Ernst Berger / Ruth Wodak
Kinder der Rückkehr

2018, 345 S., 36 Abb., davon 32 in Farbe
Hardcover € 49,99 (D) | € 51,39 (A) | sFr 51.50 (CH)
ISBN 978-3-658-20849-3
Auch als eBook verfügbar

 

1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein – es folgte der sogenannte „Anschluss“ an das Deutsche Reich. 80 Jahre später veröffentlichen Ernst Berger und Ruth Wodak mit Kinder der Rückkehr ein Buch bei Springer VS, in dem sie die Gruppe der „Kinderjause“ erstmals systematisch erfassen. Es geht um Kinder kommunistischer und teilweise jüdischer Eltern, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatten und nach Kriegsende aus Exilländern und Konzentrationslagern in ihre Heimat zurückgekehrt waren, um ein neues demokratisches Österreich aufzubauen. In diesem Kreis führten Berger und Wodak Interviews, um den Umgang mit der Geschichte der Eltern und der Weitergabe an die nächste Generation aus diskursanalytischer und psychotherapeutischer Perspektive nachzuzeichnen. Dieser Forschungsansatz holt einen bisher verborgenen Ausschnitt der österreichischen Gesellschaft ans Tageslicht und leistet gleichzeitig einen Beitrag zum Diskurs über Trauma und Resilienz sowie Vergessen und Erinnern. Am 6. Juni 2018 stellen die beiden Autoren das Buch gemeinsam mit Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) der Öffentlichkeit vor.

„Trotz unterschiedlicher individueller Lebenswege, die von einer gesellschaftlichen Randgruppe im reaktionär-katholischen Klima Österreichs in die Mitte der Gesellschaft geführt haben, wirkt die Zusammengehörigkeit bis heute fort und führt zu regelmäßig wiederkehrenden Treffen: die „Kinderjause“ – das sind etwa 200 Personen, geboren zwischen 1939 und 1953“, erzählt Ernst Berger. Was hatten ihre Eltern ihnen erzählt über die Zeiten des nationalsozialistischen Terrors und des Widerstands? Wie hatten sie ihre Rückkehr erklärt? Wie gingen sie mit dem Schweigen und Leugnen von Kriegsverbrechen in Österreich um? Wie erlebten die Kinder die nicht selten dogmatischen Einstellungen und Ideologien ihrer Eltern – angesichts des Kalten Krieges, des Aufdeckens stalinistischer Verbrechen, der Krisen in Osteuropa und der demokratischen Neuerfindung der österreichischen Republik? „Auf viele Fragen hatten wir nur spekulative Antworten“, begründet Ernst Berger seine Forschungsmotivation. Zusammen mit Ruth Wodak hat er unter Mitarbeit von Markus Rheindorf und Brigitte Halbmayr daraufhin 40 Gruppenmitglieder zu diesen Fragen systematisch interviewt.

„Die meisten Gesprächspartner kennen nur wenig Einzelheiten über die Flucht und die Gefangenschaften ihrer Eltern“, fasst Ruth Wodak das Phänomen des „Erzählschleiers“ und der „Zeitlose Orte“ zusammen. Erzählungen über Flucht, Vertreibung, Exil und Haft seien vor allem durch Orte, nicht aber über genaue Zeitangaben erinnert worden. „Die meisten weisen eine erstaunliche Resilienz auf“, kommentiert Ernst Berger ein zweites zentrales Ergebnis. Trotz großer Rucksäcke voller Leid, Angst, Kampf, Verlust, Visionen und politischen Prinzipien, die sie von ihren Eltern mitbekommen hatten, schlugen sie kreative Lebenswege ein, erkämpften sich berufliche Perspektiven und ließen sich durch Ausgrenzungen und Diskriminierungen von ihren Zielen nicht abhalten. Ein Punkt überraschte die beiden Autoren besonders: Viele Befragte zeigten eine „Achillesferse“ in Form einer Erinnerung, die sie immer wieder fast wortgleich und verbunden mit großer Emotionalisierung ausdrückten. Dies seien „Tränenthemen“, in denen sich das Leidvolle und Furchterregende der Nazizeit verdichte. „Dieses Tränenthema und die zugehörige Erinnerung sind abgespalten“, erklärt Wodak. Es tauche nur bei bestimmten Anlässen auf, ohne sich anzukündigen. Dieses Ergebnis könne relevant sein für Sozialarbeiter und Therapeuten sowie für alle Experten, die mit Flüchtlingen arbeiten. Es ergebe sich ein Anknüpfungspunkt, um abgespaltene traumatische Gefühle und Erinnerungen sinnvoll zu bearbeiten.

„Die Kinder haben im Laufe ihrer Biografien von ihren Eltern klare politische und moralische Haltungen mitbekommen“, sagt Ernst Berger. Mit den Werten, sich für ein „Nie wieder“ und eine bessere Welt einzusetzen, wurde sehr unterschiedlich umgegangen. Die Kinder wählten kreative, soziale, therapeutische und intellektuelle Berufe, wurden aber auch Geschäftsleute, Angestellte und Beamte. Kaum einer blieb nach der Studienzeit in der offiziellen Politik. Die meisten verließen die politische Heimat der Eltern. „So sind sie alle am Rand der Gesellschaft gestartet und in der Mitte gelandet, was Berufswahl und Lebensstandard betrifft“, fasst Ruth Wodak zusammen. Eine kritisch-linke, politische Positionierung behielten jedoch alle bei.

Professor Dr. Ernst Berger ist Kinderpsychiater, Psychotherapeut und Entwicklungsforscher. Professor Dr. Ruth Wodak ist Sprachsoziologin und Diskursforscherin.