150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Geschichte der Wiener Japanforschung

Wir schreiben das Jahr 1959. Bundeskanzler Julius Raab tritt vor eine Pressekonferenz nach einem Staatsbesuch in Japan. Ein Reporter fragt: „Was hat der Japanbesuch für Ergebnisse mit sich gebracht?“ Raab, der an seiner Virginia-Zigarette zieht, antwortet: „Ana kriagt a Inschtitut.“ Es sollte jedoch noch weitere sechs Jahre dauern, bis das versprochene Institut tatsächlich (wieder) zustande kam und die Japanforschung wieder ihren regulären Betrieb, unabhängig von anderen Instituten, aufnehmen konnte.

Was ist die Wiener Japanologie?

Die Japanologie ist heute die wichtigste universitäre Fachrichtung für die soziale und kulturelle Auseinandersetzung mit dem japanischen Inselreich, nicht nur in Österreich. Die Anfänge des Institutes in Wien reichen ins Jahr 1938 zurück. Der Philatelist und Großindustrielle Baron Mitsui Takaharu trat im Auftrag des japanischen Außenministeriums an mit Japan befreundete Länder heran, um dort die Japanforschung zu fördern. Dies betraf Wien, Prag und Rom (in Deutschland gab es mit Berlin, Leipzig und Hamburg bereits mehrere Institute). Bereits im Austrofaschismus hatte Mitsui die Gründung eines Japan-Instituts an der Universität Wien zugesagt, umgesetzt wurde dies jedoch erst im Nationalsozialismus. Im Rahmen der Takahara-Mitsui-Stiftung finanzierte der japanische Baron Institut, Bibliothek und Gehälter.

Der erste Lehrstuhl für Japanforschung in Wien kam unter dem japanischen Soziologen und Ethnologen Oka Masao zustande, dem späteren Begründer der japanischen Kulturanthropologie. Das Institut nahm am 1. April 1939 offiziell seinen Lehrbetrieb auf. Oka übernahm die Leitung, ihm stand als Assistent Alexander Slawik zur Seite, der selbst Ostasienwissenschaften studiert hatte. Da es damals jedoch Sinologie und Japanologie noch nicht gab, konnte er nicht dissertieren. Während des Krieges ging Oka nach Japan zurück und gründete dort ein Institut für die Völker unter japanischer Herrschaft. Slawik wurde von der SS dazu beauftragt, japanische Nachrichten zu entschlüsseln und zu übersetzen. Da er nur für den Geheimdienst tätig war, erhielt Slawik nach dem Krieg eine Amnestie und durfte im universitären Bereich weiterhin unterrichten und tätig sein.

 Der emeritierte Univ.-Prof. Dr. Sepp Linhart erzählt über die Involviertheit der Japanologie vor und während dem zweiten Weltkrieg.

Durch das Wegfallen der finanziellen Unterstützung aufgrund des Krieges musste das Institut den Betrieb im Jahr 1944 einstellen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn des Kalten Krieges veränderte sich mit der Situation der Weltpolitik auch jene des Reisens. „Aufgrund des kalten Krieges war es nicht gestattet, über russisches Gebiet zu fliegen. Entweder man flog über den Nordpol, wofür man sogar eine Urkunde erhielt, oder man fuhr mit der transsibirischen Eisenbahn.“, so Professorin Ingrid Getreuer-Kargl.

Ein großer Unterschied zur heutigen Situation war der Zugang zu Informationen aus Japan. „Direkte Informationen aus Japan zu bekommen, war zwar nicht schwer, jedoch sehr kosten- und zeitaufwendig. Das konnten sich nur wenige Leute leisten. Man musste in irgendeiner Form von beruflicher Tätigkeit involviert sein, um an Informationen aus erster Hand zu kommen. Andere Quellen waren Bücher und audio-visuelle Medien, wie CDs, Kassetten oder Filme. Jedoch war die Qualität dieser sehr unterschiedlich. Dank des Internets und der Reisemöglichkeiten hat sich vieles, was die Japanologie schwer und kompliziert gemacht hat, im Laufe der letzten dreißig Jahre verändert“, so Professor Wolfram Manzenreiter über die Probleme und die Entwicklung innerhalb der Wiener Japanologie in den 1980er Jahren.

