150 Jahre Österreich-Japanische Beziehungen

Praktische Medienarbeit für JapanologInnen über die Stationen einer langjährigen Freundschaft.

Michiko Milena Flašar

 Milena Michiko Flašar

Eine österreichisch-japanische Schriftstellerin

 

Im Park war er der einzige Salaryman. Im Park war ich der einzige Hikikomori. Etwas stimmte nicht mit uns. Er sollte eigentlich in seinem Büro, in einem der Hochhäuser, ich sollte eigentlich in meinem Zimmer, zwischen vier Wänden hocken. Wir sollten nicht hier sein oder wenigstens nicht so tun, als ob wir hierher gehörten. (Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte, 2012, S. 18)

(c) Simone Fuchslueger

Eine interessante Persönlichkeit aus Österreich, die in ihren literarischen Werken vielfältige Bezüge zu Japan aufweist, ist die 1980 in St. Pölten geborene Schriftstellerin Milena Michiko Flašar, deren Mutter aus Japan und deren Vater aus Österreich stammen. Flašar studierte Germanistik und Romanistik in Wien und Berlin und lebt derzeit mit ihrer Familie in Wien. Bis zum aktuellen Zeitpunkt veröffentlichte sie vier Bücher, darunter auch der zitierte Roman Ich nannte ihn Krawatte, der im Jänner 2012 im Wagenbach Verlag erschien. Der Roman handelt von der Begegnung im Park zwischen einem Salaryman, einem japanischen Firmenangestellten, namens Ōhara Tetsumittleren Alters, der erst kürzlich von seiner Firma entlassen wurde,und dem deutlich jüngeren Taguchi Hiro, der sich den Leser*innen als Hikikomorizu erkennen gibt. Als Hikikomori werden in Japan jene Personen bezeichnet, die bei ihren Eltern zuhause leben, sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren und dabei den Kontakt zur Familie und nach Außen auf ein äußerstes Minimum reduzieren. Der Roman zeichnet damit ein spannendes Bild von Japan und der japanischen Gesellschaft. Er wurde nicht nur mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, sondern auch als Bühnen- und Tanztheater bearbeitet, als Hörspiel umgesetzt und in verschiedene Sprachen übersetzt. Dieses Jahr im Februar erschien Flašars neuestes Werk Herr Katō spielt Familie im Wagenbach Verlag, woraus die Autorin bereits Lesungen hielt. Ihre ersten beiden Bücher publizierte sie im Residenz Verlag, [Ich bin] im Jahr 2008 und Okaasan: Meine unbekannte Mutter im Jahr 2010. Simone Fuchslueger zeichnet in ihrem Beitrag ein Porträt dieser spannenden Schriftstellerin. Das Japan, das Milena Michiko Flašar in ihren Büchern präsentiert, spielt darin eine wesentliche Rolle.

 

Text: Simone Fuchslueger

 

Literatur

Flašar, Milena Michiko (20123): Ich nannte ihn Krawatte. Berlin: Klaus Wagenbach. [20121]

www.milenaflasar.com (zuletzt aufgerufen, am 20.10.2018)

 

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Milena Michiko Flašar und Teresa Indjein

Lesung und Gespräch auf der BUCH WIEN 18

(c) Simone Fuchslueger

Die BUCH WIEN, das diesjährig größte Fest für Bücher in Österreich, fand von 7. bis 11. November 2018 statt und führte zahlreiche Buchinteressierte zur MESSE Halle D im zweiten Wiener Bezirk in der Nähe der U2 Station Krieau. Freitag, den 8. November 2018, besuchte Simone Fuchslueger BUCH WIEN, um Eindrücke von Milena Michiko Flašars Lesung mit Gespräch auf der ORF-Bühne zu sammeln.

