Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Entführungsheirat
Definition:
Mit Zustimmung der Frau durchgeführte Entführung, entweder um einer arrangierten Heirat zuvorzukommen oder um die Zahlung einer Mitgift oder eines Brautpreises zu umgehen und trotzdem eine rechtmäßige eheliche Verbindung zu erzwingen.
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Beispiel: Banyamwezi/Ostafrika

Ist in weiten Teilen Afrikas verbreitet. Bei den Banyamwezi ist sie unter dem Namen "kluehya", "Nachthochzeit", bekannt. In emischer Sicht wird diese via Entführung zustandegekommene Ehe als wirkliche Ehe anerkannt und nicht als Konkubinat, "kwianza", klassifiziert. Es handelt sich jedoch um eine Ehe ohne Mitgift und die über eine Entführung verheirateten Frauen haben ein höheres Alter, als diejenigen, die mit Mitgift heiraten [Paulme 1940:364].

Beispiel: Toba-Batak (Nord-Sumatra)

Diese Heiratsform wird von den Toba-Batak "mangalua boru", "die Frau/Tochter entführen", genannt. Die durch eine einverständliche Entführung der unverheirateten Frau Zustande-gekommene Ehe ist bei den patrilinear organisierten Toba-Batak ein häufig gewählte Strategie der Frauen, um eine arrangierte Heirat zu umgehen und sich aus der Bevormundung ihrer Herkunfts-Lineage zu lösen. Neben dem Zwang zur Verheiratung mit einem ungewünschten Mann kann auch der Abbruch von Heiratsverhandl-ungen infolge zu hoher Brautgabeforderungen durch die Verwandtschaftsgruppe der Frau dazu führen, daß eine junge Frau mit einem Mann ihrer Wahl heimlich ihr elterliches Heim verläßt. Obwohl die Frau hier die entscheidenden Schritte setzt, wird der Mann verantwortlich für alles gemacht, d.h. er wird als der Verführer, der sie mithilfe von Zauber unter seine psychische Kontrolle brachte, und als der Entführer der Frau betrachtet. Durch die Entführung der Frau hat er sowohl seinen Mut unter Beweis gestellt als auch die Rechte der Brautgeber mißachtet; dafür muß er letztlich eine Buße zahlen. Das Ablaufmuster einer Entführungsheirat ist ungefähr wie folgt: Das Paar legt den Zeitpunkt der Flucht, den Treffpunkt sowie den Fluchtort fest. Das Mädchen zieht eine oder mehrere Freundinnen ins Vertrauen und bittet diese, sie zur Überwachung und zum Schutz ihrer Ehrbarkeit zu begleiten. Nachdem die Flucht zur vereinbarten Zeit - meist in der Nacht - stattgefunden hat, sucht das Paar das Haus eines Verwandten aus der Patri-Lineage des jungen Mannes auf. Das Paar kann jedoch nicht sofort mit einem ehelichen Zusammenleben beginnen, d.h. Beischlaf ausüben. Das würde den strafbaren Tatbestand einer unrechtmäßigen Beziehung darstellen: Der Mann muß sogar um jeden Preis vermeiden, mit der jungen Frau auch nur vorübergehend allein zu bleiben. Am folgenden Morgen werden die Verwandten der Braut über die Tatsachen in Kenntnis gesetzt.

Damit können die Besprechungen um die Höhe der Brautgabe beginnen. Falls das Mädchen bereits das Heiratsalter erreicht hat, kann sie von ihren Verwandten nicht zur Rückkehr gezwungen werden (Früher konnte dies jedoch Anlaß für eine kriegerische Auseinandersetzung sein). Die Verwandten der Frau sind jedoch berechtigt, eine höhere Brautgabe von der Verwandtschaft des Bräutigams einzufordern; soferne jedoch während der Entführung die Prinzipien des Anstands und der Ehre beachtet worden sind, hält sich diese Erhöhung der Brautgabe in Grenzen [Vergouwen 1964:214f; Lukas 1994]

Außer dem Normtyp, dessen Merkmale Verlobung, elaboriertes Hochzeitszeremonial, Übereignung einer Brautgabe und viripatrilokale postnuptiale Residenz sind, ist bei den Toba-Batak die Entführungsheirat nur eine von vielen möglichen Formen der Erstheirat: daneben unterscheiden die Toba-Batak konzeptuell und terminologisch noch die uxoripatri-lokale Brauddienstheirat, die Raubheirat (Frauenraub), Heirat nach einer Vergewaltigung und die "Verführungsheirat" [Vergouwen 1964:157f]

Englisch: marriage by elopement

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97