Satzzeichen

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In einer Arbeit über Kontextualisierungshinweise Satzzeichen zu behandeln, mag ein wenig überraschend sein – fristen doch diese Zeichen ein von der linguistischen Forschung eher unbeachtetes Dasein. Allerdings soll in der vorliegenden Arbeit die Ansicht vertreten werden, dass gerade Satzzeichen in ihrem Kontextualisierungspotenzial nicht unterschätzt werden sollten. Um ihre Funktion in IRC in einen größeren Zusammenhang zu stellen, soll zunächst auf einige allgemeine Erkenntnisse zu diesem Thema eingegangen werden. Da entsprechende Literatur aus dem deutschen Sprachraum dünn gesät ist, handelt es sich um englischsprachige Literatur, in denen Bedeutung und Funktion von Satzzeichen im Englischen behandelt wird. Deshalb müssen die darin getätigten Aussagen bei der Anwendung auf die deutsche Sprache sicherlich mit einem gewissen Maß an Vorsicht genossen werden. Allerdings scheinen die beiden Sprachen in dieser Hinsicht ähnlich genug, um die Annahme, dass es sich im Deutschen ähnlich verhält, wissenschaftlich vertretbar zu machen.

Satzzeichen und Prosodie

Einer der wichtigsten Punkte ist sicherlich der Zusammenhang von Zeichensetzung im medial schriftlichen Medium mit Prosodie im medial mündlichen. Steinhauer und Friederici demonstrieren diesen Zusammenhang anschaulich und stellen gleich eine grundlegende Frage:

Just as the false comma in this sentence, shows punctuation can influence sentence processing considerably. Pauses and other prosodic cues in spoken language serve the same function of structuring the sentence in smaller phrases. However, surprisingly little effort has been spent on the question as to whether both phenomena rest on the same mechanism ...
Steinhauer und Friederici 2001: 267

Können Kommas und andere Satzzeichen als Reflexion bzw. Entsprechung von prosodischen Phänomenen angesehen werden und werden sie von denselben psycholinguistischen Mechanismen gesteuert? Falls dem so ist, muss ein direkter Zusammenhang von Zeichensetzung bei Produzenten schriftlicher Sprache und dem Phänomen der Subvokalisation bestehen, oder umgekehrt:

If punctuation is actually mediated by (covert or subvocal) prosody, then its processing should resemble that of overt prosody.
Steinhauer und Friederici 2001: 269f.

Anhand einer komplexen psycholinguistischen Untersuchung kommen die Autoren schließlich zu dem Schluss,

that both commas and prosodic cues basically share the same mechanism. That is, commas seem to be visual triggers of covert prosodic phrasing.
Steinhauer und Friederici 2001: 282

"To summarize,”

comma perception during reading seems to involve processes similar to the perception of prosodic boundaries in spoken language and is possibly mediated by the same brain structures.
Steinhauer und Friederici 2001: 287

Die Wahrnehmung von Kommata in medial schriftlicher Sprache hängt also möglicherweise von denselben kognitiven Strukturen ab wie die von prosodischen Grenzen in mündlicher Kommunikation. Eine Beteiligung der Subvokalisation ist daher sehr wahrscheinlich. Chafe (1988) stellt fest:

[W]riters when they write, and readers when they read, experience auditory imagery of specific intonations, accents, pauses, rhythms, and voice qualities, even though the writing itself may show these features poorly if at all. This 'covert prosody' of written language is evidently something that is quite apparent to a reflective writer or reader ...
Chafe 1988: 397

Und er ortet den Grund für die Wahrnehmung dieser "auditory imagery” zumindest zum Teil in der Zeichensetzung:

Although punctuation certainly fails to represent the total range of prosodic phenomena a writer or reader may assign to a piece of written language, it does capture some major aspects of a writer's prosodic intent ...
ibid.

Chafes Studie, in der er Versuchspersonen diverse Texte mit und ohne Satzzeichen vorlesen ließ, ergab, dass "punctuation marks... were almost always read as prosodic boundaries" (Chafe 1988: 408 ); ja nicht nur das, "in most cases the kind of punctuation determined the kind of prosody” (Chafe 1988: 408f. ). Chafes Studie belegt also nicht nur ebenso wie jene von Steinhauer und Friederici einen Zusammenhang von Zeichensetzung und Prosodie bzw. Subvokalisation, sondern auch, dass bestimmte Satzzeichen systematisch mit bestimmten Intonationskonturen korrelieren.

