150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Floridsdorf-Katsushika

Internationale Gäste in Floridsdorf:

Bezirksoberhäupter aus Österreich und Japan treffen sich
zum Jubiläum ihrer Freundschaft

Schon unzählige Male trafen die Oberhäupter der Bezirke Floridsdorf und Katsushika zusammen – mal in Japan, mal in Österreich. Doch dieses Mal ist es etwas Besonderes, denn es ist das 30. Jubiläum ihrer Freundschaft und das 150. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan. Der Bezirksvorsteher des 21. Wiener Gemeindebezirks, Georg Papai, und sein Team scheuten keine Mühen, den Gästen aus dem Bezirk Katsushika, unter der Leitung von Bezirksbürgermeister Aoki Katsunori, alles zu zeigen, was Wien – und natürlich viel mehr Floridsdorf  ausmacht.

Viele Bezirke, Städte oder Gemeinden gehen internationale Verbindungen und Freundschaftsbeziehungen mit anderen Gemeinden ein, aber leider trift man sich nur selten. Doch eine Partnerschaft zwischen zwei Bezirken aus sehr weit entfernten Ländern könnte eine der aktivsten sein. Die Rede ist vom 21. Wiener Bezirk Floridsdorf und dem Tōkyōter Bezirk Katsushika, die seit 1987 Schwesternbezirke sind. Die Delegation aus Japan war von 7. bis 11. November 2018 in Wien zu Besuch und absolvierte ihr stressiges, voll bepacktes Programm mit Bravur. Als Anlass bot sich gleich ein mehrfaches Jubiläum, nämlich das der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan, welches sich 2019 zum 150. Mal jährt, sowie das des 30-jährigen Jubiläums der Freundschaftsbeziehung zwischen den beiden Bezirken 2017.

© Olivia Weiß

Von links nach rechts: Tsuchiya Toshiaki, Sascha Göbel, Tsutsui Takahisa, Aoki Katsunori, Georg Papai, Ilse Fitzbauer, Akiba Yūko, Noriko Weiß

Unsere Gruppe

Um der japanischen Delegation den Bezirk Floridsdorf und die Arbeit der Bezirksvorstehung am besten und effektivsten präsentieren zu können, wurde für die zwei Ehrengäste, Bezirksbürgermeister Aoki Katsunori und den Vorsitzenden des Bezirksparlaments, Tsutsui Takahisa, und deren Begleiter*innen, Tsuchiya Toshiaki (Abteilungsleiter für Internationale Kommunikation) und Akiba Yūko (stellvertretende Abteilungsleiterin der Verwaltung des Bezirksparlaments), ein dichtes, drei-tägiges Programm zusammengestellt. Dieses sollte sie und ihre österreichischen Gastgeber*innen zwölf Stunden pro Tag auf Trab halten. Der Büroleiter der Floridsdorfer Bezirksvorstehung, Sascha Göbel, war dafür zuständig, die Gäste zu den einzelnen Programmpunkten zu führen. Der Bezirksvorsteher, Georg Papai, und seine Stellvertreterin, Ilse Fitzbauer, wohnten diesen meist abwechselnd bei, um die eigenen Pflichten nicht vernachlässigen zu müssen und auf der anderen Seite die Delegation nie alleine zu lassen. Und damit es zu keinerlei Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden Seiten kommt, war die Dolmetscherin Noriko Weiß jederzeit mit vollem Einsatz dabei. Auch ich durfte am gesamten Programm teilhaben und alles hautnah mitverfolgen.

