san — Ich höre immer seine Stimme

Prof. Wakao Yūji, ein emeritierter Professor für moderne Geschichte der Universität Nagoya, forscht bereits über zehn Jahren zu Jungk und der Friedensbewegung. Im Zuge seiner Forschungen gelangte er zu der Überzeugung, dass verschollenen geglaubte Briefe bei Oguras Witwe Keiko zu finden sein müssten. Genau wie er vermutet hatte, wurden die 435 Seiten umfassenden, verschollenen Briefe Oguras an Jungk im Februar 2016 bei Ogura Keiko im Zuge einer Aufräumaktion gefunden. Er befand sie als äußerst relevant für die Geschichte Hiroshimas und beschloss, die in Englisch geschriebenen Briefe zurück ins Japanische zu übersetzen. Er schreibt: „Die Briefe Oguras stellen eine Auswahl seiner gesammelten Materialien über Hiroshima dar; die gesamte Materialiensammlung hat den Charakter eines ‚Hiroshima-Reports’, und zusammen mit den privaten Briefen sollte dieser Interview-Teil zweifelsohne ‚Ogura-Report’ heißen.“ Zusammen mit sechs anderen Kollegen*innen bildete er ein Übersetzungsteam. Sie übersetzten die Texte und suchten nach Originalmaterialien zur Überprüfung. Auf diesen Forschungsarbeiten basiert ein zweibändiges Werk, das Prof. Wakao 2018 veröffentlichte.

Dank der Lektorin Judith Brandner durfte ich Prof. Wakao Yūji, Ogura Keiko und den Schriftsteller Peter Stephan Jungk, Robert Jungks Sohn, per E-Mail kennenlernen. Gegen Ende des Jahres 2018 kehrte ich in meine Heimat zurück und bekam dort die Gelegenheit, ein Interview mit Ogura Keiko und Prof. Wakao Yūji zu führen. Der Tag des Interviews war zufällig der Geburtstag von Peter Stephan Jungk. Wir feierten den Tag in einem Zimmer des Friedensmuseums mit Kuchen aus der Kurkonditorei Oberlaa und Früchtebrot von Andersen (eine beliebte Bäckerei in Hiroshima, ähnlich der Konditorei Oberlaa in Wien).

Prof. Wakao Yūji und Ogura Keiko im Dezember 2018. © Kagawa Yoshie

Ogura Keiko erzählte unter anderem, wie es ihr nach dem Tod ihres Mannes gegangen war. Gleich nachdem Ogura Kaoru seinen Essay fertig geschrieben hatte, verstarb er im Juli 1979 ganz plötzlich an einer Subarachnoidalblutung, einer speziellen Form von Schlaganfall. Ein halbes Jahr später kam Jungk nach Hiroshima. Keiko war noch in tiefe Trauer versunken. Jungk engagierte sie als seine Dolmetscherin und Sekretärin. Bis dahin war sie eine glückliche Hausfrau, die zu Hause Kekse backte und auf ihre Kinder und ihren Mann wartete. Auf einmal stand sie alleine mit zwei Kindern da. Im Dolmetschen hatte sie natürlich keine Erfahrung und vom Thema Atomkraftwerk, das Jungk diesmal besprechen wollte, hatte sie keine Ahnung. Jungk ermutigte sie keinesfalls tröstend, sondern, indem er sie anfeuerte, so dass sie aus eigener Kraft wieder auf die Beine kam, und er umarmte sie mit seiner Wärme. An seine ausschlaggebenden Worte, dank derer sie ihre Trauer in ein Sprungbrett verwandeln konnte, erinnerte sie sich genau:

 

Jüdisches Grab im Mitaki Tempel, 2018. © Kagawa Yoshie

Da sie von Kawamoto Ichirō erfahren hatte, dass es ein jüdisches Grab im Mitaki-Tempel gab, begleitete sie Jungk dort hin. Er klagte nämlich über die inzwischen völlig zubetonierte Stadt. Der Mitaki-Tempel liegt im Tal des Mitaki-Berges, nordwestlich vom Zentrum Hiroshimas und besitzt einige Gebäude, die die Atombombe „überlebt“ haben. „Mitaki“ bedeutet „drei Wasserfälle“, und dieser Ort stellt für die Menschen eine grüne Oase dar.

