Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Gruppenehe
Definition:
Eine eheliche Verbindung, die gleichzeitig mehrere Männer und mehrere Frauen umfaßt, wobei alle Ehepartner gleichzeitig miteinander verheiratet sind und alle Frauen legitime Sexualpartner für alle Männer dieser Gruppe sind und umgekehrt. Echte Gruppenehen sind plurale Ehegemeinschaften, die den kulturellen Normen entsprechen, festgelegten sozialen Regeln unterworfen sind, der Legitimierung der Nachkommenschaft dienen und relativ dauerhaft sind.
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Anmerkungen:

Gruppenehen, die nur sehr selten vorkommen, entwickeln sich manchmal aus polyandrischen Haushaltsgemeinschaften (Tibeter, Todas/ Südindien, Kandya-Singhalesen/Sri Lanka, Marquesas-Insulaner [?]; evtl. Nayar Südwestindiens). Ob die Existenz der Gruppenehe als sozialer Institution in der Vergangenheit und Gegenwart anerkannt wird oder nicht, ist letztlich von der Definition des Begriffs "Ehe" abhängig. Wenn man unter Gruppenehe die gleichzeitige Ehegemeinschaft mehrerer Männer mit mehreren Frauen auffaßt, dann ist sie nirgends eine übliche Form sexueller Verbindung und scheint dies auch nie gewesen zu sein. In den wenigen Gesellschaften, für welche diese "Eheform" nachgewiesen wurde (Dieri/Australien,Kaingang/Brasilien,Tschuktschen/Sibirien) hat sie einen Ausnahme charakter und unterscheidet sich (ausgehend von der Ehedefinition Murdocks) von der gewöhnlichen Ehe darin, daß sie nicht die wirtschaftlichen und erzieherischen Funktionen hat, welche die Ehe im allgemeinen erfüllt. Sie unterscheidet sich jedoch von der Prostitution und den verschiedenen Fällen von Promiskuität durch die Tatsache, daß sie genauen, von der Gesellschaft festgesetzten Regeln folgt [Panoff/Perrin 1982:128f]. Keine bestimmte Form der Ehe, sondern nur ein temporäres, eheähnliches Verhältnis zwischen bestimmten Männern und Frauen einer Gruppe.

Die Gruppenehe spielte eine wichtige Rolle in der evolutionistischen Theorie des 19. Jahrhunderts. Nach Lewis Henry Morganīs "Ancient Society" kennzeichnet die aus dem dem "unterschiedslosen Geschlechtsverkehr" (Promiskuität) hervorgegangene Gruppenehe leiblicher und kollateraler Brüder und Schwestern die erste Form der Ehe und den Beginn der Familie. Diese mit der Blutsverwandtschaftsfamilie verbundene Gruppenehe wird ihrerseits abgelöst von der eingeschränkteren Form einer Gruppenehe, der sogenannten "Punalua-Ehe" [Morgan 1908:323ff]

Diese Konzepte und Begriffe sind jedoch heute nur mehr von wissenschaftshistorischem Wert.

Beispiel: Pirauru

Pirauru-Ehe bei den Dieri und anderen Stämmen Zentralaustraliens [Hirschberg 1988:193]. Kommt äußerst selten vor und repräsentiert selbst dann nicht die kulturelle Norm. Wenn man davon ausgeht, daß eine Ehe in jedem Fall mit ökonomischen Verpflichtungen verbunden sein muß, handelt es sich bei den wenigen bekannten Fällen (Kaingang - Brasilien, Tschuktschen - Sibirien, Dieri - Australien), in welchen nur eine Übertragung sexueller Priviliegien auf eine Gruppe von Männern und Frauen erfolgt, nicht um eheliche Verbindungen im eigentichen Sinn [Murdock 1949: 24-25].

Beispiel: West-Tibet

Die Frau von drei Brüdern bleibt kinderlos. Die Brüder, die sie für unfruchtbar halten nehmen eine weitere Frau in ihren Haushalt auf. Diese zwei Frauen werden nicht unter den Brüdern aufgeteilt, sondern sind die gemeinsamen Frauen von allen. Somit entsteht eine sowohl polygyne wie auch polyandrische (i.e. "polygynandrische") Familie, in der sexuelle Rechte mit ökonomischen Verpflichtungen verbunden sind. "If a man and his brothers have in common three living wives and yet no child they may not marry another wife but may call in to their family circle another man as an additional husband. If he too begets no child still another man may be called in. If he too is childless the original husband and wife must resort to adoption." [Carrasco 1959:36].
"Group marriages may also develop if one of the husbands in a [fraternal] polyandrous family takes a fancy to a girl and asks his brothers to bring her into the family circle. It is possible that special alliances and preferences form in such a setting, but they must not become too marked if the group marriage is to remain intact." [Barnouw 1971:136]

Beispiel: Todas/Südindien

Gruppenehe sind nicht nur ein Relikt aus grauer Vorzeit, sondern konnten auch in der jüngeren Vergangenheit durch europäische Einflüsse entstehen. Gruppenehe entstand unter den Todas von Süd-Indien während der britischen Kolonialherrschaft in Indien. In der vorkolonialen Zeit praktizierten die Todas weiblichen Infantizid, welcher die Zahl der weiblichen Bevölkerung niedrig hielt und ihnen die Fortführung der Polyandrie erlaubte. Nachdem die Briten den Infatizid verboten hatten, stieg die Zahl der Frauen rapide an. Dies soll zur Entstehung der Gruppenehe geführt haben. [Barnouw 1971: 136]

Beispiel: Marquesas (Polynesien)

Bei den vorkolonialen Marquesas-Insulanern bestand die Gruppenehe neben der non-fraternalen Polyandrie: "A chief of head of a rich family would sometimes arrange a marriage with a young woman because she had three or four lovers whom he wished to attach. The men would follow the woman in this way the family head could build up the man power of his household." [Kardiner/Linton 1939:152].
Die sekundären Gatten lebten in separaten Häusern und wurden von der Frau oder dem Häuptling gerufen, wenn sie glaubten, daß diese an der Reihe wären. Ein reicher Häuptling konnte sich eine zweite Frau nehmen, die auch für die sekundären Ehemänner verfügbar waren. Die verschiedenen Gatten sollen gleiche Rechte auf die Frauen gehabt haben. Auf diese Weise wurde eine polyandrische Verbindung in eine Gruppenehe umgeformt [Barnouw 1971: 136].

Englisch: group marriage
Französisch: mariage de groupe
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97