So viel zu tun, so wenig Zeit…

Von Kultur über Sightseeing bis hin zu Verwaltungsangelegenheiten war im abwechslungsreichen Programm alles dabei. Die Highlights des ersten Tages (8.11.) waren definitiv der Besuch beim Gemeinderatsvorsitzenden Thomas Reindl und die anschließende Führung durch das Wiener Rathaus. Beide Programmpunkte wurden von den Mitgliedern der Delegation aus Katsushika aufmerksam verfolgt. Die Gastgeber mussten viele (wie sich herausstellte) sehr schwierige Fragen über den Aufbau der Regierung und die Aufgaben des Gemeinderats beantworten. Bei der Führung studierten die Gäste die prunkvollen Räume des Rathauses eingehend  und durften sogar eine Runde mit dem Paternoster drehen, was den Japaner*innen selbstverständlich sehr gefiel. Am Abend waren wir Ehrengäste bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus. In der Volkshochschule Floridsdorf wurden Theaterstücke über die Zeit aufgeführt, Zeitzeuge Kurt Rosenkranz erzählte aus seinen Erinnerungen, und es wurden bekannte Roma-Musikstücke vorgespielt, die auch von den Japaner*innen wiedererkannt wurden.

Unsere Gruppe bei der lustigen Fahrt mit dem Paternoster im Rathaus.  © Olivia Weiß

Das Highlight der Reise

Der zweite Tag des Programmes (9.11.) begann mit einem Besuch beim Wiener Tourismusverband und einer Präsentation über die Zahlen, Fakten und Strategien für die Ankurbelung des Tourismus in Wien. Diese Präsentation stieß auf großes Interesse bei Bezirksbürgermeister Aoki, der sogleich alles darüber wissen wollte und um Rat und Vorschläge für die Ankurbelung des Tourismus in Katsushika fragte. Danach, und mit mehr als einer Stunde Verzögerung durch das rege Interesse, besuchten wir die erst kurz zuvor eröffnete Neue Mittelschule, und die Volksschule Zehdengasse, die in sehr engem Briefkontakt mit ihrer Schwesternschule in Katsushika steht. Auch ein Pensionistenwohnhaus und ein Stadtentwicklungsgebiet wurden besichtigt.

Katsunori Aoki und Georg Papai nach der neuerlichen Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages © Olivia Weiß

Das Highlight des Tages und der gesamten Reise blieb  ohne Zweifel das Ehrungsfest am Abend. Um die Partnerschaft zu ehren, wurden einige Ansprachen von den Ehrengästen gehalten. Sogar der japanische Botschafter Koinuma Kiyoshi hielt eine Rede. Danach wurde der Freundschaftsvertrag zwischen den Bezirken Floridsdorf und Katsushika ganz feierlich erneuert und nochmals von Papai und Aoki unterschrieben. Anschließend wurden Geschenke feierlich übergeben: Eine wertvolle Uhr, die nach traditioneller Machart in Katsushika hergestellt worden ist, sowie ein Gemälde vom Floridsdorfer Bezirkshaus mit den beiden Bezirkswappen.

Ein schöner Ausklang mit Wiener Charme

Am dritten und letzten Programm Tag (10.11.) nahmen die Floridsdorfer Gastgeber*innen die Gruppe aus Tōkyō mit auf eine Sightseeing-Tour durch ihren Bezirk. Dabei durften natürlich das Wappenbeet, ein Blumenbeet mit den Bezirkswappen von Katushika, Floridsdorf und Angyaföld (dem anderen Schwesterbezirk von Floridsdorf) und der Tora-san Park nicht fehlen.

 

 

 

Die Gruppe besichtigt das Wappenbeet (oben) und den Tora-san Park (unten) mit Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer, © Olivia Weiß

Besichtigung der neuen Floridsdorfer Müllhalde in Stammersdorf

Ein sehr interessanter Programmpunkt war die Besichtigung der neuen Floridsdorfer Müllhalde in Stammersdorf. Diese Besichtigung der modernsten Müllhalde Wiens, die erst Wochen zuvor eröffnet worden ist, ist ein perfektes Beispiel dafür, dass die Gastgeber*innen vor allem neue Errungenschaften präsentieren ihren Gästen alles zeigen wollen – sowohl Kulturelles als auch Verwaltungseinrichtungen des Bezirks. Die Gäste zeigten sich höchst interessiert und dachten sogleich darüber nach, wie sie das österreichische System in Katsushika integrieren könnten, um die Müllentsorgung in ihrem Bezirk zu verbessern. Das Programm des Tages endete mit einer Führung durch das Floridsdorfer Bezirksmuseum und einem anschließenden  Wienerlieder-Konzert, das die Delegation für eine Weile in die Zeit der legendären Schrammel-Brüder versetzte. Den Abend ließen wir gemütlich im Heurigen Christ bei einem Glas Gemischten Satz und einem Backhendl ausklingen.