ORF-Bühne, BUCH WIEN 18

(c) Simone Fuchslueger

Um auf der BUCH WIEN 2018 dem Publikum einen Eindruck der Stimmung des Romans Herr Katō spielt Familie zu geben, las Flašar mit unglaublicher Bühnenpräsenz den Romanbeginn und nahm mit ihrer Stimme die Zuhörer*innen ein. Das Buch handelt von einem Mann, der sich im Ruhestand plötzlich mit einem Mehr an Zeit konfrontiert sieht und sich gewissermaßen neu definieren muss und einen neuen Platz innerhalb seiner Familie sucht. Auf die Frage der Moderatorin, wie Flašar als junge Schriftstellerin zu einem solchem Thema komme, antwortete sie, dass sie bei ihrer Zeitungsartikelrecherche für ein neues Buch auf das sogenannte Retired Husband Syndrom, kurz RHS, gestoßen sei, welches sie besonders faszinierte. Bei RHS, wie es die Autorin auch hinten in den Anmerkungen zu ihrem Roman erklärt, handelt es sich um eine psychosomatische Erkrankung der Frau, die eintritt, sobald der Ehemann in Rente gegangen ist. Die Beschwerden, die die Betroffenen entwickeln, und die ein in den Augen von Flašar interessantes Krankheitsbild hervorrufen, sind vielfältig, wie sich im Buch an unterschiedlichen Stellen, wie der folgenden, zeigt:

Die Frau […] habe nämlich einen Mann, der sie regelrecht zutexten würde, weshalb sie selbst kaum zu Wort komme und schon allerlei offensichtlich psychosomatische Beschwerden entwickelt habe: einen Kloß im Hals, den sie nicht mehr losbekommt, dazu einen Ausschlag rund um den Mund, der juckt, ein leichtes Stottern, in das sie immer verfällt, wenn sie jemand bei ihrem Familiennamen ruft, nicht aber bei ihrem Vornamen. (Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie, Verlag Klaus Wagenbach, S. 89)

Eigentlich wollte Flašar, wie sie auf der BUCH WIEN sagte, den Roman zuerst aus der Sicht der Ehefrau schreiben, kam damit jedoch nicht weiter, da es ihr zu jämmerlich erschien, und entschied sich dann, es stattdessen aus der Sicht eines Mannes zu versuchen. Dadurch konnte sie als Autorin ein Mitgefühl für ihn entwickeln, den Mann, der sein Leben lang für die Familie gearbeitet hat, jedoch keine tiefergehende Verbindung zu den Familienmitgliedern aufbauen konnte und sich nun in der Rente irgendwie fehl am Platz fühlt.

Eine zweite Idee für ein Buch, die im Zuge der Recherche entstand, war die Rent a Family-Industrie in Japan. Dabei handelt es sich um spezielle Agenturen in Japan, die – wie Milena Michiko Flašar sagte – bestimmte „Lücken“ füllen. Die Agenturen hätten etwas Laienhaftes, was das Ganze noch echter mache, und würden zwei Zwecke erfüllen: Entweder sie verschleiern etwas und zeigen so eine andere Wirklichkeit, oder sie entstehen aus einer bestimmten inneren Not heraus, um sich unerfüllter Wünsche anzunehmen. Eine Aufgabe des Protagonisten im Roman besteht beispielsweise darin, den Vater einer Frau namens Rumi und den Großvater für ihren Sohn Jordan zu spielen, denn der echte Großvater macht seinen Enkel Jordan für den Tod seiner Frau verantwortlich:

Zu Ihrer Aufgabe, Herr Katō. Wie gesagt, handelt es sich um nichts Schwieriges. Sie sollen für drei, vier Stunden, je nachdem wie sich Jordan zu Ihnen stellt, zum Tee vorbeikommen, sich ein bisschen mit ihm unterhalten, fragen wie es ihm geht, ob er gut in der Schule ist, kurz: ihm das Gefühl geben, dass er außer seiner Mutter noch jemanden hat, dem er am Herzen liegt. (Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie, Verlag Klaus Wagenbach, S. 74)

Wie Flašar auf der Bühne betont, sieht man in ihrem Roman, dass Rent a Family funktionieren kann, und innerhalb der kleinen Zeit eine Erfüllung stattfinden kann. Im Buch laufen zwei Schienen parallel: die echte Schiene, das wirkliche Leben des Protagonisten als pensionierter Ehemann, Vater und ehemaliger Arbeitskollege, und die unechte Schiene, das Schauspiel, die Rollen die er übernimmt, in denen er jene Emotionen ausleben kann, die er im echten Leben nicht zulassen darf. Anfangs waren es zwei getrennte Ideen – RHS und Rent a Family – die dann im Schreibprozess aber immer mehr miteinander verbunden wurden und sich schließlich zu einer Idee im Roman fügten.