Allerdings gibt es auch zweifellos Fälle, in denen die Zeichensetzung in keiner Weise prosodisch motiviert ist. Steinhauer und Friederici bemerken, dass

it has been long debated whether punctuation rules are, or should be, predominantly motivated by syntax or prosody ...
Steinhauer und Friederici 2001: 268

und Chafe (1988: 401 ) nennt zwei mögliche Gründe für das Fehlen eines Zusammenhangs zwischen Satzzeichen und Prosodie: zum einen "[g]rammatical boundaries that [are] not at the same time prosodic ones” und zum anderen "completely arbitrary conventions”. Trotzdem besteht beim Großteil der Satzzeichen ein deutlicher Zusammenhang mit der Prosodie bzw. Subvokalisation.

Dass in mündlicher Kommunikation die Prosodie erhebliches Kontextualisierungspotenzial besitzt, ja zu den prototypischen Klassen von Kontextualisierungshinweisen gehört, steht außer Frage. Stellen wir nun die gut belegte deutliche Verbindung mit Satzzeichen in schriftlicher Sprache fest, scheint der Schluss nahe zu liegen, dass auch Satzzeichen kontextualisierende Funktion haben können. Zu dieser Interpretation passt auch Chafes Beobachtung, dass viele, aber nicht alle Satzzeichen mit einem bestimmten Typ von prosodischer Kontur zusammenhängen. Rekapitulieren wir eine der wichtigsten Eigenschaften von Kontextualisierungshinweisen – ihre potenzielle Wirkungsweise durch zwei verschiedene Faktoren:

1. Der erste Faktor, die Veränderung an sich, zieht Aufmerksamkeit auf die betreffende Passage und weist dadurch darauf hin, dass sie anders zu interpretieren ist als das umgebende Material.
2. Der zweite Punkt, die mit der Art des Wechsels verbundenen Assoziationen, leiten die Interpretation in eine bestimmte Richtung.
(vgl. Abschnitt Kontextualisierung)

Auch bei den Satzzeichen ist es anscheinend so, dass das Vorhandensein eines solchen Signals in jedem Fall eine Veränderung der Prosodie bewirkt, die Art der Veränderung aber nicht immer systematisch von der Art des Signals abhängt. In jedem Fall soll im Folgenden versucht werden zu zeigen, dass es durchaus berechtigt ist, Satzzeichen als Kontextualisierungshinweise anzusehen – nicht nur in IRC, sondern möglicherweise allgemein im schriftlichen Medium an sich.

Satzzeichen im Datenmaterial

Der Punkt

Der Punkt ist laut Chafe (1988: 402) "overwhelmingly prosodic", und zwar in den allermeisten Fällen unambig mit fallender Intonationskontur assoziiert. Dennoch kann gerade der Punkt durch seine Funktion als Signal für den Abschluss eines Satzes als Munition für das Argument herhalten, dass Satzzeichen doch eher grammatisch als prosodisch motiviert seien, ein Argument, dass Chafe aber in dieser Form nicht gelten lässt:

As mentioned above and demonstrated below, periods are typically associated with an auditory image of falling pitch. That image is in turn typically associated with the end of a sentence. We see, then, that in many cases there may be no point in asking whether some instance of punctuation is determined by prosody or grammar. So long as prosody and grammar coincide, the only proper answer is "both”.
Chafe 1988: 403

In 'herkömmlichen' medial schriftlichen Textsorten gehört der Punkt sicherlich zu den am meisten verwendeten Satzzeichen – in IRC dagegen, zumindest in den der vorliegenden Arbeit zugrunde liegenden Daten, tritt er nur äußerst selten auf. Im Großteil der Literatur wird der generelle Verzicht auf Satzzeichen als Nebenprodukt und logische Begleiterscheinung des Ökonomieprinzips genannt – das mag aber eine zu stark vereinfachte Sicht der Dinge sein. Satzzeichen, und im Besonderen Punkte, spielen ja ganz offensichtlich in der schriftlichen Kommunikation eine sehr wichtige Rolle; selbst moderne Literaten, die sonst in vieler Hinsicht mit sprachlichen Konventionen brechen, verzichten (zumindest in fließenden Texten) selten auf sie. Ein weitgehender Verzicht auf diese Ressource ist also durchaus als signifikant anzusehen.

