150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Japomanie

JAPOMANIE IM KUNSTFORUM WIEN

 

Vincent van Gogh Schmetterlinge und Mohnblumen, 1889 Öl auf Leinwand, 35 x 25,5 cm Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

„Das ist eine Ausstellung, bei der man vieles entdecken kann, sei es für Fachleute, aber auch für ein Publikum, das sich dafür interessiert zu sehen, wie sich verschiedene Kulturen ineinander spiegeln und was daraus werden kann“. Kuratorin Evelyn Benesch über die Ausstellung „Faszination Japan“.

Passend zum heurigen Jubiläum „150 Jahre japanisch-österreichische Beziehungen“ fand im Kunstforum Bank Austria vom 10.Oktober 2018 bis zum 20. Jänner 2019 die Ausstellung „Faszination Japan“ statt. Gezeigt wurden neben Alltagsgegenständen, edlen Textilien und ukiyo-e, traditionellen Farbholzschnitten, auch Kunstwerke europäischer Künstler, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von Japan beeinflusste Bilder, Objekte und vieles mehr schufen. Vermittelt wurde dem Publikum eine Bandbreite an verschiedenen Bildmotiven, Techniken und Stilen, die die Entwicklung der Moderne maßgeblich beeinflussten.

EXOTIK AUS „FERNOST“      

Zum ersten Mal seit seiner mehr als 200 Jahre andauernden, selbst  gewählten Isolation präsentierte sich Japan im Zuge der Pariser Weltausstellung 1873 der Außenwelt. Im Zuge der erzwungenen Öffnung Japans in den 1860-er Jahren kam es zu einem Export von Kulturgütern. Der Warenfluss, der sich vor allem über Paris verbreitete, schien den wohlhabenderen, bürgerlichen Schichten damals eine schier unerschöpfliche Quelle neuer Inspiration zu sein. In den Metropolen Europas trafen Kunstschätze und Luxusartikel, aber auch „trivialer Schnickschnack“ auf enthusiastische Abnehmer. Wer etwas auf sich hielt, versuchte seinem Heim mithilfe japanischer Importartikel eine weltbürgerliche Ästhetik zu verleihen. Besonders die Weltausstellung 1867 in Paris fachte die Begeisterung für die eleganten Kunstwerke und Objekte an.

Doch während die Öffnung des Landes und die daraus entstehenden Handelsbeziehungen eine vermeintliche Zunahme des Wissens über Japan mit sich brachten, bedeutete dies nicht zwangsweise eine objektive Auseinandersetzung. Viel eher wurde dadurch die Sehnsucht nach einem exotischen „Fernost“ befeuert:

„Zwar nahmen die Kenntnisse über Japan im Laufe der Zeit konkretere Formen an, doch was an exaktem Wissen fehlte, wurde nur allzu gern durch reine Fantasievorstellungen wettgemacht, und für die „Japomanie“ nach 1860 sollte die Mischung aus Fakten und Fiktionen bestimmend bleiben. Vielen europäischen Konsumenten galt Japan als letzter Schrei.“ (Ausstellungskatalog S. 51)

Alfred Stevens Die japanische Pariserin, 1872 Öl auf Leinwand, 150 x 105 cm Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich © Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich

Alfred Stevens Ölgemälde, „Die japanische Pariserin“ verrät es: Man stattete sein Eigenheim nicht nur mit japanischen Deko -Artikeln aus, wer als modern gelten wollte, versuchte auch, seine Selbstrepräsentation exotisch zu gestalten.

Kuratorin Benesch weiß dazu mehr:

 

Japan trifft Wien

Es wurden also japanische Objekte und Kunstwerke, ausgehend von Paris, in Europa verbreitet. Weniger als 10 Jahre später war Japan dann auch auf der Weltausstellung in Wien vertreten. Was für eine Bedeutung die Teilnahme Japans damals für heimische Künstler*innen hatte und welche Zeugnisse darüber heute noch in Wien zu bestaunen sind, erklärt Benesch:

 

Wer die Ausstellung „Faszination Japan“ verpasst hat, kann also die Spuren japanischer Einflüsse in der europäischen und österreichischen Kunst in Wiener Museen weiter verfolgen – zum Beispiel im MAK (Museum für angewandte Kunst), wo bis zum 22.04.2019 unter anderem „Koloman Moser — Universalkünstler zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann“ weitere Einblicke in das Leben und Schaffen eines Künstlers bietet, dessen Werke durch den Japonismus Inspiration fanden.

