Shinbutsu bunri Trennung von kami und Buddhas

Wechseln zu: Navigation, Suche
Shinbutsu bunri Trennung von kami und Buddhas

Unter shinbutsu bunrishinbutsu bunri 神仏分離 Trennung von kami und Buddhas; religionspolitische Maßnahme zur Entflechtung von buddh. Tempeln und Shintō-Schreinen; vereinzelt in der Edo-Zeit, vor allem aber für die frühe Meiji-Zeit (1868–1873) charakteristisch HachimanNikkoAsakusaShinto MittelalterStaatsshinto... mehr, wtl. die Trennung von kami und Buddhas, versteht man die Entflechtung von „shintōistischen“ und bud­dhis­tischen Lehren, Verehrungs­gegenständen und Institutionen. Diese ko­exis­tierten bis zum Beginn der Moderne typischerweise in „Tempel-Schrein Komplexen“, die fast immer unter bud­dhis­tischer Ober­auf­sicht standen. Die heute übliche Form von Tempeln und Schreinen als autonome religiöse Körper­schaften ist ein Produkt der MeijiMeiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt FamilieGorintoJahrKamidanaMatsuri... mehr-Zeit, als ihre Trennung oder Entflechtung per Gesetz angeordnet wurde. Shintō sollte dadurch als eigene Religion unabhängig vom Buddhismus praktizierbar werden. Der Bud­dhis­mus hingegen wurde von den meisten Meiji-Reformern als Teil der „althergebrachten Übel“ der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit angesehen, die es zu überwinden galt. Dies führte zu einer kurzen, aber heftigen Phase der bud­dhis­tischen Verfolgung.

Tuschelnde Arhats.
Statue, rakan (Stein), Detail. Edo-Zeit, 1782–1825; aus der Serie 500 Arhats; Kita-in, Kawagoe, Saitama-ken
Bild © Yuichi Momma, flickr, 2011. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Bei genauer Betrachtung erkennt man bei beiden arhat-Figuren „Narben“ im Hals- und Brustbereich. Es sind Spuren der anti-buddhistischen Ausschreitungen in den ersten Jahren der Meiji-Zeit (ab 1868), in denen buddhistische Steinstatuen systematisch enthauptet wurden. Später wurden viele dieser Statuen wieder in Stand gesetzt.

. 1 Buddhistische Steinskulpturen

Darüber hinaus hegten viele Reformer den Plan, ShintōShintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kami ToriiNaraNeo-KonfuzianismusBuddhismus Lehre... mehr zu einer Staats­religion nach dem damaligen westlichen Muster von Kirche und Staat umzuformen. Dieses Vor­haben konnte zwar nie vollkommen realisiert werden, doch haben erst die Maß­nahmen der Meiji-Zeit dazu geführt, dass Shintō und Buddhismusbukkyō 仏教 Lehre des Buddha, Buddhismus GrundbegriffeBuddhismusImaginaere TiereJenseits heute allgemein als gegen­sätzliche, von einander getrennte „Religionen“ angesehen werden. In der Vormoderne verehrte man dagegen einfach zwei unter­schiedliche Klassen von Gott­heiten, die einem gemeinsamen System von Werten und Lehren untergeordnet waren.

Dieser Artikel bietet einen kurzen Überblick, wie es zu dieser häufig „ignorierten kulturellen Revolution“ (Grapard 1984) kam.

Shinbutsu bunri in der Edo-Zeit

Mit dem wirtschaft­lichen Auf­schwung in der frühen Edo-Zeit nahm auch die Zahl der religiösen Institutionen zu. Einerseits stärkte das terauketerauke seido 寺請制度 System der Tempel-Bestätigungen DainihonshiStaatsshintoTerauke-System die Position der Tempel, die ja auch adminis­trative Aufgaben, v.a. die regelmäßige behördliche Erfassung aller Ein­wohner, zugeteilt bekamen. Auf der anderen Seite gewannen kleine regionale Schreine als kultische Zentren der relativ autonomen Dorf­gemein­schaften immer mehr an Bedeutung. Die weltlichen Autoritäten bemühten sich allerdings, die Zahl von religiösen Neu­gründungen einzudämmen. Die Gründe dafür lagen in erster Linie in den finanziellen Mitteln, die die Be­völ­kerung den Tempeln und Schreinen spendete, statt sie in Form von Steuern den Landesfürsten zukommen zu lassen. Schon im 17. Jahrhundert erließ das Shōgunat daher eine Reihe von Ver­ord­nungen, die die Errichtung neuer religiöser Stätten untersagten, meist jedoch ohne nachhaltige Wirkung.