Interessanter Weise betrifft der Verzicht auf Satzzeichen auch nicht alle Satzzeichen gleichermaßen. Während (einzelne, d.h. satzfinale) Punkte kaum zu finden sind und ihr Gebrauch auf bestimmte Teilnehmer beschränkt zu sein scheint, wird das Rufzeichen zwar selten, doch regelmäßig von verschiedenen Teilnehmern gesetzt; das Fragezeichen gehört zu den häufigsten Satzzeichen im untersuchten Datenmaterial. Welche Eigenschaften des Punktes sind nun dafür verantwortlich, dass er in IRC offensichtlich so entbehrlich ist?

Unwahrscheinlich erscheint die Möglichkeit, dass der Verzicht auf den Punkt eine bewusste Entscheidung ist, um zu signalisieren, dass die betreffende Äußerung kein vollständiger Satz ist. Denkbar wäre dagegen eine Verbindung mit dem prosodischen Muster, das typischerweise mit dem Punkt assoziiert wird: vielleicht ist in natürlicher gesprochener Sprache eine stark fallende Intonationskontur, wie sie der Punkt typischerweise signalisiert (vgl. Chafe 1988: 403 ), nicht häufig genug, um einen systematischen Einsatz dieses Satzzeichens zu rechtfertigen und die Assoziation mit Abgeschlossenheit und Bestimmtheit, die diese Intonationskontur mit sich bringt, für den phatischen Charakter eines Großteils der Chat-Kommunikation unpassend. Dieser Faktor mag eine Rolle spielen, auch wenn keinesfalls ein unberechtigter Umkehrschluss gezogen werden darf: nämlich dass die Abwesenheit eines Punktes generell die Abwesenheit einer final-fallenden Intonationskontur bedeutet.

Die wahrscheinlich wichtigste Erklärung aber ist vielleicht eine wesentlich einfachere: es scheint, also ob der Punkt einfach wesentlich weniger aussagt als etwa das Rufzeichen, geschweige denn das Fragezeichen. In herkömmlichen schriftlichen Texten erfüllt der Punkt die wichtige Funktion, die einzelnen Sätze auch optisch voneinander zu trennen und damit die Verarbeitung zu erleichtern – im Chat dagegen wird sowieso meist nur ein Satz geschrieben und dann die Eingabetaste betätigt. Die physische Trennung der Äußerungen von IRC-Interaktanten wird damit auf andere und sogar effektivere Weise gewährleistet. Es ist also schlicht nicht notwendig, Äußerungen mit einem Punkt abzuschließen, da er selbst nichts oder nur sehr wenig zur Aussage des Satzes beiträgt, also kaum metakommunikatives Potenzial bzw. Kontextualisierungspotenzial hat. Der Punkt kann also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Klasse der Kontextualisierungshinweise zugerechnet werden.

Mehrere Punkte

Häufiger als der einfache Punkt, aber gleichermaßen stark idiosynkratisch bedingt ist auch der Einsatz von mehreren (typischerweise drei) Punkten zum Satzende. Ein besonders gutes Beispiel liefert der Teilnehmer NickName2 in Beispiel (1), der im Verlauf der Interaktion fast jede seiner Äußerungen mit zwei oder drei abschließenden Punkten versehen hat. Wie seine Äußerung in Beispiel (1) zeigt, ist er sich offensichtlich sehr bewusst, dass diese Praxis im Chat nicht allgemein üblich, sondern idiosynkratisch bedingt ist.