Robert Jungk und Ogura Keiko im Mitaki Tempel, 1980. © Ogura Keiko

Jungk freute sich sehr, so einen authentischen, spirituellen Ort zu besuchen und sagte: „Warum hat Carl mich niemals hierher gebracht? Keiko, du bist in Sachen Stadtführung viel besser als Carl!“
Als Jungk das jüdische Grab besuchte, bestätigte dies sein Gefühl, das er seit seinem ersten Aufenthalt in Hiroshima hatte, nämlich die Verbundenheit der „Zufällig-Davongekommenen“ der größten Verbrechen der Menschheit, Auschwitz und Hiroshima. Jungk hatte über 40 Verwandte im Holocaust verloren.

Dank Jungks Ermutigung begann Ogura Keiko ihre Erfahrungen weiterzuerzählen, als die fast einzige, englischsprachige Hibakusha. Sie beschloss, eine gute Dolmetscherin zu werden und studierte Tag und Nacht – nicht nur Englisch, sondern eignete sich auch Wissen und Fachvokabular über Atomkraftwerke und die aktuelle Situation der Friedensbewegung an. Darüberhinaus gründete sie 1984 die Hiroshima Interpreters for Peace, eine Gruppe ehrenamtlicher Dolmetscher*innen, die Gäste aus Übersee in verschiedenen Sprachen unterstützt, und ihnen dabei hilft, in Hiroshima möglichst viele Eindrücke über die Friedensbewegung zu bekommen.

Ogura Keiko war 19 Jahre alt, als sie Jungk kennenlernte. Aus ihrer Art, sich an Jungk zu erinnern und über ihn zu erzählen, spürte ich, dass sie auch heute noch in ihrem Herzen im Dialog mit Jungk ist. Durch sie bekam auch ich das Gefühl, als hätte ich Robert Jungk persönlich kennengelernt. Ogura Keiko ist heute 81 Jahre alt, doch in ihrem Herzen ist so jung und fröhlich geblieben, wie ein Mädchen – und von einer Vitalität, wie sie auch Robert Jungk hatte.

Mahnmal aus der Asche — Botschaft für die Zukunft

Kawamoto Tokie, eine der Protagonist*innen aus Strahlen aus der Asche betont:
„Wir sind zu der Überzeugung gelangt, daß die Unmenschlichkeit schon bei der Missachtung und Vernachlässigung des einzelnen beginnt. Die Atomwaffen sind das Endresultat dieser Gleichgültigkeit gegenüber den vielen einzelnen, unverwechselbaren, unersetzlichen Menschen. Wir müssen gegen die Bomben protestieren. Aber das ist nicht genug. Wir wollen außerdem versuchen, ganz langsam die Einstellung des Menschen zum Menschen zu verändern. Hätte es den ‚Pikadon’ (Blitz und Donner bei der Explosion der Atombombe) nicht gegeben, so wäre ich nur eine mittelmäßige Tanzlehrerin geworden und hätte wohl nie begriffen, wie sehr wir alle einander, wie sehr jeder jeden braucht.“

Kawamoto Tokies Ansicht trifft sich mit der Philosophie von Bertrand Russell, einem Pazifisten, der durch das Russell-Einstein-Manifest berühmt geworden ist, und der auch mit Robert Jungk befreundet war. Im Russell-Einstein-Manifest wird appelliert: „Wir wenden uns als Menschen an unsere Mitmenschen: Erinnert Euch Eures Menschseins und vergesst alles andere! Wenn Ihr das vermögt, dann öffnet sich der Weg zu einem neuen Paradies. Könnt Ihr es nicht, dann droht Euch allen der Tod.”

