Pisecky, Helmut: Ein Inselreich

Wien 2019: Seifert Verlag.150 S., Hardcover, Preis: €18.00, ISBN 978-3-902924-98-8.

Genre: Belletristik

Pisecky, Helmut: Operation Feuerberg. 

Wien 2021: Seifert Verlag.150 S., Hardcover, Preis: €19.95, ISBN 978-3-904123-47-1.

Genre: Belletristik

Mit dem Erscheinen des Bandes „Operation Feuerberg“ hat eine skurrile Geschichte, die mit „Ein Inselreich“ ihren Anfang genommen hatte, ihren Abschluss gefunden. Obwohl der erste Band auch für sich allein stehen kann, macht die Fortsetzung neugierig und ermöglicht die abschließende Klärung einiger im ersten Band angesprochener, aber letztlich ungelöster Aspekte. Auf alle Fälle kann man diese beiden Bücher als phantastisch, witzig und sehr österreichisch bezeichnen. Beide Bände – Debütromane des aus Wien stammenden Autors Helmut Pisecky – handeln zwar in der Gegenwart, doch sie beleuchten auf humorvolle Weise Verhaltensweisen, Werte und Praktiken der längst untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie. Diese lässt der Autor als Mikrokosmos auf einer winzigen Insel im östlichen Mikronesien bis in unsere heutige Zeit überdauern. Die Geschichte, das darf vorweg gesagt werden, ist originell! 

Die Handlung beginnt im Wien der Gegenwart, wo im Herbst 2016 ein ungewöhnlicher Brief im Bundeskriminalamt in Wien eintrifft. In dem aus Kiribati, Mikronesien, stammenden Schreiben meldet der dortige Inselhauptmann der Kronkolonie Neu-Österreich einen Mord und ersucht um die Entsendung eines kriminalistischen Ermittlers. Chefinspektor Eberhard Graf wird, obwohl allgemein eher von einem Scherz ausgegangen wird, dennoch in die Südsee entsandt, um die Hintergründe dieses Ansinnens abschließend zu klären. Als er schließlich auf der mikronesischen Insel eintrifft, stellt er fest, dass sich seit mehr als 150 Jahren in der Abgeschiedenheit der Weiten Ozeaniens eine Miniaturversion der Donaumonarchie erhalten hat, die ursprünglich von fünf seinerzeit vor Ort verbliebenen Angehörigen der berühmten österreichischen Novara-Expedition gegründet worden war. Die sich daraus gebildeten fünf Clans, die sich aus der Vermischung der Österreicher mit Einheimischen entwickelt hatten – sie repräsentieren die Nationalitäten des Vielvölker-Inselreichs –, anerkennen Kaiser Franz Joseph I. als ihren in der Ferne residierenden Herrscher, der durch den Inselhauptmann als Repräsentant vor Ort vertreten ist. Chefinspektor Graf gerät in der Folge immer tiefer in die Verstrickungen zwischen den Clans und erkennt, dass er nicht nur einen Mord aufklären soll, sondern durch sein Handeln unter Umständen die Zukunft des ganzen Inselreichs entscheidend mitbestimmt. Die Handlung des ersten Bandes endet damit, dass der Mörder von Graf zwar identifiziert wird, die Zukunft der Kronkolonie aber in einem Schwebezustand verbleibt, als Graf nach Österreich zurückkehrt.

Im zweiten Band gelangt Chefinspektor Graf zwei Jahre später ein weiteres Mal auf die Insel Neu-Österreich, diesmal mit seiner neuen Lebensgefährtin, die ihm Freundin und kritische Ratgeberin zugleich ist. Auf Wunsch eines der Protagonisten der Kolonie soll Graf mithelfen, entscheidende Impulse für eine Änderung des gesellschaftspolitischen Ist-Zustandes vor Ort zu setzen. Scheinbar steht ein Vulkan auf der Insel kurz vor seinem Ausbruch. Doch noch vor seinem Eintreffen in der Kronkolonie erfährt der Chefinspektor, dass die Bedrohung durch den Vulkan lediglich ein Vorwand ist, um einen politischen Neuanfang zu initiieren, die Clans zum Zusammen halten zu bewegen und dem Volk schrittweise beizubringen, dass in Wien kein Kaiser mehr regiert. Die Vortäuschung eines Vulkanausbruchs gerät jedoch außer Kontrolle und die Ereignisse verselbständigen sich so, dass sowohl der Inselhauptmann und dessen initiativer Neffe, als auch Graf und dessen Lebensgefährtin auf die Steuerung der Ereignisse keinen Einfluss mehr nehmen können, was letztlich zur Desillusionierung der Inselbewohner und zur Auflösung der gewohnten Ordnung führt. 

Dem Autor Helmut Pisecky gelingt es, in die Handlung zahlreiche Parallelen zwischen dem Mikrokosmos der Kronkolonie Neu-Österreich und Praktiken der seinerzeitigen österreichisch-ungarischen Monarchie einzubauen. So fußen die fünf Clans auf der Insel auf fünf Personen, die ungarische, kroatische, tschechische, deutsch-österreichische und jüdische Wurzeln haben. Diesen sind jeweils Eigenschaften zuerkannt, die man augenzwinkernd den genannten Volksgruppen innerhalb der Monarchie tatsächlich in stereotyper Weise andichtete. Der österreichische Clan geht auf den Gründer Emil von Bonholtz zurück und aus dieser Linie entstammt der Inselhauptmann; der tschechische Clan der Zabloudils versteht sich auf Technik, die ungarischen Meszarós-Clanmitglieder fokussieren insbesondere auf die Herstellung guten Weins, die kroatischen Marinkovic sind im Boots- bzw. Schiffbau versiert, und ein Jeremias Löwi, dessen Vorname „Doktor“ lautet, ist für die medizinische Versorgung und Rechtsprechung zuständig. Dem Autor gelingt es, auch die Bürokratie und Verhaltensweisen des gegenwärtigen Österreich zu karikieren. Dies wird beispielsweise klar, wenn Doktor Löwi erwähnt, dass er für alle medizinischen Fälle zuständig ist, lediglich zum Zahnarzt gehen die Inselbewohner zu einem Angehörigen des ungarischen Clans. Unschwer erkennt man darin das Pilgern vieler Ostösterreicher zu kostengünstigeren ungarischen Zahnärzten in den vergangenen Jahrzehnten.

Damit sind diese beiden Bücher mehr, als nur kurzweilige und humorvolle Unterhaltung. Beide Bände enthalten zahlreiche gesellschaftskritische Bonmots, die für österreichische Leserinnen und Leser leicht zu entschlüsseln sind. Eine überbordende Bürokratie, verkrustete (Verwaltungs-)Strukturen und die Weigerung von politischen Führungspersönlichkeiten Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, sind nur einige der Aspekte, die sowohl auf die Monarchie, als auch auf die Gegenwart zutreffen. Insofern ist dieses Buch ein Spiegel, der den LeserInnen vorgehalten wird und in dem wir eigene liebgewonnene „Marotten“ ebenso erkennen können, wie nationalistische und populistische Praktiken und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. 

Hermann Mückler