„Ana kriagt a Inschtitut“

Nach dem Ende des Krieges wollten die Indologie und die Orientalistik, zwei weitere geisteswissenschaftliche Ausrichtungen, das Erbe der Wiener Japanologie antreten. Alexander Slawik stellte sich vehement dagegen und erreichte, dass die Japanologie in die Wiener Völkerkunde eingegliedert wurde. 1965 wurde die Japanologie unter der Leitung von Alexander Slawik wieder unabhängig von der Völkerkunde. Slawik leitete das Institut für die nächsten sechs Jahre. Sein Nachfolger wurde der Ethnologe Josef Kreiner, der nach der Pensionierung Slawiks die Institutsführung bis 1978 übernahm. Dessen Nachfolger wurde 2012 schließlich Wolfram Manzenreiter, der seitdem der Leiter der Wiener Japanologie ist.

Professor Josef Kreiner 1965 in Kawei, Fukui. © KHM-WMW

Ein Bambuskorb aus der Sammlung Kreiners, welcher als Behälter für Essen aufs Feld mitgetragen wurde.
© KHM-WMW

Die Japanologie besitzt auch eine Sammlung an Objekten, welche durch Schenkungen von japanischen Privatpersonen und Institutionen zustande gekommen ist. Die Sammlung beinhaltet Dokumente, Küchengeräte, Alltagsgegenstände und vieles mehr.

Ein hölzerner Lockfisch. An den Schmalseiten je 2 Flossen aus Rinderhorn sowie vorn und hinten kleine runde Einlagen aus Perlmutter. Schwanzflosse aus dunklerem Holz. © KHM-WMW

Ein Teil der Sammlung stammt von Professor Josef Kreiner. Er sammelte über die Jahre hauptsächlich landwirtschaftliche Geräte für seine Forschungen. Die Sammlung befindet sich im Weltmuseum Wien, einzelne Exponate sind in der Japanschau zu sehen.

Die Popularität der Japanologie

Das ansteigende Interesse am Japanologie-Studium hat mehrere Ursachen. Während Populärkultur wie Anime, Manga und Popmusik ein Teil davon ist, waren auch die Einführung des Bachelorstudiums, was die Kombination von zwei Studien erlaubte, und die positive Wirtschaftssituation der 1980er Jahre Gründe für den Popularitätsanstieg. „Japanische Wirtschaft, japanisches Management waren eine Zeit lang in. Bis zur Wirtschaftskrise waren diese Gründe für die Studienwahl sehr dominant, man hat berufliche Erwartungen an das Fach Japanologie gestellt.“ Doch dies war vor über zwanzig Jahren. Welche Erwartungen kann man heute an das Studium Japanologie stellen? „Heute ist Japanologie ein Fach, das nicht ganz dem Zeitgeist entspricht. Ich sehe die Japanologie primär nicht als berufsvorbereitend.“, so Ingrid Getreuer-Kargl. Ein wissenschaftliches Fach, das nicht darauf ausgelegt ist, nach dem Bachelorabschluss den Arbeitseinstieg zu erleichtern, und das trotzdem nicht an Popularität zu verlieren scheint – das ist die Studienrichtung Japanologie an der Universität Wien.

Univ.-Prof. Dr. Ingrid Getreuer-Kargl über das Studium und die Erwartungen der Japanologie.

Die Bedeutung der Wiener Japanologie

Das Fach Japanologie wird von Personen, die sich nicht direkt mit dem Fach beschäftigen, manchmal belächelt. In Gesprächen mit Student*innen und Freund*innen, die ehemalige Studierende der Japanologie waren, habe ich erfahren, dass sie meist von Beginn des Studiums an bis zum Abschluss und sogar danach, von Verwandten, Freunden und Fremden unhöfliche Bemerkungen über ihr Studium anhören mussten. Wer sich da herabwürdigend äußerte, wusste wohl nichts über die Leistungen der Japanologie für die Universität und für Österreich! So tragen die Forschungen des Instituts für Japanologie wesentlich zum Wissen über Japan in der Bevölkerung bei, und sind dazu angetan, etwaige Japanklischees zu korrigieren.