Beeinflusst von der konfuzianischen Kritik am Bud­dhis­mus gingen einzelne DaimyōDaimyō 大名 Territorialfürst, Titel des Kriegeradels AmidismusChristentumDainihonshiReichseinigung... mehr einen Schritt weiter und ordneten in ihren Gebieten die syste­matische Zerstörung von bud­dhis­tischen Tempeln an.1 Manche versuchten auch, die administrativen Aufgaben des terauke-Systems an Schreine zu übertragen, um die Zahl der Tempel und Mönche zu reduzieren. Tokugawa MitsukuniTokugawa Mitsukuni 徳川光圀 1628–1701; Daimyō von Mito-han, konfuzianischer Gelehrter und Historiker BakumatsuNeo-KonfuzianismusDainihonshi führte etwa in MitoMito 水戸 Fürstentum bzw. Stadt im Nordosten der Kantō-Ebene, heute Teil von Ibaraki-ken. BakumatsuDainihonshi (östliche Kantō Ebene) bereits im 17. Jahrhundert das Prinzip „ein Dorf, ein Schrein“ ein, während er die Zahl der Tempel drastisch reduzierte. Es gab also schon in der frühen Edo-Zeit vereinzelte religions­politische Maßnahmen, die die „Trennung von kami und Buddhas“ und den damit ein­her­gehenden Anti-Bud­dhis­mus der Meiji-Zeit vorweg­nahmen.

In der Praxis bewährten sich jedoch Tempel besser für administrative Zwecke, da nur wenige Schreine über eine eigene Priester­schaft (shinshokushinshoku 神職 kami-Priester Schreinpriester) verfügten. Erbliche Priester­dynastien waren zwar in großen Schreinen fix verankert, doch die meisten Dorf-Schreine kamen ohne eigene religiöse Spezialisten aus.2 Zumeist verrichteten örtliche bud­dhis­tische Mönche oder yamabushiyamabushi 山伏 Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft; Praktikant des Shugendō MatsuriFeuergangMoencheMoenchstrachtPilgerschaft... mehr den Dienst für die kami oder Vertreter der Dorf­gemein­schaft wechselten einander in religiösen Aufgaben ab. Die honji suijakuhonji suijaku 本地垂迹 wtl. Grundform und herabgelassene Spur; Theorie der Angleichung von kami und Buddhas NikkoJindo und ShintoRegenmachenHeian ZeitShinto Mittelalter... mehr-Konzeption, nach der kami eine Art „Manifestation“ bestimmter Buddhas darstellten, ließ derartige synkre­tistische Praktiken als vollkommen natürlich erscheinen.

Ende der Edo-Zeit änderte sich diese Eins­tellung jedoch. Die zunehmende Un­zu­frieden­heit mit der TokugawaTokugawa 徳川 Kriegerdynastie, die während der Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603–1867) das Amt des Militärmachthabers (Shōgun) inne hatte. Bakumatsu-Herrschaft schloss zumeist auch eine Kritik am Bud­dhis­mus mit ein. Nationa­listische bzw. nativistische Ideo­logien begannen, Shintō und Buddhismus gegen einander aus­zu­spielen. Während auf politischer Ebene das Kaiser­haus als positive Alternative zum Shōgunat aufgebaut wurde, sollte auf rituell-spiritueller Ebene der Shintō den Bud­dhis­mus ersetzen. Besonders die Schule des kokugakukokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtete OkuninushiBakumatsuKokugakuShinto MittelalterStaatsshinto... mehr-Gelehrten Hirata AtsutaneHirata Atsutane 平田篤胤 1776–1843; Kokugaku-Gelehrter BakumatsuKokugakuShinto MittelalterJenseits lancierte die Idee einer „Restauration des alten Shintō“ (fukko shintōfukko shintō 復古神道 „Restauration des antiken Shintō“; Restaurations-Shintō Bakumatsu).

