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up 4.1.2 Max Weber

4.1.2.6 Berufsidee und Gnadenwahllehre

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Quelle: http://www.wissen.swr.de/sf/begleit/bg0039/ch07.htm

"Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es." (Weber 1904/05: 153)

In allen protestantischen Glaubensrichtungen findet sich der Zusammenhang zwischen Beruf und Berufung. Die Bibelübersetzung Martin Luthers gilt als der Ursprung der Betonung des weltlichen Berufes, durch den der "Ruf zu Gott" erfüllt werden kann. Neu war nicht die Hochbewertung der weltlichen Alltagsarbeit, sondern "die Schätzung der Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des höchsten Ideals, den die sittliche Selbstbestätigung überhaupt annehmen könne" (Weber 1988: 69).

Besondere Bedeutung kommt der weiterführenden Interpretation dieser Lehre für die Lebenspraxis zu, die vor allem im Calvinismus und anderen protestantischen Gruppen eine neue Form annahm. Das Streben nach Erwerb scheint in der Lehre von der Gnadenwahl alleine auf das Streben nach Seelenheil und auf die Erkenntnis des Gnadenstandes ausgerichtet zu sein. Die kapitalistische Geisteshaltung ist nach Weber in diesem Zusammenhang, und nur in diesem, Konsequenz rein religiöser Motive.

Gott entscheidet frei und willkürlich, welchen wenigen Menschen die Gnade zuteil wird und welche verdammt sind und bleiben. Weder magische Mittel noch besonderes Wohlverhalten oder Verschulden können an Gottes Entscheidungen, die für Menschen unergründlich sind, etwas ändern. Nach Weber hatte die Lehre von der Gnadenwahl in ihrer "pathetischen Unmenschlichkeit" vor allem eine Folge: "ein Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums" (1988: 93). Jeder Mensch geht alleine seinem vorbestimmten Schicksal entgegen und der Verkehr des Calvinisten mit seinem Gott vollzieht sich in tiefer innerer Isolierung. Die Welt ist ausschließlich dazu geschaffen, der Selbstverherrlichung Gottes zu dienen und der erwählte Christ nur dazu, den Ruhm Gottes in der Welt durch Vollstreckung einer Gebote zu vermehren. Dies trifft auch auf die weltliche Berufsarbeit und die zweckvolle Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu (Weber 1988: 99ff).

Weber fragt sich nun, wie die Lehre von der Gnadenwahl wohl in einer Zeit, in der das Jenseits als wichtiger und auch als sicherer als das diesseitige Leben empfunden wurde, von den Menschen ertragen werden konnte. Die Gläubigen mussten sich fragen, ob sie nun erwählt sind oder nicht. Calvin selbst verwies diesbezüglich auf die Selbstgewissheit des Gnadenstandes. In der Praxis der Seelsorge, die sich mit den durch die Lehre geschaffenen Qualen auseinanderzusetzen hatte, wurde die rastlose Berufsarbeit als probates Mittel eingeschärft, um jene Selbstgewissheit zu erlangen. Rastlose Arbeit "allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes" (Weber 1988: 106).

Daraus folgt:

  • Die Pflicht, sich für erwählt zu halten und
  • ruhelose Berufsarbeit, um sich der Gewissheit des Gnadenstandes zu versichern.

Der Glaube muss sich also an seiner Wirkung messen, und je effizienter dieses Wirken ist, desto höher ist die Gewissheit über den eigenen Gnadenstand.

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