(1) NickName1_noned_da packt noch schnell und kummt dann wida....bis dann
NickName2: bis dann NickName1..
NickName1_noned_da: bis dann.....
NickName2: hey NickName1 mach ned Punkte zum Schluß, fängst schon so an wie der NickName2???
NickName1_noned_da hat einen neuen Namen: NickName1_ned_da.
NickName2: lol.......
NickName2: *schanuff* ...
NickName1: lollll

Offensichtlich kann auch eine Gruppe von Punkten wie Lautzeichen redupliziert werden. Was aber signalisiert die Zeichenkombination? In herkömmlichen schriftlichen Textsorten werden drei Punkte üblicherweise zur Signalisierung von Pausen gesetzt:

>>Weil mir nämlich der LKW versprochen worden ist. Ich bin der Fink. Zum Ankauf versprochen vom Bürgermeister ... günstig ... Nicht dass es auf einmal anders heißt...<<
Köhlmeier 1999 [1997]: 55

Analog schreibt Bader (2002: 62) den drei Punkten auch für IRC als Funktion die Signalisierung von Pausen zu und bezeichnet sie als Äquivalent zum "Bindestrich" (eigentlich Gedankenstrich). Sie unterscheidet zwischen "Pausen am Ende der Gesprächssequenz" und "Pausen innerhalb der Gesprächssequenz" (ibid. ). Für beide Formen finden sich auch in den vorliegenden Daten Beispiele, "Pausen innerhalb der Gesprächssequenz" etwa in (2) bis (4):

(2) ja weis eh ... hätt di sonst eh scho angschnorrt

(3) hmm..... ich dachte gott kann alles tun was er will ohne zu zahlen

(4) NickName ......g0schn :P

Häufiger eingesetzt werden die drei Punkte aber am Ende eines Gesprächsbeitrags, wie z.B. in (5) bis (8):

(5) der einzige trottel mit haube...i hab gschwitzt wie eine sau....

(6) der 2te von links...

(7) bruhahaha cyberstreit....

(8) i glaub ihr wissts mehr über mich alls ich über mich selba.....

Bader, die diese Punkt-Gruppen als unambige Signale für Pausen betrachtet, vermutet, dass sie auch analog zu Pausen in der Face-to-Face-Kommunikation eingesetzt werden. "Pausen am Ende einer Sequenz", so ihre Annahme, "markieren damit zusätzlich die Fremdzuweisung und die Übergabe des Rederechts" (Bader 2002: 62 ) – kurz, sie geht davon aus, dass die Eingabe von drei Punkten am Ende eines Gesprächsbeitrags im Chat dieselbe Funktion erfüllt wie das Schweigen bzw. Verstummen eines Teilnehmers in somatischer Kommunikation.

Drei Punkte können sicherlich auch in der Chat-Kommunikation zur Signalisierung von Pausen eingesetzt werden. Die traditionelle Assoziation des graphischen Zeichens 'drei Punkte' mit 'Sprechpause' ist bestimmt auch hier vielfach vorhanden; damit können sie in Einzelfällen (Datum (8) ist ein möglicher Kandidat für diese Interpretation) durchaus auch Zögern oder Unsicherheit kontextualisieren. Dennoch ist es verkürzt, die Bedeutung der Drei-Punkte-Konvention allein auf das Signalisieren von Pausen zu reduzieren.

Eine weitere Verwendungsweise, die durchaus auch in anderen Textsorten auftritt, ist der Einsatz von drei Punkten ('Auslassungspunkten') als Signal für Unvollständigkeit, sowohl im syntaktischen Bereich wie auch auf Wortebene. Damit kann dem/der Rezipienten/-in vermittelt werden, dass es dazu noch einiges zu sagen gäbe, das bei ihm/ ihr allerdings vorausgesetzt werden und damit entfallen kann.

Ein Sonderfall dieser Strategie ist das Nicht-Ausschreiben tabuisierter Wörter bei gleichzeitigem Anzeigen ihrer Unvollständigkeit vermittels der Drei-Punkte-Konvention. Diese Strategie kommt in den vorliegenden Daten immer wieder zur Anwendung, etwa in den folgenden Beispielen:

(9) aber kann nicht so ein schei....

(10) und zeigst erm dein sp.... auch

(11) NickName spielt sich mit seinem .......