In einzelnen Daimyaten kam es daher in der Bakumatsubakumatsu 幕末 Ende des Tokugawa-Shōgunats, 1853–1867 BakumatsuNeue ReligionenTerauke-Zeit (19. Jh.) zur Wieder­aufnahme der shinbutsu bunri Politik der frühen Edo-Zeit. Interessanter­weise deckte sich diese Entwicklung mit dem Auf­kommen der sonnō jōisonnō jōi 尊王攘夷 „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“; anti-westlicher Slogan des 19. Jh.s (Zitat aus den Frühling- und Herbstannalen des Konfuzius) BakumatsuStaatsshintoKyoiku chokugo-Ideologie. Xenophobie, Tennō-Loyalismus und Anti-Buddhismus bildeten also eine ideo­logische Einheit. Auf all diesen Gebieten stellte Mito auch im 19. Jahrhundert einen Brenn­punkt dar. Hier nahm Tokugawa NariakiTokugawa Nariaki 徳川斉昭 1800–1860; Daimyō von Mito; Staatsmann; Vertreter der sonnō jōi-Ideologie Bakumatsu die „Ein Schrein, ein Dorf“ Politik seines Vorfahren wieder auf. Doch auch in SatsumaSatsuma 薩摩 alte Provinz im Süden der Insel Kyūshū, in der Edo-Zeit Fürstentum (Daimyat), das sich weitgehend mit der heutigen Präfektur Kagoshima deckte. Bakumatsu (Kyūshū) trennte man Schreine und Tempel, um in der Folge die Zahl der bud­dhis­tischen Tempel zu reduzieren. Schließlich gab es 1867 in TsuwanoTsuwano 津和野 Fürstentum bzw. Stadt im Westen der Hauptinsel Honshū, heute Teil von Shimane-ken. eine radikale Trennung von Tempeln und Schreinen nach dem Muster der Mito Region. Tsuwano lag neben dem mächtigen ChōshūChōshū 長州 auch Nagato; alte Provinz im Westen von Japans Hauptinsel Honshū, heute Teil von Yamaguchi-ken. YasukuniBakumatsu, einem Big Player der Restau­rations­bewe­gung, und teilte dessen gegen das Shōgunat gerichtete Politik. Dies mag der Grund dafür sein, dass der Daimyō von Tsuwano, Kamei KoremiKamei Koremi 亀井茲監 1825–1885; Daimyō von Tsuwano; nach 1868 führende Ämter in der Administration von Shintō Schreinen , und sein Vasall Fukuba BiseiFukuba Bisei 福羽美静 1831–1907; Gelehrter und Vasall des Daimyō von Tsuwano; nach 1868 führende Ämter in der Administration von Shintō Schreinen; Universitätsgründer zu Beginn der Meiji-Zeit dazu auserkoren wurden, die Trennung von Tempeln und Schreinen auch auf nationaler Ebene durchzusetzen.

Shinbutsu bunri in der Meiji-Zeit

Formell erhielten Kamei und Fukuba die führenden Posten in einer Institution, die zunächst in An­lehnung an antike Vorbilder als „Götteramt“, Jingi-kanJingi-kan 神祇官 Götteramt, wtl. Amt für Götter des Himmels und der Erde Kami KulteShinto MittelalterStaatsshintoYuiitsu shinto myobo yoshu, bezeichnet wurde. Das Götter­amt war für kurze Zeit sogar das höchste Regierungs­organ im jungen Meiji-Staat und begann im April 1868, unmittelbar nach der Unter­zeichnung des 5-Artikel-EidsGokajō no go-seimon 五箇条の御誓文 „5-Artikel-Eid“; erste Grundsatzerklärung der Meiji-Regierung; 6. April 1868 , seine Arbeit. Es verlautbarte zwischen April und Oktober 1868 eine Reihe von Verordnungen, die unter der Bezeichnung shinbutsu bunri no reishinbutsu bunri no rei 神仏分離の令 Eine Verfügung aus dem Jahr 1868 zur Trennung von Shintō und Buddhismus zusammen­gefasst werden und eine ähnliche Trennung von buddhistischen und shintōistischen Institutionen anordneten wie zuvor in Mito, Satsuma und Tsuwano. Im besonderen richteten sich die Verordnungen gegen bud­dhis­tische Titel für kami (etwa GongenGongen 権現 buddh. Titel für kami; wtl. „vorläufige Erscheinung“ NikkoHonji suijaku oder BodhisattvaBodhisattva बोधिसत्त्व „Erleuchtetes Wesen“, jap. bosatsu 菩薩 ShichigosanPhalluskulteMoencheBekannte SchreineKasuga... mehr), buddhistische Statuen als Schrein­heilig­tümer (shintaishintai 神体 heiliges Objekt eines Shintō-Schreins; wtl. „Gottkörper“ MatsuriBekannte SchreineIse IzumoSchreinanlage IseSchreine... mehr) und buddhistische Gebäude wie Pagoden auf Schrein­areal. Inbesondere die metallenen Tempel­glocken sollten eingeschmolzen und für militärische Zwecke nutzbar gemacht werden. Auch sahen sie die Laisierung von Mönchen vor, die in Schreinen Dienst taten.