//www.mak.at/kolomanmoser

Im Weltmuseum Wien kann man sich jederzeit weiter in die Geschehnisse rund um die Wiener Weltausstellung 1873 vertiefen.

//www.weltmuseumwien.at/

Mehr über die Wiener Weltausstellung erfahren Sie hier:

//www.univie.ac.at/japan-projects/150_Jahre/WP/2018/10/08/japan-im-weltmuseum-wien/

 

Der Japonismus

Gustav Klimt Nixen – Silberfische, um 1902/03 Öl auf Leinwand, 82 x 52 cm Bank Austria Kunstsammlung, Wien

Nicht nur die bürgerlichen und oberen Schichten erfreuten sich an den neuartigen Artefakten aus Japan, auch für die Kunstwelt boten sich neue Möglichkeiten, Stil und Formenvokabular weiterzuentwickeln. Indem sie europäische und japanische Elemente vermischten, kreierten Künstler*innen etwas ganz Neues. Was wir heute unter Impressionismus, Art Nouveau und auch Expressionismus verstehen, war damals unmittelbar von japonistischen Elementen geprägt, kann aber nicht mit diesen Stilen gleichgesetzt werden, wie etwa der Ausstellungskatalog aufzeigt:

„Der Begriff „Japonismus“ bezeichnet jedoch weder einen einheitlichen Stil noch eine in sich abgeschlossene Epoche, anders als andere kunsthistorische Begriffe wie etwa „Impressionismus“ oder „Expressionismus“. Japonismus steht vielmehr für ein transkulturelles Phänomen, das sich in einer wahren Leidenschaft für die japanische Kunst und Kultur nach der im Jahre 1854 von den Amerikanern erzwungenen Öffnung Japans im Westen zu manifestieren begann. Als Sammelleidenschaft und zugleich schriftliche wie künstlerische Auseinandersetzung mit Japan wies der Japonismus von Anfang an ganz verschiedene Facetten auf. Man könnte sagen, es gibt so viele Spielarten des Japonismus, wie es Künstler und Kunstsinnige gibt, die sich von dem „wiederentdeckten“ Land haben begeistern lassen. Japonismus ist sozusagen eher eine Haltung als ein festgelegter Stil.“ (Ausstellungskatalog S.80)

 

Ukiyo-e – Bilder der Fließenden Welt

In Japan waren Künstler, Drechsler, Drucker und Händler an der Produktion der Holzschnitte beteiligt, auch wenn üblicherweise nur der Name des Künstlers angegeben wurde. In Europa war es dann eher üblich, dass ein Künstler alle Arbeitsschritte im Alleingang bewältigte. Bei der Herstellung der „Bilder der fließenden Welt“ wurde in mehreren Schritten immer jeweils eine Farbe aufgetragen – nach und nach entstanden so bunte, aufwändige Kunstwerke. Durch die Verbreitung von Preußischblau im 19.Jahrhundert, dem ersten modernen, synthetischen Pigment, wurde die Herstellung deutlich günstiger, und die bis dahin verwendeten organischen Farbstoffe verloren zunehmend an Bedeutung.Welche besondere Rolle der damals weit verbreitete Farbholzschnitt spielte, erzählt Kuratorin Benesch:

 

Utamaro Kitagawa Elegante Personen im Stil Utamaros, um 1801 Farbholzschnitt, 35 x 23 cm Privatbesitz, Wien

 

Hokusai Katsushika 36 Ansichten des Berges Fuji: Unter der Welle bei Kanagawa, um 1830 Farbholzschnitt, 25,3 x 37,5 cm MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Wien © MAK/Georg Mayer

Emil Orliks „Japanisches Mädchen unterm Weidenbaum“, das um die Jahrhundertwende entstand, ist ein Beispiel für einen Fall, wo ein Europäer sowohl die Technik des Farbholzschnittes, als auch ein typisch japanisches Motiv übernommen hat. Orlik, der ein Gründungsmitglied der Secession war, reiste selbst nach Japan – damals durchaus ungewöhnlich; die meisten Künstler waren auf die Sammlungen und Ausstellungen in Europa angewiesen. So gab Orlik nach seiner Rückkehr sein Wissen um die Technik des Holzschnittes in Form von Kursen weiter.

