Am 25. Dezember, dem Christmas Day, verstarb im australischen Brisbane unerwartet der international anerkannte Historiker, Autor und Pazifik-Experte Brij Vilash Lal. Zu der schwer verarbeitbaren Tatsache des so plötzlichen Dahinscheidens kommt die sich rasch einstellende Erkenntnis, dass mit Brij Lal einer der ganz großen Fidschi-Experten und Ozeanien-Forscher von uns gegangen ist.

2005, bei einem Besuch in Wien. (Hermann Mückler)

            Zumindest zwei Besuche in Österreich machten ihn auch hierzulande bekannt und er war zweimal bei Veranstaltungen der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft (OSPG) präsent und teilte seine Auffassungen mit einem interessierten Publikum, welches gekommen war, um den aus Fidschi stammenden Experten zu demokratiepolitischen Fragestellungen, aber auch weit darüber hinaus über historische Entwicklungen in Fidschi und der pazifischen Inselwelt zuzuhören und zu befragen.

            Ich durfte Brij bereits 1993 im Zuge meines zweiten Fidschi-Aufenthaltes, welcher der Recherche für die Fertigstellung meiner Diplomarbeit diente, in Suva kennenlernen. Seither hat es einen steten Kontakt zueinander gegeben, auch wenn wir manchmal zwei, drei Jahre nichts voneinander hörten. Brij galt zeitlebens als Verfechter demokratisch organisierter Gesellschaften und als klarer Gegner autoritärer politischer Entwicklungen – und dies galt nicht nur für Fidschi. Fast zwangsläufig geriet er dadurch in seinem Geburtsland über die Jahre immer wieder in Konflikt mit diversen politischen Vertretern. Nach den beiden Coups des Militärbefehlshabers Sitiveni Rabuka im Jahr 1987 war er in den Folgejahren ein vehementer Verfechter nicht nur für eine Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen und deren Zementierung in Fidschi, sondern auch einer, der sich für die Aussöhnung und Gleichstellung der beiden großen Volksgruppen des Landes – den melanesisch-stämmigen Fidschianern und den indisch-stämmigen Indo-Fijians – einsetzte. Als ich Brij kennenlernte, war er als eines von drei Mitgliedern für die damalige Constitutional Review Commission, zusammen mit Sir Paul Reeves und Tomasi Rayalu Vakatora, nominiert worden, um für Fidschi eine neue Verfassung auszuarbeiten. Die 1996 präsentierten Vorschläge mündeten in eine 1997/98 angenommene neue Verfassung, die eine tragfähige Basis für das Miteinander der unterschiedlichen Ethnien in Fidschi garantierte. Zu jener Zeit durfte ich mit Brij Lal immer wieder Gespräche führen, deren Inhalte auch in meine eigene Dissertation und später in die Habilitation eingeflossen sind. Damals kritisierte er den zweimaligen Putschisten, Parteigründer und Politiker Sitiveni Rabuka, so wie er später Voreque ‚Frank‘ Bainimarama, den Putschisten von 2006 und jetzigen Premierminister, immer wieder scharf kritisierte.

            Zur Ironie der fidschianischen Geschichte zählt, dass Rabuka – nun ein Oppositionspolitiker – einer der Redner bei der Veranstaltung zu Brij Lals Gedenken in Suva ist, während Bainimarama dafür verantwortlich ist, dass Brij, zusammen mit seiner Frau Padma, 2009 des Landes verwiesen wurde, seither in Australien leben musste und 2015 auf Lebenszeit aus Fidschi verbannt wurde. Es war Bainimarama, dessen Coup von 2006 dieser u.a. damit begründet hatte, den damaligen verfassungsfeindlich agierenden Premier Quarase zu stürzen und zur ethnisch ausbalancierteren Verfassung von 1998 zurückzukehren – jener Verfassung, an deren Ausarbeitung Brij Lal beteiligt war. Doch es waren letztlich andere Gründe als ethnische, die beim Coup von 2006 im Hintergrund standen und diese waren von Brij Lal kritisch benannt und offenbart worden. Die fidschianische Innenpolitik ist komplex und von vielfältigen Interessensebenen und -gruppen gekennzeichnet, deren Volatilität groß und historisch legendär ist. Brij zeichnete die Fähigkeit aus, auch mit seinen Gegnern, die er niemals als Feinde bezeichnet hätte, immer eine Gesprächsbasis aufrecht erhalten zu wollen. Aus diesem Grund zollen ihm auch die allermeisten politischen Gegner Respekt. Seine Ausweisung aus Fidschi im November 2009 – nachdem Brij Lal sich in einem Interview zur aktuellen politischen Lage in Fidschi nach der Ausweisung der Hohen Kommissare Australiens und Neuseelands geäußert hatte – muss daher als Zeichen der Schwäche des Regimes und der Unfähigkeit des Premiers einen politischen Dialog mit Menschen anderer Meinung führen zu können, gesehen werden.