Einschmelzen von Tempelglocken.
Buchillustration (Farbe) von Tanaka Nagane (1849–1922); aus Meiji junkyō-shi 明治辛未殉教絵史 (Illustrierte Geschichte der Märtyrer von 1871), 1907
Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Illustration von anti-buddhistischen Maßnahmen in Nishio-shi (Präfektur Aichi), 1871.

. 2 Zerstörung buddhistischer Tempelglocken zu Beginn der Meiji-Zeit

Die shinbutsu bunri Verordnungen lösten landesweit eine Welle von anti-buddhistischen Ausschreitungen (haibutsu kishakuhaibutsu kishaku 廃仏毀釈 wtl. Abschaffung von Buddha, Zerstörung von Shaka; Bezeichnung für anti-buddhistische Ausschreitungen der frühen Meiji-Zeit ) aus, die in dieser Heftigkeit möglicher­weise nicht erwartet worden waren. Nicht nur Gebäude und Tempel­schätze wurden zerstört, auch die Mönche selbst mussten teilweise um ihr Leben fürchten. Offenbar fanden die lange aufgestauten Ressentiments gegen die Herrschaft der Tokugawa, die den Bud­dhis­mus erfolgreich in ihre Dienste genommen hatten, ein Ventil in den Aus­schreitungen gegen buddhistische Tempel. Die neue Regierung erließ daher bald auch Verordnungen, die zur Mäßigung aufriefen, doch insgesamt war ein erstes Ziel bald erreicht, nämlich die Anzahl an religiösen Institutionen im Interesse einer effizienteren Nutzung nationaler Ressourcen zu reduzieren.

Der nächste Schritt, die Etablierung des Shintō als Staatsreligion, erwies sich als wesentlich schwieriger. Man erfand für diesen Zweck die Kampagne des Großen Lernens (taikyō senpu undōtaikyō senpu undō 大教宣布運動 Kampagne des Großen Lernens oder auch Große Indoktrinierungs-Kampagne, 1870–1884; staatl. Initiative der frühen Meiji-Zeit zur Verbreitung der Ideale des Tennō-Loyalismus StaatsshintoKyoiku chokugo), die allerdings rasch ihre Ziele änderte, bald auch Bud­dhisten in ihre Reihen aufnahm und nach wenigen Jahren von den politischen Macht­habern wieder fallen gelassen wurde. Das Ideal einer shintōistischen Staatsreligion lebte jedoch in nationalistischen Kreisen weiter fort und begann sich im zwanzigsten Jahrhundert erneut zu entfalten.

Neue Schrein-Identitäten

Obwohl die Religions­politk der Meiji-Zeit sehr bald einen pragmatischen Kurs einschlug, der die Wieder­belebung alter Traditionen hinter das Ziel der technischen Modernisierung zurückstellte, wurde die Trennung von kamikami Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō AlltagAhnenkultGluecksbringerKamidanaMatsuri... mehr und Buddhas nicht widerrufen und veränderte die religiöse Landschaft Japans weiter. Es musste sich nämlich jede religiöse Anlage entscheiden, ob sie nun ein Tempel war oder ein Schrein. War der Haupt­vereh­rungs­gegen­stand ein Buddha, so rechnete man die Anlage üblicherweise dem Bud­dhis­mus zu, was bedeutete, dass alle Schreine aus dem Areal entfernen werden mussten. Wurde jedoch in erster Linie eine kami-Gottheit oder eine lokale Heldenfigur verehrt, so galt die Anlage als Schrein und musste alle bud­dhis­tischen Gebäude und Para­phernalia auf dem Schrein­gelände beseitigen.