Aber warum der Aufwand?

Doch bei so viel Aufwand und Mühe und (im Endeffekt) Geld, das in diese Partnerschaft gesteckt wird, fragt man sich bald – warum das Ganze? Warum ist das alles so wichtig für die Partner? Die Antworten sind in den Schwerpunkten enthalten, die im Freundschaftsvertrag von 1987 festgelegt sind, und die „von der Verwaltung, über Kunst und Kultur, bis hin zur industriellen Entwicklung“ reichen. Daraus hat sich das umfassende Programm unserer Gruppe ergeben. Ein besonders wichtiger Punkt und das ausschlaggebende Argument, warum beide Seiten regelmäßigen, persönlichen Kontakt miteinander pflegen, ist der Schwerpunkt auf der „Vertiefung der Freundschaft der beiden Bezirke und deren Bewohner*innen“. Diese Freundschaft zeigte sich auch in einem inoffiziellen Besuch 2017, als ein großer Teil der alten Delegation aus Katsushika rund um den fast 100-jährigen Ex-Bezirksbürgermeister die Bezirksvorstehung in Floridsdorf zu ihrem Jubiläum zu besuchte.  Bei diesem Anlass wurden vor allem die Stadt besichtigt und Orte, für die es bis dahin nie genug Zeit gab.

Eine fruchtbare Freundschaft

Aus der Freundschaft zwischen den beiden Bezirken ist schon vieles hervor gegangen, wie zum Beispiel der Jugendaustausch, auf den beide Seiten sehr stolz sind. Jedes Jahr werden abwechselnd zwei Jugendliche aus Floridsdorf und aus Katsushika in das jeweils andere Land geschickt, wo sie eine Woche bei einer Gastfamilie verbringen dürfen. Ein beliebter Event im Frühling ist das Kirschblütenfest in Floridsdorf, das jedes Jahr auf der Donauinsel stattfindet. Hier können Interessenten gratis die japanische Kultur hautnah miterleben – durch Spiele, Essen, Musik, Kalligrafie und vieles mehr.

Herr Tsutsui, Frau Fitzbauer und Herr Aoki auf der stark befahrenen Katsushikastraße. (Der zweite Teil der Straße hinter der Kreuzung wurde nach dem ungarischen Schwesternbezirk Angyaföld in Budapest benannt.) © Olivia Weiß

 

Ein paar infrastrukturelle Resultate aus der Partnerschaft sind die Furōrido-dōri, die Floridsdorf-Straße in Katsushika, die 2017 zum 30-jährigen Jubiläum der Freundschaftsbeziehung eröffnet wurde, die Katsushika-Straße in Floridsdorf – eine breite Straße mit einer wichtigen Kreuzung, die zur Autobahn führt – und der vorher erwähnte Tora-san Park, der 2009 zu Ehren der 140-jährigen diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan eröffnet wurde. Der Park ehrt nicht nur den legendären Tora-san aus der Filmreihe, sondern auch den Mythos über den Beginn der Partnerschaft der beiden Bezirke.

 

Helmut Zilk und Tora-san

Dem Mythos zufolge soll Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk den Stein für die Freundschaftsbeziehung zwischen Floridsdorf und Katsushika ins Rollen gebracht haben. Zilk soll die Idee gehabt haben, als er auf einer seiner vielen Dienstreisen einen Tora-san Film im Flugzeug sah. Die Tora-san Filmreihe handelt von einem Mann aus dem Bezirk Katsushika in Tōkyō, der gerne auf Reisen geht, sich unglücklich in ortsansässige Frauen verliebt und schließlich froh ist, wieder nach Hause zu kommen. Als Helmut Zilk den Film sah, fielen dem gebürtigen Wiener sofort Ähnlichkeiten auf zwischen Tora-sans Heimatbezirk Katsushika und dem 21. Bezirk, Floridsdorf. Zum Beispiel, dass durch beide Bezirke ein großer Fluss fließt, es viele Grünflächen gibt und sie eher am Rande der Stadt liegen. Außerdem hat Wien so wie Tōkyō 23 Bezirke.