Emil Orlik Japanisches Mädchen unterm Weidenbaum, 1901 Farbholzschnitt auf Japanpapier, 18,5 x 35,9 cm Sammlung Dr. Eugen Otto, Wien

Kandinsky, Gaugin, Kolo Moser oder Marc Chagall sind nur ein paar Beispiele von Künstler*innen, bei denen es zu einer Verschmelzung von asiatischer und europäischer Kunst und dadurch Weiterentwicklung letzterer kam. Die Übernahme von Techniken und formalen Stilmitteln erwies sich als wegweisend für die Moderne. Besonders gut kann man diese Synthese zum Beispiel an Degas „Orchestermusikern“ erkennen. Ein Werk, bei dem es sich lohnt, genauer hinzuschauen, gibt den japonistischen Einfluss preis. Hören Sie dazu die Erläuterung von Kuratorin Benesch:

 

Edgar Degas Orchestermusiker, 1872 Öl auf Leinwand, 63,6 x 49 cm Städel Museum, Frankfurt am Main © Städel Museum/U. Edelmann/ARTHOTHEK

Auf der anderen Seite brachte die Auseinandersetzung mit japanischer Kunst nicht nur technische Fortschritte, auch die Übernahme von japanischen Bildthemen und -Inhalten eröffnete neue Perspektiven. Alltäglichere Motive wie die Toilette wurden in der europäischen Kunst vormals vergleichsweise vernachlässigt und erfuhren durch die Beschäftigung mit ukiyo-e neue Aufmerksamkeit.

 

Mary Cassatt Das Bad, um 1891 Kaltnadelradierung und Aquatinta in Farbe, 31,9 x 25 cm Bibliothèque de l’Institut national d’histoire de l’art, Paris, collections Jacques Doucet

Gespenster im Kunstforum 

Hokusai Katsushika 100 Erzählungen: Frau Oiwa, um 1830 Farbholzschnitt, 24,6 x 18,5 cm MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Wien © MAK/Georg Mayer

Ein ganzer Raum der Ausstellung widmete sich Darstellungen von Gespenstern und anderen Monsterwesen. Dem Bild „Frau Oiwa“ liegt eine in Japan berühmte Geistergeschichte zu Grunde. Frau Oiwa wurde von ihrem Mann vergiftet, der sie loswerden wollte, um seine Geliebte heiraten zu können. Aber die Ermordete ließ sich nicht so einfach loswerden: Sie verwandelte sich nach ihrem Ableben in einen Lampiongeist, um ihren verräterischen Mann heimzusuchen. Dieser soll bei ihrem schrecklichen Anblick dem Wahnsinn verfallen sein.

Es handelt sich hierbei um ein Werk aus der Reihe „100 Geistergeschichten“ von Hokusai. Er sollte allerdings nur fünf davon tatsächlich realisieren.

Der Hintergrund: Früher erzählte man sich im Sommer in Japan gerne Geistergeschichten, damit einem in der heißen Jahreszeit ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Die berühmten „100 Geistergeschichten“ zu erzählen, war seit dem 17. Jahrhundert eine Art Gesellschaftsspiel. Der Raum wurde dabei von 100 Kerzen erleuchtet, nach jeder Erzählung bliesen die Teilnehmer*innen eine aus. Nach der letzten Geschichte sollte die vollkommene Dunkelheit die Bühne für die Geister freigeben – eine wahrlich schaurige Vorstellung. Heute haben Horrorfilme im Kino und Gruselserien im Fernsehen die traditionellen Geschichten weitgehend abgelöst – auch diese haben in der Sommerzeit Hauptsaison.

Das Teehaus als Ort der Begegnung- zeitgenössische Reflexionen 

Neben über 100 Jahre alten Gemälden, Artefakten, Kleidung und Einrichtungsgegenständen aus Asien und Europa bot die Ausstellung „Faszination Japan“ auch eine aktuelle Beschäftigung mit der Thematik des traditionellen japanischen Teehauses. Drei österreichische Künstlerinnen erhielten die Gelegenheit, mit ihren Werken einen Kontrast zur patriarchal geprägten, hierarchischen Kultur Japans zu setzen. Mithilfe von drei völlig verschiedenen Ansätzen setzten Margot Pilz, Stephanie Pflaum und Eva Schlegel Impulse, die einen alternativen Zugang zur japanischen Kultur anboten. Hören Sie mehr über die Ausstellungsstücke und ihren Kontext:

 