Der japanische Garten vor der Wiener Japanologie, dem Herz der Japanforschung © Pucher Alexander

Für die Universität ist damit u.a. die Anzahl an Austauschprogrammen gestiegen, verteilt über ganz Japan. Während man in den früheren 1980er Jahren kaum Partnerschaftsabkommen hatte, änderte sich das in den 1990ern schlagartig. Wolfram Manzenreiter hakt an diesen Punkt ein und erzählt: „Damals ging ein Großteil der Studierenden an die städtische Universität Yokohama. Später schafften wir es, ein Abkommen mit der Tōkyō Metropolitian University abzuschließen. Es war ein großes Interesse der Japanologie, Studierenden einen Studienaufenthalt zu ermöglichen. Dies wurde anhand von persönlichen Kontakten bewerkstelligt, hauptsächlich über Gastprofessor*innen (Germanisten) die an der Japanologie tätig waren, weshalb viele Abkommen mit der Wiener Japanologie mit germanistischen Instituten in Japan zustande kamen.“

Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfram Manzenreiter erzählt seinen universitären Werdegang, vom Anfang des Japanologiestudiums bis zum Professor.

Der Austausch überstieg sogar bald alle Erwartungen: Ab den 2000er Jahren kamen vermehrt Anfragen von japanischen Universitäten bezüglich Partnerschaftsprogrammen. Der Grund war die Internationalisierung japanischer Universitäten durch Auslandsreisen ihrer Studierenden. Doch es gab Probleme dabei, weshalb man den Spieß dann irgendwann umdrehte und ausländische Studierende nach Japan einlud. Wolfram Manzenreiter fügte hinzu, dass „wir inzwischen so viele Anfragen von japanischen Universitäten bekommen, dass wir nicht einmal mehr allen nachkommen können und an die Abteilung für internationalen Austausch weiterleiten müssen. Wir waren sogar zu fleißig.“

Die Forschungsprojekte der Wiener Japanologie

An der Wiener Japanologie, dem einzigen japanologischen Institut in ganz Österreich, laufen derzeit zahlreiche Projekte in den Kultur-, Sozial- und Geschichtswissenschaften.

Eines dieser Projekte ist das seit 15. März 2004 andauernde Projekt zu Ukiyo-e Karikaturen zwischen 1842 und 1905, unter der Leitung von Prof.em. Sepp Linhart und der Mitarbeit von Noriko Brandl. Dieses Projekt wird vom Fond zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert. Ziel ist die Erstellung einer Datenbank aller Karikaturen auf kommerziellen Holzschnitten von 1842 bis 1905.

An weiteren Kulturprojekten arbeitet unter anderem auch Professorin Ina Hein. Sie erforscht die Darstellung von Trauma (durch Naturkatastrophen oder menschlichen Versagen) in japanischer Literatur und Film. Ein weiteres ihrer Projekte ist die Darstellung der südlichsten Präfektur Japans, Okinawa, in Filmen und Literatur innerhalb Japans.

In den Bereich der Sozialforschung fallen die Arbeiten von Ralph Lützeler und Barbara Holthus. Sie erforschen das Elternwohl in verschiedenen Regionen Japans. Professor Wolfram Manzenreiter setzt sich in seiner Forschung unter anderem auch mit dem Konzept des Glücks in Japan auseinander.

Ingrid Getreuer-Kargl beschäftigt sich auch in gegenwärtigen Projekten mit den 150-Jahre Beziehungen zwischen Österreich und Japan und der Transkription des Freundschaft- und Handelsvertrages von 1869.

Aso 2.0 – Regionales Wohlbefinden in Japan

Das Herzstück und Hauptprojekt der Wiener Japanologie ist derzeit jedoch Aso 2.0. Die Japanologie befasst sich in diesem Projekt mit der Erforschung des ländlichen Raums in Japan, genauer gesagt der Aso-Region, einer Umgebung auf Kyūshū, einer Insel im westlichsten Teil des Landes.