Nach der Aussetzung der INF-Verträge zwischen USA und Russland steht erneut die Gefahr des Wettrüstens bevor. Jetzt mehr denn je, sollten wir die Solidarität des Humanismus verstärken und uns nicht von Ohnmacht besiegen lassen. Der französische Schriftsteller und Historiker André Maurois schreibt in einem Buch
Au commencement était l’action
(Am Anfang war die Tat):
„Die tiefgreifendsten Revolutionen finden auf geistiger Ebene statt. Sie verändern die Menschen, die ihrerseits die Welt verändern. Die wirkliche Revolution ist die Revolution des Individuums. Genauer, eines einzigen Individuums, sei es ein Held oder ein Heiliger, der für unzählige weitere ein Beispiel sein kann, dessen Nachahmung die Welt dramatisch verändern kann.“

Friedensdenkmal – Atombombenkuppel in Hiroshima. © Kagawa Yoshie

Wenn eine Person ihre Einstellung ändert, werden die Menschen in ihrer Umgebung inspiriert und beginnen ebenfalls, sich zu verändern. Für die Schaffung einer wirklich friedlichen Welt, sollten wir unmittelbar bei den Menschen in unserer Umgebung anfangen, und jedes einzelne Leben wertschätzen. Alle Menschen an einer Philosophie der Würde des Lebens teilhaben zu lassen, dauert lang, dennoch ist es der einzige Weg, um die Menschen zu verändern. Anstatt unter wechselnden politischen Zuständen hin- und hergerissen zu werden, sollten wir unser Bewusstsein als Weltbürger stärken und den Planeten, den wir gemeinsam bewohnen, mehr lieben und schätzen. Genauso wie Jungk zur jungen Keiko sagte, zwei Jahre bevor sie Carl heiratete:

„Keiko, du sollst lernen, einer Person nicht nur maßvolle 80 Prozent, sondern eine unendlich sprudelnde Liebe zu schenken. Erst dann begreifst du, warum ich dem Krieg unbedingt ein Ende setzen will.“

 

Text: Yoshie Kagawa
Voiceover: Tanja Malle

Mehr über Robert Jungk erfahren Sie hier:
Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen

Japanische Version (freie Übersetzung der Autorin):

 

***

Es folgt: Pressetext (Verfasst November 2018)

Mahnmal aus der Asche

Ein japanisch-österreichischer Briefwechsel, der das Herz Hiroshimas weiterleben lässt.

6. August 1945 – eine lebhafte Handelsstadt verwandelte sich augenblicklich in eine Atomwüste. Was genau war geschehen, was passierte danach?

Der österreichische Journalist Robert Jungk spürte eine dringliche Notwendigkeit, die Stimmen der Überlebenden der Atombombe von Hiroshima aufzuzeichnen, um ein ewiges Mahnmal für die nachkommenden Generationen zu hinterlassen. Als er 1957 zum ersten Mal Hiroshima besuchte, sah er Menschen, die sich trotz großer Trauer, unsicherer Lage und Angst vor den zu diesem Zeitpunkt unklaren Auswirkungen eifrig der Wiederbelebung der Stadt widmeten und sich bemühten, wieder einen Alltag zu finden.

Ein japanischer Dolmetscher namens Ogura Kaoru unterstützte ihn nicht nur vor Ort, sondern auch danach durch mühevolle Recherchen, bei denen er die damaligen sozialen Gegebenheiten dokumentierte und er berichtete Jungk in 213 Briefen darüber.

Diese enge Zusammenarbeit und die dadurch entstandene, tiefe Freundschaft zwischen zwei Menschen aus Österreich und Japan, die dasselbe Ziel verfolgten, resultierten im Buch Strahlen aus der Asche. Es soll uns stets an die enorme Wichtigkeit von Frieden und die Arbeit dafür, erinnern.

 

Text: Yoshie Kagawa

 

Yoshie Kagawa

Aufgewachsen in Hiroshima, seit 1992 in Wien. Nach jahrelanger Berufserfahrung Japanologie-Studium seit 2017. Übersetzungstätigkeit und Japanforschung unter Einbezug ihrer Insider-/Outsider-Perspektiven.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

© 2019 150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Thema von Anders Norén