Auch Schreine stellte diese Regel vor große Probleme, da sie ja, wie erwähnt, zum Großteil von bud­dhis­tischen Mönchen betreut worden waren. Hier kam es in der Praxis zu den unglaublichsten Anpassungen und Tricks. Viele buddhistische Mönche wechselten einfach die Kon­fession, praktizierten aber die lokalen, nunmehr „shintōistischen“ Riten unverändert weiter fort. Erst nach und nach entstand eine Art Standard-Ritualismus für Shintō-Schreine nach dem Muster von IseIse Jingū 伊勢神宮 kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Mie Ise IzumoSchreinanlage IseTaubenKami KulteNara... mehr, der viele regional­spezifische Schrein­riten zurück drängte. Die Durchsetzung dieser Standardisierung scheint allerdings starken regionalen und periodischen Schwankungen unterlegen zu sein.3 Nach dem zweiten Weltkrieg kam es oft zu einem Revival lokaler Besonderheiten.

Beispiel Mitsumine Schrein

Mitsumine Jinja.
Schreinzugang, torii; Mitsumine Schrein, Saitama-ken
Bild © Bernhard Scheid, 2007.

Torii und Steinlaternen am Aufgang zum Mitsumine Schrein (jinja) in den Bergen westlich von Tōkyō. Der Schrein war bis zur Meiji-Zeit ein buddhistischer Tempel.

. 3 Mitsumine

Hirose Kazutoshi, Oberpriester des Mitsumine Schreins westlich von Tōkyō, veröffentlichte 1996 einen Bericht über seinen Schrein und dessen wechselvolle Geschichte. Mitsumine war in der Edo-Zeit ein bekanntes Zentrum des ShugendōShugendō 修験道 gemischt-rel. Bergkult, Orden der yamabushi YamabushiNikkoHeiligeTengu und daher eher ein buddhistischer „Tempel“ als ein „Schrein“. Hiroses Familie kam ursprünglich aus Kyōto und wurde Ende der Edo-Zeit als yakusō (wtl. „Amtsmönche“) in Mitsumine angestellt. Hiroses Vorfahren waren also, obwohl verheiratet, bud­dhis­tische Kleriker, während der gesamte Komplex unter der Führung eines zölibatären „Klosterherren“ (sanshu) stand. Nach dem Umsturz von 1868 wurde Mitsumine jedoch zum „Schrein“. Der Kloster­herr wurde entlassen, doch die Vorfahren Hiroses wurden zu Shintō-Priestern und hielten nun alternierend mit einer weiteren ehemals bud­dhis­tischen Familie das Amt des Ober­priesters (gūjigūji 宮司 kami-Priester Schreinpriester) inne. Hirose selbst setzte diese Tradition fort. Sein Bericht erweckt nicht den Eindruck, dass dieser Etiketten­wechsel viel an der Form und an der Ernsthaftigkeit änderte, mit der die Familie ihre Rituale durchführte. Offenbar wurde der erzwungene Wechsel vom Bud­dhis­mus zum Shintō als weniger belastend empfunden als die Übersiedlung von Kyōto in die gebirgige und rustikale Umgebung von Mitsumine.4

Säkularisierung und Pragmatismus

Auf längere Sicht gesehen herrschte in der Meiji-Zeit ein pragmatischer Geist, der allen Religionen gegenüber grundsätzlich skeptisch eingestellt war und ihren Einfluss zugunsten der Modernisierung der Gesellschaft zurück­zu­drängen suchte. Während England und Frankreich eine ähnliche Säkularisierung der Gesellschaft schon früher vollzogen hatten, zeigen sich starke Parallelen zwischen Japan und Deutschland zu dieser Zeit.5 Die scheinbare Bevorzugung des Shintō diente also zunächst lediglich als ein Mittel der Entmachtung des Bud­dhis­mus, wirkte sich aber nur auf wenige Schreine positiv aus. Die schleichende Säkularisierung ist auch am Schicksal des Götteramtes Jingi-kanJingi-kan 神祇官 Götteramt, wtl. Amt für Götter des Himmels und der Erde Kami KulteShinto MittelalterStaatsshintoYuiitsu shinto myobo yoshu abzulesen, das sukzessive herabgestuft und schließlich ganz abgeschafft wurde.