Laut der Definition der offiziellen Homepage des Projekts ist Aso 2.0 „ein Anschlussprojekt des in den 1960er-Jahren durchgeführten Aso-Projekts der Wiener Japanologie und es untersucht auf soziologische, politikwissenschaftliche, anthropologische und humangeografische Art und Weise die Region.“

Der 1592 Meter hohe Aso Vulkan, der nach wie vor aktiv ist. © Ralph Lützeler

„[Der Grund, warum ausgerechnet die Region Aso ausgewählt wurde], hängt damit zusammen, dass Slawik sich für altjapanische Geschichte interessierte […] und diese altjapanische Geschichte spielte sich hauptsächlich auf Kyūshū ab. In diesem Zusammenhang spielen die Aso-Region und der Aso-Schrein eine große Rolle“, erzählt Professor Sepp Linhart über die Ursprünge des Projekts. Er selbst war zu dem Zeitpunkt, als Aso das erste Mal untersucht wurde, an einem Projekt in Hokkaidō beschäftigt und veröffentlichte nur einen Aufsatz über Aso.

Für Wolfram Manzenreiter hat das Aso-Projekt große Bedeutung: „Die Aso-Forschung, das Projekt an und für sich, machte die Wiener Japanologie zu etwas Besonderem. Sie verlieh dem Institut einen Sonderstatus, da es das erste große Institutsprojekt war.“ Josef Kreiner, der Nachfolger Slawiks, war auch ein Teil des ersten Aso-Projekts und war auch am zweiten Projekt unter Wolfram Manzenreiter beteiligt.

Das Projekt Aso 2.0 begann bereits 2015. Die Besonderheit dabei ist, dass auch Studierende in das Projekt aufgenommen wurden und bei der Forschung als gleichwertige Forscher*innen mitarbeiteten. Der Sinn des neuen Projekts beinhaltete auch das Prinzip des „revisiting“ (engl. für „etwas erneut besuchen“), also der erneuten Untersuchung eines Forschungsgegenstandes nach gewisser Zeit. So wurde Aso an der Wiener Japanologie nach vielen Jahren neuerlich zum Forschungsgegenstand. „Die erneute inhaltliche Auseinandersetzung [mit der Region] war logischerweise auch wichtig für das Folgeprojekt“, erklärt Wolfram Manzenreiter.

 Das Dorf Aso in Kumamoto, der wichtigste Teil der Wiener Japanforschung.

Die Stadt Aso in Kumamoto, seit Jahren ein Teil der Wiener Japanforschung. ©Ralph Lützeler

Im Rahmen des Projekts Aso 2.0 finden regelmäßige Aufenthalte in der Region statt, was dazu führte, dass im Sommer 2018 erstmals eine Exkursion mit Studierenden der Japanologie durchgeführt wurde. Involviert ist auch die Universität Kumamoto, und so gibt es gemeinsame Workshops in Wien und Japan.

Wünsche für die Zukunft

2019 begehen wir das 150-jährige Jubiläum der Beziehungen zwischen Japan und Österreich. Und wer weiß? Vielleicht werden künftige Generationen von Japanologie-Student*innen eine Website zum 200-Jahr-Jubiläum gestalten? Ich habe meine Gesprächspartner*innen jedenfalls auch nach ihren Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft des Instituts und der Japanforschung gefragt. So unterschiedlich die Antworten auch ausfielen – hoffnungsfroh sind sie alle: Wolfram Manzenreiter, der über das große Interesse an der Japanologie hocherfreut ist (bis zu 400 neue Studierende pro Jahr) hofft, „dass dieser positive Trend des Interesses an Japan in Österreich für weitere Generationen anhält.“

Nachdem sie ein wenig nachgedacht hatte, äußerte auch Ingrid Getreuer-Kargl ihr Anliegen: „Weiterhin freundschaftliche Beziehungen zwischen Japan und Österreich.“

Und Sepp Linhart, wie aus der Pistole geschossen und mit einem Lachen: „Dass es auch weiterhin einen Direktflug zwischen Wien, Tōkyō und Ōsaka gibt!“

 

Text: Alexander Pucher  

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Student der Wiener Japanologie

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