Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Patrilaterale Kreuzkusinen-/vettern-Heirat
Definition:
Eine Regel oder Praxis, derzufolge ein Mann eine Frau heiratet, die der Verwandtschaftskategorie Vaterschwestertochter [FZD (ms)] angehört, wobei das Muster des restringierten (eingeschränkten/direkten) Tauschs mit dem des generalisierten (verallgemeinerten/indirekten Tauschs vermengt wird, d.h. in bezug auf ein und dieselbe Generation findet ein verallgemeinerter/indirekter Tausch statt, während über mehrere Generationen das System eines eingeschränkten/direkten Tauschs entsteht:

Abbildung: Patrilaterale Kreuzkusinen-/vettern-Heirat

[Völkerkunde 1990:555]

Verwandter Begriff:
Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:
Im interkulturellen Vergleich wird nach Lévi-Strauss die patrilaterale Kreuzkusinenheirat weit seltener als die matrilaterale praktiziert. Die patrilaterale Kreuzkusinenheirat schafft zwar Solidarität zwischen den durch Heirat miteinander verbundenen Familiengruppen, jedoch erstreckt sich die durch sie begründete Integration - wegen der alternierenden Heiratsrichtung, die keine dauerhaften Beziehungen zwischen den Lineages ermöglicht - nicht auf die Gesamtgesellschaft. Daher gibt es zwar die Regel (das "Verfahren") der patrilateralen Kreuzkusinenheirat, aber nicht ein patrilaterales Allianzsystem [1949/1981:559f].

Auch nach Needham [1963:270] läßt sich mit der patrilateralen Präskription kein asymmetrisches Allianzsystem begründen.

Beispiel: Trobriander (Boyowa und andere Inseln des Trobriand-Archipels/Papua Niugini)
Malinowski [1929:65-68, 143] interpretierte die patrilaterale Kreuzkusinenheirat als einen Kompromiß zwischen den matrilateralen und dem patrilateralen Prinzip, da durch sie eine Transmission des Eigentums über die Patrilinie ermöglicht wird.

siehe:

  • Lukas 1990: 608-612, 1261-5

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97