Als er wieder zurück in Wien war, schlug der damalige Bürgermeister die Partnerschaft zwischen den Bezirken vor. Am 2. November 1987 war es dann soweit. Ein Freundschaftsvertrag wurde unterschrieben, in dem festgehalten wurde, dass die Partner voneinander und übereinander lernen wollen, um „die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Japan zu verbessern und den Weltfrieden zu erhalten“. Zwei Jahre danach reist unser liebenswerter Tora-san in der 41. Folge „Tora-san Goes To Vienna“ nach Österreich und erkundet Wien. Es ist wohl kein Zufall, dass dies das erste Mal ist, dass er an einen Ort außerhalb Japans reist. Damit wurde die neue Partnerschaft geehrt. Und so bleibt Tora-san bis heute ein verbindendes Element in der Freundschaft zwischen den zwei Bezirken. Der Stein mit seinem Bild im Tora-san Park wird bei jeder Reise der Delegation aus Katsushika besucht.

Persönlicher Kontakt ist das Um und Auf

Papais Begrüßungsrede beim Ehrungsfest © Olivia Weiß

Papai und Aoki schätzen die Situation um ihre Beziehung sehr ähnlich ein.  Die beiden Bezirksoberhäupter sind sich einig, dass man nur von Unterschieden lernen und sich dadurch weiterentwickeln könne. Wie Papai in einer Rede sagt:

„Für uns ist diese Bezirksfreundschaft nicht nur eine schöne Sache, sondern es ist eine wichtige Aufgabe, die uns in unseren gemeinsamen Herausforderungen im städtischen Raum und in Ballungsräumen eine zusätzliche Unterstützung gibt, auf Herausforderungen neu und anders zu schauen, sich auszutauschen, und darüber zu sprechen, wie andere Städte, auch mit anderen Herangehensweisen und mit anderen Kulturen, Aufgaben lösen.“

Auch für Aoki ist Vielfalt sehr wichtig, denn er hofft, mit einer größeren Perspektive von der Reise zurück zu kommen, um einer Lösung der Probleme in seinem Bezirk näher zu kommen.

Durch die Globalisierung ist weltweit alles ziemlich gleich geworden, aber dennoch gibt es kulturelle Unterschiede. Deswegen finde ich es bedeutend, etwas von anderen Kulturen zu lernen und das können wir nicht entdecken, wenn wir nicht herkommen. (…)
Bis vor kurzem war man in Japan der Meinung, dass das europäische Wohlfahrtssystem [bzw. alles in Europa] viel besser sei, aber jetzt haben wir eigentlich einen ähnlichen Standard. Das haben wir zum Beispiel gestern erfahren, als wir das Pensionistenwohnhaus besucht haben. Aber trotzdem gibt es beim Gespräch viel Interessantes herauszufinden – wie man hier denkt und wie man etwas betrachtet. Ich hoffe, dass wir diese unterschiedlichen Ansichten bei unseren zukünftigen Vorhaben im Sozialwesen oder dergleichen einsetzen und verwenden können. Wir wollen nicht nur alles nachmachen, sondern diese unterschiedlichen Ansichten gut in unsere eigenen integrieren.

Die Delegation im Stadtentwicklungsgebiet Neu Leopoldau, © Olivia Weiß

Was Aoki hier anspricht, ist die Bedeutung des persönlichen Kontakts, um den Partnerbezirk wirklich kennenzulernen:  „Nur wenn wir uns persönlich treffen, erfahren wir die ganze Wahrheit über die Dinge. Sonst kann man hinter Floskeln und Etikette (durch Briefe oder E-Mails) viel Wichtiges verstecken.“ So kann man zum Beispiel bei der Besichtigung von Pensionistenheimen und Schulen viele neue Ansätze erkennen, die man ohne einen persönlichen Besuch nie gefunden hätte, um dann zu Hause „für die Menschen in den Städten eine Verbesserung ihrer Lebenssituation erzielen zu können“, wie Papai sagte. „Deswegen“, so Aoki, „finde ich auf einer Reise nicht nur Sightseeing wichtig, sondern wirklich mit den Menschen zu sprechen. Daher finde ich auch den Austausch mit den Gastfamilien so wichtig, denn nur wenn man intensiven, persönlichen Kontakt hat, kann man andere Kulturen und andere Denkweisen wirklich kennenlernen.“

Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft

Was die Zukunft betrifft, so hoffen beide Seiten, die Freundschaftsbeziehung aufrechtzuerhalten und zu vertiefen. Aoki würde gerne das Jugendaustauschprogramm der zwei Bezirke ausweiten, sodass mehr Menschen in das Partnerland kommen und dessen Kultur kennenlernen könnten. Trotz der großen Entfernung wäre es für ihn wünschenswert, wenn mehr Leute von der Partnerschaft profitieren und am Austausch teilhaben könnten.

Ich finde, dass Bezirksvorsteher Papai in seiner Rede beim Ehrungsfest der Freundschaft ein sehr schönes Schlusswort fand, das ich auch gerne als letzten Gedanken festhalten möchte:

Für uns ist diese Freundschaft eine ganz eine starke, eine ganz wichtige, gelebte Freundschaft. Und ich freue mich sehr und empfinde es als große Ehre, dass wir heute unseren Freundschaftsvertrag noch einmal bekräftigen und neu unterzeichnen, um auch für die nächsten Generationen und für die nächsten Entscheidungsträger*innen dieses Band so fest zu schnüren, dass es nichts mehr geben kann, das dieses Band durchtrennt.“

 

Auszug aus einem Interview mit Bezirksbürgermeister Aoki Katsunori im Belvedere, Interviewerin: Noriko Weiß (11.11.2019)

Transkript des Gespräches:

Herr Bezirksvorsteher Papai hat öfter erwähnt, dass man nur von Menschen lernen kann, die anders sind als man selbst. Die Bezirke Floridsdorf und Katsushika sind sehr weit voneinander entfernt und unsere Mentalitäten sind auch anders, wie auch unser System. Aber durch diesen Unterschied lernen wir voneinander.

Vielfalt ist sehr wichtig, nicht wahr? Diese Vielfalt macht es schwieriger verschiedene Dinge zu vermischen und sie aufeinander abzustimmen. Aber eben das treibt uns voran; es gewährt Verbesserung. Wenn alle der gleichen Meinung sind, ist es natürlich einfacher und vieles geht schneller. Sowas geht aber nur in einer Kriegssituation (dann ist es einfacher wenn alle derselben Meinung sind).

Warum finden Sie es so wichtig mit Ihrem Partner persönlichen Kontakt zu haben, nicht nur auf dem Papier oder durch Briefe?

Nur wenn wir uns persönlich treffen, erfahren wir die ganze Wahrheit über die Dinge. Sonst kann man hinter Floskeln und Etikette (durch Briefe oder E-Mails) viel Wichtiges verstecken. Deswegen ist es sehr wichtig sich zu treffen. Nicht nur durchs Internet, sondern „face-to-face“ Kommunikation ist wichtig. Dabei ist es auch leicht möglich, dass man etwas Neues entdeckt und dadurch kommen wir schließlich weiter. Deswegen ist es wichtig, sich abwechselnd zu besuchen. Auch wenn wir uns nicht jeden Tag sehen, kann es uns einen frischen Reiz geben, wenn wir uns ab und zu treffen.

Was möchten Sie durch diese Reise gewinnen? Was ist Ihr Ziel auf diesen Reisen?