Während in (9) und (10) aus Gründen gesellschaftlicher Normen auf das Ausschreiben der tabuisierten Lexeme verzichtet wird (interessanterweise bestehen offensichtlich größere Hemmungen, Derartiges in schriftlicher als in mündlicher Form zu äußern), handelt es sich bei Beispiel (11) um ein raffiniertes Spiel mit Erwartungsstrukturen: durch das komplette Ersetzen des fraglichen Objekts durch Punkte setzt NickName bei den anderen Interaktanten eine Inferenzkette in Gang, die unweigerlich in einer 'unanständigen' Interpretation seiner Tätigkeit mündet. Eine Pointe und einen Lacherfolg erzielt der Initiator des Spiels wenige Beiträge später durch eine Vervollständigung seiner Äußerung, die bewusst im Gegensatz zu den Rahmungen steht, die er durch seine vorangegangene Aussage bei seinen Gesprächspartnern hervorgerufen hat: es handelt sich bloß um ein FEUERZEUG.

Nicht nur die Existenz dieser anderen Einsatzmöglichkeiten der drei Punkte, auch ein weiteres Argument spricht gegen Baders Gleichsetzung von Punkten am Ende eines Gesprächsbeitrags mit einer Pause: ob in Face-to-Face-Kommunikation zwischen zwei Gesprächbeiträgen eine Pause realisiert wird, liegt nicht beim ersten, sondern beim zweiten Sprecher. Eine Pause kann nur entstehen, wenn der zweite Sprecher nicht sofort nach Abschluss des ersten Turns das Wort ergreift – der erste Sprecher hat darauf keinen direkten Einfluss. Der Einsatz der Drei-Punkte-Konvention aber liegt zur Gänze beim ersten Sprecher.

Das soll nicht heißen, dass sie nicht durchaus auch die Übergabe des Rederechts signalisieren können; dies geschieht aber mit großer Wahrscheinlichkeit ohne den Zwischenschritt einer Pause. Was drei Punkte am Ende eines Turns eigentlich vermitteln, lässt sich vielleicht so umschreiben: "Die Äußerung ist zu Ende, aber ich bin noch da und der Kanal ist noch offen." Dieselbe Funktion, nämlich das Signalisieren des offenen Kanals, erfüllen die drei Punkte auch, wenn sie – was gelegentlich vorkommt – als Rezipienzsignal gebraucht werden: praktisch völlig inhaltslos – noch inhaltsloser als z.B. mhm u.dgl. – symbolisieren sie: "Ich verzichte auf mein Rederecht, aber ich bin da und der Kanal ist offen." Sie zeigen damit auf konventionelle Weise die Anwesenheit und Aufmerksamkeit des betreffenden Teilnehmers an, ohne aber gleichzeitig etwas auszusagen. Punkte können damit als Kontextualisierungshinweis auf der Ebene des conversational management betrachtet werden.

Gerade im Hinblick auf die generell enge Verbindung von Satzzeichen mit Prosodie ist aber wie bei den Einzelpunkten auch bei der Drei-Punkte-Konvention ein Zusammenhang mit Intonation wahrscheinlich. Denkbar ist, dass es sich dabei um ein konventionelles Zeichen für non-terminal falling intonation handelt – eine Hypothese, die allerdings anhand eines Experiments z.B. im Stile von Chafe (1988) überprüft werden müsste.

Kommata

Chafe demonstriert anschaulich die große Bedeutung der Zeichensetzung und insbesondere des Kommas für die Prosodie. Im mündlichen Englisch, so argumentiert er, gibt es Tongruppen von fünf oder sechs Wörtern – obwohl das Komma einen eindeutigen Bezug zu Tongruppen hat (was auch von dem Zitat am Anfang dieses Abschnitts ausgezeichnet illustriert wird), spiegelt sich diese 5- oder 6-Wort-Grenze in den wenigsten schriftlichen Texten. In geschriebener Sprache sind trotz Subvokalisation durch Kommata getrennte Wortgruppen länger als Tongruppen in gesprochener Sprache. Chafe bietet dafür zwei mögliche Erklärungen:

One is that both writers and silent readers are able to process larger chunks of information at a time.
Chafe 1988: 413

- also:

If readers of written language are able to assimilate chunks of language that are larger than speakers of spoken language are able to produce, then the 5- or 6-word ceiling of spoken language need not be a restriction that applies to silent auditory imagery.
Chafe 1988: 410

Die zweite Erklärung besagt, dass vielleicht gar kein Komma benötigt wird, um Tongruppen voneinander abzugrenzen:

An alternative possibility is that written language signals prosodic boundaries in other ways, in addition to punctuation.
Chafe 1988: 414

Das heißt, dass es Lesern möglich sein könnte, gewissen syntaktischen Strukturen auch ohne die Hilfe eines Kommas eine prosodische Struktur zuzuordnen.

Kann die Untersuchung von Chat-Kommunikation, die ja eine einzigartige Stellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit einnimmt, diese Frage erhellen? Möglicherweise ja. Häufig trifft man auf die Behauptung, dass Zeichensetzung in IRC kaum eine Rolle spielt – nach einer genaueren Betrachtung muss diese Einschätzung allerdings differenziert werden. Tatsächlich finden wir sehr häufig Satzkonstruktionen mit einem oder mehreren untergeordneten Gliedsätzen, die nicht wie von den Regeln der deutschen Grammatik vorgeschrieben durch Beistriche getrennt werden. Diese Konstruktionen können komplex sein und um ein Vielfaches länger als die Tongruppenobergrenze von 5 bis 6 Worten, die in der mündlichen Kommunikation vorherrscht. Betrachten wir die folgenden, keineswegs ungewöhnlichen Beispiele:

(12) ich hab heut endlich eine mp3 gfunden die ich seit einem jahr suche!!!!!!!!!!!!!!!!

(13) ein macho erkennt man leicht daran das man in seiner nähe bald alle nerven verliert weil er nur sich selber kennt

(14) werd ma auch so was einrichten wenn ich an furz lass das es dann am schirm steht oda wen ich nasenbohren tu

(15) abgesehen davon daß ich mich wie besoffen fühl weil ich müde bin ausgezeichnet :))

Mindestens genauso häufig sind aber Fälle wie die folgenden, in denen Kommata gesetzt werden, auch wenn die betreffenden Konstruktionen teils erheblich kürzer sind als jene in (12) bis (15):

(16) ja, was bringt des eigentlich?

(17) na, is scho wieder flugstunde ?

(18) NickName1 NickName2, das video ist grauslich

(19) will dich schon einholen, das schon

(20) is aber leider falsch gebrannt, ich erklär dir dann noch wiest es installierst

(21) hehe, ich sitz genau daneben, mir ist uuuur heiss

Der Unterschied ist offensichtlich: bei den Daten (12) bis (15) handelt es sich um hypotaktische Satzkonstruktionen mit Haupt- und untergeordneten Gliedsätzen, bei (16) bis (21) um Aneinanderreihungen von gleichrangigen Gliedern. Tatsächlich werden Konstruktionen mit mehreren gleichrangigen Gliedern im größten Teil der Fälle durch Kommata getrennt; Beispiele wie (22), in dem mehrere Glieder ohne Beistrich aneinander gereiht werden, sind die Ausnahme und eher einer Idiosynkrasie des betreffenden Produzenten zuzuschreiben :

(22) NickName3 kratzt sich auf da titte NickName2 zupft auf den Zehen herum NickName1 furtz gerade usw...... mauahhaahahahahah

In den vorliegenden Daten werden also in parataktischen Konstruktionen wie (16) bis (21) die einzelnen Glieder meist durch Komma getrennt, in Konstruktionen mit Haupt- und untergeordneten Gliedsätzen fällt das Komma häufig weg. Diese Erkenntnis kann auf die von Chafe vorgeschlagenen zwei Möglichkeiten für das Verhältnis von Beistrichsetzung und Prosodie angewandt werden.