In Bezug auf Japan sagt Flašar, dass sie das Land nicht getrennt von ihrer Mutter betrachten könne. Sie habe als Kind und Jugendliche viele Sommer dort verbracht und ist auch jetzt noch jährlich dort. Japan ist eine, wie sie sagte, tolle Kulisse für sie zum Schreiben als Autorin, weil es ihr gleichzeitig fremd und vertraut sei. Japan helfe ihr eine gewisse Distanz einzunehmen. Schreiben sei ein kreativer Prozess für Flašar, in dem zwar Wissen benötigt wird, in dem das Wissen aber auch nicht Überhand nehmen dürfe, um die Kreativität nicht zu hemmen. Schreiben sei ein Kreieren von Bildern. Die Leser*innen schreiben den Roman mit und zeichnen die Bilder in ihren Köpfen. Als Schriftstellerin überlege sie daher immer: Was soll ich schreiben? Was kann ich auslassen? Wie viel Schlichtheit ist passend?

Laut Flašar ist es nicht die Aufgabe der Literatur etwas zu erklären, sondern vielmehr etwas zu offenbaren. Literarische Texte würden Geheimnisse offenbaren, weshalb die Familie in der Literatur ein perfekter Schauplatz sei. Literatur sei ein Ort der Möglichkeiten, der Utopie. Oftmals habe man nach dem Lesen schließlich auch mehr Fragen als Antworten.

Messestand Verlag Klaus Wagenbach, BUCH WIEN 18

(c) Simone Fuchslueger

Das Schlusswort des Gesprächs mit Lesung leitete Teresa Indjein, Sektionsleiterin für kulturelle Auslandsbeziehungen des Außenministeriums und Konzeptionistin des Projekts schreibART AUSTRIA, mit den Worten „Die Dinge leben von der Mühe, die man sich macht“ ein. Ziel von schreibART AUSTIRAsei es, Österreich als Land neuer Literatur vorzustellen. Dazu komme alle drei bis vier Jahre ein Buch heraus, in dem (junge) Stimmen aus Österreich publiziert werden. Das Projekt ermögliche es österreichischen Autor*innen, sich in verschiedenen Ländern zu präsentieren. Flašar erzählte, dass sie durch schreibART AUSTRIAfür Buchpräsentationen beispielsweise nach Moldawien und Ägypten kam. Durch ihren Besuch in Ägypten kam auch die Übersetzung von Ich nannte ihn Krawatte ins Arabische zustande. schreibART AUSTRIA diene folglich als Plattform, um österreichische Literatur einem interessierten Publikum im Ausland präsentieren zu können. Jährlich fänden rund 600 literarische Veranstaltungen im Ausland statt, wovon ungefähr 100 über das Projekt schreibART AUSTRIA laufen. Es handle sich um ein riesiges Netzwerk, dem die Botschaften, Kulturforen, die Österreich Institute und Österreich Bibliotheken angehören. Zum Netzwerk zählen auch zahlreiche Germanist*innen aus Österreich, die im Ausland leben und arbeiten.

Indjein erzählte abschließend von ihrer ersten Begegnung mit Milena Michiko Flašar in einem kleinen literarischen Szeneort in Berlin. Sie hörte Milena vorlesen, war begeistert von ihrer Stimme, den Texten und war sich sicher, dass sie bestimmt einmal eine tolle Autorin werden würde. In Hinblick auf Japan verwies Indjein abschließend kurz auf denösterreichisch-japanischen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrags von 1869, der nächstes Jahr zum 150. Mal unterzeichnet wird. Das 150-jährige Länderabkommenzwischen Japan und Österreich könne als Anlass und Plattform dienen, die Literatur von Flašar zu präsentieren.

Nach der Lesung und dem Gespräch signierte Milena Michiko Flašar noch eifrig Bücher, die auch im direkten Anschluss an ihren Bühnenauftritt gekauft werden konnten. Die Begeisterten waren hauptsächlich Frauen, sowohl jüngere als auch ältere. Einige „Fans“ knipsten sogar noch ein Erinnerungsfoto zusammen mit der Autorin.

Milena Michiko Flašar beim Signieren, BUCH WIEN 18

(c) Simone Fuchslueger

Auch ich konnte mein Buch signieren lassen:

Signatur von Milena Michiko Flašar, BUCH WIEN 18

(c) Simone Fuchslueger

 

Text: Simone Fuchslueger

 

Literatur

Flašar, Milena Michiko (2018): Herr Katō spielt Familie. Berlin: Klaus Wagenbach.

david

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