Österreich und Japan sind sehr verschieden. Das Ziel ist, diese Unterschiede kennen zulernen. Ich meine aber nicht, dass wir diese Erkenntnisse in der Politik oder im Umweltmanagement so eins zu eins in Japan umsetzen wollen, aber dadurch bekomme ich als Bezirksbürgermeister eine größere Perspektive. Ich bin überzeugt, dass uns das zur Lösungen unserer Probleme führt. Heutzutage ist es ja nicht mehr so wie früher, dass die Japaner alles von entwickelten Ländern lernen wollen, weil dort alles besser ist. So ist das nicht mehr. Durch die Globalisierung ist weltweit alles ziemlich gleich geworden, aber dennoch gibt es kulturelle Unterschiede. Deswegen finde ich es bedeutend, etwas von anderen Kulturen zu lernen und das können wir nicht entdecken, wenn wir nicht herkommen.

Was ist dann das Resultat daraus? Was machen Sie mit dem Wissen, das Sie auf diesen Reisen sammeln?

In europäischen Ländern denken die Politiker viel darüber nach wie man die Demokratie weiterhin führen soll oder wie die Leute besser leben könnten. Sie bemühen sich. Bis vor kurzem war man in Japan der Meinung, dass das europäische Wohlfahrtssystem [bzw. alles in Europa] viel besser sei, aber jetzt haben wir eigentlich einen ähnlichen Standard. Das haben wir zum Beispiel gestern erfahren, als wir das Pensionistenwohnhaus besucht haben. Aber trotzdem gibt es beim Gespräch viel Interessantes herauszufinden –wie man hier denkt und wie man etwas betrachtet. Ich hoffe, dass wir diese unterschiedlichen Ansichten bei unseren zukünftigen Vorhaben im Sozialwesen oder dergleichen einsetzen und verwenden können. Wir wollen nicht nur alles nachmachen, sondern diese unterschiedlichen Ansichten gut in unsere eigenen integrieren.

Zum Beispiel gestern im Altersheim: Das System der staatlichen Altenpflege und die Einrichtungen im Gebäude sind am gleichen Standard, aber was genau haben Sie als anders empfunden?

In Österreich empfindet man es am Wichtigsten, dass man die Freiheit hat selbst bestimmen zu können wie man leben möchte. Zum Schluss [im Pensionistenwohnheim am zweiten Tag] haben wir auch die Einrichtung für bettlägerige Patienten gesehen, aber das meine ich im Moment nicht. Der Schwerpunkt den man hier setzt ist, dass man so leben kann wie man möchte und so glücklich und frei sein kann wie möglich, obwohl man in dieser Einrichtung wohnt – bis zu dem Zeitpunkt wo man auf der Station für bettlägerige Patienten landet. In Japan aber ist es wichtiger, wie man handelt wenn man bereits bettlägerig ist. Davor ist es die Angelegenheit von jedem selbst sich darum zu kümmern wie man leben möchte und das zu tun was einen glücklich macht. Man denkt nicht, dass das eine Angelegenheit vom Staat oder der Gemeinde wäre.

Was erhoffen Sie sich von dieser Partnerschaft mit Floridsdorf? Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen [in das jeweilige Partnerland] kommen können um den anderen zu besuchen. Das ist wegen der großen Entfernung natürlich ziemlich schwierig. Es gibt den Jugendaustausch, aber ich denke es wäre schön, wenn mehr Leute davon profitieren könnten und daran teilhaben könnten. Österreich ist schon sehr weit, aber ich finde es hat trotzdem einen sehr großen Wert einmal herzukommen.
Ich finde auf einer Reise nicht nur das Sightseeing wichtig, sondern auch wirklich mit den Menschen zu sprechen. Daher finde ich den Jugendaustausch mit den Gastfamilien so wichtig, denn nur wenn man intensiven, persönlichen Kontakt mit Menschen hat, die so verschieden sind, kann man deren Kultur und Denkweisen wirklich kennen lernen. Wenn man sich nur schöne Gebäude ansieht, denkt man bloß, dass sie großartig und schön sind – aber dabei bleibt es leider.
Die Ziele der österreichischen und japanischen Politiker sind gleich, zum Beispiel die Demokratie zu halten oder, dass die Menschen in ihrem Land glücklich leben können. Trotzdem gibt es doch feine Unterschiede in den Denkweisen von Menschen aus verschiedenen Kulturen, die man entdecken kann. Ich finde es gut, wenn man diese Unterschiede kennen lernt.