Margot Pilz Teehaus, 2018 Fotografie/Collage, Holz, Schrift, Keramik/Raku © Margot Pilz

Tee Pavillon, 2018 Spiegel, Metallketten, Holz Mitarbeit: Valie Messini, Damjan Minowski, Valerie Rehulka, Ivan Tochev, Erika Artaker © Eva Schlegel, courtesy Galerie Krinzinger, Wien

Tanaka Komari hat in Japan europäische Geschichte studiert und als Hospitanz im Rahmen der Ausstellung im Kunstforum gearbeitet. Bei Führungen mit Kindern und Erwachsenen konnte sie aus erster Hand miterleben, wie Besucher*innen „Japan“ heute durch Kunst erfahren können. Sie erzählt, wie unterschiedlich einerseits die Vorstellung von dem, was Japan ausmacht, und andererseits die Erwartungshaltung gegenüber einer Japan spezifischen Kunstausstellung sein können.

Wien gilt als beliebtes Tourismusziel für Japaner*innen – als Hauptstadt der Musik oder Heimat von Sissi und den Habsburgern. Wie aber kann man sich das Image vorstellen, das Japaner*innen vom europäischen Japonismus haben?

Text: Lisa Braitner

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Es folgt: Pressetext (verfasst im Oktober 2018)

Die Ausstellung „Faszination Japan –Monet-Van Gogh-Klimt“ (10. Oktober 2018 bis 20. Jänner 2019) im Kunstforum Wien widmete sich dem Phänomen der „Japomanie“ vom späten 19. Jahrhundert bis zur Avantgarde .

Die bürgerliche Schicht Europas war nach ersten Kontakten mit japanischer Kunst und Kultur im Zuge der Weltausstellung 1873 in Wien von einer Sehnsucht nach exotischen Luxus Objekten wie Möbeln, Gewändern, Alltagsgegenständen und Dekorationen geprägt.

Die Auseinandersetzung mit dem „fernen Osten“ begeisterte auch europäische Künstler wie Klimt, Van Gogh, Monet, Degas, Manet oder Kandinsky. Keiner von ihnen war je tatsächlich in Japan, aber durch die nach Europa einströmenden Artefakte, unter anderem durch Ukiyo-e, japanische Farbholzschnitte, wurden ihnen neue Stilmittel und Besonderheiten vermittelt, was sich auch maßgeblich auf die künstlerische Moderne auswirkte.

Im Rahmen der Ausstellung wurde dargelegt, wie das Formenvokabular japanischer Künstler die westliche Malerei beeinflusste und die Ästhetik der Moderne um die Jahrhundertwende prägte. Neben den über 100 ausgestellten Exponaten, darunter Druckgraphiken, Gemälde, Kleidungsstücke und andere Objekte, gibt es auch eine kontemporäre Befassung mit der „Japomanie“: Die zeitgenössischen Künstlerinnen Margot Pilz, Eva Schlegel und Stephanie Pflaum reflektieren zum Motiv des „Teehauses“.

Vor allem im Kontext der Globalisierung ist von Interesse, wie die ausgestellten Werke, die bereits zum Zeitpunkt ihrer Anfertigung vor über hundert Jahren Hinweise auf die schneller werdende weltweite Vernetzung lieferten, heute rezipiert werden. Damals wurde der Hunger nach dem „Exotischen“ durch den Import von Kulturgütern und Ideen zu stillen versucht, gleichzeitig stellt die Einbettung asiatischer Bildtraditionen in die Werke europäischer Künstler*innen  die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden infrage- ein Prozess, der wohl auch heute noch nicht abgeschlossen ist.  Wie passen asiatische Touristen*innen in Wiener Kunstmuseen in dieses Bild- kann man von einem ähnlichen Phänomen ausgehen, wenn Japaner*innen  nach Wien reisen, um sich auf die Spuren von Sissi, Mozart und Co. zu begeben? Wie schlug sich die die Übernahme von Elementen aus der japanischen Kunst in der europäischen Kunst nieder? Und wie kann man sich die Rezeption von österreichischem Japonismus in Österreich und Japan  heute vorstellen?All diesen Fragen und mehr geht Lisa Braitner in Interviews mit der Kuratorin Evelyn Benesch und Hospitanz Tanaka Komari nach.

Text: Lisa Braitner

Lisa Braitner

Lisa Braitner studiert Japanologie und Kunstgeschichte an der Universität Wien.

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