Mit dieser raschen Abkehr von einer echten Förderung des Shintō in der frühen Religions­politik der Meiji-Zeit scheint auch eine systematische Ausschaltung der „Traditionalisten“ in den Reihen der führenden Politiker einher gegangen zu sein. Dies betraf vor allem kokugaku-Ideologen wie etwa Kamei und Fukuba. Diese wechselten von der Politik zu Wissenschaft und Pädagogik und engagierten sich im Aufbau des neuen Bildungs­systems. Ihr traditionalistischer Nationalismus verlagerte sich also in die Schulen (s. Kaiserlicher Ehrziehungserlass) und wurde auf diese Weise an neue Generationen weitergegeben, die auf Gelegenheiten warteten, um ihn neuerlich in die Tat umzusetzen.

Verweise

Fußnoten

  1. Scheid 2003.
  2. In der Provinz Musashi (heute Saitama-ken und Tōkyō) wurden beispiels­weise im 18. Jahrhundert nur vier Prozent der Schreine von professionellen Shintō-Priestern betreut (Maeda 2001, S. 335–36).
  3. Endō 2013.
  4. Hirose 1996.
  5. Die katholischen Länder Italien und Österreich waren in dieser Hinsicht Nachzügler.

Bilderläuterungen

  1. Arhats kawagoe1.jpg
    Tuschelnde Arhats.
    Statue, rakan (Stein), Detail. Edo-Zeit, 1782–1825; aus der Serie 500 Arhats; Kita-in, Kawagoe, Saitama-ken
    Bild © Yuichi Momma, flickr, 2011. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Bei genauer Betrachtung erkennt man bei beiden arhat-Figuren „Narben“ im Hals- und Brustbereich. Es sind Spuren der anti-buddhistischen Ausschreitungen in den ersten Jahren der Meiji-Zeit (ab 1868), in denen buddhistische Steinstatuen systematisch enthauptet wurden. Später wurden viele dieser Statuen wieder in Stand gesetzt.

  2. Haibutsu Kishaku.jpg
    Einschmelzen von Tempelglocken.
    Buchillustration (Farbe) von Tanaka Nagane (1849–1922); aus Meiji junkyō-shi 明治辛未殉教絵史 (Illustrierte Geschichte der Märtyrer von 1871), 1907
    Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Illustration von anti-buddhistischen Maßnahmen in Nishio-shi (Präfektur Aichi), 1871.

  3. Mitsumine.jpg
    Mitsumine Jinja.
    Schreinzugang, torii; Mitsumine Schrein, Saitama-ken
    Bild © Bernhard Scheid, 2007.

    Torii und Steinlaternen am Aufgang zum Mitsumine Schrein (jinja) in den Bergen westlich von Tōkyō. Der Schrein war bis zur Meiji-Zeit ein buddhistischer Tempel.

Literatur

Endō Jun 2013
„Shinto Research and Administration in the First Half of the Twentieth Century: The Case of Miyaji Naokazu.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Kami Ways in Nationalist Territory: Shinto Studies in Prewar Japan and the West. Wien: VÖAW 2013, S. 155–78.
Allan Grapard 1984
„Japan's Ignored Cultural Revolution: The Separation of Shinto and Buddhist Divinities in Meiji (Shimbutsu Bunri) and a Case Study: Tōnomine.“ History of Religions 23:3 (1984), S. 240–65.
Hirose Kazutoshi 1997
Beruf: Shintō-Priester. (OAG Tschenbuch 68.) Tokyo: OAG 1997. [Übersetzung Ernst Lokowandt.]
James Edward Ketelaar 1990
Of Heretics and Martyrs in Meiji Japan: Buddhism and Its Persecution. Princeton: Princeton University Press 1990.
Maeda Hiromi 2001
„Court Ranks for Village Shrines: The Yoshida House's Interactions with Local Shrines during the Mid-Tokugawa Period.“ Japanese Journal of Religious Studies 29:3–4 (2001), S. 325–58. [Special issue on Tracing Shinto in the History of Kami Worship, guest editors Mark Teewen/ Bernhard Scheid.]
Bernhard Scheid 2003
„‘Both Parts’ or ‘Only One’? Challenges to the honji suijaku Paradigm in the Edo Period.“ In: Mark Teeuwen, Fabio Rambelli (Hg.), Buddhas and Kami in Japan: Honji Suijaku as a Combinatory Paradigm. Richmond, Surrey: Curzon 2003, S. 204–21.
Geschichte/Staatsshinto (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie 
Diese Seite zitieren
Shinbutsu bunri Trennung von kami und Buddhas.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.9.2018). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu_bunri?oldid=71006