Text: Olivia Weiß

 

 

***

Es folgt: Pressetext, verfasst im Herbst 2018:

Eine Freundschaft für die Ewigkeit:
Mehr als drei Jahrzehnte Floridsdorf
Katsushika

Ein Bericht über die Mühen und Früchte aus einem kulturellen Austausch, der die Bezirke Floridsdorf und Katsushika seit mehr als dreißig Jahren verbindet

Die Praxis der sogenannten Schwesternbezirke verbindet weltweit unzählige Städte, Orte und Bezirke der verschiedensten Länder miteinander – jedoch sehen sich die Partner*innen oft nie in Person sondern sind nur auf dem Papier „Schwestern “. Ein Beispiel für einen sehr regen kulturellen Austausch zwischen Partnern ist die Beziehung zwischen dem 21. Wiener Bezirk Floridsdorf und dem Tōkyōter Bezirk Katsushika. Die Köpfe ihrer Bezirke, Bürgermeister Aoki Katsunori aus Japan und Bezirksvorsteher Georg Papai aus Österreich, reisen mit ihrer Delegation relativ oft in das andere Land und besuchen ihren Partnerbezirk. Auf ihren Reisen versuchen sie, mehr über ihren Partner und dessen Kultur sowie über ihre Arbeit im Bezirk herauszufinden.

Doch wie kam es dazu? Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk soll der Grund für den Anfang dieser wunderbaren Beziehung sein. Auf einer seiner vielen Dienstreisen, die ihn auch nach Japan führten, sah er im Flugzeug einen Tora-san-Film, der ihn auf eine Idee brachte: Die Tora-san-Filmreihe handelt von einem Mann aus dem Bezirk Katsushika in Tōkyō, der gerne auf Reisen geht, sich unglücklich in ortsansässige Frauen verliebt und schließlich froh ist wieder nach Hause zu kommen. Als Helmut Zilk den Film sieht, fallen dem gebürtigen Wiener sofort Ähnlichkeiten zwischen Tora-sans Heimatbezirk Katsushika und dem 21. Bezirk, Floridsdorf, auf : zum Beispiel, dass durch beide Bezirke ein großer Fluss fließt, es viele Grünflächen gibt und sie eher am Rande der Stadt liegen.

Als Zilk wieder zu Hause ist, schlägt der damalige Bürgermeister eine Partnerschaft zwischen den Bezirken vor. Am 2. November 1987 ist es dann soweit und ein Freundschaftsvertrag wird unterschrieben, der bekannt gibt, dass die Partner von einander und über einander lernen wollen, um „die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Japan zu verbessern und den Weltfrieden zu erhalten“. Zwei Jahre danach reist Tora-san in der 41. Folge „Tora-san Goes To Vienna“ nach Österreich und erkundet Wien. Es ist wohl kein Zufall, dass dies auch das erste Mal ist, wo er an einen Ort außerhalb Japans reist und die neue Partnerschaft so geehrt wird.  Bis heute bleibt der gute Tora-san ein verbindendes Element in der Freundschaft zwischen den zwei Bezirken.

Dass die Partnerbezirke immer noch eine solch gute Beziehung miteinander haben, ist zweifellos der regelmäßigen persönlichen Pflege und den ständigen Bemühungen beider Seiten zuzuschreiben. Und so kommt es, dass die Delegation aus Katsushika vom 7.-11. November 2018 wieder nach Wien zurück kehrte,  um ihre Floridsdorfer Freunde zu besuchen.
Olivia Weiß war bei diesem ereignisreichen Besuch hautnah dabei.

 

 

Text: Olivia Weiß

Olivia Sayaka Weiß

Studiert Japanologie an der Uni Wien und hat den Bachelor in English and American Studies abgeschlossen.

Ihre Mutter ist Japanerin und dolmetscht bereits seit mehr als 25 Jahren für Floridsdorf bei den Besuchen der Delegation aus Katsushika.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

© 2019 150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Thema von Anders Norén