            Dass Brij Lal trotz seiner zwangsweisen Exilierung durch die amtierende Regierung in Fidschis Bevölkerung hochangesehen ist, steht außer Zweifel. Dass er in Australien eine zweite Heimat fand, ergab sich schon aus der Tatsache, dass er dort von 1990 bis 2016 als Professor für Pacific and Asian History an der Australian National University (ANU) in Canberra tätig war. Darüber hinaus lehrte er an der University of the South Pacific (USP) in Suva, an der University of Papua New Guinea (UPNG) und an der University of Hawai’i at Manoa (UHM). Die vielen Stationen seines Wirkens und vor allem die darauf fußenden Leistungen brachten ihm zahlreiche hochrangige Ehrungen ein, wie man nicht zuletzt auf Wikipedia nachlesen kann.

            Ich erinnere mich gut daran, als er um 2003 in Wien war und einen vielbeachteten Vortrag zu jüngeren historischen politischen Entwicklungen in Fidschi hielt. Legendär war aber jene Podiumsdiskussion, die im Wiener Veranstaltungslokal „Depot“ stattfand – es muss wohl 2005 gewesen sein –, wo zu meiner Linken Max Quanchi und zu meiner Rechten Brij Lal saßen und ich die Diskussion und Fragen an die beiden zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Pazifik moderieren durfte. Der ziemlich extrovertiert agierende Max gefiel sich dabei in der Rolle, sehr salopp und generalisierend die Lage zu beurteilen, während Brij vorsichtig und verhalten die Dinge interpretierte. Max versuchte Brij aus der Reserve zu locken und provozierte wohl auch ein wenig, was ich als Moderator abzufangen und zu neutralisieren hatte. Brij blieb gelassen und brachte mir erst später, als wir wieder zuhause waren, sein Befremden über die skurrile Situation zum Ausdruck.

            Ebenso erinnere ich mich an ein Zusammentreffen und Mittagessen mit Brij an der ANU im Jahr 2013, von dem mir zwei Aspekte im Gedächtnis haften blieben. Einer war Brijs großes Bedauern darüber, dass damals gerade die Generation jener Pazifikforscher abtrat, welche nach dem Zweiten Weltkrieg unter sehr günstigen Bedingungen Großes geleistet hatte und dabei – bedingt durch den Kalten Krieg und die Notwendigkeit, die pazifischen Inseln und deren Bewohner besser zu erforschen – aus dem Vollen schöpfen konnte. Eine ganze Reihe legendärer Pazifikforscher war damals innerhalb weniger Jahre verstorben. Ron Crocombe war einer der ersten gewesen, Hank Nelson und Darrel Tryon waren erst unmittelbar vor jenem Gespräch verstorben. Brij prophezeite damals, dass sich die ANU, aber auch die UHM, das East-West-Center und andere akademische Einrichtungen der Region dramatisch verändern und die Ozeanien-Forschung zugunsten einer verstärkten Asienforschung drastisch einschränken würden. Und so kam es auch.

            Der zweite Aspekt betraf Brijs eigene Exilierung von Fidschi. Er litt unter dem Verlust seiner Heimat und verschwieg dies auch nicht. Gut erinnere ich mich daran, wie er in meiner Anwesenheit 2005 in Wien mit seiner Frau Padma telefonierte, die gerade nur wenige hundert Meter vom Laucala-Campus der USP entfernt in Suva ein Haus für die Familie erworben hatte. Es war den beiden nicht einmal vier Jahre vergönnt, dort bis zu Brijs und Padmas Ausweisung aus Fidschi zu leben. Er, der aus einem kleinen Dorf namens Tabia nahe Labasa auf Vanua Levu stammte und unter bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, war bereits in seinem autobiographischen Buch Mr Tulsi’s Store: A Fijian journey (2013) auf seine Kindheit und Jugend eingegangen und hatte auf literarische Weise mit philosophischen Bezügen seine enge Bindung an das Land und seine Bewohner verarbeitet. Während die Mehrzahl seiner wissenschaftlichen Bücher sich der speziellen historischen, girmit genannten, Periode der aus Indien nach Fidschi gekommenen Kontraktarbeiter und deren Schicksalen widmeten – er selbst war der Sohn eines solcherart nach Fidschi gekommenen, girmitiya genannten Inders –, hatten seine jüngsten Bücher immer mehr essayistischen, literarischen Charakter. Gerade diese Werke gaben aber Einblick in Brij Lals Wesen und thematisierten jene Dinge, die ihm persönlich wichtig waren.

            Insofern ist es eine Tragödie, dass es ihm, der Fidschi so sehr liebte, nicht mehr vergönnt war, in seine Heimat zurückzukehren. Ob ihn die fünf Enkelkinder, die ihm seine beiden Kinder Yogi und Niraj schenkten, darüber hinweg trösteten, wissen wir nicht. Was bleibt, sind die von ihm verfassten zahlreichen Bücher, die insbesondere dazu beitragen, das Bild Fidschis und dessen besondere koloniale und postkoloniale Geschichte weltweit transparent zu machen. Es bleiben die zahllosen wissenschaftlichen Artikel, aber auch die journalistischen Beiträge, die er über viele Jahre für die Fiji Times und andere Zeitungen verfasste. Ebenso bleibt sein Einsatz für demokratische Verhältnisse in seinem Heimatland Fidschi gegen alle Widerstände in Erinnerung. Es bleibt die traurige Tatsache des Verlustes einer herausragenden Persönlichkeit und eines wertvollen Menschen.

Hermann Mückler