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up 1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik

1.4 Kélé

Die lokale Shangó-Tradition namens „Kélé“

Kélé ist ein afrikanisches Ritual zur Anrufung afrikanischer Ahnen und Gottheiten, dessen Höhepunkt die Opferung eines unbefleckten Schafes bildet.

Dieses Ritual wird von Zeit zu Zeit in der nordöstlichen Region der Insel durchgeführt, vor allem in den Orten Babonneau, Fond Assau und Umgebung. Es ist genau diese Region St. Lucias, in welche die letzten noch in Afrika geborenen und aufgewachsenen Einwanderer als Kontraktarbeiter ("Indentured Labourers") geschickt wurden. In diesem Gebiet haben sich bis heute ganz bestimmte afrikanische Traditionen unter den sogenannten „Djiné“, also den Leuten von „Guinea“ (= Afrika) fast ungebrochen erhalten.

Foto: Kélé-Opferritual 1Foto: Das Kélé-Opferritual im April 1988 geleitet von Hohepriester Etienne Wells Joseph (Manfred Kremser © 1988)

Die Kélé- Zeremonie beinhaltet die Verehrung der Gottheiten Shangó, Ogun und Eshu. Diese religiösen Konzepte gehen auf die Yoruba-„Orisa“ zurück und haben durch ihren Transfer nach St. Lucia vielerlei Reinterpretationen erfahren:

• Shangó zählt unbestritten zu den populärsten afrikanischen Orisas in der Neuen Welt. In St. Lucia tritt uns der Name Shangó nicht nur in Form so genannter Donnersteine entgegen, die auch das Zentrum des Kélé-Altars bilden, sondern Kélé selbst wird oft als Shangó bzw. Chango bezeichnet. Für die Djiné stellen die Shangó-Steine die physische Repräsentation des Donnergottes dar. Durch sie wird in der rituellen Handlung die Verbindung zwischen Mensch und Gott hergestellt. Daher werden in allen Häusern von Djiné-Familien mit Kraft geladene Shangó-Steine aufbewahrt. Ihnen werden sowohl beschützende als auch heilende Eigenschaften zugeschrieben.

• Ogun wird als göttlicher Repräsentant des Eisens wahrgenommen, weswegen von den Djiné alle Arten von eisernen Geräten an den Altar bei der Kélé-Zeremonie gelegt werden. In der Moderne gilt Ogun vor allem als Beschützer der Autofahrer und anderer Berufe, deren Arbeit an das Eisen bzw. Eisengeräte gebunden ist. Viele Indizien aus neuesten ethnographischen uns ethnohistorischen Untersuchungen lassen vermuten, dass der Ursprung des Kélé in St. Lucia auf das Ogun-Festival in Ado-Ekiti/Nigeria zurückreicht.

In St. Lucia kam es dann zu einer Synkretisierung der beiden religiösen Yoruba-Traditionen für Shangó und Ogun, aus deren Verschmelzung sich der Kélé-Kult in der Diaspora entwickelte, dies vor allem auf den kleinen karibischen Inseln, wo zu wenige Repräsentanten einer spezifischen afrikanischen Religion lebten, um die Tradition unbeeinflusst von den benachbarten Traditionen aufrecht zu erhalten.

Neben Shangó und Ogun finden wir in der auf diese Weise neu entstandenen Kélé-Tradition noch eine dritte personifizierte Gestalt vor, die von den Djiné mit dem Namen Eshu bzw. Akeshew bezeichnet wird und als Widersacher der beiden Ersteren auftritt.

Die Assoziation von Eshu mit dem gefährlichen Inhalt der Kalebasse, die am Ende jeder Kélé-Zeremonie orakelhaft zerschmettert wird, führte in den Augen christlich-klerikaler Kritiker oft irrtümlicherweise zur Gleichsetzung von Akeshew mit dem Teufel, sowie der Hohepriester des Kélé mit Schwarzmagiern.

Foto: Kélé-Opferritual 2Foto: Das Kélé-Opferritual im April 1983 geleitet von Hohepriester Noah Delaire (Manfred Kremser © 1983)

Die Riten der Kélé-Zeremonie wurden von Familien weitergegeben, die sich selbst als „Nèg Djiné“ identifizierten. Es gibt einen Hohepriester, der seine Rolle an einen anderen weitergibt, bevor er stirbt. Alle Teilnehmer, inklusive des Hohepriesters, sind auch praktizierende Christen, die keine Schwierigkeit damit haben, die beiden Traditionen in ihrem persönlichen Leben miteinander zu verschmelzen.

Im südlichen Teil von St. Lucia, in einem Dorf namens Piaye, wird von einer weiteren „Djiné“-Gruppe die Abhaltung eines Koutoumba — und anderswo in St. Lucia eines Kont — anläßlich des Todes einer Person von den Praktiken der afrikanischen Religionen und nicht vom traditionellen europäischen Christentum hergeleitet.

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