Wie oben ausgeführt, stellt Chafe (1988: 413f.) die Frage, wieso es in schriftlicher Sprache Wortgruppen gibt, die länger als die in gesprochener Sprache maximal zu verarbeitenden fünf bis sechs Wörter pro Tongruppe, aber dennoch nicht durch Satzzeichen getrennt sind. Eine Erklärung dafür lautet, dass beim Lesen einfach längere Gruppen von Wörtern auf einmal verarbeitet werden können als bei der Rezeption mündlicher Sprache; die zweite Möglichkeit ist, dass Prosodie in medial schriftlicher Sprache nicht ausschließlich durch Satzzeichen, sondern auch durch andere Merkmale, z.B. bestimmte syntaktische Konstruktionen, signalisiert werden kann und Sätze damit auch ohne Kommata in kürzere Wortgruppen geteilt werden können. Was besagen diese beiden Erklärungsmöglichkeiten nun in Bezug auf die Beistrichsetzung in IRC?

Die Beobachtungen aus den Daten lassen den Schluss zu, dass beide Erklärungen zutreffen, aber von der Art der Satzkonstruktion abhängig sind. Bei Gliedsatzkonstruktionen ist es offensichtlich nicht notwendig und auch prosodisch nicht ausreichend motiviert, die einzelnen Satzteile mittels Kommata zu trennen: die syntaktische Konstruktion reicht aus, um eine klare Intonationskontur und eine einwandfreie Verarbeitung zu erreichen. Sätze, die aus nicht syntaktisch miteinander verbundenen Gliedern bestehen – wie parataktische Konstruktionen und Aufzählungen – , sind dagegen ohne Trennung der einzelnen Teile durch ein Komma offensichtlich schwieriger mit einer Intonationskontur zu versehen und zu verarbeiten.

Anführungszeichen

Eines vorweg: in den vorliegenden Daten kommen praktisch keine Anführungszeichen vor. Der Grund, weshalb sie dennoch hier behandelt werden, ist, dass sie als Paradebeispiel für Satzzeichen als Kontextualisierungshinweise im schriftlichen Medium angesehen werden können. Wie Haiman feststellt, sind Anführungszeichen typische Marker für Sarkasmus, und zwar nicht nur in schriftlicher, sondern in Form der 'Gänsefüßchen-Geste' sogar in mündlicher Kommunikation:

[The] sarcastic function [of the quotation mark] is so widely recognized that it is even mimed by hand gesture, and spelled out orally (as "quote – unquote") by speakers who feel that quotation marks even in the spoken language are the best stage separators available. ... Anybody who doubts the sarcastic flavor of these signs should try talking ... to Noam Chomsky about his "quote-unquote theory”, or to any scientist about her "<quoting hand gesture> data”, and see how kindly they are received.
Haiman 1990: 189

Damit erfüllen die Anführungszeichen, so Haiman, eine Funktion als Kontextualisierungsstrategie, die bereits im neunzehnten Jahrhundert für notwendig erachtet wurde:

Alcanter de Brahm, a minor literary critic of the last century, earned a quite unwanted immortality by innocently suggesting that a specific punctuation mark be used to indicate sarcastic utterances.
Haiman 1990: 188

Aufgrund dieses scheinbar unpraktikablen bis paradoxen Vorschlags ist der unglückliche de Brahm anscheinend bis heute Zielscheibe von Spott und Häme von Seiten scheinbar Schlauerer – und doch, so Haimans (1990: 189) Argument, "the laugh is on these sophisticated connoisseurs", denn, so meint er, genau dieses Zeichen gibt es bereits in den genannten Anführungszeichen. Es scheint aber doch fraglich, ob sie wirklich jenen Ansprüchen entsprechen, die de Brahm zu seinem Vorschlag bewogen haben dürften: das Anführungszeichen ist als Marker für Ironie bzw. Sarkasmus alles andere als eineindeutig. Ihre ursprüngliche Funktion ist eine andere (nämlich – grob gesprochen – die Kennzeichnung eines Zitats), und ironisch oder sarkastisch gebrauchte Aussagen werden bei weitem nicht in jedem Fall durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Vielleicht aber erfährt der viel Geschmähte doch noch eine späte Rache – denn aus der computervermittelten Kommunikation hat heute ein Zeichen Verbreitung gefunden, das de Brahms Vorschlag erfüllen könnte: der Smiley. Und möglicherweise ist auch das der Grund, weshalb Anführungszeichen in IRC so vernachlässigbar selten gebraucht werden – als Kennzeichnung für Ironie sind sie durch ein besser geeignetes Zeichen ersetzt worden.

Satzzeichen und Emoticons

Diese Überlegungen legen nahe, dass Emoticons konzeptuell nahe Verwandte der Satzzeichen sein könnten . Verschiedene Beobachtungen unterstützen diese Vermutung. Zum einen scheinen zumindest am Satzende Emoticons und Satzzeichen häufig in einer paradigmatischen Beziehung zueinander zu stehen, also nicht gemeinsam auftreten (eine Beobachtung, die anhand größerer Datenmengen, auch aus anderen Medien wie der E-Mail-Kommunikation, überprüft werden müsste). Ein weiterer Anhaltspunkt ist, dass die beiden Zeichenklassen offensichtlich in ihrer Funktion, ihrer Wirkung und ihrem Ge- bzw. Missbrauch ähnlich wahrgenommen wurden und werden. Man vergleiche etwa eine heute etwas abstrus wirkende Behauptung aus dem Jahre 1923 über die Verwendung der Interpunktion mit heutigen Aussagen zu Emoticons:

Instead of a rugged and bold reliance on words to convey meaning, which would be the masculine way of doing things, the habit has grown up of dressing up a sentence with the lace and ruffles of punctuation.
Lavery 1923 , zitiert nach Chafe 1988: 425

Einen ähnlichen Verdacht hegen Witmer und Katzman (1997: section "Discussion") in Bezug auf die Emoticons: sind diese etwa "substitutes for writing skills”? Und wenn Ihnatko vor allzu enthusiastischem Smiley-Einsatz warnt:

Try to keep your stick on the ice when it comes to emoticons... Many regard emoticons as the online equivalent of dotting your i's with little happy faces, and if you liberally pepper your messages with them you'll be pegged as a hapless newbie.
Ihnatko 1997: "emoticons”

- dann erinnern die I-Punkte in Form von "little happy faces" vielleicht nicht von ungefähr an Laverys Naserümpfen über die "lace and ruffles of punctuation". Hier wie dort wird bemängelt, dass nicht auf die explizite Bedeutung der Worte vertraut wird, sondern eine implizite, intuitivere Form der Nuancierung gewählt wird. Lavery kontrastiert die 'männliche' "rugged and bold reliance on words to convey meaning” mit den 'weiblichen' "lace and ruffles of punctuation” – eine Analogie, die man natürlich nicht für bare Münze nehmen darf, die aber doch neueren Erkenntnissen über geschlechtsspezifische Sprache entspricht: dass Männer nämlich eher explizit, Frauen eher implizit kommunizieren (vgl. z.B. Tannen 1986 ). Und laut der Studie von Witmer & Katzman (1997) werden Emoticons auch eher von Frauen als von Männern eingesetzt:

The results indicate ... that the computer users who do include GAs [graphic accents] in their discourse tend to be women.
Witmer & Katzman 1997: section "Discussion” [Fußnote A.S.]

Es wäre mit Sicherheit lohnend, eine mögliche Ähnlichkeit zwischen Emoticons und Interpunktion genauer zu untersuchen. Die Vermutung liegt nahe, dass beide eine nicht unerhebliche Rolle als Kontextualisierungsstrategien in schriftlicher Sprache spielen könnten.

Asteriske

Der Asterisk * spielt in der Chat-Kommunikation eine wichtige Rolle: in Asteriske werden z.B. die viel gebrauchten Inflektive eingeschlossen. Wie im Abschnitt Inflektive und Zuschreibungsturns ausgeführt, ist diese Konvention aber nicht mehr auf diese spezielle Verbalform beschränkt, sondern kann auf verschiedenste Elemente angewandt werden, wodurch der darin enthaltene Sprechakt als deskriptiv charakterisiert wird. Der Asterisk kann damit als Kontextualisierungshinweis auf der Ebene der illocutionary force angesehen werden.

Fragezeichen

Da das Fragezeichen in seinem Kontextualisierungspotenzial besonders interessant ist, wurde diesem Zeichen ein eigener Abschnitt gewidmet.


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© Alexandra Schepelmann 2002-2003